{"id":1305,"date":"2011-02-07T19:18:23","date_gmt":"2011-02-07T16:18:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1305"},"modified":"2011-02-07T19:18:23","modified_gmt":"2011-02-07T16:18:23","slug":"badiou-uber-tunesien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/02\/07\/badiou-uber-tunesien\/","title":{"rendered":"Badiou \u00fcber Tunesien"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/twitpic.com\/3x4xlr\">Eins der vielen bemerkenswerten Fotos<\/a>, die zur Zeit aus Kairo die Runde machen: Ein muslimischer Prediger, der Koran und Kreuz gleicherma\u00dfen zu umarmen scheint. Das ist, sagt der Optimist in mir, durchaus ein emanzipatorisches Zeichen, ein Widerspruch gegen die herrschende Vorstellung von der Unvers\u00f6hnlichkeit der Kulturen. Der N\u00f6rgler in mir w\u00fcrde allerdings gerne wissen, ob die gleiche Szene auch mit einem j\u00fcdischen oder, wenn\u2019s denn ginge, atheistischen Symbol denkbar w\u00e4re.<\/p>\n<p>Was sich in den vergangenen Wochen vor unseren Augen entfaltet habe, sei nicht ein Ereignis, sondern zwei, <a href=\"http:\/\/laregledujeu.org\/2011\/02\/03\/4493\/pourquoi-l%E2%80%99egypte-n%E2%80%99est-peut-etre-pas-la-tunisie\/\">schreibt Bernhard-Henri L\u00e9vy<\/a>: Eine erfolgreiche Revolution in Tunesien, und eine in \u00c4gypten, die sich noch selbst suche. Welchen nachhaltigen Erfolg die tunesische Revolution \u00fcber die Vertreibung Ben Alis hinaus haben wird, muss sich freilich erst noch zeigen, und grunds\u00e4tzlich scheint mir, dass es in Tunesien, in \u00c4gypten und anderswo in der arabischen Welt zeigen, ganz wesentlich darum geht, erst mal R\u00e4ume zu schaffen, in denen so etwas wie &#8222;Selbstfindung&#8220; stattfinden kann. Um das dr\u00fcckende politische Klima aufzul\u00f6sen und den Anspruch des Systems, alternativlos zu sein, auszuh\u00f6hlen, muss wohl tats\u00e4chlich erst einmal das Vakuum, das viele westliche Kommentatoren bef\u00fcrchten, erzeugt werden, damit sich \u00fcberhaupt Perspektiven auf Alternativen ergeben. Und wie die bemerkenswerte E-Mail einer \u00e4gyptischen Demonstrantin zeigt, die <a href=\"http:\/\/doctorzamalek2.wordpress.com\/2011\/02\/04\/letter-from-an-egyptian-woman\/\">bei Graham Harman zitiert<\/a> wird, gibt es wohl einige Demonstranten, denen das auch bewusst ist.<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>The absence of a person or a group of persons as a recognizable leadership group or figures is intentional. The intellectual young people who started all this are actually leading by spreading awareness among the people in the square, rather than by giving orders and this is making the pressure of the street crowds even more forceful. Simply because it is the people rather than this or that specific name who is reacting and deciding<\/p><\/blockquote>\n<p>Alain Badiou hat vor einigen Wochen <a href=\"http:\/\/www.entretemps.asso.fr\/Badiou\/10-11.htm\">zur Revolte in Tunesien<\/a> erkl\u00e4rt, dass daran vor allem &#8222;ihre Historizit\u00e4t fasziniert&#8220;: Weil sie den Beweis erbringe, &#8222;dass die F\u00e4higkeit, neue kollektive Organisationsformen zu schaffen, intakt ist&#8220; und damit die Rede von einem &#8222;Ende der Geschichte&#8220; \u2013 im Sinne einer nicht mehr m\u00f6glichen Ereignishaftigkeit (<em>\u00e9venementialit\u00e9 historique<\/em>) \u2013 widerlegt sei. Badiou relativiert die Geschehnisse allerdings insofern, als er sie nicht Revolution nennen will, sondern Aufruhr (<em>\u00e9meute<\/em>):<\/p>\n<blockquote><p>Aufr\u00fchrerische Tendenzen entstehen meiner Auffassung nach in Zwischenzeiten (<em>p\u00e9riodes intervallaires<\/em>). Was ist unter diesen Zwischenzeiten zu verstehen? Auf eine Phase, in der revolution\u00e4re Logik Klarheit gewinnt und sich ausdr\u00fccklich als Alternative zeigt, folgt eine Phase, in der revolution\u00e4re Logik ohne Nachfolge bleibt und nicht weitergegeben wird, da eine neue alternative Tendenz noch nicht entworfen ist. Von diesen Phasen k\u00f6nnen reaktion\u00e4re Kr\u00e4fte tats\u00e4chlich behaupten, eben weil Alternativen geschw\u00e4cht sind, dass die Dinge ihren &#8217;nat\u00fcrlichen&#8216; Lauf nehmen. [&#8230;] In diesen Zwischenzeiten gibt es Unzufriedenheit, aber sie ist nicht strukturiert, da sie ihre Kraft nicht aus der Teilhabe an einer Idee ziehen kann. Ihre Kraft ist wesentlich negativ (&#8222;Weg mit ihnen!