{"id":1260,"date":"2010-09-02T16:24:50","date_gmt":"2010-09-02T13:24:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1260"},"modified":"2010-09-02T16:25:56","modified_gmt":"2010-09-02T13:25:56","slug":"fontana-campari","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/09\/02\/fontana-campari\/","title":{"rendered":"Fontana Campari"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/79\/260046891_6a580631dd_d.jpg\" alt=\"Fontana Campari\" \/><\/p>\n<p>Beim Sortieren einiger alter Fotos sto\u00dfe ich grade auf dieses hier: Die <em>Fontana Campari<\/em> in Le Piastre, einem kleinen Dorf n\u00f6rdlich von Pistoia. Werbung als Monument: Der Brunnen ist ein letztes \u00dcberbleibsel einer seltsamen Marketing-Kampagne, \u00fcber die ich leider nicht allzuviel wei\u00df, aber die paar Informationen, die ich bisher auftreiben konnte, sind interessant genug, um sie hier aufzuschreiben (und vielleicht kommt ja jemand vorbei, der das eine oder andere erg\u00e4nzen kann).<!--more--><\/p>\n<p>Entstanden ist dieser Brunnen wohl um 1937, als Teil einer sehr limitierten Serie von insgesamt zw\u00f6lf Exemplaren. Meines Wissens existiert au\u00dfer diesem hier allerdings <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/francescadonatelli\/2249477234\/\">nur noch ein Exemplar<\/a>, das von 1931 stammen soll und sich auf dem Dorfplatz von Chiusi della Verna, ganz im Osten der Toskana, befindet. Der Entwurf zu den Brunnen stammt von Giuseppe Gronchi, einem Art-D\u00e9co-Bildhauer, der vor allem im Norden der Toskana aktiv war: Er produzierte u.a. Grabm\u00e4ler f\u00fcr den Friedhof San Miniato, Stuckdekorationen f\u00fcr das <em>Teatro Savoia<\/em> in Florenz, aber auch eine B\u00fcste des <em>Duce<\/em> f\u00fcr die Thermen von Montecatini (die meines Wissens auch immer noch dort steht).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/121\/260046900_317d6cde63_d.jpg\" alt=\"Fontana Campari\" \/><\/p>\n<p>Wo die \u00fcbrigen zehn Brunnen aufgestellt wurden, wei\u00df ich leider nicht, und daher kann ich auch nur spekulieren, wie die zwei noch existierenden Exemplare nach Le Piastre und Chiusi gekommen sind. Beide stehen an wichtigen Passstra\u00dfen \u00fcber den Apennin, und in Orten von touristischem Interesse. Chiusi ist ein bekannter Pilgerort: An der Stelle, wo sich heute das Franziskanerkloster La Verna befindet, soll Franz von Assisi seine Stigmata empfangen haben. Le Piastre wiederum liegt auf einer Art Panoramabalkon oberhalb von Pistoia, an der alten <em>Strada Regia<\/em> von Florenz nach Modena, \u00fcber die man auch zu den Wintersportorten und Sommerfrischen im n\u00f6rdlichen Apennin gelangte.<\/p>\n<p>Im Fall von Le Piastre k\u00f6nnte die Aufstellung des Brunnens auch mit dem Wirtschaftszweig zusammenh\u00e4ngen, f\u00fcr den das Dorf mal ber\u00fchmt war: In den Bergen gab es zahlreiche <em>ghiacciaie<\/em>, tief unterkellerte Eish\u00e4user, in denen man bis weit in den Sommer Eis lagern konnte. Der eintr\u00e4gliche Handel mit Eisbl\u00f6cken f\u00fcr Gastronomie, Lebensmittelhandel und zahlungskr\u00e4ftige Privatleute existierte damals noch und fand erst mit dem Aufkommen von K\u00fchlschr\u00e4nken und Tiefk\u00fchltruhen ein Ende.