{"id":1400,"date":"2011-11-14T12:47:19","date_gmt":"2011-11-14T09:47:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1400"},"modified":"2011-11-14T12:47:19","modified_gmt":"2011-11-14T09:47:19","slug":"die-lucke-die-dem-teufel-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/11\/14\/die-lucke-die-dem-teufel-bleibt\/","title":{"rendered":"Die L\u00fccke, die dem Teufel bleibt"},"content":{"rendered":"<p>Ich war vor einigen Wochen in Assisi und habe mir nat\u00fcrlich in der Basilica den ber\u00fchmten Freskenzyklus von Giotto angesehen. Ich hatte besonderes Gl\u00fcck: Die Oberkirche wurde f\u00fcr ein Konzert vorbereitet, das im Fernsehen \u00fcbertragen werden sollte, und Lichttechniker testeten gerade die Beleuchtung. Was mir die Gelegenheit gab, die Fresken in einer Helligkeit und Farbigkeit betrachten zu k\u00f6nnen, die man sonst wohl nur selten geboten bekommt. Aber ein kleines Detail, das erst vor kurzem entdeckt wurde, ist freilich auch mir entgangen: In einem der Bilder &#8211; n\u00e4mlich dem, das den Tod des Heiligen darstellt &#8211; scheint sich <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/culture\/art\/art-news\/8872780\/Smirking-face-of-the-Devil-discovered-in-Giotto-fresco.html\">der Teufel versteckt zu haben<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>\u00dcber der Trauergemeinde, die den Tod Franziskus&#8216; beklagt, und unterhalb dem bereits im Himmel thronenden und von Engeln gehuldigten &#8222;neuen Christus&#8220; schwebt eine Wolke. Diese Wolke ist bemerkenswert, denn nicht nur ist sie in einer ungew\u00f6hnlich realistischen Art und Weise gemalt. (\u00dcblicherweise wurde der Himmel damals goldfarben oder zumindest monochrom gehalten, um seine Zeitlosigkeit und Unver\u00e4nderlichkeit zu betonen.) An der rechten Seite dieser Wolke l\u00e4\u00dft sich au\u00dferdem eine d\u00e4monische Fratze erkennen, die tats\u00e4chlich an Teufelsdarstellungen erinnert. Aber man muss schon sehr genau hinschauen, das Fresko befindet sich einige Meter \u00fcber dem Boden, und in den \u00fcber siebenhundert Jahren, die das Bild existiert, scheint niemand die merkw\u00fcrdige Fratze bemerkt zu haben, bis jetzt die Historikerin Chiara Frugoni darauf aufmerksam wurde, im Zuge der Restaurationsarbeiten, die nach dem Erdbeben von 1997 in Assisi n\u00f6tig wurden.<\/p>\n<p>Frugoni ist nicht irgendjemand, sondern eine der bedeutendsten Franziskus-Expertinnen: Von ihr stammt eine der besten Biographien \u00fcber den Heiligen, au\u00dferdem ein ebenfalls sehr empfehlenswerter F\u00fchrer zu den Fresken der Oberkirche. \u00dcber den Teufel in der Wolke steht da nat\u00fcrlich noch nichts drin. Eine italienische Lokalzeitung behauptet zwar, die Existenz der Teufeldarstellung sei <a href=\"http:\/\/gazzettadimantova.gelocal.it\/cronaca\/2011\/11\/10\/news\/quel-diavolo-di-assisi-fotografato-28-anni-fa-1.1660607\">unter Restauratoren schon wesentlich l\u00e4nger bekannt gewesen<\/a>, aber Frugoni ist wohl in der Tat die erste, die sie \u00f6ffentlich dokumentiert und beschrieben hat. Bereits im August hat sie <a href=\"http:\/\/www.burlington.org.uk\/magazine\/back-issues\/2011\/201108\/\">im Burlington Magazine<\/a> \u00fcber die Entdeckung berichtet. Dass die Geschichte vergangene Woche nun mit etwas Versp\u00e4tung durch die internationalen Medien ging, hat vermutlich mit geschickter franziskanischer PR zu tun, denn der <em>Sacro Convento<\/em>, das Mutterkloster des Ordens, hat vor ein paar Tagen <a href=\"http:\/\/www.sanfrancescopatronoditalia.it\/12351_BASILICA_SAN_FRANCESCO__UN_DEMONE_NEGLI_AFFRESCHI_DI_GIOTTO__.php\">das Thema auf der eigenen Website aufgegriffen<\/a> und einen Artikel von Frugoni (vermutlich der gleiche, der schon in England erschienen ist) f\u00fcr die eigene Hauszeitschrift angek\u00fcndigt.<\/p>\n<p>Welche Bedeutung der Kopf in der Wolke hat, dar\u00fcber kann Frugoni nat\u00fcrlich auch nur spekulieren. Die Wolke selbst kommt in der Heiligenlegende des Franziskus vor: Als Franziskus starb, habe &#8222;einer von seinen J\u00fcngern und Br\u00fcdern&#8220; gesehen, &#8222;wie jene gl\u00fcckliche Seele in Gestalt eines helleuchtenden Sternes auf einer kleinen Wolke \u00fcber viele Wasser hinweg geraden Wegs in den Himmel getragen wurde&#8220;, hei\u00dft es in der <em>Legenda maior<\/em> des Bonaventura. Die Beschreibung soll nat\u00fcrlich an die Himmelfahrt Jesu erinnern &#8211; eines der vielen legend\u00e4ren Elemente, die die Franziskus&#8216; Rolle als Nachfolger Christi betonen (eine Sichtweise, die zum Zeitpunkt, als die Arbeit an den Fresken begann, also rund siebzig Jahre nach Franziskus&#8216; Tod, durchaus umstritten war).