{"id":117,"date":"2005-07-14T19:38:48","date_gmt":"2005-07-14T17:38:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=117"},"modified":"2005-07-14T19:48:27","modified_gmt":"2005-07-14T17:48:27","slug":"zauber-der-erhoheten-sinnlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/07\/14\/zauber-der-erhoheten-sinnlichkeit\/","title":{"rendered":"&#8222;Zauber der erh\u00f6heten Sinnlichkeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Aus Anla\u00df der Diskussion um den <a href=\"\/nb\/?p=116\">Status des K\u00f6lner Doms<\/a> hab ich ein wenig in Georg Forsters <em>Ansichten vom Niederrhein<\/em> von 1790 herumgebl\u00e4ttert. Und da gibt&#8217;s &#8211; neben einem wenig schmeichelhaften Vergleich K\u00f6lns mit D\u00fcsseldorf &#8211; eine bemerkenswerte Gegensetzung von Italien und Deutschland.<!--more--><\/p>\n<p>Um die zu verstehen, mu\u00df man aber etwas ausholen. Forster, Goethe-Freund, Weltumsegler mit Cook und jakobinischer Revolution\u00e4r in Mainz, ist zwar voller Bewunderung f\u00fcr den Dom, &#8222;diesen herrlichen Tempel&#8220;, aber f\u00fcr das &#8222;finstre, traurige K\u00f6lln&#8220; findet er keine guten Worte: &#8222;Wie wenig stimmt das Innere dieser weitl\u00e4uftigen, aber halb entv\u00f6lkerten Stadt mit dem vielversprechenden Anblick von der Flu\u00dfseite \u00fcberein!&#8220;<\/p>\n<p>Zu viel Schmutz, zu viele zerlumpte Gestalten \u00fcberall, ganz anders als in D\u00fcsseldorf, wo die Altstadt damals grade eine frisch herausgeputzte Neustadt war. Und wer die Schuld am elenden K\u00f6lner Stadtbild tr\u00e4gt, ist f\u00fcr ihn auch klar: Die &#8222;Kleriserei&#8220; und der von ihr ausgehaltene abergl\u00e4ubische P\u00f6bel, vor allem die &#8222;zahlreiche Bande von sitten- und gewissenlosen Bettlern, die auf Kosten der arbeitenden Klasse leben&#8220;.<\/p>\n<p>Denn die &#8222;Bettlerrotten&#8220;, da hat er keinen Zweifel, sind die &#8222;Miliz&#8220; der &#8222;Geistlichen aller Orden, die hier auf allen Wegen wimmeln&#8220;: &#8222;Allein da sie tr\u00e4ge, unwissend und abergl\u00e4ubisch ist, wird sie ein Werkzeug in der Hand ihrer theils kurzsichtigen, sinnlichen, theils r\u00e4nkevollen, herrschbegierigen F\u00fchrer.&#8220; Und er f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<blockquote><p>Das sicherste Zeichen eines zerr\u00fctteten, schlecht eingerichteten, kranken Staats hat man immer daran, wenn er eine gro\u00dfe Menge M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger n\u00e4hrt. Der Flei\u00dfige, der die Fr\u00fcchte seines Schwei\u00dfes mit diesen Raubbienen theilen mu\u00df, kann sich endlich des Gedankens nicht erwehren, da\u00df man die unbilligste Forderung an ihn thut, indem man seiner Redlichkeit die Strafe auferlegt, die eigentlich strafw\u00fcrdigen Faulenzer zu f\u00fcttern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das k\u00f6nnte so fast auch im Parteiprogramm der FDP stehen, aber Forster geht es noch um ein anderes Argument: Nichtstun ist deshalb eine S\u00fcnde, weil es den Ehrgeiz des Menschen l\u00e4hmt, seine Position zu verbessern. Und ein Mensch ohne eigenen Ehrgeiz ist potenziell ein williges Werkzeug in den H\u00e4nden von Despoten. Darum ist der &#8222;Arbeitsame unstreitig sittlicher, gesunder und gl\u00fccklicher als der M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger; er ist ein Mensch, wo dieser nur ein Thier, und zwar mit menschlichen Anlagen ein desto gef\u00e4hrlicheres Thier&#8220;.