{"id":1413,"date":"2013-03-20T16:27:00","date_gmt":"2013-03-20T13:27:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1413"},"modified":"2013-03-20T16:27:00","modified_gmt":"2013-03-20T13:27:00","slug":"beltrovata","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2013\/03\/20\/beltrovata\/","title":{"rendered":"Beltrovata"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.staticflickr.com\/2708\/4280130820_5eb0295ecd_z_d.jpg\" alt=\"Dachreiter des Hauses Ahr\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Meine liebe gro\u00dfe sch\u00f6ne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zur\u00fcck, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entz\u00fccken gen S\u00fcden, und ich bin \u00fcberzeugt d\u00df sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.<br \/>\n<em>&#8211; Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die &#8222;gro\u00dfe sch\u00f6ne Schwester&#8220;, von der hier die Rede ist, hie\u00df Betty Tendering, und das &#8222;elterliche Gut&#8220; war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf H\u00f6he des Rheinkilometers 800 und ganz in der N\u00e4he eines D\u00f6rfchens mit dem h\u00fcbschen Namen G\u00f6tterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen k\u00f6nnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal geh\u00f6rt hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg s\u00fcd\u00f6stlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer gro\u00dfen, als Badesee beliebten Kiesgrube, pr\u00e4sent.<\/p>\n<p>Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Bauf\u00e4lligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz ges\u00e4umt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom K\u00fchlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die \u00c4cker und Wiesen durchqueren. \u00dcbrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstra\u00dfe aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekr\u00f6nt wurde, sa\u00df im Mai 1856 also die erw\u00e4hnte Betty Tendering, tr\u00e4umte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom <em>Gr\u00fcnen Heinrich<\/em> verewigt und in der Gestalt der Dortchen Sch\u00f6nfund der Literaturgeschichte \u00fcberantwortet hatte.<!--more--><\/p>\n<p>Betty Friederica Antoinette Tendering wurde 1831 auf Haus Ahr geboren, als j\u00fcngste von insgesamt f\u00fcnf Schwestern (von denen eine allerdings schon im Kindbett verstorben war). Ein biographisches Detail hat Keller in den Roman \u00fcbernommen: Wie Dortchen verlor auch Betty fr\u00fch ihre Eltern. Die Mutter Antoinette starb etwas \u00fcber ein halbes Jahr nach der Geburt, der Vater Carl Christian sieben Jahre sp\u00e4ter. (Die Grabmale der Eltern gibt es \u00fcbrigens heute noch: Das des Vaters steht auf dem Friedhof der evangelischen Kirche in Voerde, das der Mutter ist an der Kirchenwand angebracht, direkt neben dem Grabstein einer &#8222;Betti Tendering&#8220;, bei der es sich um die zweite Frau des Vaters handeln d\u00fcrfte, die auch Bettys Patin war).