{"id":1289,"date":"2010-09-28T17:01:47","date_gmt":"2010-09-28T14:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1289"},"modified":"2010-09-28T17:01:47","modified_gmt":"2010-09-28T14:01:47","slug":"kinshasa-symphony","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/09\/28\/kinshasa-symphony\/","title":{"rendered":"Kinshasa Symphony"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4144\/5032699763_bdae892c82_d.jpg\" alt=\"Kinshasa Symphony\" \/><\/p>\n<p>Am Wochenende waren die Bratschistin an meiner Seite und ich auf der K\u00f6lner Kinopremiere von <a href=\"http:\/\/www.kinshasa-symphony.com\/\">Kinshasa Symphony<\/a>, einem Dokumentarfilm \u00fcber ein Sinfonieorchester aus der kongolesischen Hauptstadt. Der Film lief hier im Rahmen des Festivals <a href=\"http:\/\/www.filminitiativ.de\/festival-jenseits.html\">Jenseits von Europa<\/a>, das sich in diesem Jahr dem afrikanischen Kino widmet \u2013 eine vielleicht etwas kuriose Verbindung, denn als deutsche Produktion steht <em>Kinshasa Symphony<\/em> ja eher f\u00fcr einen europ\u00e4ischen Blick auf Afrika und nicht unbedingt f\u00fcr eine Perspektive, die jenseits unseres Tellerrands zu Hause w\u00e4re. Auch der Inhalt des Films klingt auf den ersten Blick nach einem klassischen europ\u00e4ischen oder wenigstens westlichen Leitmotiv, wie man es aus unz\u00e4hligen Sport- und Musikdokumentationen kennt: Kunst und Kultur als romantisches Refugium, in dem sich auch Underdogs durchsetzen k\u00f6nnen, wenn sie nur leidenschaftlich, engagiert oder authentisch genug zu Werke gehen.<!--more--><\/p>\n<p>Auch in <em>Kinshasa Symphony<\/em> geht es darum, ein gestecktes Ziel zu erreichen \u2013 ein Konzert, das am Unabh\u00e4ngigkeitstag des Kongo aufgef\u00fchrt werden soll -, aber gl\u00fccklicherweise vermeidet der Film eine allzu simpel gestrickte Dramaturgie. Stattdessen r\u00e4umt er den Musikern und Musikerinnen, die er portr\u00e4tiert, viel Raum und Zeit ein, l\u00e4sst sie ihr Leben, ihre allt\u00e4glichen Existenzbedingungen und Widrigkeiten beschreiben, aber auch ein bemerkenswertes Selbstbewusstsein in der Auseinandersetzung mit der klassischen Musik an den Tag legen, das sich vom Konzertbeamtentum vieler Klangk\u00f6rper in unseren Breitengraden erfreulich unterscheidet.<\/p>\n<p>Und auch die Szenen, die die Menschen ganz einfach bei der Arbeit zeigen, in der Diskussion mit Freunden und Verwandten, beim Selbermachen und \u2013reparieren der Instrumente oder beim Anspielen gegen das Verkehrschaos der Hauptstadt, sind ganz gro\u00dfartig und bewegend. Die Do-It-Yourself-Attit\u00fcde, mit der die Musiker alle Aspekte ihres Orchesters organisieren, hat durchaus eine Verwandschaft mit dem trotzigen Geist, der Punk oder Hip-Hop oder \u00e4hnliches mal ausgezeichnet hat. Das Zitat eines Geigers, bei Beethoven k\u00f6nne man auch afrikanische Rhythmen h\u00f6ren, wird vom Publikum zwar mit Gel\u00e4chter quittiert, aber im Grunde ist das ja genau die richtige Haltung, n\u00e4mlich eigene Zug\u00e4nge und Verbindungswege zu den Dingen aufzubohren, mit denen man sich besch\u00e4ftigen will. (In der anschlie\u00dfenden Diskussion nach dem Film konterte Armand Diangienda, der Dirigent des Orchesters, die Kritik eines afrikanischen Zuschauer, warum man \u00fcberhaupt europ\u00e4ische und nicht afrikanische Musik spiele, mit dem Argument, dass es ihm zun\u00e4chst einfach darum gehe, die Funktionsweise der Instrumente zu verstehen: Die klassische Literatur sozusagen als Bedienungsanleitung, die man erst mal ausprobiert, bevor man sich ans eigene Hacken macht.)