<\/p>\n<p>Ein besonders geschmackloses Sinnbild daf\u00fcr findet er in den Knochen der Goldenen Kammer von Sankt Ursula: <\/p>\n<blockquote><p>Allein, da\u00df man die Stirne hat, dieses zusammengeraffte Gemisch von Menschen- und Pferdeknochen, welche vermuthlich einmal ein Schlachtfeld deckte, f\u00fcr ein Heiligthum auszugeben, und da\u00df die K\u00f6llner sich auf diese Heiligkeit tothschlagen lassen, oder, was noch schlimmer ist, den k\u00fchnen Zweifler selbst leicht ohne Umst\u00e4nde todtschlagen k\u00f6nnten: das zeugt von der dicken Finsterni\u00df, welche hier in Religionssachen herrscht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tiefe Religi\u00f6sit\u00e4t gibt es aber auch in anderen L\u00e4ndern, und dort hat sie Forster offenbar nicht so abgeschreckt. Der Vergleich mit Italien bringt ihn jedenfalls zur Frage, &#8222;welche Ursachen in verschiedenen L\u00e4ndern dieselbe Religion so umbilden, da\u00df sie in ihren Wirkungen auf den Charakter der Einwohner sich nicht mehr gleich bleibt&#8220;. Und dann versucht er, die Frage selbst zu beantworten:<\/p>\n<blockquote><p>Warum herrscht zum Beispiel in K\u00f6lln ein schwarzgallichter Fanaticismus in der Andacht, in Rom hingegen Leichtsinn und heitere Freude? Sind es die niederl\u00e4ndischen Nebel und die lauen, gestirnten N\u00e4chte Italiens, welche diesen Unterschied bemerkbar machen? oder steckt es schon von undenklichen Zeiten her im italienischen und im deutschen Blute, da\u00df jenes den Zauber der erh\u00f6heten Sinnlichkeit \u00fcber alle Gegenst\u00e4nde verbreitet, dieses aber selbst eine Religion, welche so lebhaft auf die Sinne wirkt, finster und menschenfeindlich machen kann? Ich gestehe, da\u00df ich viel auf die Einwirkung eines milden Himmelstriches halte; und so auffallend der Unterschied zwischen dem niedrigen Bettler in K\u00f6ln und dem edleren Lazarone in Neapel ist, rechne ich ihn doch gr\u00f6\u00dftentheils auf die klimatische Verschiedenheit ihres Aufenthalts. In Italien entwickelt schon allein das Klima den gesunden Menschenverstand; wer dort faullenzt, der ist, nach Mrs. Piozzi&#8217;s Bemerkung, nur nicht hungrig. Sobald ihn hungert, greift er zur Arbeit, weil sein Verstand ihn dieses Mittel als untr\u00fcglich einsehen l\u00e4\u00dft. Hingegen versuch&#8216; es jemand, dem P\u00f6bel in K\u00f6lln von Arbeit zu sprechen!<\/p><\/blockquote>\n<p>Da malt Forster kr\u00e4ftig mit am idealisierten Italienbild seiner Zeit: In Seumes wenig sp\u00e4ter geschriebenem <em>Spaziergang nach Syrakus<\/em> gibt es durchaus ein paar blutige Beispiele daf\u00fcr, wie sich auch in Neapel etwa ein williger Mob fanatisieren lie\u00df. Aber das Ideal steht ja f\u00fcr eine Sehnsucht, n\u00e4mlich &#8222;Leichtsinn und heitere Freude&#8220;auch in einer produktivit\u00e4tsfixierten Welt finden zu k\u00f6nnen. Welche m\u00fc\u00dfigere T\u00e4tigkeit k\u00f6nnte es geben, als tagelang den Rhein entlang zu reisen, ohne Auftrag oder produktives Ziel? Forster hatte aber ein Ziel, n\u00e4mlich den Ausbruch aus dem Frust seiner langweiligen literarischen Brotarbeit, der &#8222;gelehrten Galeere&#8220;.<\/p>\n<p>Ein paar Seiten weiter besucht Forster ein M\u00f6nchskloster bei D\u00fcsseldorf. Der M\u00f6nch, der ihn f\u00fchrt, &#8222;war \u00fcber achtzig Jahr alt, und sah wenigstens zwanzig Jahre j\u00fcnger aus&#8220;. Bewundern mag er das nicht: &#8222;Auf seinem \u00fcbrigens sehr guthm\u00fctigen Gesichte, war die Leere des Ged\u00e4chtnisses, die Armuth des Ideenvorraths, unverkennbar.&#8220; Und er stellt eine rhetorische Frage:<\/p>\n<blockquote><p>Was ist nun besser: einige Runzeln mehr und einen durch \u00dcbung gebildeten, durch Erfahrung und Th\u00e4tigkeit bereicherten Geist zu Grabe zu nehmen, oder sorglos, ohne Leidenschaften, ohne Geistesgenu\u00df, in stiller Andacht hinzubr\u00fcten und zuletzt ganz sanft in seinem Fette zu ersticken?<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Anla\u00df der Diskussion um den Status des K\u00f6lner Doms hab ich ein wenig in Georg Forsters Ansichten vom Niederrhein von 1790 herumgebl\u00e4ttert. 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