{"id":132,"date":"2005-07-25T23:28:47","date_gmt":"2005-07-25T22:28:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=132"},"modified":"2006-07-29T14:32:45","modified_gmt":"2006-07-29T11:32:45","slug":"coming-a-long-time","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/07\/25\/coming-a-long-time\/","title":{"rendered":"Coming a long time"},"content":{"rendered":"<p>Das Universum amerikanischer Outsider-Musik ist gro\u00df und weitl\u00e4ufig, aber Jandek ist so etwas wie der dunkle Planet: Heimat der einsamsten und isoliertesten T\u00f6ne, die ich kenne, weit ab von allen Bezugspunkten. Nicht, dass es keine Bezugspunkte gibt: Man h\u00f6rt Spuren von Folk, Blues, Country, so beil\u00e4ufig eingestreut wie halb erinnerte Episoden aus der Kindheit. W\u00e4re das Wort nicht so abgegriffen, man m\u00fc\u00dfte diese Musik schr\u00e4g nennen: Nichts ist hier im Lot, alles wirkt schief und neben der Spur.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"\/ghika\/wp-images\/glasgow.jpg\" alt=\"Glasgow Sunday\" \/><br \/>\n<em>Glasgow Sunday<\/em> ist ein Live-Album, und ein Dokument dazu, n\u00e4mlich das des ersten \u00f6ffentlichen Auftrittes einer der seltsamsten Gestalten des amerikanischen Underground: Jandek ist dort eine fast mythische Figur, ein Name, den sich Musik-Nerds  und -Geeks zuraunen (Kurt Cobain hat ihn in Interviews erw\u00e4hnt, Thurston Moore ist ein Fan), dessen Platten aber kaum jemand kennt oder h\u00f6rt. Ein musikalisches Pendant zu Thomas Pynchon oder J.D. Salinger, aber mit erstaunlicher Produktivit\u00e4t: Seit fast drei Jahrzehnten ver\u00f6ffentlicht Jandek seine Alben, \u00fcber 40 St\u00fcck sind es mittlerweile, in nahezu v\u00f6lliger Anonymit\u00e4t, \u00fcber ein (sein?) winziges Label namens Corwood Industries, auf dem au\u00dfer Jandek-Platten nichts sonst erscheint.<\/p>\n<p>Au\u00dfer der Musik dringt so gut wie nichts an die \u00d6ffentlichkeit: Jandek gibt keine Interviews, die Plattencover enthalten nur Angaben zu Titeln und Laufzeiten, alle Korrespondenz wird \u00fcber eine Postfach-Adresse in Houston abgewickelt. Vor einigen Jahren gab es einen Dokumentarfilm, <em>Jandek On Corwood<\/em>, wahrscheinlich der einzige Pop-Dokumentarfilm, in dem die Hauptfigur nicht vorkommt: Stattdessen montierten die Regisseure Interviews mit Fans, Musikern und Journalisten zu einem bizarren Kaleidoskop von Spekulationen, Mutma\u00dfungen und Theorien: Jandek &#8211; ein Insasse einer psychiatrischen Klinik? Ein weltfremder Eremit? Ein Prankster?<\/p>\n<p>Jandeks Auftritt auf einem Avantgarde-Festival in Glasgow hat einige Fragen beantwortet oder ad absurdum gef\u00fchrt, ohne die Aura v\u00f6llig zu zerst\u00f6ren: Ja, die Musik auf den Platten stammt tats\u00e4chlich von dem Mann, der auch auf einigen Covern abgebildet ist. Und nein, das ist kein Irrer, nur jemand, der an einer ganz eigenen musikalischen Welt bastelt. Die muss man sich allerdings immer noch selbst erschlie\u00dfen: Interviews gibt Jandek nach wie vor keine, daf\u00fcr weitere Konzerte, zwei in Gro\u00dfbritannien haben im Fr\u00fchjahr stattgefunden, im Sommer folgen die ersten Auftritte in den USA.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/nb\/wp-images\/sixsix.jpg\" alt=\"Six And Six\" \/><br \/>\nWenn jemand so beflissen die Regeln selbst definiert, unter denen seine Musik entsteht und unter die Leute kommt, dann ist klar, dass man hier nichts Gew\u00f6hnliches zu h\u00f6ren bekommt. Jandeks Musik scheint nirgendwo richtig zu Hause zu sein. Meist spielt er Gitarre, mal akustisch, mal elektrisch, immer leicht verstimmt, ohne feste melodische oder rhythmische Strukturen, wie jemand, der geistesabwesend vor sich hin spielt. Selbst lautere St\u00fccke sind nicht wirklich dr\u00e4ngend oder fordernd oder was Rockmusik sonst sein k\u00f6nnte, sondern wirken wie formlose, hingeworfene Skizzen, ohne k\u00e4mpferischen Gestus, ohne den Anspruch, etwas anderes zu behaupten als den Ort, an dem sie entstanden sind.