&#8220;). Darum nimmt das Kollektivhandeln der Masse in einer Zwischenzeit die Form des Aufruhrs an. Wie etwa in der Zeit von 1820-1850 [in Frankreich]: Eine Zeit gro\u00dfer Revolten, die gleichwohl nicht steril waren, blind vielleicht, aber dennoch fruchtbar. Die gro\u00dfen globalen politischen Richtungen, die das R\u00fcckgrat des folgenden Jahrhunderts bildeten, entstanden in dieser Zeit.<\/p>\n<p>Das besondere Problem eines Aufruhrs, insofern er die Staatsmacht herausfordert, besteht darin, dass er zwar den Staat einem politischen Wandel aussetzt (n\u00e4mlich der M\u00f6glichkeit seines Zusammenbruchs), aber diese Ver\u00e4nderung nicht selbst darstellt: Was sich im Staat ver\u00e4ndern wird, ist im Aufruhr nicht vorgebildet. Das ist der wesentliche Unterschied zu einer Revolution, die sich selbst als Alternative anbietet. Aus diesem Grund haben sich die Aufr\u00fchrer aller Zeiten dar\u00fcber beklagt, dass ein neues Regime mit dem alten identisch ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass die Post-Mubarak- und Post-Ben-Ali-\u00c4ra nur kosmetisch ver\u00e4nderte Varianten der Zeit davor sein werden, ist ja durchaus wahrscheinlich (und wohl die realistischere Gefahr als ein m\u00f6gliches Erstarken radikaler Islamisten, auch wenn sich der Westen davor am \u00e4rgsten gruselt). Das wichtigste Ergebnis, das eine Revolte erreichen kann, ist demnach vor allem die Ersch\u00fctterung der symbolischen Ordnung, auch wenn diese \u2013 wie <a href=\"http:\/\/new-savanna.blogspot.com\/2011\/02\/uh-oh-hosni-mubarak-and-wile-e-coyote.html\">der Kojote im Zeichentrickfilm<\/a> \u2013 noch eine Weile h\u00e4ngen bleibt \u00fcber dem Abgrund, der sich unter ihr aufgetan hat.<\/p>\n<blockquote><p>Die verhasste Macht bricht wenigstens symbolisch zusammen. Aber was wird <em>bejaht<\/em>? Die westliche Presse hat das schon beantwortet: Was sich dort ausdr\u00fccke, sei eine Sehnsucht nach dem Westen. Nun l\u00e4sst sich sicher best\u00e4tigen, dass es um eine Sehnsucht nach Freiheit geht, und dass eine solche Sehnsucht unter einem derart despotischen und korrupten Regime wie dem von Ben Ali zweifellos ein legitimer Wunsch ist. Problematisch ist aber, ob diese Sehnsucht auch eine Sehnsucht nach dem Westen ist.<\/p>\n<p>Man muss daran erinnern, dass der Westen als Macht bisher keinen Beweis daf\u00fcr geliefert hat, dass ihm die Frage, wie Freiheit an den Orten organisiert werden k\u00f6nnte, wo er interveniert, tats\u00e4chlich wichtig ist. F\u00fcr den Westen z\u00e4hlt nur: &#8218;Geht Ihr mit uns oder nicht?&#8216;, wobei der Ausdruck &#8218;mit uns gehen&#8216; nur aus der Innensicht der Marktwirtschaft heraus mit Bedeutung versehen wird. [&#8230;] Wenn die Einsch\u00e4tzung von Marx zutrifft, dass der Raum der Verwirklichung emanzipatorischer Ideen der globale Raum ist (was, nebenbei bemerkt, bei den Revolutionen des 20. Jahrhunderts nicht der Fall war), dann kann das Ph\u00e4nomen eines Einschlie\u00dfens in die westliche Ordnung (<em>l\u2019Occident<\/em>) nicht als wahre Ver\u00e4nderung angesehen werden. Eine wirkliche Ver\u00e4nderung w\u00e4re ein Heraustreten aus dem Westen, eine <em>Entwestlichung<\/em> (<em>d\u00e9occidentalisation<\/em>), und sie n\u00e4hme die Form eines Ausschlusses (<em>exclusion<\/em>) an.