{"id":1349,"date":"2011-04-14T19:52:54","date_gmt":"2011-04-14T16:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1349"},"modified":"2023-08-19T00:47:01","modified_gmt":"2023-08-18T22:47:01","slug":"atomino","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/04\/14\/atomino\/","title":{"rendered":"Atomino"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5068\/5618978429_1859d471a9_d.jpg\" alt=\"Atomino\" \/><\/p>\n<p>Ein Bild aus Zeiten, als die Atomenergie noch n\u00fctzlich war. Ein bisschen ungeb\u00e4rdig war sie h\u00f6chstens und nicht immer leicht zu kontrollieren, ansonsten aber grunds\u00e4tzlich sympathisch, selbst wenn sie das Wasser im Meer zum Kochen brachte. Dann hatte man immerhin reichlich Fischfilet f\u00fcr die Strandparty mit Freunden (und hat die \u201eTitanic\u201c nicht k\u00fcrzlich sowieso geraten, dass man Sushi <a href=\"http:\/\/www.titanic-magazin.de\/news.html?&amp;mailNews=true&amp;tx_ttnews[backPid]=3&amp;tx_ttnews[tt_news]=4169&amp;cHash=c0a92c7b9b9655065850bcf8aba846fa&amp;no_cache=1\">f\u00fcrs Erste besser abkocht<\/a>?).<!--more--><\/p>\n<p>Das Bild stammt aus der Comic-Serie Atomino, die in den Sechzigern und Siebzigern in der DDR-Jugendzeitschrift <em>Fr\u00f6si<\/em> erschien. Atomenergie galt da noch als fortschrittliche, saubere Methode der Energieerzeugung und als ein Beispiel daf\u00fcr, dass die Kr\u00e4fte der Natur ebenso beherrschbar sind wie die gesellschaftlichen Prozesse. Vorausgesetzt nat\u00fcrlich, die ideologische Fundierung stimmt: Eines der Leitmotive der Serie besteht darin, dass das menschlich gewordene Atom nicht immer so genau wei\u00df, wohin mit seinen Energien, und noch lernen muss, wie es sie am besten zum Wohle der Allgemeinheit einsetzt \u2013 zum Beispiel um ausbeuterische Kapitalisten in die Knie zu zwingen.<\/p>\n<p>Die wichtigsten Informationen zur Geschichte von Atomino &#8211; au\u00dferdem einige Episoden in G\u00e4nze oder in Ausz\u00fcgen &#8211; gibt es <a href=\"http:\/\/www.ddr-comics.de\/atomino.htm\">auf dieser interessanten Seite \u00fcber DDR-Comics<\/a>, aber es ist durchaus interessant, sich ein bisschen eingehender mit den Hintergr\u00fcnden der Serie zu besch\u00e4ftigen. Atomino war n\u00e4mlich keine ostdeutsche Erfindung, sondern ein West-Import &#8211; wenn auch einer mit ideologisch einwandfreien Referenzen. Die Serie stammte aus Italien und erschien von 1963 bis 1966 in <em>Il pioniere dell\u2019Unit\u00e0<\/em>, der Kinderbeilage der kommunistischen Tageszeitung <a href=\"http:\/\/www.unita.it\/\">L\u2019Unit\u00e0<\/a>. Diese Beilage entstand wiederum als Fortf\u00fchrung des 1962 eingestellten Magazins <em>Il pioniere<\/em>, das \u2013 \u00e4hnlich wie <em>Fr\u00f6si<\/em> mit den Th\u00e4lmannpionieren \u2013 mit der Jugendorganisation der italienischen Kommunisten, der API (Associazione Pionieri d\u2019Italia), verbunden war.