<\/p>\n<p>Und dazu eine Stimme, die mehr neben den Songs schwebt als darin, und selbst dann, wenn sie kr\u00e4ftiger wird, wie traumwandlerisch durch improvisiert wirkende Texte spaziert, wie jemand, der unter der Dusche zu sich selbst singt. Viele der Texte sind schwerm\u00fctige, elegische Meditationen \u00fcber Liebe, Verlust und Schmerz, aber es gibt auch sehr bizarre, fast dadaistische Sprachspielereien und zahlreiche biblische Anspielungen, Instrumentals, au\u00dferdem drei Spoken-Word-CDs aus den fr\u00fchen Neunzigern. Einfach anzuh\u00f6ren ist nichts davon, weil man immer glaubt, viel zu intimen Gest\u00e4ndnissen und Selbstgespr\u00e4chen zu zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>&#8222;I&#8217;ll Sit Alone And Think A Lot About You&#8220; ist so ein St\u00fcck: Ein fast leichtf\u00fc\u00dfiges Folkmotiv bildet die Basis f\u00fcr Jandeks Erinnerungen an eine verflossene Liebe: &#8222;Sometimes it gets so very boring without you\/I like to think of all our memories\/I&#8217;ve got a lot about you&#8220;. Aufgeschrieben liest sich das banal, aber es ist gerade die Schlichtheit der W\u00f6rter, die zusammen mit der entr\u00fcckten Musik so ersch\u00fctternd wirkt: &#8222;Long nights last winter you kept me company\/I know the coming summer will be long for me&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn man \u00fcberhaupt einen Nachbarn im Geiste benennen kann, dann m\u00fc\u00dfte das Will Oldham alias Bonnie &#8222;Prince&#8220; Billy sein, vor allem die LoFi-\u00c4sthetik seiner fr\u00fchen Palace-Projekte. (Seth Tisue, Betreiber der besten <a href=\"http:\/\/tisue.net\/jandek\">Jandek-Website<\/a> und Mailingliste, h\u00e4lt <a href=\"http:\/\/www.dragcity.com\/catalog\/records\/dc50.html\">Cover und Musik<\/a> der Palace-LP <em>Days In The Wake<\/em> f\u00fcr ein eindeutiges Jandek-Tribut.) Aber Oldhams Musik ist selbst in ihren spr\u00f6desten Momenten immer noch leichter konsumierbar und weit eindeutiger den amerikanischen Singer-Songwriter-Traditionen verhaftet als Jandek. Andere Geistesverwandte sind fast ebenso obskur wie der mystery man aus Houston selbst: Folk-Outsider wie die <a href=\"http:\/\/www.yod.com\/noneck.html\">No-Neck Blues Band<\/a> oder das <a href=\"http:\/\/www.jewelledantler.com\/\">Jewelled Antler Collective<\/a>, Punk-Autodidakten wie <a href=\"http:\/\/www.jadfair.com\/\">Half Japanese<\/a> oder die Godz, frei fliegende Individualisten wie die <a href=\"http:\/\/www.suncitygirls.com\/\">Sun City Girls<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www5e.biglobe.ne.jp\/~haino\/\">Keiji Haino<\/a>.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/nb\/wp-images\/kingdom.jpg\" alt=\"A Kingdom He Likes\" \/><br \/>\nMan mu\u00df diesen langen Vorspann liefern, wenn man \u00fcber <em>Glasgow Sunday<\/em> reden will und dar\u00fcber, was das besondere an dieser Platte ist. