{"id":1406,"date":"2011-11-16T19:40:12","date_gmt":"2011-11-16T16:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1406"},"modified":"2011-11-29T12:21:00","modified_gmt":"2011-11-29T09:21:00","slug":"second-cities","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/11\/16\/second-cities\/","title":{"rendered":"Second Cities"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7145\/6393885149_063d54d8d5_d.jpg\" alt=\"Neu-Otzenrath\/Spenrath\" \/><\/p>\n<p>Alexander Trevi, Autor des Landschaftsarchitektur-Blogs Pruned, hat <a href=\"http:\/\/pruned.blogspot.com\/2011\/11\/repost-istanbul-v20.html\">einen interessanten \u00e4lteren Artikel<\/a> wiedergepostet: Vor einigen Jahren haben Bauingenieure der <a href=\"http:\/\/www.purdue.edu\/\">Purdue University<\/a> einen interessanten Vorschlag gemacht, wie Istanbul die Risiken eines katastrophen Erdbebens vermindern k\u00f6nnte. N\u00e4mlich einfach durch den Bau <a href=\"http:\/\/news.uns.purdue.edu\/x\/2008a\/080109SozenAnimation.html\">einer neuen Stadt<\/a>. Eine &#8222;zweite Satellitenstadt w\u00fc\u00e4rde den Einwohnern der alten Stadt sofort Unterkunft bieten k\u00f6nnen&#8220; und &#8222;damit die Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die nationale Wirtschaft d\u00e4mpfen&#8220;, schreiben die Ingenieure.<\/p>\n<p>Mit welcher Ernsthaftigkeit die Idee vorgestellt wurde, l\u00e4sst sich aus der Pressemitteilung nicht erschliessen. M\u00f6glicherweise ging es nur darum, die selbstentwickelte Applikation zu pr\u00e4sentieren, mit der eine 3D-Simulation des neuen Istanbul erstellt wurde &#8211; seither haben jedenfalls weder die Universit\u00e4t noch t\u00fcrkische Stellen weiteres \u00fcber das Konzept verlauten lassen. Daf\u00fcr hat vor kurzem die japanische Regierung \u00c3\u0153berlegungen zu <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/world\/2011\/nov\/06\/pass-notes-tokyo-backup-city\">einer Backup-Version von Tokio<\/a> vorgestellt. Der Gedanke, dass der Bau einer neuen Stadt weniger aufw\u00e4ndig sein k\u00f6nnte als die Modifikation einer bestehenden, ist freilich auch nicht neu: Man denke nur an Le Corbusiers unsentimentalen Vorschlag eines Totalabrisses und Komplettneubaus von Paris.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7168\/6393875583_f311544fb2_d.jpg\" alt=\"Neu-Otzenrath\/Spenrath\" \/><\/p>\n<p>Kurioserweise gibt es im <em>Strange Maps<\/em>-Blog aktuell auch einen Artikel \u00fcber <a href=\"http:\/\/bigthink.com\/ideas\/41105?utm_source=feedburner&#038;utm_medium=feed&#038;utm_campaign=Feed%3A+bigthink%2Fblogs%2Fstrange-maps+%28Strange+Maps%29\">eine Standby-Version von Paris<\/a>. Die Pl\u00e4ne stammen aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, und in diesem Fall ging es auch nicht um den Aufbau einer Ausweichmetropole f\u00fcr den Notfall, sondern um ein &#8222;Stunt-Double&#8220;, wenn man so will: Ein Attrappen-Paris, das deutsche Bomberpiloten irritieren und die Bombardierung der echten Metropole verhindern sollte.