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8108\/8567065062_7be9a25841.jpg\" alt=\"Grabmal Christian Carl Tendering\" \/><\/p>\n<p>Die Schwestern wuchsen haupts\u00e4chlich bei Verwandten auf, unter anderem bei <a href=\"http:\/\/www.rheinische-geschichte.lvr.de\/persoenlichkeiten\/R\/Seiten\/WilhelmRo%C3%9F.aspx\">Wilhelm Ro\u00df<\/a>, dem Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits, einem niederrheinischen Geistlichen mit schottischer Ahnengalerie. Ro\u00df hatte in Berlin Karriere gemacht und vor allem die Sympathie des K\u00f6nigs erworben, was ihm schlie\u00dflich den Titel eines Bischofs des Rheinlands und Westfalens einbrachte. (Fontane kannte und sch\u00e4tzte den &#8222;alten Bischof Ro\u00df&#8220;, dessen &#8222;Einfachheit, Wandel, Herzensg\u00fcte, Mut, Selbstsuchtslosigkeit, noble Gesinnung&#8220; das &#8222;Essentielle des Christentums&#8220; verk\u00f6rpere; im Rheinland dagegen hatte er eher den Ruf eines preu\u00dfischen Gro\u00dfinquisitors.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8251\/8565979019_56f757c76c.jpg\" alt=\"Grabmal Antoinette Tendering\" \/><\/p>\n<p>Die \u00e4lteste Schwester Lina (*1825) heiratete 1849 den Berliner Verleger <a href=\"http:\/\/www.berliner-grabmale-retten.de\/grabmal-franz-duncker\/\">Franz Duncker<\/a>. Duncker war Herausgeber der Berliner Volks-Zeitung, einer der wichtigsten liberal-demokratischen Stimmen in Preu\u00dfen, und Mitgr\u00fcnder der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, einer liberal ausgerichteten Arbeiterorganisation, die in Konkurrenz zu den sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaften entstand. Im Dunckerschen Haushalt etablierte sich in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts einer der beliebtesten und einflussreichsten Salons des literarischen Berlin, in dem Lina als Gastgeberin eine ma\u00dfgebliche Rolle spielte. Sie muss eine bemerkenswerte Pers\u00f6nlichkeit gewesen sein, was uns erneut Fontane best\u00e4tigt, der sie eine &#8222;durch Klugheit und pikantesten Esprit ausgezeichnete Frau&#8220; nennt. F\u00fcr den Juristen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_H%C3%BCffer\">Hermann H\u00fcffer<\/a> war sie eine &#8222;kluge, geistvolle Frau&#8220; und ihrem Mann sogar &#8222;an Charakterst\u00e4rke und Scharfsinn [\u2026] unzweifelhaft \u00fcberlegen&#8220;; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julius_Rodenberg\">Julius Rodenberg<\/a> beschrieb sie als &#8222;junge, vornehme Dame, niemals sch\u00f6n, oder auch nur weiblich anmutig, aber von einer weiten und tiefen Sympathie f\u00fcr alle gro\u00dfen und freiheitlichen Bestrebungen, von einer unendlichen Attraktion f\u00fcr die Jugend&#8220;.<\/p>\n<p>Eine Besonderheit des Dunckerschen Salons war die offene und unverstellte Atmosph\u00e4re. Lina hielt offenbar nicht viel von erbaulichen k\u00fcnstlerischen Attraktionen wie musikalischen Darbietungen oder <em>Lebenden Bildern<\/em>, die in anderen Salons beliebt waren, sondern pflegte lieber lebendige Konversationen \u00fcber politische und literarische Themen. Dabei nahm sie wohl selbst auch kein Blatt vor den Mund, und noch in der Trauerrede kam der Schriftsteller und Stammgast Friedrich Spielhagen nicht umhin, zu erw\u00e4hnen, dass &#8222;so manches Wort [\u2026] in seiner Kindernacktheit, in Anbetracht des Ortes, der Zeit, der umgebenden Personen, die von der Gesellschaftsheuchelei angekr\u00e4nkelt waren, wohl erschrecken mu\u00dfte und erschreckte, aber niemals erschrecken sollte&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8375\/8574918548_46540184d2_n.jpg\" alt=\"Ferdinand Lassalle\" \/><\/p>\n<p>Unter den Besuchern waren bedeutende Namen wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ferdinand_Lassalle\">Ferdinand