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5267\/5618978633_a1757a8133_o_d.jpg\" alt=\"Atomino\" \/><\/p>\n<p>Als Atomino seine ersten Auftritte hatte, gab es die API jedoch schon nicht mehr: Der Versuch, eine Art kommunistisches Pfadfindertum zu etablieren und eine nationale Massenorganisation f\u00fcr die Jugend aufzubauen, war nur teilweise gelungen. Zu ihren besten Zeiten hatte die API zwischen 100.000 und 150.000 Mitgliedern; die meisten davon sa\u00dfen allerdings im Norden Italiens, vor allem in Mailand, Turin und Genua, in der Emilia und der Toskana. Im \u00fcbrigen Italien tat sie sich dagegen schwer, im S\u00fcden konnte sie fast gar nicht Fu\u00df fassen. Anfang der Sechziger beschloss die PCI, die API aufzul\u00f6sen, zumal die Partei auch langsam auf Distanz zu den osteurop\u00e4ischen Kommunisten ging und einen reformistischen Kurs einschlug. Ziel war nun nicht mehr, konkurrierende Strukturen zu Staat und Kirche aufbauen, sondern sich aktiv in demokratische Debatten einzumischen und auch eine Regierungsbeteiligung nicht mehr auszuschlie\u00dfen (zu der es dann 1976 auch tats\u00e4chlich kam).<\/p>\n<p>Eines der gro\u00dfen innenpolitischen Themen war in diesen Jahren die Schul- und Bildungsreform. Das Thema finden sich auch in den Atomino-Comics wieder: Atomenergie ist schlie\u00dflich ein Produkt der Wissenschaft, hat also etwas mit Bildung zu tun. Darum muss auch Atomino ab und zu auf die Schule oder zur Universit\u00e4t gehen. Au\u00dferdem wird die Leserschaft immer wieder darauf hingewiesen, dass zur echten Bildung auch die Herzensbildung geh\u00f6rt, also sind gutes Benehmen, H\u00f6flichkeit und Menschenfreundlichkeit ebenfalls wichtige Eigenschaften f\u00fcr ein junges Mitglied der neuen Gesellschaft. Die ist in ihren Wertvorstellungen und Strukturen so neu nicht: Atominos Zuhause ist eine eher b\u00fcrgerliche Kleinfamilie, in der es noch das (Stief-)Schwesterchen Smeraldina gibt und den (Stief-)Vater, Professor Zaccaria, seltsamerweise aber keine Mutter. (Die &#8222;m\u00fctterlichen&#8220; Aufgaben \u00fcbernimmt, so sie \u00fcberhaupt eine Rolle spielen, einfach Smeraldina.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5065\/5618978481_59251b1dc5_o_d.jpg\" alt=\"Atomino\" \/><\/p>\n<p>Atominos Sch\u00f6pfer waren der Zeichner Vinicio Berti und der Texter Massimo Argilli. Beides interessante Pers\u00f6nlichkeiten, auch wenn ihre Biographien eher Fu\u00dfnoten der italienischen Kultur geblieben sind: Argilli geh\u00f6rte zu den Redakteuren der Kinderbeilage, schrieb au\u00dferdem einige Romane, Jugend- und Kinderb\u00fccher und war mit dem Schriftsteller Gianni Rodari befreundet. Der hatte die <em>Pioniere<\/em>-Redaktion geleitet und selbst einige Kinderb\u00fccher verfasst. Ein paar davon fanden auch in Osteuropa zahlreiche Leser, vor allem das <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3896030949\/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=nightlybuilds-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3896030949\">Zwiebelchen<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3896030949\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/><\/em> (<em>Il romanzo di Cipollino<\/em>), die Geschichte einer Gem\u00fcserevolution, die erst vor wenigen Jahren <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3785736789\/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&amp;tag=nightlybuilds-21&amp;linkCode=as2&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3785736789\">von Katharina Thalbach<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border: none !important; margin: 0px !important;\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3785736789\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" \/> neu aufgenommen wurde. (In der UdSSR entstanden daraus au\u00dferdem ein Zeichentrickfilm und ein Ballett mit Musik von Karen Khatchaturian, dem Neffen des <em>S\u00e4beltanz<\/em>-Komponisten Aram Khatchaturian.)