{"id":1329,"date":"2011-03-16T19:48:59","date_gmt":"2011-03-16T16:48:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1329"},"modified":"2011-03-16T19:48:59","modified_gmt":"2011-03-16T16:48:59","slug":"lafcadio-hearn","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/03\/16\/lafcadio-hearn\/","title":{"rendered":"Lafcadio Hearn"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>From immemorial time the shores of Japan have been swept, at irregular intervals of centuries, by enormous tidal waves, &#8211; tidal waves caused by earthquakes or by submarine volcanic action. These awful sudden rising of the sea are called by the Japanese <em>tsunami<\/em>. The last one occurred on the evening of June 17, 1896, when a wave nearly two hundred miles long struck the northeastern provinces of Miyagi, Iwat\u00e9, and Aomori, wrecking scores of towns and villages, ruining whole districts, and destroying nearly thirty thousand human lives.<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber Japans prek\u00e4re Geographie und die zahlreichen Naturkatastrophen, die das Land heimgesucht haben, gibt es viele Texte, aber dieser hier ist ein besonderer: Es handelt sich vermutlich um die erste Erw\u00e4hnung des Wortes Tsunami in einem Text europ\u00e4ischer (oder wenigstens doch englischsprachiger) Provenienz. Der Auszug stammt aus dem Buch <em>Gleanings From Buddha-Fields<\/em> von Lafcadio Hearn, das 1897 erschien.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5135\/5531791157_5558304ef1_d.jpg\" alt=\"Lafcadio Hearn\" align=\"left\"\/>Die Katastrophe, auf die sich das Zitat bezieht, ereignete sich am 15. (nicht am 17.) Juni 1896: Ein Erdbeben, dessen Epizentrum sich nicht weit von dem befand, das wir aktuell miterlebt haben, l\u00f6ste eine verheerende Flutwelle aus, die ebenfalls den Nordosten Honshus verw\u00fcstete, St\u00e4dte und D\u00f6rfer dem Erdboden gleichmachte und sch\u00e4tzungsweise 22.000 Menschen das Leben kostete.<\/p>\n<p>Hearn erw\u00e4hnt diese Katastrophe allerdings nur beil\u00e4ufig. Katastrophen sind nicht das Thema seines Buchs: Es handelt sich um feuilletonistische Essays und Skizzen \u00fcber japanische Weltanschauung und Philosophie, \u00fcber Mythologie und Folklore, aufbereitet f\u00fcr ein interessiertes westliches Publikum, in dem das Interesse an ostasiatischer Kunst und Kultur gerade <em>\u00e0 la mode<\/em> war. Hearn konnte mit der Autorit\u00e4t der ersten Hand berichten: Er lebte in Japan, hatte dort geheiratet und sogar die Staatsb\u00fcrgerschaft und einen japanischen Namen \u2013 Koizumi Yakumo \u2013 angenommen, unter dem er seine B\u00fccher auch f\u00fcr das lokale Publikum publizierte.<\/p>\n<p>Hearn ist ein durchaus lesenswerter Autor, ein eleganter und wirkungsvoller Erz\u00e4hler und Reiseschriftsteller, der nicht nur \u00fcber Japan publiziert hat. Er war, wie es ein Zeitungsartikel formuliert hat, wie gemacht f\u00fcr ein peripatetisches Leben und seine Biographie liest sich selbst wie ein Roman. Geboren wurde Patrick Lafcadio Hearn im Juni 1850 als Sohn eines britischen Milit\u00e4rarztes und einer Griechin aus adliger Familie. Seinen eigent\u00fcmlichen zweiten Vornamen erhielt er von seinem Geburtsort, der Insel Lefkada. Aufgewachsen ist er bei Verwandten in Dublin, als Kind verlor er durch einen Unfall die Sehf\u00e4higkeit auf dem linken Auge, und einige Biographen haben in dieser Behinderung den Grund f\u00fcr sein lebenslanges Interesse am Bizarren, Abseitigen und Gespenstischen gesehen.<br \/>\nAls junger Mann schlug er sich in Cincinnati und New Orleans als Journalist durch, wurde zwischendurch gefeuert, weil er eine schwarze Frau geheiratet hatte (was seinerzeit illegal war), verfasste ein Kochbuch \u00fcber kreolische K\u00fcche, das heute noch aufgelegt wird, und einen Roman \u00fcber den \u201eLast Island\u201c-Hurrikan von 1856 und besch\u00e4ftigte sich mit der afroamerikanischen Voodoo-Kultur. Das besondere Image von New Orleans als einem skurrilen Paralleluniversum, das unabh\u00e4ngig vom Rest der USA existiere, sei eigentlich seine Erfindung, behauptet der Klappentext der (sehr empfehlenswerten) Anthologie <em>Inventing New Orleans<\/em>, die einige von Hearns Aufs\u00e4tzen und Artikeln aus dieser Zeit versammelt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5135\/5532429506_a476c3dbe5_m_d.jpg\" alt=\"Lafcadio Hearn\" align=\"left\" \/>Nach einem Abstecher in die Karibik ging er 1890 schlie\u00dflich nach Japan, wo er als Lehrer und Dozent arbeitete und die B\u00fccher schrieb, die ihn auch \u00fcber den angels\u00e4chsischen Sprachraum hinaus bekannt machten. Er hat das moderne