Lassalle<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Heyse\">Paul Heyse<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fanny_Lewald\">Fanny Lewald<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arnold_Ruge\">Arnold Ruge<\/a>. Mit Lassalle verband Lina Duncker eine besondere Freundschaft, die sich platonisch gab, aber nicht ohne emotionale Komplikationen blieb. Lassalle beanspruchte eine bevorzugte Rolle im Salon und sparte auch nicht mit Kritik an anderen G\u00e4sten, selbst wenn es sich um enge Freunde des Ehepaars handelte. Das f\u00fchrte zwangsl\u00e4ufig zu Verstimmungen, etwa als Lina sich weigerte, dem Intendanturrat Fabrice, mit dem sich Lassalle \u00fcberworfen hatte, die Freundschaft aufzuk\u00fcndigen. Lassalle war zutiefst beleidigt, warf ihr &#8222;mangelnden Gesinnungsadel&#8220; vor und schimpfte: &#8222;Ich befehle h\u00f6chst, h\u00f6chst, h\u00f6chst selten! Sie haben \u2013 au\u00dfer jenem einen \u2013 noch keinen Befehl von mir geh\u00f6rt und werden hoffentlich lange wieder keinen h\u00f6ren. Aber wenn ich behelfe, so verlange ich unerbittlichen, unbedingten Gehorsam. [\u2026] Nein, Madame, ein derartiges Schach lasse ich mir von niemandem und in keiner Stellung bieten in dem Herzen eines Weibes, das mich zu lieben behauptet. Ich bin kein Courmacher und Galan. Ich bin nicht dazu da, da\u00df man sich mit mir am\u00fcsiert. Ich verlange Religion in der Liebe eines Weibes f\u00fcr mich, wenn ich sie wirklich daf\u00fcr nehmen soll.&#8220;<\/p>\n<p>Die Heftigkeit der Anw\u00fcrfe veranlasste Franz Duncker, selbst zu intervenieren und Lassalle zur M\u00e4\u00dfigung zu ermahnen: &#8222;Aus unserem Hause soll Sie niemand verdr\u00e4ngen, wenn Sie es nicht selbst tun.&#8220; Das Verh\u00e4ltnis zwischen Lassalle und Lina blieb jedoch kompliziert, und in einer besonders verwirrenden Phase sucht sie sogar um Rat bei Lassalles Mentorin <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sophie_von_Hatzfeldt\">Sophie Gr\u00e4fin von Hatzfeldt<\/a> nach (die sie ansonsten eher als eifers\u00fcchtige Kontrolleurin seines Privatlebens verd\u00e4chtigte):<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin mit Lassalle stets im Krieg \u00fcber seine Art und die Zeit, mich zu besuchen. Seit gestern 14 Tagen z.B. ist es ihm nicht eingefallen, einen Tag oder einen Abend lange, gem\u00fctlich, aus eigenem Antriebe zu mir zu kommen. Er besucht mich zu einer Zeit, wo er wei\u00df, da\u00df wir essen, und er nicht allein kein Behagen bringen noch finden kann. Ich sage ihm das, er hat zur Antwort nur Redensarten, und weitere Morgenvisiten, und die Abende bin ich allein, Einladung lehnt er ab, wir lesen nie zusammen, kurz ich versichere Ihnen, es fehlt mir jeder Beweis f\u00fcr die Innigkeit eines deutschen Verh\u00e4ltnisses. Wenn er nur von seinen freundlichen Gesinnungen nicht immer spr\u00e4che, so w\u00e4re die Sache einfach und keine menschliche Macht k\u00f6nnte mir helfen. Da er aber trotz dieser kalten Lieblosigkeiten und R\u00fccksichtslosigkeiten mich gern zu haben behauptet, &#8211; so mu\u00df ich den Widerspruch zwischen Wort und Tat aufzukl\u00e4ren, aufzul\u00f6sen suchen, denn wie wir leben, so kann ich nicht weiter leben.