{"id":121,"date":"2005-07-20T01:00:00","date_gmt":"2005-07-19T23:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=121"},"modified":"2005-07-22T11:01:45","modified_gmt":"2005-07-22T09:01:45","slug":"santa-oriana","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/07\/20\/santa-oriana\/","title":{"rendered":"Santa Oriana"},"content":{"rendered":"<p>Oriana Fallaci geh\u00f6rte mal zu den wichtigsten literarischen Stimmen Italiens. Seit einigen Jahren ist die Stimme aber zum Megaphon geworden, la Fallaci ist auf dem Kreuzzug, gegen die Bedrohung der westlichen Zivilisation durch den Islam, aber mindestens mit dem gleichen Furor auch gegen den Teil der italienischen \u00d6ffentlichkeit, der ihren Tiraden mit Skepsis gegen\u00fcbersteht.<!--more--><\/p>\n<p>Zu den Sympathisanten geh\u00f6rt aber ganz offensichtlich der <a href=\"http:\/\/www.corriere.it\">Corriere della Sera<\/a>: Zwei gro\u00dfe Druckseiten hat er Fallaci am Samstag zur Verf\u00fcgung gestellt, in spartanischem Design, aber mit den Kerns\u00e4tzen in gro\u00dfen Lettern. Dazu mit einem d\u00fcsteren Schwarz-Wei\u00df-Portr\u00e4t der Autorin, en face, im Halbdunkel, mit sorgenvollem Gesicht und tiefen Falten auf der Stirn. (Den Text gibt&#8217;s nicht auf der Website der Zeitung, aber er ist <a href=\"http:\/\/eddyburg.it\/article\/articleview\/3101\/0\/153\/\">hier<\/a> nachzulesen.) <\/p>\n<p>Vom &#8222;Feind, den wir als Freund behandeln&#8220;, schreibt sie dort, vom &#8222;nazismo islamico&#8220;, dem Krieg gegen den Okzident, dem &#8222;Kult des Todes&#8220; und dem Selbstmord Europas, das nicht mehr Europa sei, sondern &#8222;Eurabia&#8220;. Es geht nicht einfach gegen den Islam, sondern gegen &#8222;das Monstrum&#8220;, &#8222;il Mostro&#8220; (mit gro\u00dfem M), dass &#8222;in unterirdischen St\u00e4dten&#8220; heranw\u00e4chst, &#8222;vergleichbar dem Beirut der Siebziger, als Arafat dort einmarschierte&#8220;. Ein Monstrum, &#8222;das (auf unsere Kosten) in den Universit\u00e4ten studiert hat, in bekannten Colleges und Eliteschulen. (Mit dem Geld der verwandten Scheichs und der ehrlichen Arbeiter.)&#8220; (Dass nicht wenige dieser Hochschulen auch ganz gut von ihren muslimischen G\u00f6nnern leben, ist ihr in ihrem Eifer wohl entgangen.) <\/p>\n<p>Ein Monstrum hat nur einen K\u00f6rper, aber es spricht mit vielen Zungen. Da soll es Moslems gegeben haben, die sich entsetzt \u00fcber die Attentate ge\u00e4u\u00dfert haben? Und wenn schon: &#8222;Hypokritische Verurteilungen&#8220;, &#8222;verlogene Abscheu&#8220; , &#8222;falsche Solidarit\u00e4t mit den Verwandten der Opfer&#8220;. Denn das Monstrum war schon immer grundb\u00f6se und wird es auch immer bleiben: &#8222;Wann im Verlauf ihrer Geschichte, einer Geschichte, die 1.400 Jahre dauert, haben sich [die Moslems] je ge\u00e4ndert?&#8220; Ganz anders nat\u00fcrlich die Christen: Die haben zwar auch eine blutige Geschichte, wie Fallaci eingesteht: &#8222;Aber wir haben uns wenigstens im Namen des Anstands ein bi\u00dfchen gebessert. Sie nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Gl\u00fcck, dass es die Kreuzz\u00fcge geegeben hat: Da haben &#8222;die Katholiken&#8220; mit dem &#8222;Prinzip der Selbstverteidigung&#8220; daf\u00fcr gesorgt, dass wir heute nicht &#8222;mit Burka oder Jalabah&#8220; herumlaufen und der Petersdom keine Moschee ist. Und dass es den <em>Corriere<\/em> gibt, in dem Fallaci ihr Pamphlet unterbringen kann.<\/p>\n<p>Das Irritierende an Fallacis Tirade ist aber nicht dieses Gebr\u00e4u aus Mythos und Monstergeschichte, und auch nicht das Ausblenden von Argumenten, wo man nichts dringender br\u00e4uchte als Argumente. Denn eigentlich geht es darin gar nicht um den Islam. Es geht vor allem erst mal um eines: Um Oriana Fallaci. Mehr als die H\u00e4lfte des Textes verbringt sie damit, uns, den Lesern (&#8222;cari miei&#8220;), vorzurechnen, wie recht sie in der in den letzten Jahren schon gehabt habe und wie ungerecht man in Italien mit ihr umspringe, von der Schweiz und von Frankreich, wo man sie angeklagt hat, ganz zu schweigen. Fast k\u00f6nnte man denken, der gr\u00f6\u00dfere Feind ist in Wirklichkeit Italiens <em>Radical Chic<\/em>, &#8222;die Kaviar-Linke, die Leberpasteten-Rechte und auch die Schinken-Mitte&#8220;, die &#8222;Kollaborateure des Monsters&#8220;, die &#8222;in guter oder b\u00f6ser Absicht ihm die T\u00fcren ge\u00f6ffnet haben&#8220;.