<\/p>\n<p>Mindestens ebenso interessant wie diese ehrgeizigen Pl\u00e4ne ist die Vorstellung, wie eine Umsetzung tats\u00e4chlich aussehen und wie sich eine solche neue Stadt mit Leben f\u00fcllen k\u00f6nnte. In den Planungen von Tokio und Istanbul geht es haupts\u00e4chlich um die Kontinuit\u00e4t administrativer und \u00f6konomischer Funktionen, aber w\u00e4re ist es mit der sozialen und emotionalen Kontinuit\u00e4t? L\u00e4sst sich ein Ort tats\u00e4chlich so einfach von einer Stelle zu einer anderen verlegen? Wie w\u00fcrde sich das Verh\u00e4ltnis des Originals und seiner Bewohner zur Kopie entwickeln, vor allem wenn eine solche Kopie entsteht, w\u00e4hrend das Original noch existiert?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7001\/6393883245_687daf0c0c_d.jpg\" alt=\"Neu-Otzenrath\/Spenrath\" \/><\/p>\n<p>In einem kleinen Ma\u00dfstab kann man solche Prozesse hier in der Gegend durchaus ab und zu mal beobachten. Der Braunkohle-Tagebaue zwischen K\u00f6ln und Aachen lassen auch heute noch immer wieder D\u00f6rfer verschwinden, die einige Kilometer entfernt wieder auferstehen. Nat\u00fcrlich nicht als identische Kopie, sondern als eine Art bereinigter Remix: Verschwunden ist die Patina des alten Dorfs, die \u00fcber Jahrhunderte und Jahrzehnte angeh\u00e4ufte Schrabbeligkeit und Beliebigkeit, stattdessen steht f\u00fcr die Umsiedler eine cleane, aus dem Fertigbauprospekt gepellte Welt bereit, hier und da dekoriert mit einigen Elementen, die man vor dem Untergang retten konnte. Vorwiegend \u00fcbrigens religi\u00f6se Elemente, als h\u00e4tten nur sie die n\u00f6tige Gravitas, um auch im neuen Umfeld Kontinuit\u00e4t zu symbolisieren: Wegkreuze, Heiligenfirguren, Kirchenschmuck, auch die Toten ziehen immer mit um und sind meist sogar unter den ersten.<\/p>\n<p>Die Siedlungen, um die es hier geht, sind na\u00fctrlich wesentlich kleiner als die oben erw\u00e4hnten Mega-Projekte, sie haben keine klangvollen Namen und sind nicht gerade Knotenpunkt von administrativen, politischen, logistischen oder kulturellen Funktionen. Aber es gibt doch eine interessante Gemeinsamkeit. Die alten und neuen Orte f\u00fchren stets \u00fcber einige Jahre eine Parallelexistenz: Das neue Dorf entsteht, w\u00e4hrend das alte noch existiert. Von den Betroffenen wird dieser Prozess meist als Gewaltakt empfunden: Die Entscheidung zur Verlegung eines Ortes wird anderswo getroffen und von Notwendigkeiten bestimmt, die nicht aus dem Dorfleben selbst hervorgegangen sind. Viel Mitsprachem\u00f6glichkeiten gibt es nicht, und Versuche, den Prozess aufzuhalten oder zu verschleppen, f\u00fchren zu einem z\u00e4hen (und in der Regel erfolglosen) Kampf gegen b\u00fcrokratische und juristische Windm\u00fchlenfl\u00fcgel. Und die Vernichtung des alten Umfelds ist eine absolute: Der alte Ort wird nicht nur buchst\u00e4blich dem Erdboben gleichgemacht, er verschwindet komplett mitsamt der Erdoberfl\u00e4che, die ihn umgeben hat: Keine Ruinen, keine Landschaft bleiben als sichtbare Erinnerung \u00fcbrig. Paradoxerweise ist in vielen Ortschaften die Ank\u00fcndigung der d\u00f6rflichen Apokalypse der wichtigste Grund, sich \u00fcberhaupt wieder als Gemeinschaft zu finden &#8211; und entsprechend fragil scheint diese Gemeinschaft dann auch zu sein, wenn der negative Anlass seine Wucht eingeb\u00fcsst hat.