<\/p>\n<p>Ein durchaus sehenswerter Film also, aber doch einer, der ein etwas zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl hinterl\u00e4sst. Schade ist n\u00e4mlich, dass der Film den Hintergrund des Orchesters nur kursorisch streift. Tats\u00e4chlich handelt es sich nicht, wie ein oberfl\u00e4chlicher Betrachter vielleicht glauben k\u00f6nnte, um eine Ad-hoc-Zusammenkunft einiger musikbegeisterter Menschen: Das <a href=\"http:\/\/www.oskimbangu.org\/\">Orchestre Symphonique Kimbanguiste<\/a> ist vielmehr Teil einer religi\u00f6sen Bewegung, die im Kongo immerhin mehrere Millionen Mitglieder z\u00e4hlt, n\u00e4mlich des <a href=\"http:\/\/www.kimbanguisme.net\/\">Kimbanguismus<\/a>. Dirigent Armand Diangienda ist in dieser Bewegung nicht nur ein Mitglied unter vielen, sondern &#8211; als Enkel des Gr\u00fcnders und &#8222;Propheten&#8220; Simon Kimbangu &#8211; ihr spiritueller Kopf.<\/p>\n<p>Nun wei\u00df ich so gut wie nichts \u00fcber den Kimbanguismus, aber schon ein oberfl\u00e4chlicher Blick \u00fcber einschl\u00e4gige Webseiten zeigt schon, dass es sich um eine religi\u00f6se Bewegung handelt, die ganz konkrete ethische, moralische und lebenspraktische Richtlinien formuliert. Er ist zudem eine Bewegung, die aus der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus entstanden ist und christliche Inhalte mit einem ausgepr\u00e4gten afrozentrischen Aspekt versieht, und seit Mobutus Regime ist der Kimbanguismus nicht zuletzt so etwas wie die inoffizielle Staatsreligion des Kongo. Damit bewegt er sich in einem komplexen politischen und ideologischen Spannungsfeld, das mit Sicherheit auch Konsequenzen f\u00fcr das musikalische und soziale Miteinander der Orchestermitglieder hat. Auf der eigenen Website macht das Orchester kein Hehl daraus, dass man sich als eine Art Repr\u00e4sentant und Showcase nationaler und religi\u00f6ser Wertvorstellungen sieht.<\/p>\n<p>Da h\u00e4tte man durchaus zumindest einen Seitenblick auf die inhaltlichen und strukturellen Verflechtungen des Orchesters und seiner Arbeit werfen k\u00f6nnen. Der Film l\u00e4sst diesen Aspekt aber weitgehend au\u00dfer Acht: Es gibt zwar eine l\u00e4ngere Sequenz, die eine Parade paramilit\u00e4risch uniformierter Kinder und eine Art Predigt oder Ansprache von Diangienda zeigt, ohne diese. Eher repliziert die Kamera den befremdeten Blick eines europ\u00e4ischen Zuschauers, der die zackigen Kinder mit dem gleichem Am\u00fcsement anschaut wie, sagen wir, die spacigen Kost\u00fcme amerikanischer Funk-Bands in den Siebzigern.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur deswegen \u00e4rgerlich, weil es unterm Strich die Rolle des Orchesters auf ein f\u00fcr die Unterhaltungsindustrie ertr\u00e4gliches Ma\u00df reduziert. Es entspricht auch der Arroganz eines westlichen Blicks, der afrikanische (und afroamerikanische) Kunst nur als \u00e4sthetisches Ph\u00e4nomen wahrnehmen will, aber nicht den ideologischen \u00dcber- und Unterbau dahinter \u2013 sei es, weil den K\u00fcnstlern rundweg die F\u00e4higkeit abgesprochen wird, \u00fcberhaupt so etwas wie einen solchen \u00dcberbau zu produzieren, sei es, weil dieser \u00dcberbau zwangsl\u00e4ufig auf koloniale und postkoloniale Verstrickungen verweist.<\/p>\n<p>Ein europ\u00e4ischer Film, der von einem afrikanischen Orchester erz\u00e4hlt, das klassische europ\u00e4ische Musik spielt, der aber dabei die Gr\u00fcnde ignoriert, die vom einen zum anderen f\u00fchren, hat darum etwas von einer aufoktroyierten Vers\u00f6hnung. Und sowas f\u00fchrt gerne dazu, die politische Bevormundung durch eine kulturelle abzul\u00f6sen, wie das nach der Auff\u00fchrung auf unangenehme Weise von zwei Vertretern der WDR-Klangk\u00f6rper demonstriert wurde. Man werde, verk\u00fcndeten die beiden ohne jeden Anflug von Ironie, das Orchester im Kongo besuchen, um den Musikern mal ein bisschen Unterricht zu geben. Und ein Video und eine CD gab es noch dazu, vermutlich damit die Kongolesen sich mal anh\u00f6ren k\u00f6nnen, wie so ein richtiges Orchester klingt.<\/p>\n<p>Monsieur Diangienda habe ich in diesem Moment f\u00fcr seine Gefasstheit sehr bewundert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende waren die Bratschistin an meiner Seite und ich auf der K\u00f6lner Kinopremiere von Kinshasa Symphony, einem Dokumentarfilm \u00fcber ein Sinfonieorchester aus der kongolesischen Hauptstadt. 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