<\/p><\/blockquote>\n<p>1861 kam es zum Bruch zwischen beiden. H\u00f6flicherweise tauschte man die gegenseitig verschickten Briefe zur\u00fcck, wobei Lina ihre vernichtet zu haben scheint, jedenfalls ist nur noch Lassalles Teil der Korrespondenz erhalten. (Der Streit zwischen Lassalle und dem verhassten Fabrice wurde im \u00fcbrigen ebenfalls gel\u00f6st, allerdings deutlich handgreiflicher: &#8222;Meinen Gegner betreffend habe ich ihm ein gro\u00dfes Loch in den Kopf geschlagen, das er sich hat n\u00e4hen lassen m\u00fcssen&#8220;, meldete Lassalle stolz an die Mutter.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8108\/8574979016_cdbce7437a_n.jpg\" alt=\"Gottfried Keller\" \/><\/p>\n<p>Auch Gottfried Keller war in seiner Berliner Zeit ein h\u00e4ufiger Gast im Dunckerschen Hause, allerdings einer, der sich mit der dort gepflegten Geselligkeit h\u00e4ufig schwer tat. &#8222;In seiner urw\u00fcchsigen Schweizer Derbheit machte der kleine, breitschultrige, untersetzte, eisenfeste, wortkarge, b\u00e4rtige Mann mit den sch\u00f6nen ernsten und feurigen dunklen Augen unter der m\u00e4chtigen Stirn, der indes, wenn ihn etwas oder irgendwer \u00e4rgerte, nicht nur sehr unverhohlen seine Meinung \u00e4u\u00dferte, sondern auch immer bereit war, ihr mit seinen kr\u00e4ftigen F\u00e4usten mehr Nachdruck zu geben, zwischen den abgeschliffenen Berliner Menschen eine ganz eigent\u00fcmliche Figur&#8220;, schrieb der Maler Ludwig Pietsch.<\/p>\n<p>F\u00fcr Keller selbst waren die Jahre in Berlin \u00fcberhaupt eine zwiesp\u00e4ltige Erfahrung: Die Stadt war ihm ein &#8222;verfluchtes Klatschnest&#8220;, ein &#8222;Bu\u00dfort und eine Korrektionsanstalt&#8220;, die ihm &#8222;vollkommen den Dienst eines pennsylvanischen Zellengef\u00e4ngnisses geleistet&#8220; habe. Dunckers besuchte er immerhin mit einiger H\u00e4ufigkeit, und auch Lina Duncker war der sperrige Schweizer sympathisch: Noch einige Zeit nach seinem Weggang aus Berlin blieb sie mit ihm in brieflichem Kontakt. Ab und zu ging es dabei auch um Linas Schwester Betty, die Keller im Winter 1854 im Dunckerschen Hause kennengelernt hatte. Sie muss eine bemerkenswerte Erscheinung gewesen sein: Pietsch schildert sie als &#8222;ein wahres Elitewesen an Leib und Seele, wie es die Natur nur selten in ihren gl\u00fccklichsten Momenten und in ihrer besten Geberlaune schafft. Mit der Hoheit ihrer Erscheinung war ruhevolle Grazie und Anmut der Bewegungen innigst verbunden. Der sch\u00f6ne Hals trug ein von schwarzem, langem, reichem Gelock, umwalltes M\u00e4dchenhaupt mit einem Profil von klassischem Adel der Linien.&#8220; Sie selbst fand ihr \u00c4u\u00dferes allerdings weniger anziehend und nannte sich einmal (in einer Korrespondenz, auf die wir noch zu sprechen kommen werden) &#8222;ein Leuchtw\u00fcrmchen in gro\u00dfer Ausgabe, grau und unsch\u00f6n, das aber in heimlicher Dunkelheit aufgl\u00fcht, um dem einsamen Spazierg\u00e4nger im Walde lieb und freundlich zu erscheinen&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8109\/8574937662_efddb9273c_n.jpg\" alt=\"Betty Tendering\" \/><\/p>\n<p>Gleichwohl: Keller verliebte sich in die junge Frau, fand aber nicht den Mut, ihr diese Zuneigung einzugestehen. Anvertraut hat er sie nur der Schreibunterlage, die er w\u00e4hrend der Arbeit an seinem <em>Gr\u00fcnen Heinrich<\/em> benutzte. \u00dcber und \u00fcber ist sie mit Dutzenden Variationen auf Bettys Namen, Wortspielereien, Versen und kleinen Karikaturen bekritzelt: &#8222;Bettchen? Bettchen? Rheinl\u00e4nderchen? Was schl\u00e4gt die Glocke?