{"id":1345,"date":"2011-04-05T19:28:48","date_gmt":"2011-04-05T16:28:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1345"},"modified":"2011-04-05T19:28:48","modified_gmt":"2011-04-05T16:28:48","slug":"falowiec","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/04\/05\/falowiec\/","title":{"rendered":"Falowiec"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5148\/5587771273_9627d58c34_d.jpg\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Au\u00dfer der <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=233\">Ulica Ojcowska<\/a> gibt es in Danzig noch einige andere, wesentlich prominentere Geb\u00e4ude, die ebenfalls wellenf\u00f6rmigen Grundriss aufweisen: Die sogenannten <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Falowiec\">Falowiec<\/a><\/em>, acht gro\u00dfe Wohnblocks aus den sp\u00e4ten Sechzigern\/fr\u00fchen Siebzigern, von denen sich sieben im Stadtteil Przymorze befinden und einer in Nowy Port.  Der gr\u00f6\u00dfte dieser Blocks steht an der Ulica Obro&#324;c\u00f3w Wybrze&#380;a, der &#8222;Stra\u00dfe der Verteidiger der K\u00fcste&#8220;: Er ist um die 850 Meter lang und damit das l\u00e4ngste Wohngeb\u00e4ude in Polen und das drittl\u00e4ngste in Europa, nach dem Wiener <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl-Marx-Hof\">Karl-Marx-Hof<\/a> (1,1 km) und dem <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Corviale\">Corviale<\/a> in Rom (980 Meter).<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3523\/3178251005_65ce86ae61_d.jpg\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude hat die Dimensionen einer Kleinstadt: Es ist f\u00fcr 5.000 Menschen konzipiert (nach manchen Angaben sogar f\u00fcr 6.000), elf Stockwerke hoch und mit vier separaten Treppenh\u00e4usern und Aufzugssch\u00e4chten ausgestattet. Entlang der Nordseite gibt es drei Bushaltestellen, und der Bus d\u00fcrfte auch die schnellste Verbindung vom West- zum Ostteil des Geb\u00e4udes darstellen. In der benachbarten Ulica Jagiello&#324;ska steht noch ein \u00e4hnlich gro\u00df dimensioniertes Bauwerk, die \u00fcbrigen Falowiec sind deutlich kleiner. Der Name ist Programm: Falowiec ist abgeleitet von <em>fala<\/em>, Welle. Die wellenf\u00f6rmigen Schw\u00fcnge lockern die ewig langen Fassaden etwas auf und lassen die Geb\u00e4ude nicht ganz so monstr\u00f6s erscheinen wie man vermuten k\u00f6nnte: Aus der Distanz sehen sie eher wie mehrere nebeneinandergestellte Hochh\u00e4user aus und nicht wie ein durchgehender Block, oder wie eine Raupe aus Beton, die langsam auf die K\u00fcste zukriecht. \u00dcber die Architekten Tadeusz R\u00f3&#380;a&#324;ski, Danuta Ol&#281;dzka und Janusz Morek.l\u00e4sst sich wenig in Erfahrung bringen, au\u00dfer dass sie f\u00fcr die st\u00e4dtische Wohnungsbaugesellschaft Miastoprojekt arbeiteten, und dass sie mit ihrem Entwurf einen Architektenwettbewerb gewonnen hatten, bei dem mindestens <a href=\"http:\/\/www.intertekst.com\/206_artykul.html?jezyk=en\">ein weiterer interessanter Vorschlag<\/a> zur Diskussion stand.<\/p>\n<p>Przymorze ist eine Trabantenstadt: Vor dem Krieg gab es hier nur ein paar l\u00e4ndliche Siedlungen, Felder und Wiesen. Gebaut wurde die Siedlung, weil sich Danzigs Einwohnerzahl den Nachkriegsjahren rapide vermehrte: Schon in den Sechzigern lebten mehr Menschen in der Stadt als jemals vor dem Krieg, und vor allem f\u00fcr die Werft- und Hafenarbeiter brauchte man Wohnraum. 1970 bekam Danzig au\u00dferdem eine <a href=\"http:\/\/www.univ.gda.pl\/\">Universit\u00e4t<\/a>, die ebenfalls nach Przymorze verlegt wurde.