{"id":1125,"date":"2010-03-22T16:04:28","date_gmt":"2010-03-22T13:04:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1125"},"modified":"2010-04-23T03:04:58","modified_gmt":"2010-04-23T00:04:58","slug":"essenda-stata","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/03\/22\/essenda-stata\/","title":{"rendered":"Essenda Stata"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2769\/4428340456_20716bbc50_m.jpg\" alt=\"Standa in K\u00f6ln\" \/><\/p>\n<p>In Italien verschwindet gerade <a href=\"http:\/\/www.02blog.it\/post\/6423\/da-standa-a-billa-un-marchio-storico-da-laddio-a-milano\">die Supermarkt-Kette <em>Standa<\/em><\/a>, was bei einigen italienischen Bekannten f\u00fcr ein bisschen nostalgisches Jammern sorgt und die eine oder andere dezent vergr\u00e4tzte Stichelei in Richtung Deutschland. Verantwortlich f\u00fcr das Verschwinden ist n\u00e4mlich die Rewe-Gruppe, die <em>Standa<\/em> vor einigen Jahren \u00fcbernommen hat, die Ladengesch\u00e4fte nun aber Zug um Zug in M\u00e4rkte der Marke <em>Billa<\/em> umwidmet.<!--more--><\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich nicht die erste Invasion ausl\u00e4ndischer Marken in Italien: Penny, Aldi und Lidl sind l\u00e4ngst schon da; <em>Billa<\/em> kennt man bei uns nicht so, aber in \u00d6sterreich gibt&#8217;s die L\u00e4den an jeder Ecke. Der Name steht, wie man sich denken kann, f\u00fcr &#8222;Billiger Laden&#8220; (bei uns gab&#8217;s doch mal eine Kette namens <em>Bilka<\/em> &#8211; &#8222;Billiges Kaufhaus&#8220;?), und der Slogan des Unternehmens gibt sich landestypisch: &#8222;Billa sagt der Hausverstand&#8220;. Was Hausverstand auf italienisch hei\u00dft, wei\u00df ich nicht, mir f\u00e4llt dabei auch eher ein St\u00fcck von <a href=\"http:\/\/www.attwenger.at\/\">Attwenger<\/a> ein, wo es von den <em>Klakariadn<\/em> hei\u00dft: &#8222;Und wenn\u2019s dann a Problem ham und sie kommen durchanand\/Dann kommens mit dem \u00e4rgsten und das is der Hausverstand&#8220;.<\/p>\n<p>Rund um <em>Standa<\/em> k\u00f6nnte man aber ein paar interessante Kapitel italienischer Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte schreiben, denn die Marke ist irgendwie immer im Orbit der Kr\u00e4fte gewesen, die in Italien das Sagen haben. Gegr\u00fcndet wurde <em>Standa<\/em> 1931 von den Gebr\u00fcdern Astesani und Franco Monzino, zun\u00e4chst als Kette von Bekleidungsh\u00e4usern mit dem Namen <em>Magazzini Standard<\/em>. (Monzino war ein ehemaliger Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kaufhauskette <a href=\"http:\/\/www.upim.it\/\">UPIM<\/a>, auch das eine Marke, die im italienischen Stra\u00dfenbild mal allgegenw\u00e4rtig war, aber langsam zu verschwinden scheint.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4032\/4427577935_59074e4eb6.jpg\" alt=\"Standa K\u00f6ln\" \/><\/p>\n<p>Der Name wurde 1938 in <em>Standa<\/em> abge\u00e4ndert, angeblich auf Veranlassung von Mussolini selbst, weil ihm &#8222;Standard&#8220; als unitalienischer Anglizismus aufgesto\u00dfen sein soll. Der k\u00fcrzere Name war nach offizieller Lesart ein Akronym aus der etwas umst\u00e4ndlichen Selbstbeschreibung <em>Societ\u00e0 Tutti Articoli Nazionali Dell&#8217;Abbigliamento<\/em>, deutsch etwa: &#8222;Handelsgesellschaft f\u00fcr alle nationalen Bekleidungsartikel&#8220;, womit das Einkaufen bei <em>Standa<\/em> sozusagen zu einem patriotischen Akt erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<p>Ende der F\u00fcnfziger wurde das Angebot um Lebensmittel erweitert und <em>Standa<\/em> zur Warenhauskette. In den Sechzigern wechselte die Kette erstmals den Besitzer und kam unter das Dach des Mischkonzerns Montedison. Das war ein bizarrer Industrie-Behemoth, ein komplexes Geflecht aus unterschiedlichsten Wirtschaftsinteressen, vom Bergbau \u00fcber Chemie bis zur Energieversorgung. Pr\u00e4sident dieses Konglomerats war in den Siebzigern Eugenio Cefis, eine der m\u00e4chtigsten und umstrittensten Manager-Pers\u00f6nlichkeiten Italiens. Pasolini hat aus ihm in seinem letzten Roman <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/0436203995?