&#8220; steht neben kleinen, mit Herzchen versehenen Gl\u00f6ckchen, unter einem fidelnden Knochenmann findet sich der Seufzer: &#8222;die letzte die Beste! die letzte die Beste!&#8220; und an einer anderen Stelle die frustrierte Feststellung: &#8222;Resignatio ist keine sch\u00f6ne Gegend!&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8524\/8574937740_c140ea880b.jpg\" alt=\"Fidelndes Skelett\" \/><\/p>\n<p>Auch das Wortspiel, das zu Dortchens Nachnamen f\u00fchrte, ist auf der Schreibunterlage festgehalten: Aus den Initialen der Angebeteten machte Keller &#8222;la bella Trovata, belle trouv\u00e9e&#8220;, die sch\u00f6ne Gefundene. Auf die Bedeutung des Vornamens werden wir im Roman schon ausdr\u00fccklich hingewiesen: &#8222;Ja, Dortchen ist nicht Hierchen!&#8220;, seufzt der liebeskranke Heinrich Lee einmal, und tats\u00e4chlich findet sich in den kleinen G\u00e4rtchen und Zimmerchen, die Keller auf die Unterlage kritzelt, nirgends eine weibliche Gestalt.<\/p>\n<p>Peter Villwock hat vor Jahren im <em>Raben<\/em> eine Analyse dieses erstaunlichen Dokuments versucht; der Aufsatz ist <a href=\"http:\/\/www.gottfriedkeller.ch\/frameset.html?http:\/\/www.gottfriedkeller.ch\/aufsatz\/betty.htm\">auf der Gottfried-Keller-Website<\/a> nachzulesen. Die Frage, warum Keller &#8222;das nach seinem Tod als Ms. GK 8 b in der Zentralbibliothek Z\u00fcrich archivierte Dokument einsamer Vergeblichkeit ein Leben lang&#8220; aufbewahrte, konnte er aber auch nicht beantworten:<\/p>\n<blockquote><p>Was &#8218;bedeutet&#8216; der Wirbel der Zeichen, Zahlen, Worte, Bilder? Ist es ein psychologisches, psychiatrisches, biographisches, literarisches, k\u00fcnstlerisches Dokument? \u00e9criture automatique, Triebabfuhr, kolossale Kritzelei \u00e0 la Heinrich Lee, chinesischer Tempel \u00e0 la Veit\/Emanuel (in den <em>Drei gerechten Kammmachern<\/em>), Parergon, Paralipomenon, Palimpsest, dispositif, diff\u00e9rance, d\u00e9sir, Pr\u00e4text, Metatext, Subtext, Werk? Wie lesen? Was lesen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Tohuwabohu auf der Schreibunterlage erinnert in der Tat \u2013 wie auch W.G. Sebald bemerkt hat \u2013 auch an eine &#8222;kolossale Kritzelei&#8220;, die Heinrich im Roman anfertigt:<\/p>\n<blockquote><p>An eine gedankenlose Kritzelei, welche Heinrich in einer Ecke angebracht, um die Feder zu proben, hatte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen angesetzt, welches er jeden Tag und fast jede Stunde in zerstreutem Hinbr\u00fcten weiter spann, so da\u00df es nun den gr\u00f6\u00dften Theil des Rahmens bedeckte.<\/p><\/blockquote>\n<p>W\u00e4hrend das Chaos der Schreibunterlage jedoch unentwirrbar bleibt, soll das Durcheinander auf Heinrichs Gem\u00e4lde zumindest eine gewisse Methode haben, wenn wir dem Erz\u00e4hler glauben d\u00fcrfen:<\/p>\n<blockquote><p>Betrachtete man das Wirrsal noch genauer, so entdeckte man den bewunderungswerthesten Zusammenhang, den l\u00f6blichsten Flei\u00df darin, indem es in Einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Kr\u00fcmmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewisserma\u00dfen eine neue Epoche der Arbeit, neue Muster und Motive, oft sehr zart und anmuthig, tauchten auf, und wenn die Summe der Aufmerksamkeit, Zweckm\u00e4\u00dfigkeit und Beharrlichkeit, welche zu dieser unsinnigen Mosaik erforderlich war, verbunden mit Heinrich&#8217;s gesammeltem Talente, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden w\u00e4re, so