europ\u00e4ische Bild von Japan und von japanischer Weltanschauung und Mentalit\u00e4t sicher nicht alleine erfunden, aber doch ganz wesentlich beeinflusst. Hearn entwarf als einer der ersten das Image \u00f6stlicher Philosophie und Religion als eine ganzheitlichen, holistischen Weltanschauung, ein spirituelles Shangri-La, das dem Wesen der Dinge n\u00e4her sei als das materialistische und rationalistische Denken des Westens. &#8222;As a nation Japan possesses an individuality much stronger than our own&#8220;, schw\u00e4rmte er, und lobte &#8222;contentment and simple happiness of Japanese common life&#8220;. In der japanischen Weltanschauung fand er &#8222;suggestions of a universal scientific creed nobler than any which has ever existed&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>Japan may well be grateful to her two great religions, the creators and the preservers of her moral power: to Shinto, which taught the individual to think of his Emperor and of his country before thinking either of his own family or of himself; and to Buddhism, which trained him to master regret, to endure pain, and to accept as eternal law the vanishing of things loved and the tyranny of things hated.<\/p><\/blockquote>\n<p>Liest man seine Texte heute mit kritischem Auge, wird man vieles daran stark idealisiert und exotisch aufgeh\u00fcbscht finden. Die Geschichte, in der er Tsunamis erw\u00e4hnt, ist daf\u00fcr ein gutes Beispiel: Es ist die Anekdote einer besonderen Apotheose: Ihr Held, Hamaguchi Gohei, ist ein alter Mann, der die Menschen seines Dorfs durch eine aufopferungsvolle Tat vor einer Flutwelle rettet. Als die Dorfbewohner nach einem Erdbeben fasziniert auf das entweichende Wasser starren, z\u00fcndet er seine eigene Reisernte an und bringt die Menschen so dazu, ihre Aufmerksamkeit vom Meer abzuwenden und sich rechtzeitig auf die rettenden Anh\u00f6hen zu fl\u00fcchten. Aus Dankbarkeit wird er darum von ihnen noch zu Lebzeiten als Gott verehrt.<\/p>\n<blockquote><p>They built a temple to the spirit of him [&#8230;] and they worshiped him there, with prayer and with offerings. How he felt about it I cannot say; &#8211; I know only that he continued to live in his old thatched home upon the hill, with his children and his children\u2019s children, just as humanly and simply as before, while his soul was being worshiped in the shrine below.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Pointe, auf die es Hearn in dieser erbaulichen l\u00e4ndlichen Idylle ankommt, liegt darin, dass diese Vorstellung von diesseitiger G\u00f6ttlichkeit nach japanischem Verst\u00e4ndnis keineswegs widerspr\u00fcchlich sei: &#8222;The peasants could rationally imagine the spirit of Hamaguchi in one place while his living body was in another&#8220;. Denn, l\u00e4sst er einen &#8222;Japanese philosopher and friend&#8220; sagen (&#8222;with a Buddhist smile&#8220;):<\/p>\n<blockquote><p>The peasants [&#8230;] think of the mind or spirit of a person as something which, even during life, can be in many places at the same instant. [&#8230;] If we accept the doctrine of the unity of all mind, the idea of the Japanese peasant would appear to contain at least some adumbration of truth. I could not say so much for your Western notions about the soul.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5296\/5531814715_d2535c4c4d_o_d.jpg\" alt=\"Hamaguchi Goryo\" align=\"left\"\/>Der Geistesblitz Hamaguchis ist sozusagen ein Abglanz des allumfassenden Weltgeistes, und weil die l\u00e4ndliche Bev\u00f6lkerung  das in ihrer b\u00e4uerlichen Fr\u00f6mmigkeit zum Ausdruck bringt, ist sie f\u00fcr Hearn (beziehungsweise seinen japanischen Kronzeugen) dem westlichen Denken \u00fcberlegen. Allerdings wendet Hearn einige erz\u00e4hlerische Finten an, um seiner Geschichte \u2013 die ja eigentlich nichts \u00dcbernat\u00fcrliches schildert \u2013 eine m\u00e4rchenhaften Aura und mythologisches Gewicht zu geben. Er dekontextualisiert sie, in dem er darauf verzichtet, ein konkretes Datum zu nennen (&#8222;a story [&#8230;] which happened long before the era of Meiji&#8220;, &#8222;a hundred or more years [Hamaguchi] has been dead&#8220;) und auch den sozialen Status seines Protagonisten nur vage bestimmt (&#8222;a good old farmer&#8220;). Da nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau: Der Hamaguchi, auf den die Anekdote sich bezieht, war, als Hearns Buch erschien, gerade mal zw\u00f6lf Jahre tot. Er war auch kein einfacher Bauer und Dorf\u00e4ltester, sondern ein Gro\u00dfgrundbesitzer, Familienunternehmer (der <a href=\"http:\/\/www.yamasa.com\/\">Yamasa-Konzern<\/a> existiert noch heute) und