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7001\/6393870823_212150c1e8_d.jpg\" alt=\"Immerath (neu)\" \/><\/p>\n<p>Denn die meisten dieser neuangelegten D\u00f6rfer entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft (und als Teil) von anderen Gemeinden; auf den ersten Blick sehen sie darum aus wie andere Neubaugebiete auch, und man muss oft genau hinsehen, um Merkmale von Eigenst\u00e4ndigkeit auszumachen. In vielen F\u00e4llen scheinen sie in den folgenden Jahren und Jahrzehnten reibungslos in die aufnehmenden Siedlungen aufzugehen. Obwohl sich die Planer meist einige M\u00fche geben, den neuen Siedlungen eigenen Charakter zu geben, etwa durch ein eigenes Zentrum mit einem Dorfplatz, um den sich Gesch\u00e4fte, Kirche und kommunale Einrichtungen gruppieren, oder indem H\u00fcgel, B\u00e4cher oder W\u00e4lder als nat\u00fcrliche Grenzmarkierungen einbezogen werden. Die neuen Siedlungen sollen m\u00f6glichst auch nicht zu rei\u00dfbretthaft aussehen: Stra\u00dfen und Wege d\u00fcrfen auch krumm verlaufen  Dass die neuentstandenen D\u00f6rfer trotzdem oft austauschbar und blutleer wirken, liegt nat\u00fcrlich nicht nur daran, dass sie neu sind und noch keine jahrhundertealte Patina vorweisen k\u00f6nnen, sondern dass mit dem, was so an Entsch\u00e4digungs- und F\u00f6rdergeldern flie\u00dft, nicht unbedingt viel herzumachen ist und dass man den H\u00e4usern ansieht, dass sie &#8211; anders als in einem \u00fcber Jahrhunderte gewachsenen Dorf &#8211; alle im selben Zeitgeschmack entstanden sind.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7032\/6393856185_5a2c8d0ac1_d.jpg\" alt=\"Neu-Lich-Steinstra\u00df\" \/><\/p>\n<p>Eine interessante Nuance hat sich zuletzt bei den Namensgebungen ver\u00e4ndert: Fr\u00fcher trugen die neuen Siedlungen stets den Namen der alten mit dem Zusatz &#8222;Neu-&#8220; davor: Neu-Bottenbroich, Neu-M\u00f6drath. Heute wird das &#8222;neu&#8220; nur noch versch\u00e4mt in Parenthesen versteckt und soll vermutlich, sobald die Erinnerung an die urspr\u00fcnglichen Ortschaften auch in den Datenbanken von Post und Beh\u00f6rden verblasst ist, ganz verschwinden. Die neuen Siedlungen sollen also nicht mehr nur eine Neuausgabe eines verschwundenen Ortes sein, sondern dieser Ort selbst, seine an einen anderen Platz hin\u00fcber gerettete Essenz.<\/p>\n<p>Aber nat\u00fcrlich haben Orte keine Essenz, die sich so einfach herausdestillieren und anderswohin transportieren lie\u00dfe. Was man retten kann, sind allenfalls ein paar Spuren, die um so deutlicher auf Diskontinuit\u00e4t hinweisen, wie die Kreuze untergegangener Gr\u00e4ber an einer nagelneuen Kirchhofsmauer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7034\/6393822521_e7542418da_d.jpg\" alt=\"Neu-Bottenbroich\" \/><\/p>\n<p><font size=1>Bilder aus Otzenrath\/Spenrath (neu), Immenrath (neu), Neu-Lich-Steinstra\u00df und Neu-Bottenbroich<\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexander Trevi, Autor des Landschaftsarchitektur-Blogs Pruned, hat einen interessanten \u00e4lteren Artikel wiedergepostet: Vor einigen Jahren haben Bauingenieure der Purdue University einen interessanten Vorschlag gemacht, wie Istanbul die Risiken eines katastrophen Erdbebens vermindern k\u00f6nnte. N\u00e4mlich einfach durch den Bau einer neuen Stadt. 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