<\/p>\n<p>Die Wolke als Transport- und Kommunikationsmittel Gottes ist aber nicht nur ein biblisches Motiv: Schon antiken Philosophen und Naturwissenschaftler wie Aristoteles, Plinius, Lukrez oder Philostratus interessierten sich f\u00fcr Wolken und Wolkenbilder.<\/p>\n<blockquote><p>Schon in der Weltlehre oder Meteorologie des Aristoteles machte die Wolke einen einheitlichen Eindruck nur deshalb, weil sie aus Uneinheitlichkeiten, aus funkelnden und spiegelnden Teilchen bestand; bei Lukrez gab sie ein Modell oder Beispiel daf\u00fcr, wie sich kleinste und unteilbare Dinge, Atome, zu einem Ding \u00fcberhaupt formieren. Und an einem anderen Ende dieser Wolken-Geschichte umschlie\u00dft die Wolke den prek\u00e4ren \u00dcbergang, der von den Dingen zu den Nicht-Dingen und umgekehrt hin\u00fcberf\u00fchrt. Als geformte Zusammenh\u00e4nge, deren Form und Zusammenhang lose, fl\u00fcchtig und stets wandelbar bleibt, ergeben die Wolken einen ontologischen Sonderfall.<\/p>\n<p><font size=1>&#8211; (aus: <a href=\"http:\/\/www.uni-weimar.de\/medien\/philosophie\/publikationen\/afmg_2005.htm\">Engell\/Siegert\/Vogl, Wolken. Archiv f\u00fcr Mediengeschichte No. 5<\/a>)<\/font><\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm7.static.flickr.com\/6236\/6343827828_26abe24226_d.jpg\" alt=\"Andrea Mantegna, Heiliger Sebastian\" \/><\/p>\n<p>Frugoni erw\u00e4hnt einen Text des byzantinischen Gelehrten Michael Psellos aus dem 11. Jahrhundert, der die F\u00e4higkeit der Wolken, verschiedene Gestalten anzunehmen, mit dem Talent der D\u00e4monen vergleicht, in alle denkbaren Formen schl\u00fcpfen zu k\u00f6nnen. Die Wolke ist also ein merkw\u00fcrdiges Doppelwesen, das einerseits g\u00f6ttliche Botschaften verhei\u00dft, andererseits teuflische Trugbilder an den Himmel zu werfen scheint. Ist die Fratze im Fresko von Assisi ein Reflex auf diese Diskussionen? In Andrea Mantegnas Bildnis des <em>Heiligen Sebastian<\/em>, das fast zweihundert Jahre sp\u00e4ter entstand, gibt es ein ganz \u00e4hnliches Element wie im Franziskus-Fresko: Eine Wolke, in der sich die Figur eines Reiters verbirgt. Auch hier ist unklar, weshalb die Darstellung ins Bild eingef\u00fcgt wurde, ob es sich um ein kompositorisches Element handelt, das in klarem Bezug zum Sujet des Bildes steht, oder eine malerische Randnotiz, eine augenzwinkernde Fu\u00dfnote f\u00fcr eingeweihte Betrachter.<\/p>\n<p>Laut dem Kunsthistoriker Bruno Zanardi (der im \u00fcbrigen nicht Giotto f\u00fcr den Urheber der Fresken h\u00e4lt, sondern vor allem <a href=\"http:\/\/www.scudit.net\/mdgiottoassisi.htm\">den r\u00f6mischen Maler Pietro Cavalli<\/a>) ist an keinem der Fresken so lange gearbeitet worden wie an diesem, n\u00e4mlich 66 Tage. (Das zweite Fresko auf der rechten Seite der Basilica wurde beispielsweise in nur f\u00fcnfzehn Tagen fertiggestellt.) Zanardi glaubt, dass mit der Arbeit an den Fresken auf der linken Seite der Kirche auch eine Ver\u00e4nderung des k\u00fcnstlerischen Programms eingeleitet wurde, das eine st\u00e4rkere emotionale Wirkung der Bilder erreichen wollte. Ist die Teufelsdarstellung ein Ergebnis dieses Programms, eine bewusste Anspielung auf ein popul\u00e4res Motiv vieler Heiligenlegenden? Dort tauchen oft D\u00e4monen auf, die die Himmelfahrt der heiligen Person im letzten Moment zu verhindern suchen. Die Wolke ist die L\u00fccke, die dem Teufel bleibt, in der er noch einmal (vergeblich nat\u00fcrlich) versuchen kann, sich dem heilsgeschichtlichen Verlauf in den Weg zu stellen.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es, vermutet Frugoni, auch eine ganz banale Erl\u00e4uterung f\u00fcr den Teufel in der Wolke:<\/p>\n<blockquote><p>Wir sollten uns die Maler nicht als devote und inspirierte Interpreten eines komplizierten Programms vorstellen, sondern als Arbeiter auf einem Ger\u00fcst, die einander st\u00e4ndig mit ihren tropfenden Pinseln und Farbt\u00f6pfen im Weg standen, der jeweils anstehenden, eint\u00f6nigen Arbeit nachgingen und dabei ganz der Gnade ihrer allt\u00e4glichen Laune ausgeliefert waren.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war vor einigen Wochen in Assisi und habe mir nat\u00fcrlich in der Basilica den ber\u00fchmten Freskenzyklus von Giotto angesehen. 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