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=0436203995\">Petrolio<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0436203995\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> einen der gro\u00dfen Dunkelm\u00e4nner dieser Jahre gemacht (und in den Spekulationen \u00fcber Pasolinis Ermordung spielen auch die Recherchen f\u00fcr diesen Roman eine Rolle).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4048\/4427580203_dbe4d30965.jpg\" alt=\"Standa K\u00f6ln\" \/><\/p>\n<p>Im Firmen-Mix von Montedison war <em>Standa<\/em> freilich nur unter ferner liefen abgeheftet. 1988 ging die Kette an den Strahlemann der italienischen Politik: Berlusconis <em>Fininvest<\/em> \u00fcbernahm <em>Standa<\/em> und versuchte, sie mit gro\u00dfem Werbegetrommel auf allen (seinen) Kan\u00e4len zur Hausmarke der Italiener zu machen. (Ganz w\u00f6rtlich \u00fcbrigens: &#8222;La casa degli italiani&#8220; lautete der Claim in dieser Zeit, womit wir ein weiteres Mal die bemerkenswerte Verquickung von Konsum und Patriotismus h\u00e4tten.) Berlusconis Marketing-Feldzug lief nicht ohne Widerst\u00e4nde ab: Einige neu er\u00f6ffnete Fillialen wurden auch schon mal von rivalisierenden Mafia-Gruppierungen in die Luft gesprengt. Aber sp\u00e4testens jetzt war <em>Standa<\/em> \u00fcberall ein Begriff, auch im S\u00fcden, wo die Marke bis dahin kaum vertreten war.<\/p>\n<p>Mitte der Neunziger verkaufte Berlusconi <em>Standa<\/em> aber schon wieder, angeblich aus politischen Gr\u00fcnden (linksliberale Cliquen sollen ihm in den St\u00e4dten, wo sie an der Macht waren, die Er\u00f6ffnung weiterer Fillialen erschwert haben), vermutlich aber eher deshalb, weil Fininvest dringend Geld brauchte. <em>Standa<\/em> wird aufgespalten: Den Non-Food-Teil \u00fcbernahm die Coin-Gruppe (der u.a. die Marke <em>Oviesse<\/em> geh\u00f6rt), die Lebensmittel-M\u00e4rkte gingen 2001 im S\u00fcden Italiens an die <em>Cedi<\/em>-Gruppe (und wurden meist der <em>Conad<\/em>-Kette einverleibt) und im Norden also an <em>Rewe<\/em>, das <em>Standa<\/em> nun aber ebenfalls aus dem Verkehr zieht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4068\/4543618377_7686c46d77.jpg\" alt=\"Standa K\u00f6ln\" \/><\/p>\n<p>Essenda stata: Damit schlie\u00dft sich also ein Kapitel italienischer Konsumgeschichte, dessen diverse Ver\u00e4stelungen in die wirtschaftliche und politische Sph\u00e4re Stoff f\u00fcr mehr als einen Blog-Eintrag abgeben w\u00fcrden. Aber eine Kuriosit\u00e4t muss doch noch erw\u00e4hnt werden: Denn ein <em>Standa<\/em>-Markt ist von den Umfirmierungen bisher geschont geblieben. Und der befindet sich ausgerechnet in K\u00f6ln, der selbsternannten n\u00f6rdlichsten Stadt Italiens, wo die <em>Rewe<\/em>-Gruppe ihren Sitz hat.<\/p>\n<p>Er\u00f6ffnet wurde der Markt, quasi als Troph\u00e4e der Ost- und S\u00fcdeuropa-Feldz\u00fcge von <em>Rewe,<\/em> vor einigen Jahren im <em>DuMont-Carr\u00e9<\/em>, einer dieser gr\u00e4sslichen, nichtssagenden Shopping-Malls (f\u00fcr deren Bau seinerzeit das legend\u00e4re DuMont-Pressehaus geopfert wurde). Der K\u00f6lner <em>Standa<\/em> tut allerdings italienischer als er ist: Das Angebot entspricht im Gro\u00dfen und Ganzen jedem mittelgro\u00dfen Rewe-Markt, mit einer etwas erweiterten Auswahl an italienischen Handelsmarken. F\u00fcr die K\u00f6lner Innenstadt-Klientel mag das freilich Italien genug sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4046\/4427579031_c9e8d00ab8.jpg\" alt=\"Standa K\u00f6ln\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Italien verschwindet gerade die Supermarkt-Kette Standa, was bei einigen italienischen Bekannten f\u00fcr ein bisschen nostalgisches Jammern sorgt und die eine oder andere dezent vergr\u00e4tzte Stichelei in Richtung Deutschland. 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