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3516\/3178262739_f1d72c0b10_d.jpg\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Wie in vielen Rei\u00dfbrettsiedlungen der damaligen Zeit wurde auch hier der Versuch gemacht, eine funktionale Hochhausstadt zu entwerfen, die m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig zu bauen war und m\u00f6glichst vielen Menschen Platz bot. Die Falowiec sind nicht die einzigen gro\u00dfen Blocks, fast die komplette Siedlung besteht aus mehrst\u00f6ckigen Plattenbauten. Insgesamt sollten hier auf 260 Hektar 50.000 Menschen untergebracht werden, wobei die Planungen vorsahen, 70 Prozent der Fl\u00e4che f\u00fcr Infrastruktur ein zur\u00e4umen: Schulen, Gesch\u00e4fte, Sport- und Gr\u00fcnanlagen, ein Kino- und Theater-Komplex mit 700 Pl\u00e4tzen. Entsprechend knapp wurde der Wohnraum kalkuliert: Jedem Bewohner wurde statistisch ein Platzbedarf von etwa 12 Quadratmetern einger\u00e4umt, die Appartements waren im Durchschnitt 40 Quadratmeter gro\u00df. <\/p>\n<p>Interessanterweise hat man bei der Anlage des Viertels eine recht aufgelockerte Bauweise bevorzugt, und zwischen den H\u00e4userblocks und den drei, vier breiten Boulevards gibt es erstaunlich viel Platz f\u00fcr Licht, Luft und Gr\u00fcnfl\u00e4chen. Przymorze wirkt weit weniger monoton und gleichf\u00f6rmig als andere vergleichbare andere Siedlungen aus dieser Zeit.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/3179097362\/sizes\/m\/\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Ich habe den Stadtteil an einem sonnigen Wintertag besucht, und da konnte man tats\u00e4chlich das Gef\u00fchl haben, sich in einer st\u00e4dtebaulichen Ideallandschaft zu bewegen. Auf den Gr\u00fcnfl\u00e4chen lag meterdick Schnee, was die Anlagen besonders ordentlich aussehen lie\u00df. Viele Geb\u00e4ude hatten offenbar vor nicht allzulanger Zeit einen frischen (und bunten) Anstrich bekommen, leuchteten farbenfroh in die Gegend und machten mit riesigen Hausnummern und Lettern vor allem Werbung f\u00fcr sich selbst. \u00dcberall waren fr\u00f6hliche Familien und plaudernde Passanten unterwegs, V\u00e4ter zogen mit Kindern bepackte Schlitten durch die Gegend, M\u00fctter schoben pulkweise Kinderw\u00e4gen herum und Rentner zeigten sich gegenseitig bunte Plastikt\u00fcten mit aktuellen Eink\u00e4ufen. Die bunten Balkone des gr\u00f6\u00dften Falowiec sahen aus, als seien sie f\u00fcr irgendeinen besonderen Anlass eigens geschm\u00fcckt worden. Bei genauerem Hinsehen bekam das urbane Idyll freilich ein paar Risse: Dann fiel zum Beispiel auf, dass die meisten Balkone keinen sehr wohnlichen Eindruck machten, sondern als Abstellfl\u00e4chen f\u00fcr Fahrr\u00e4der und M\u00f6bel dienten.  <\/p>\n<p>Es gibt ganz unterschiedliche Berichte \u00fcber das Leben in den Falowiec. Sicher ist, dass sich die Ideale der Planer nur zum Teil bewahrheitet haben. Die langen Laubeng\u00e4nge etwa, die Wohnungen eines Stockwerks anfangs miteinander verbanden und den fehlenden \u00f6ffentlichen Raum einer Stra\u00dfe ersetzen sollten, mussten teilweise zugemauert oder durch T\u00fcren unterteilt werden, weil zu oft eingebrochen wurde oder Nachbarn in den Haaren lagen. Es gibt Kritik an der maroden Infrastruktur, an den h\u00e4ufig defekten Aufz\u00fcgen und an der Anonymit\u00e4t in den gro\u00dfen Blocks. Andere wiederum finden gerade die nachbarschaftliche Atmosph\u00e4re auf ihrem Stockwerk besonders