h\u00e4tte er ein Meisterwerk liefern m\u00fcssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Stockungen, gewisserma\u00dfen Verknotungen in diesen Irrg\u00e4ngen einer zerstreuten, gramseligen Seele, und die sorgsame und kluge Art, wie sich die Federspitze aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies deutlich, da\u00df das tr\u00e4umende Bewu\u00dftsein Heinrich&#8217;s aus irgend einer Patsche hinauszukommen suchte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der einzige, den Keller zumindest so halbwegs einweiht, ist der Freund Hermann Hettner. Dem klagt er im Mai 1855, er erlebe zwar &#8222;gegenw\u00e4rtig etwas [\u2026], was einem heitern und sch\u00f6nen Sterne zu gleichen scheint&#8220;, seine prek\u00e4re finanzielle Lage drohe aber, ihm dieses Erlebnis zunichte zu machen. Ein halbes Jahr sp\u00e4ter beschwert er sich beim Freund, der Teufel habe ihm &#8222;eine ungef\u00fcge Leidenschaft auf den Hals geschickt, die ich ganz allein sei dreiviertel Jahren auf meiner Stube verarbeiten mu\u00df und die mich alten Esel neben dem \u00fcbrigen \u00c4rger, Zorn und mit den Schulden um die Wette zwickt und qu\u00e4lt&#8220;. Und er st\u00f6hnt: &#8222;Das gr\u00f6\u00dfte Uebel und die wunderlichste Composition, die einem Menschen passiren kann, ist, hochfahrend, bettelarm und verliebt zu gleicher Zeit zu sein und zwar in eine elegante Personage.&#8220;<\/p>\n<p>Die &#8222;elegante Personage&#8220; wird im Roman freilich zu nichts weniger als einer Epiphanie des Weiblichen und zur Summe aller Frauengestalten, in die sich Heinrich im Roman verliebt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abO,\u00bb sagte er unter den B\u00e4umen, \u00abwas f\u00fcr ein ungeschickter und gefrorner Christ bin ich gewesen, da ich keine Ahnung hatte von diesem leidvollen und s\u00fc\u00dfen Leben! Ist diese Teufelei also die Liebe? Habe ich nur ein St\u00fcckchen Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Thr\u00e4ne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch that ich so sch\u00f6n mit meinen Gef\u00fchlen! Ich schwur, der Todten ewig treu zu sein; hier aber w\u00e4re es mir nicht einmal m\u00f6glich, dieser Treue zu schw\u00f6ren, so lange sie lebt und jung und sch\u00f6n ist, da dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts Anderes denken kann! W\u00e4re es hier m\u00f6glich, da\u00df meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Theile auseinander fiele, da\u00df neben dieser mich ein anderes Weib auch nur r\u00fchren k\u00f6nnte? Nein! Diese ist die Welt, alle Weiber stecken in ihr beisammen, ausgenommen die h\u00e4\u00dflichen und schlechten!<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8229\/8574937714_776a664156.jpg\" alt=\"Wohnzimmer\" \/><\/p>\n<p>Wie Keller findet aber auch Heinrich nicht den Mut, der Angebeteten seine Liebe zu gestehen, selbst als ihm das Schicksal (in Form eines als Entscheidungshilfe geworfenen Steins) ein Gest\u00e4ndnis abzufordern scheint und ein fast ungest\u00f6rtes Tete-a-Tete als Gelegenheit beschert, bei dem lediglich ein ahnungsloser Pfarrer durch seine Anwesenheit st\u00f6rt. Wir erfahren im Roman nicht einmal, ob Dortchen \u00fcberhaupt mehr als nur Sympathie f\u00fcr ihn empfindet, genau so wie wir nur vermuten k\u00f6nnen, ob Betty Tendering etwas von Kellers Zuneigung ahnte und was sie von ihm gehalten haben mochte.