<\/p>\n<p>Ein Comic-Zeichner war Berti eigentlich nicht: Er arbeitete vor allem als Maler und geh\u00f6rte einer der zahlreichen K\u00fcnstlerinitiativen an, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs \u00fcberall in Italien formierten, n\u00e4mlich einer florentinischen Gruppe, die sich zun\u00e4chst <em>Arte d\u2019Oggi<\/em> (Kunst von heute) nannte und sp\u00e4ter als <em>Astrattismo classico<\/em> firmierte, als &#8222;klassischer abstrakte Kunst&#8220;. Ein etwas irref\u00fchrender Name: Die Protagonisten der Bewegung malten zwar vorwiegend abstrakt, aber im Manifest der Bewegung ging es vor allem um die konkrete gesellschaftliche Rolle der Kunst, weniger um malerische \u00dcberlegungen. Postuliert wurde ein explizit politisches Kunstverst\u00e4ndnis, dass sich gegen Kunst als Zerst\u00f6rung (von Objekten, Formen, Begriffen etc.) wandte und den &#8222;aktiven und konstruktiven&#8220; sch\u00f6pferischen Akt beschwor. Die Bewegung fand allerdings au\u00dferhalb von Florenz nur wenig Resonanz. Trotzdem lohnt Bertis abstrakter Expressionismus durchaus ein paar Blicke: Im Internet kann man <a href=\"http:\/\/www.google.de\/images?q=Vinicio+Berti\">einige Abbildungen<\/a> finden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5068\/5619114725_f3bc06b4ce_o_d.jpg\" alt=\"Vinicio Berti\" \/><\/p>\n<p>Argilli und Berti hatten schon zuvor zusammengearbeitet: In den F\u00fcnfzigern ver\u00f6ffentlichten sie auf den Seiten des <em>Pioniere<\/em> die Bildergeschichte <em>Chiodino<\/em> (deutsch &#8222;N\u00e4gelchen&#8220;). Chiodino, das &#8222;Eisenkind&#8220;, war gewisserma\u00dfen ein Vorl\u00e4ufer von Atomino, nur im Gewand einer \u00e4lteren Industrie. Und auch seine Abenteuer fanden (zumindest teilweise) den Weg in die <em>Fr\u00f6si<\/em>: 1965 und 1966 erschienen dort einige Geschichten unter den Namen <em>Ferri<\/em>.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5148\/5619566320_abb0530397_o_d.jpg\" alt=\"Chiodino\" \/><\/p>\n<p>Zu Chiodino gibt es \u00fcbrigens ein interessantes Detail: Die Bildergeschichte kommt ohne Sprechblasen aus, die Texte sind als Kartuschen in die Bilder montiert. Das war angeblich eine Reaktion des Pioniere-Chefredakteurs Rodari auf vehemente Kritik aus dem Zentralkommittee der PCI. Urspr\u00fcnglich soll die Serie n\u00e4mlich durchaus als Sprechblasen-Comic konzipiert gewesen sein. Aber w\u00e4hrend des Entstehungsprozesses erschienen in der Parteizeitung <em>Rinascit\u00e0<\/em> Texte von Generalsekret\u00e4r Palmiro Togliatti und ZK-Mitglied Nilde Jotti, die Comics als dekadenten und wertlosen amerikanischen Import kritisierten. Die Comics traf damit der gleiche argw\u00f6hnische Blick, der viele Erzeugnisse westlicher Popul\u00e4rkultur unter den Pauschalverdacht kapitalistischer Propaganda stellte. Die Verwendung von Kartuschen statt von Sprechblasen sollte die Bildgeschichten m\u00f6glicherweise weniger &#8222;amerikanisch&#8220; aussehen lassen. Auch in der DDR gab es derartige Kritik. Das erkl\u00e4rt vielleicht, warum sowohl die Ferri- wie auch die Atomino-Geschichten in diesem Detail umgestaltet wurden und ohne Sprechblasen, sondern mit Bildunterschriften oder ins Bild gesetzten Texten erschienen.