einflu\u00dfreicher Politiker, der es sogar zum japanischen Postminister brachte. Als sich der Tsunami, in dem er seine Heldentat vollbracht haben soll, ereignete (1854), war er kein alter Mann, sondern etwa Mitte Drei\u00dfig und stand am Anfang seiner politischen und unternehmerischen Karriere. Die Apotheose, die Hearn schildert, geh\u00f6rt also auch in ein soziales und politisches Koordinatensystem (und \u00e4hnelt zum Beispiel den Heiligsprechungen der Angeh\u00f6rigen europ\u00e4ischer Adelsh\u00e4user oder den Verg\u00f6ttlichungen r\u00f6mischer Kaiser und griechischer Heroen). Hearn unterschl\u00e4gt das, vielleicht ist es ihm von seinen japanischen Quellen auch nicht mitgeteilt worden, um das, was er f\u00fcr die spirituelle Essenz dieses Vorgangs h\u00e4lt, ungetr\u00fcbt ausmalen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Idealisierung einer exotischen Volkskultur traf den europ\u00e4ischen Zeitgeschmack der Jahrhundertwende. Aber sie wurde auch in Japan gerne gelesen: Seine Reiseberichte und Geistererz\u00e4hlungen werden bis heute aufgelegt und auch in Schulb\u00fcchern nachgedruckt. Dass ein Ausl\u00e4nder die Gr\u00f6\u00dfe japanischer Kultur beglaubigte, ist sicher ein Grund f\u00fcr seine Popularit\u00e4t in Japan; ein anderer h\u00e4ngt mit der Zeit zusammen, in der er seine B\u00fccher publizierte: Die Meiji-\u00c4ra war die Phase eines gro\u00dfen gesellschaftlichen Umbruchs, Japan \u00f6ffnete sich f\u00fcr \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse und in der rasanten Modernisierung bot sich einerseits die M\u00f6glichkeit, mehr \u00fcber das eigene Land zu erfahren als jemals zuvor, andererseits schien die Authentizit\u00e4t von Tradition, Folklore und Mythologie sich ebenso rasch aufzul\u00f6sen: Der Blick, mit dem das moderne Japan auf seine Vergangenheit schaut, ist wohl nicht viel weniger sentimental, nostalgisch oder exotisch als der Blick von au\u00dfen. Er habe &#8222;uns und dem Japan von heute, das sich mit be\u00e4ngstigender Eile von sich selber fortverwandelt, einen Traum vom alten Nippon festgehalten, den die Nachfahren sp\u00e4ter so lieben werden wie wir Deutschen die Germania des Tacitus&#8220;, behauptete Stefan Zweig.<\/p>\n<p>Indirekt ist Hearn auch ein Ahnherr des modernen japanischen Horrorfilms: Masaki Kobayashis wunderbarer Episodenfilm <em>Kwaidan<\/em> von 1964, einer der ersten gro\u00dfen phantastischen Filme des japanischen Kinos, basiert auf Lafcadio Hearns gleichnamiger Sammlung von Geistergeschichten. Und die Gespenstergeschichten sind vielleicht, noch vor den Reiseschilderungen und philosophischen Essays, Hearns K\u00f6nigsdisziplin, da steht er den gro\u00dfen englischsprachigen Autoren dieses Genres und seiner Zeit, den Poes, Blackwoods, M.R. James\u2019 nur wenig nach. Im Unheimlichen und im Horror zeigt sich eine andere Facette der Weltanschauungen, die ihn so faszinierten: Der Versuch, die Welt zu durchdringen und alles mit allem in Zusammenhang zu setzen, l\u00e4sst auch ihre Bodenlosigkeit erkennen: Die Geister und Gespenster, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen, sind nur ein Reflex der Geisterhaftigkeit eines Kosmos, der um so unverst\u00e4ndlicher wird, je mehr wir von ihm wissen.<\/p>\n<blockquote><p>If we do not believe in old-fashioned stories and theories about ghosts, we are nevertheless obliged to recognise to-day that we are ghosts of ourselves \u2013 and utterly incomprehensible. The mystery of the universe is now weighing upon us, becoming heavier and heavier, more and more awful, as our knowledge expands, and it is especially a ghostly mystery. All great art reminds us in some way of this universal riddle; that is why I say that all great art has something ghostly in it. It touches something within us that relates to infinity. [&#8230;] The ghostly represents always some shadow of truth, and no amount of disbelief in what used to be called ghosts can ever diminish human interest in what relates to that truth.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dem Buch <em>In Ghostly Japan<\/em> stellte er diese Zeilen aus einem japanischen Gedicht voran:<\/p>\n<blockquote><p>Think not that dreams appear to the dreamer only at night : the dream of this world of pain appears to us even by day.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>From immemorial time the shores of Japan have been swept, at irregular intervals of centuries, by enormous tidal waves, &#8211; tidal waves caused by earthquakes or by submarine volcanic action. These awful sudden rising of the sea are called by the Japanese tsunami. 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