<\/p>\n<p>Und dem &#8222;Kult des Todes&#8220; der Selbstmordattent\u00e4ter begegnet sie, in dem sie sich selbst zur M\u00e4rtyrerin gestaltet, zur einsamen Ruferin in der W\u00fcste. &#8222;Wie eine Kassandra habe ich mich heiser geschrieen: &#8218;Troja brennt, Troja brennt&#8216;, und bin verzweifelt daran, wie die Danaer eine Stadt \u00fcberschwemmen, die unter ihrer Stumpfheit begraben liegt&#8220;. Wie Isabella von Kastilien will sie sich mit erhobenem Kruzifix den muslimischen Invasoren entgegenstemmen. Und wie eine moderne Katharina von Siena wirft sie sich sogar dem Papst an die Rocksch\u00f6\u00dfe: &#8222;Santit\u00e0&#8220;, schreibt sie, &#8222;zu Ihnen spricht eine Person, die Sie bewundert&#8220;, eine &#8222;devote Atheistin&#8220;, die aber bei aller Lobhudelei nicht akzeptieren will, dass der Papst \u00f6ffentlich den Dialog beschw\u00f6rt und nicht die Demagogie.<\/p>\n<p>Dieser Text klingt mehr wie eine pers\u00f6nliche Abrechnung: Hier spricht jemand aus tiefer Kr\u00e4nkung und die Bombenattentate sind nur der Anla\u00df, mit sch\u00e4umender Wut um sich zu schlagen. Darum endet der Text auch so, wie Pamphlete von M\u00e4rtyrern oft enden, n\u00e4mlich damit, den Teufel geradezu lustvoll an die Wand zu malen. F\u00fcr Fallaci ist es ausgemacht, dass Italien das n\u00e4chste Opfer sein wird. Und mit einer bizarren Detailfreudigkeit spekuliert sie \u00fcber das Wann und Wo: Wird es Mailand treffen oder Rom? Wird es an Weihnachten sein oder zum n\u00e4chsten Wahltermin? Und au\u00dferdem: Werden die Attent\u00e4ter diesmal damit zufrieden sein, blo\u00df ein Blutbad anzurichten? Nein, das werden sie nicht, sagt unsere Kassandra: &#8222;Ich glaube, dass sie mit den Menschen auch irgendein Kunstwerk massakrieren wollen&#8220;. Aus schierem Neid, denn &#8222;Kunst hat ihr angeblicher Leuchtturm der Zivilisation nie zu produzieren vermocht&#8220;.<\/p>\n<p>Fast m\u00f6chte man diese Fantasien als bizarre Hirngespinste abtun, aber leider ist ja nicht auszuschlie\u00dfen, dass die n\u00e4chsten Attent\u00e4ter tats\u00e4chlich derart stumpfsinniges Gedankengut mit sich herumschleppen. Und das ist das eigentlich Erschreckende an Fallacis Text: Dass ihre Geisteswelt von der der Selbstmordattent\u00e4ter weniger weit entfernt ist als sie uns glauben machen m\u00f6chte. In den letzten S\u00e4tzen beschw\u00f6rt sie wie im Rausch die Unausweichlichkeit der Situation:<\/p>\n<blockquote><p>Wir k\u00f6nnen nicht entkommen oder die wei\u00dfe Flagge hissen. Wir k\u00f6nnen uns dem Monster nur mit Ehre und Mut entgegenstellen, und uns daran erinnern, was Churchill den Engl\u00e4ndern sagte, als er in den Krieg gegen Hitlers Nazismus zog. Er sagte: &#8218;Wir werden Blut und Tr\u00e4nen vergie\u00dfen.&#8216; Oh ja: Auch wir werden Blut und Tr\u00e4nen vergie\u00dfen. Wir sind im Krieg: Wollen wir uns das endlich klarmachen, ja oder nein?!? Und im Krieg, da weint man, und stirbt man. Punkt und aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie viele Intellektuelle heute am Schreibtisch den M\u00e4rtyrertod sterben, das ist schon erstaunlich. Man nennt das wohl Kollateralschaden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oriana Fallaci geh\u00f6rte mal zu den wichtigsten literarischen Stimmen Italiens. Seit einigen Jahren ist die Stimme aber zum Megaphon geworden, la Fallaci ist auf dem Kreuzzug, gegen die Bedrohung der westlichen Zivilisation durch den Islam, aber mindestens mit dem gleichen Furor auch gegen den Teil der italienischen \u00d6ffentlichkeit, der ihren Tiraden mit Skepsis gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-121","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=121"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/121\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=121"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=121"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=121"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}