<\/p>\n<p>Die Idee zu Atomino hatten sich Berti und Argilli m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich von einem erzkapitalistischen Konkurrenten abgeschaut. In der Disney-Geschichte <em>Topolino e la Dimensione Delta<\/em> (1959) lie\u00df der Zeichner Romano Scarpa \u2013 einer der bedeutenden italienischen Disney-Autoren &#8211; zwei Atomunkuli mit ganz \u00e4hnlichem Namen auftauchen: Atomino Bip Bip und Atomino Bep Bep. (In der deutschen \u00dcbersetzung <em>Micky und die vierte Dimension<\/em> wurden daraus At\u00f6mchen und Bet\u00f6mchen.) Bep Bep, der ungezogenere von beiden, verb\u00fcndet sich darin mit Kater Karlo und wird zur Strafe schlie\u00dflich wieder auf atomare Gr\u00f6\u00dfe geschrumpft. Bip Bip durfte danach noch ein paar Mal in Scarpas Comics auftauchen, verschwand aber ebenfalls bald aus dem Disney-Kosmos. Die Idee, dass es sich bei der atomaren Energie um Kr\u00e4fte handelt, die sich, je nach dem in welche H\u00e4nde sie geraten, als Jekyll oder Hyde erweisen k\u00f6nnen, war in Scarpas Story jedenfalls auch schon vorhanden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5141\/5619566276_1298fae9aa_d.jpg\" alt=\"Atomino\" \/><\/p>\n<p>In den Atomino-Comics wird kein Hehl daraus gemacht, dass man die Potenziale von Technik und Wissenschaft nur mit der richtigen Weltanschauung vern\u00fcnftig einsetzen kann. Immer wieder kommen darum auch politische Themen vor: Unterdr\u00fcckung, Rassismus, Korruption und organisierte Kriminalit\u00e4t. Vieles davon ist aus einem sehr italienischen Blickwinkel formuliert, was einer der Gr\u00fcnde sein mag, warum nicht alle Originalgeschichten ins Deutsche \u00fcbersetzt wurden. Au\u00dferdem hat man sich sicher auch mit den Episoden schwer getan, in denen die Ordnungskr\u00e4fte, Polizei und Milit\u00e4r, eher ambivalent dargestellt werden. Daf\u00fcr gab die <em>Fr\u00f6si<\/em>-Redaktion auch eigene Geschichten in Auftrag, die dann teils von Zeichnern aus den eigenen Reihen angefertigt wurden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5025\/5618978271_3ee1801d0c_o_d.jpg\" alt=\"Atomino contro Brutik\" \/><\/p>\n<p>Nicht \u00fcbernommen wurde beispielsweise <em>Atomino contro Brutik<\/em>, obwohl sie schon vollst\u00e4ndig \u00fcbersetzt vorgelegen haben soll. Hier gibt es in der Tat einige konkrete Verweise auf italienische Verh\u00e4ltnisse, zum Beispiel die klandestine und mafi\u00f6se Organisation, f\u00fcr die Atominos Gegenspieler arbeitet. Auch der Name Brutik ist eine Anspielung auf ein typisch italienisches Ph\u00e4nomen: Die <em>Fumetti neri<\/em>, die &#8222;schwarzen Comics&#8220; mit amoralischen (oder wenigstens moralisch ambivalenten) Superhelden. Diese Comics tauchten erstmals Anfang der Sechziger auf, aber sie wurden rasch enorm popul\u00e4r. Die Gewaltt\u00e4tigkeit, Skrupellosigkeit und sexuelle Freiz\u00fcgigkeit der Protagonisten sprach ein sensationsl\u00fcsternes Publikum an, war aber auch ein Reflex auf die Entwicklung der italienischen Nachkriegspolitik, die es nach dem Krieg rasch wieder in die regionalen und partikularen Egoismen, Klientelwirtschaften und Rivalit\u00e4ten, von denen die italienische Gesellschaft immer schon gepr\u00e4gt war. Die <em>Fumetti neri<\/em> machten das faktische Chaos des italienischen Alltags einfach zum Prinzip. (Dass im italienischen Kino bald darauf der Aufstieg der<em> Gialli<\/em>, des Italo-Westerns und der Splatter-Filme beginnt, die ebenfalls von moralischer Skepsis und Nihilismis gepr\u00e4gt sind, ist sicher kein Zufall, und tats\u00e4chlich haben einige prominente Genre-Regisseure, zum Beispiel Mario Bava und Umberto Lenzi, auch Fumetti neri verfilmt.)