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise standen auch die anderen Brunnen an touristisch oder verkehrstechnisch relevanten Strecken. Wer immer die Idee dazu hatte, mu\u00dfte sie auf jeden Fall vom damaligen Chef von Campari abgesegnet bekommen haben. Das war seit 1920 Davide Campari. Sein Vater Gaspare, ein Caf\u00e9hausbesitzer in Novara und Mailand, hatte den roten Bitter 1860 zur Gr\u00fcndung des K\u00f6nigreichs Italien auf den Markt gebracht. (Auch der auf dem Brunnen genannte <em>Cordial Campari<\/em> ist \u00fcbrigens eine, wenn auch weit weniger bekannte Erfindung von ihm: Ein s\u00fc\u00dflicher Erdbeerlik\u00f6r, aufw\u00e4ndig in der Herstellung und deshalb vor einigen Jahren aus dem Programm verschwunden.)<\/p>\n<p>Davide Campari war ein ambitionierter Unternehmer: Schon zu Lebzeiten seines Vaters trieb er die nationale und internationale Vermarktung der Marke <em>Campari<\/em> voran. Er war dabei &#8211; wie das Unternehmen bis heute gerne betont &#8211; ein Pionier des Marketing, der neue Methoden eifrig rezipierte und ausprobierte. Das brachte ihn in Kontakt mit den Futuristen, vor allem den Vertretern der zweiten Generation um Fortunato Depero, die futuristische \u00c4sthetik f\u00fcr s\u00e4mtliche Bereiche des allt\u00e4glichen Lebens fruchtbar machen wollten und darum besonders an Werbung und Design interessiert waren. Mit Depero hat Campari h\u00e4ufig zusammengearbeitet: Von ihm stammt zum Beispiel das Design der kleinen kegelf\u00f6rmigen Fl\u00e4schchen, die man bis heute in jeder italienischen Bar bekommen kann. Depero war allerdings auch, was man nicht verschweigen sollte, ein bekennder Sympathisant der Faschisten: Noch 1943 ver\u00f6ffentlichte er mit <em>A passo romano<\/em> einen Band glorifizierender Lyrik.<\/p>\n<p>Die Brunnen von Giuseppe Gronchi sind zwar eher vom Art D\u00e9co beeinflusst denn vom Futurismus. Modern ist an ihnen vor allem, dass sie ganz deutlich an die Gestaltung einer Zeitungsannonce angelehnt sind. Aber den Geist der Zeit kann man auch hier erkennen. Der Brunnen macht aus dem kommerziellen Produkt ein nationales Monument und verweist im Dekor auf eine antike und klassische Kontinuit\u00e4t. Campari als Hausmarke der <em>Italianit\u00e0<\/em>: Das entspricht dem protektionistischen Geist der Wirtschaftspolitik Mussolinis, die ein Programm der Autarkie und Unabh\u00e4ngigkeit von ausl\u00e4ndischen Importen umsetzte und dabei auch auf kulturk\u00e4mpferische Parolen zur\u00fcckgriff (zum Beispiel in der Formel von der <em>battaglia del grano<\/em>, der &#8222;Weizenschlacht&#8220;).<\/p>\n<p>Kulinarische Produktwerbung als politische Propaganda: Etwa zur gleichen Zeit erscheint mit <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dLy5kotlNGY\">L&#8217;ora del Campari<\/a> ein Werbesong, der sich ganz offen an den offiziellen Jargon anlehnt, als gelte es, den roten Bitter zum Getr\u00e4nk der Bewegung zu stilisieren. Die Stunde des Campari schl\u00e4gt, &#8222;quando gli stranieri in carovana [&#8230;]\/Ammiran sui colli di Roma nuove glorie ed eterno splendor&#8220; (wenn die Karawanen der Fremden\/auf den H\u00fcgeln Roms die neue Herrlichkeit und den ewigen Glanz bewundern).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beim Sortieren einiger alter Fotos sto\u00dfe ich grade auf dieses hier: Die Fontana Campari in Le Piastre, einem kleinen Dorf n\u00f6rdlich von Pistoia. 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