bemerkenswert, freuen sich \u00fcber kurze Wege, gute Verkehrsanbindung und die N\u00e4he zum Meer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/5592618700\/sizes\/m\/\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Ein weiteres Problem haben die Falowiec mit vielen gro\u00dfen Geb\u00e4uden gemein: Sie sind Wettermaschinen mit ganz unterschiedlichen Mikroklimazonen, ein Kleingebirge aus Beton. Ansatzweise hat man das in der Konzeption auch ber\u00fccksichtigt: Weil der Wind meistens von Osten kommt, sind die Falowiec auch von Ost nach West ausgerichtet und keines mit der Fassade in den Wind gestellt. Die geschwungene Fassade soll ebenfalls die Heftigkeit der B\u00f6en modulieren und ein einigerma\u00dfen gleichm\u00e4\u00dfigen Durchzug erzeugen, aber das funktioniert schon weniger gut: An einigen Stellen k\u00f6nnen die Fallwinde auch an relativ ruhigen Tagen so kr\u00e4ftig ausfallen, dass man sich als Passant mit aller Kraft vorw\u00e4rts stemmen muss. Auch die Temperaturen k\u00f6nnen von einem Trakt zum anderen erstaunlich unterschiedlich sein: Die S\u00fcdseite, hei\u00dft es hier, ist Italien, die Nordseite Skandinavien.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3454\/3178268517_0e946cca8e_d.jpg\" alt=\"Falowiec\" \/><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wird auch in Polen l\u00e4ngst \u00fcber Sinn, Erfolg und Zukunft solcher Gro\u00dfbauten diskutiert. Sind die Probleme, die dort auftreten, schon durch die Konzeption bedingt oder eher eine Folge von Vernachl\u00e4ssigung, Gleichg\u00fcltigkeit, sozialen und demographischen Entwicklungen? Soll man die Bauwerke lieber abrei\u00dfen oder doch sanieren und unter Denkmalschutz stellen (wie die Engl\u00e4nder das mit <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Park_Hill,_Sheffield\">Park Hill<\/a> in Sheffield und <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Byker_Wall\">Byker Wall<\/a> in Newcastle gemacht haben)? Erste Versuche, die Falowiec zu sch\u00fctzenswerten Bauwerken erkl\u00e4ren zu lassen, sind nicht sehr weit gediehen, daf\u00fcr finden h\u00e4ufiger mal architekturinteressierte Touristen den Weg hier her, auf der Suche nach Hinterlassenschaften des  \u201ereal existierenden Sozialismus [&#8230;] von denen die Prospekte und Reisef\u00fchrer schweigen\u201c (wie der Danziger Schriftsteller Stefan Chwin k\u00fcrzlich noch behauptete, w\u00e4hrend es doch kaum noch einen Reisef\u00fchrer gibt, der die Falowiec nicht wenigstens in einer Fu\u00dfnote erw\u00e4hnt). Und auch f\u00fcr gro\u00dfe Projekte ist hier schon wieder Platz: In unmittelbarer N\u00e4he der Falowiec soll <a href=\"http:\/\/trojmiasto.blogspot.com\/2011\/03\/big-boy-gdansk-wiezowiec-51-pieter.html\">Polens gr\u00f6\u00dftes Wohnhaus<\/a> entstehen, ein 202 Meter hoher Klotz mit dem etwas platten Namen &#8222;BigBoy&#8220;. Zu sehen ist davon allerdings noch nicht viel, obwohl der Bau eigentlich schon 2008 stattfinden sollte, aber vermutlich hat die globale Konjunktur dem Projekt den Wind aus den Segeln genommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Au\u00dfer der Ulica Ojcowska gibt es in Danzig noch einige andere, wesentlich prominentere Geb\u00e4ude, die ebenfalls wellenf\u00f6rmigen Grundriss aufweisen: Die sogenannten Falowiec, acht gro\u00dfe Wohnblocks aus den sp\u00e4ten Sechzigern\/fr\u00fchen Siebzigern, von denen sich sieben im Stadtteil Przymorze befinden und einer in Nowy Port. 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