<\/p>\n<p>Ein kurioses Detail dieser amoralischen Superhelden ist, dass viele ihrer Namen den Buchstaben \u201ek\u201c enthalten: Diabolik, Kriminal, Satanik &#8230; Man k\u00f6nnte eine eigene D\u00e4monologie \u00fcber die Verwendung dieses unitalienischen, halb teutonischen, halb griechischen Buchstabens in der italienischen Popkultur schreiben. Selbst der italienische Zweig des Disney-Konzerns konnte irgendwann nicht umhin, das Panoptikum der zwielichtigen Helden mit einer eigenen K-Figur zu bereichern, n\u00e4mlich Donald Ducks Alter ego Paperinik (aus dem in Deutschland Phantomias wurde).<\/p>\n<p>Im angesprochenen Atomino-Comic hei\u00dft der Widersacher also Brutik und ist ein tats\u00e4chlich ausgesprochen sadistischer Gangster, dessen Folter-Phantasien f\u00fcr die minderj\u00e4hrige Zielgruppe ausgesprochen starker Tobak gewesen sein d\u00fcrften. (Vielleicht einer der Gr\u00fcnde, warum die Geschichte in der DDR nicht erschien.) Der kleine kommunistische Held darf sich als Personifikation einer moralisch einwandfreien und eindeutig humanen Geisteshaltung bew\u00e4hren: Die Amoralit\u00e4t des Supergangsters ist dagegen nur ein Exzess des kapitalistischen Systems.<\/p>\n<p>Wenn Atomino und seine Freundin Smeraldina eine Reise unternahmen, dann f\u00fchrte die meist in einen der sozialistischen Bruderstaaten. In der Geschichte <em>Atomino in der Sowjetunion<\/em> gibt es eine interessante Passage, in der Atomino und Smeraldina einem Raumschiff mit zwei tierischen Kosmonauten begegnen, einem B\u00e4r und einem Schmetterling. Beide Tiere beschweren sich bitter dar\u00fcber, von den Menschen als Versuchstiere mi\u00dfbraucht zu werden: &#8222;Gewisse Experimente sollten die Menschen lieber an sich selbst vornehmen &#8230;&#8220; Worauf Atomino und Smeraldino den Tieren die Flucht erm\u00f6glichen, daf\u00fcr aber selbst vom misstrauischen Professoren Popow gefangen genommen und an Untersuchungstische gefesselt werden. Falls da eine dezente Kritik an gewissen Praktiken des gro\u00dfen kommunistischen Bruder intendiert war, wird das aber schon auf den n\u00e4chsten Seiten wieder gerade ger\u00fcckt, als Atomino die Physikstudenten der Lomonossow-Universit\u00e4t mit seinen F\u00e4higkeiten und Kenntnissen begeistert: &#8222;Schlie\u00dflich ging es um friedliche Anwendung der Atomenergie &#8230;&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5307\/5619545892_a52aa43cd3_d.jpg\" alt=\"Atomino\" \/><\/p>\n<p>Die italienischen Atomino-Comics endeten, wie gesagt, zun\u00e4chst 1966. Zwei Jahre sp\u00e4ter brachte der neapolitanische Verlag Morano einige Geschichten als Einzelb\u00e4nde heraus. Morano ist eine interessante und auch heute noch existierende Adresse. Gegr\u00fcndet wurde das Verlagshaus Mitte des 19. Jahrhunderts, und einen Namen hat es sich vorwiegend mit philosophischen, geisteswissenschaftlichen und politischen Texten gemacht, beispielsweise mit Schriften von Luigi Settembrini, Benedetto Croce, Bertrando Spaventa oder Francesco De Sanctis. Ein bunter Comic mit einem ungezogenen Atom scheint in dieses Umfeld nicht wirklich zu passen. Aber auch Morano versuchte ab den Sechzigern, an der Bildungsdiskussion zu partizipieren, und produzierte zahlreiche Schul- und Lehrb\u00fccher, und in dieses p\u00e4dagogische Ambiente passen dann auch wieder die Atomino-Comics.