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Jandek seine Platten immer allein oder mit einigen wenigen Kollaborateuren aufgenommen, die ebenso mysteri\u00f6s bleiben wie er selbst &#8211; au\u00dfer in Songtiteln wie &#8222;Nancy Sings&#8220; oder &#8222;John Plays Drums&#8220; gab es keine namentlichen Nennungen, und einige vermuten darum auch, dass es sich oft um Jandek selbst handeln k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>In Glasgow trat er zum ersten Mal mit zwei klar identifizierbaren Begleitern auf: Schlagzeuger Alex Neilson und Bassist Richard Youngs, beide selbst Folk- und Improvisationsmusiker (die auch zusammen vor kurzem eine sch\u00f6ne Platte namens <em>Beating Stars<\/em> ver\u00f6ffentlicht haben). Zum ersten Mal mu\u00dfte sich die Musik, deren Grundbedingung die Abgeschiedenheit zu sein schien, in einem \u00f6ffentlichen Rahmen bew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Dass das klappt, ist vor allem auch das Verdienst von Neilson und Youngs. Angeblich gab es vor dem Konzert nur eine einzige Probe, und die beiden machen darum das einzig Richtige: Bass und Schlagzeug reagieren behutsam und zur\u00fcckhaltend auf Jandeks m\u00e4andernde Lamentos und atonale Gitarren-Progressionen. Das ist auch gut so, denn Jandek ist in gro\u00dfartiger Form: Es scheint fast, als ob die Begleiter seinem entr\u00fcckten Blues eine zus\u00e4tzliche Erdung verschaffen, so furios und rauh schl\u00e4gt er die Saiten seiner Gitarre. Fast meint man, einer etwas fragileren Version der fr\u00fchen Bad Seeds zuzuh\u00f6ren, eine skelettierte Fassung von &#8222;From Her To Eternity&#8220;.<\/p>\n<p>Die Songs, die auf der CD enthalten sind, sind durchweg neues Material, die Stimme klingt br\u00fcchiger, aber auch selbstbewu\u00dfter und reifer als auf manchen alten LPs und in den Texten finden sich einige seiner st\u00e4rksten Momente, vor allem im grandiosen &#8222;Darkness You Give&#8220;, wo er wie ein liebeskranker Hiob klagt:<\/p>\n<blockquote><p>Without your kiss<br \/>\nI don&#8217;t want to live<br \/>\nI&#8217;ll stay forever<br \/>\nIn the darkness you give<br \/>\nI&#8217;ll just consider it my due<br \/>\nFor all the transgressions I&#8217;ve made against you<br \/>\nI don&#8217;t mind how far I have to fall<br \/>\nTo find your mercy at the end of it all<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber auch wenn die Texte von Schmerz und Kummer singen, die Stimme versinkt nicht in Wehmut. Jandeks entr\u00fcckter Sprechgesang hat immer einen Anflug von Nonchalance, eine Art Z\u00e4higkeit und Stolz, die auch noch zwischen den schw\u00e4rzesten Zeilen hervorsickern, zum Beispiel im d\u00fcsteren &#8222;Sea Of Red&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>I&#8217;ve got no life<br \/>\nI&#8217;m rolling my eyes<br \/>\nThe last gasp is coming on<br \/>\nAll over my body<br \/>\nThere&#8217;s a deep deep chill<br \/>\nIt&#8217;s been coming a long time<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Coming a long time&#8220;: Jandeks musikalischer Kosmos ist eine unfertige Welt, aber eine Welt, die ohne R\u00fccksicht auf \u00e4u\u00dfere Diktate und Konventionen gebaut worden ist. In der Konsequenz, mit der diese Konstruktionsarbeit durchgezogen wird, liegt eine seltsame Gr\u00f6\u00dfe und Erhaben heit. Und im Fass, aus dem diese sonderbare Musik gesch\u00f6pft wird, ist noch lange kein Boden sichtbar. Grade ist ein neues Studio-Album erschienen, <em>Raining Down Diamonds<\/em>, Nr. 42 im Kanon, das den gro\u00dfen Eremiten wieder als Solisten pr\u00e4sentiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Universum amerikanischer Outsider-Musik ist gro\u00df und weitl\u00e4ufig, aber Jandek ist so etwas wie der dunkle Planet: Heimat der einsamsten und isoliertesten T\u00f6ne, die ich kenne, weit ab von allen Bezugspunkten. Nicht, dass es keine Bezugspunkte gibt: Man h\u00f6rt Spuren von Folk, Blues, Country, so beil\u00e4ufig eingestreut wie halb erinnerte Episoden aus der Kindheit. 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