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der &#8222;Westen&#8220;, der da ausgeschlossen werden soll, ist laut Badiou die &#8222;Gesamtheit, die aus Marktwirtschaft und dem Parlamentarismus gebildet&#8220; und als &#8222;un\u00fcbersteigbare Norm gesetzt&#8220; wird, nichts anderes im Grunde als der Name, &#8222;den diese Gesamtheit sich selbst gibt&#8220;. Dieser Westen hat sich allerdings in den vergangenen Wochen eher als hilflos und ohnm\u00e4chtig erwiesen und entweder mit Revolutionsromantik, die die Ereignisse in Kairo und Tunis nach den Ma\u00dfst\u00e4ben eines popkulturellen Gro\u00dfevents bewertet, oder mit der Paranoia, die aus Sarah Palins Forderung aufscheint, man m\u00fcsse herausfinden, wer &#8222;hinter&#8220; den Ereignissen in Kairo stecke. Die spannende Frage ist, wer in den kommenden Wochen und Monaten die Deutungshoheit \u00fcber die Ereignisse bekommt. Dass es \u00fcberhaupt etwas gibt, das gedeutet werden muss, ist m\u00f6glicherweise das wichtigste Ergebnis der vergangenen Wochen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang k\u00f6nnte es auch interessant sein, sich mit einem Prot\u00e9g\u00e9 Badious zu besch\u00e4ftigen, n\u00e4mlich Mehdi Belhaj Kacem, vor allem mit dessen Buch <a href=\"http:\/\/www.editions-fayard.fr\/livre\/fayard-321202-L-esprit-du-nihilisme-hachette.html\"><em>L\u2019esprit du nihilisme<\/em><\/a>, zu dem es <a href=\"http:\/\/www.ctheory.net\/articles.aspx?id=616\">bei CTheory<\/a> eine hilfreiche Rezension gibt. Die Frage, die sich das Buch stellt, k\u00f6nnte kaum zeitgem\u00e4\u00dfer sein, n\u00e4mlich: &#8222;Wie kommt es, das in der modernen Welt der Ort des Ereignisses (<em>site \u00e9v\u00e9nementiel<\/em>) und der Ausnahmezustand so oft das Gleiche sind?&#8220; Und warum &#8222;legt ein Ereignis politisch so oft die Saat des Ausnahmezustandes und f\u00fchrt damit zu der Verwirrung, die zwischen &#8218;positivem&#8216; (revolution\u00e4rem) und negativem Ereignis (Genozid, staatliche Verbrechen) entsteht&#8220;. Ich kenne das Buch nicht, aber den Versuch, &#8222;Agamben mit Badiou&#8220; zu verschmelzen und eine &#8222;Theorie des dunklen Ereignisses&#8220; zu entwerfen, \u201eeines Ereignisses, das nicht die Treue eines Subjekts beansprucht, sondern auf ein grundlegend B\u00f6ses hinweist, eine beginnende Trag\u00f6die&#8220;.<\/p>\n<p>Interessanterweise hat sich Belhaj Kacem im vergangenen Jahr recht deutlich von Badiou distanziert, <a href=\"http:\/\/www.philomag.com\/article,epoque,ni-badiou-ni-maitre,1333.php\">in einem Interview<\/a>, aus dem ich nur ein kurzes Zitat kenne, das aber &#8211; vor allem im aktuellen Kontext &#8211; um so bemerkenswerter ist:<\/p>\n<blockquote><p>Badiou lenifiziert und verkitscht, wenn er seinen platonischen Refrain anstimmt: &#8222;Lebe nach einer Idee&#8220;, usw. Aber diese Pose ist, ethisch betrachtet, unzul\u00e4ssig, denn sie verschleiert sie die Realit\u00e4t des Negativen, weil sie vom Guten beherrscht wird; es gibt kein Denken des B\u00f6sen bei Badiou. Er weicht der Frage des Leidens, der Massaker, in fine der Verantwortlichkeit der Menschen aus. Er entwirft den Tod nicht als ein Ereignis, das hei\u00dft einen Skandal, sondern als ein Ph\u00e4nomen des Verschwindens, das von anderen nat\u00fcrlichen Ph\u00e4nomenen nicht zu unterscheiden ist. Schlu\u00dfendlich setzt er Auschwitz mit einem Tsunami gleich: Nur eine Katastophe, f\u00fcr die man nichts kann. Badiou tendiert zum Engelskult (<em>ang\u00e9lisme<\/em>). Er br\u00fcstet sich damit, ein Atheist zu sein und der Laizit\u00e4t zuzuneigen, aber in Wahrheit ist er ein katholischer Metaphysiker. Er behauptet eine Reinheit von Seelen, die das Gute unvermischt anstreben und die bereit sind, alles zu tun, um es zu erreichen \u2013 dieser gute Mao. Ich w\u00e4re dagegen lieber ein protestantischer Metaphysiker: Was die Menschheit grundiert, ist die Urs\u00fcnde, der Einbruch der Gewalt. In letzter Konsequenz ist das B\u00f6se dem Guten vorg\u00e4ngig und in meinem System definiere ich das Ereignis durch dieses Leitmotiv: Die Transgression (also das B\u00f6se) kommt vor der Legislation (die Gleichung Gesetz = das Gute).<\/p><\/blockquote>\n<p>Belhaj Kacem schreibt zur Zeit f\u00fcr Bernard-Henri L\u00e9vys Zeitschrift <a href=\"http:\/\/laregledujeu.org\/\">La R\u00e8gle du jeu<\/a> aus und \u00fcber Tunesien (bisher vor allem aber \u00fcber das Zerw\u00fcrfnis mit Badiou).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eins der vielen bemerkenswerten Fotos, die zur Zeit aus Kairo die Runde machen: Ein muslimischer Prediger, der Koran und Kreuz gleicherma\u00dfen zu umarmen scheint. 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