<\/p>\n<p>Von 1969 bis 1974 erschienen dann auch wieder neue Folgen, diesmal in der Zeitschrift <em>Noi Donne<\/em> (&#8222;Wir Frauen&#8220;). Auch das ein bemerkenswertes Umfeld: <em>Noi Donne<\/em> ist so etwas wie die italienische <em>Emma<\/em>, eine der wichtigsten Stimmen der italienischen Frauenbewegung, aber auch ein Magazin mit einer sehr wechselhaften Publikationsgeschichte. Urspr\u00fcnglich ein Kampfblatt antifaschistischer Aktivistinnen, wurde die Zeitschrift in den F\u00fcnfzigern zum offiziellen Sprachrohr der Unione Donne Italiane, die der PCI nahestand, bevor man in den Sechzigern allm\u00e4hlich von der offiziellen Parteilinie (und damit auch dem familienpolitischen Konservatismus einiger PCI-Kader) abzur\u00fccken begann und feministischen Debatten breiteren Raum einr\u00e4umte. Ein ungew\u00f6hnliches Umfeld f\u00fcr eine Comic-Serie, die von zwei M\u00e4nnern gemacht wurde, von einem frechen kleinen Jungen handelte, der ohne Mutter aufw\u00e4chst und in der Frauen selten auftauchten. <em>Noi Donne<\/em> verstand sich allerdings als eine Mischung aus linker Illustrierter und politischem Magazin, die ein breites Publikum ansprechen sollte. Mit Erfolg: In den Siebzigern liegt die Auflage zeitweise bei 600.000 Exemplaren. Das lie\u00df sich nicht halten: 1990 l\u00f6st sich die Zeitschrift endg\u00fcltig von ihrer Bindung an UDI und PCI, aber die Auflage sinkt kontinuierlich. 2000 liegt sie nur noch bei 20.000 Exemplaren und die Printausgabe wird eingestellt. Online macht <a href=\"http:\/\/www.noidonne.org\/\">Noi Donne<\/a> jedoch weiter, und seit einiger Zeit erscheinen auch wieder gedruckte Ausgaben.<\/p>\n<p>In den Siebzigern wollte Herausgeberin Miriam Mafai &#8211; ein prominente Publizistin, die auch die Tageszeitung <em><a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\">Repubblica<\/a><\/em> mitgegr\u00fcndet hatte &#8211; jedenfalls ausdr\u00fccklich auch eine Rubrik f\u00fcr Kinder im Heft haben. Der Inhalt der Geschichten \u00e4nderte sich etwas: Atominos Schwesterchen Smeraldina, die in den alten Geschichten oft nur als skeptische Mahnerin auftrat, bekam jetzt deutlich mehr Profil, und die Episoden handeln oft von ganz grundlegenden Jungs- und M\u00e4dchen-Konflikten und -Rollenverst\u00e4ndnissen. Folgerichtig spielen Atominos atomare Kr\u00e4fte auch nicht mehr eine so herausragende Rolle.<\/p>\n<p>Mitte der Siebziger war dann endg\u00fcltig Schluss f\u00fcr Atomino: Die Anti-Atombewegung erreichte auch Italien, und da gab es f\u00fcr einen atomaren Helden in einer linken Publikation keinen Platz mehr. Und auch in der DDR verschwand Atomino von der Bildfl\u00e4che. Mag sein, dass das ebenfalls eine stillschweigende Konzession an die schwindende utopische Kraft der Atomenergie war.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bild aus Zeiten, als die Atomenergie noch n\u00fctzlich war. Ein bisschen ungeb\u00e4rdig war sie h\u00f6chstens und nicht immer leicht zu kontrollieren, ansonsten aber grunds\u00e4tzlich sympathisch, selbst wenn sie das Wasser im Meer zum Kochen brachte. 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