<br \/>\nAuch aus der Korrespondenz Kellers mit Lina l\u00e4sst sich nicht viel erschlie\u00dfen. Keller habe sich ihrer Schwester gegen\u00fcber &#8222;stets so unartig und m\u00fcrrisch wie m\u00f6glich&#8220; verhalten, tadelte sie einmal:<\/p>\n<blockquote><p>Wir f\u00fchren zuweilen, Betty und ich, eine kleine Scene auf, in der ich Keller spiele. Sie k\u00f6nnen denken wie nat\u00fcrlich das ist. Es handelt sich um ein bijou, was Sie fallen lie\u00dfen. So nannten Sie wenigstens irgend ein, einer Schaale entfallenes, Ding. &#8211; Meine Schwester hebt es auf, &#8211; unerh\u00f6rt freundlich huldvoll von einem sch\u00f6nen gro\u00dfen stolzen M\u00e4dchen. Sie pr\u00e4sentirt es Ihnen und Sie kratzen es ihr ungest\u00fcm und barsch aus der Hand, und legen es an Ort und Stelle, ohne Dank ohne irgend ein schmeichelhaftes oder erstauntes Wort. &#8211; Betty steht erstarrt vor Ihnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Szenenbeschreibung, die Keller umgehend zu korrigieren sich gen\u00f6tigt sah: &#8222;Uebrigens stand Ihre Fr\u00e4ulein Schwester nicht, sondern sa\u00df auf einem Stuhle, als ich jenen Knopf oder kleinen Compa\u00df suchte, und als sie so huldvoll war, mir ihn zu geben, trotzte ich das Ding nicht ihr aus der Hand, sondern nahm es verbl\u00fcfft und dem\u00fcthig in Empfang. Eine besondere Rede daran zu kn\u00fcpfen, war ich freilich nicht behende genug.&#8220; Wobei er jedoch gleich die Feststellung nachschob, er sei &#8222;von jeher h\u00f6flich und respektvoll gegen Ihre Schwester gesinnt&#8220; gewesen. Und \u00fcberhaupt habe sie ihm ja auch einmal einen &#8222;sch\u00f6nen Handel angerichtet\u201c, und zwar &#8222;als sie vorigen Sommer die artige Laune hatte, meine Mutter aufsuchen zu wollen&#8220;.<\/p>\n<p>Betty hatte sich tats\u00e4chlich im Sommer 1855 auf eine Reise in die Schweiz begeben und wollte dabei auch Kellers Mutter ihre Aufwartung machen. Zu einem Treffen kam es allerdings nicht, weil sie die Mutter nicht antraf, aber das Auftauchen der eleganten junge Dame sorgte in der Nachbarschaft und in Kellers Freundeskreis f\u00fcr reichlich Gespr\u00e4chsstoff, und sein Freund Wilhelm Schulz teilte ihm geradewegs mit, aus der &#8222;lebhaften Charakterschilderung&#8220; der Nachbarn gehe &#8222;aufs deutlichste hervor, da\u00df die benannte Betty Tendering die unverkennbarste \u00c4hnlichkeit mit dem Dortchen Sch\u00f6nfund hat, und da\u00df sie dermalen an keine andere Unsterblichkeit glaubt, als an die des Dichters Gottfried Keller. Darum ist nur das eine zu w\u00fcnschen: da\u00df es dieser Gottfried Keller nicht ebenso mache, wie sein Gr\u00fcner Heinrich bei dem Dortchen Sch\u00f6nfund, sondern da\u00df er gegen\u00fcber der Betty Tendering beizeiten das Maul auftue, was er indessen \u2013 nach seinem offenen Schreiben zu schlie\u00dfen \u2013 mit vollst\u00e4ndiger Offenheit vielleicht schon wirklich vollzogen hat.&#8220;<\/p>\n<p>Das ihm der Tratsch quasi auf die Schliche gekommen war, das war f\u00fcr Keller dann doch zu viel, zumal sich ja nicht ausschlie\u00dfen lie\u00df, dass man auch in Berlin vernehmen k\u00f6nnte, wor\u00fcber man sich in Z\u00fcrich die M\u00e4uler zerriss: Der &#8222;L\u00e4rm von der Pracht und Leutseligkeit des fremden Fr\u00e4uleins&#8220; sei unter allen Bekannten wie ein Lauffeuer umgegangen, erkl\u00e4rte er sich Lina, und er habe &#8222;schon damals in Briefen und bei meiner Heimkehr m\u00fcndlich eine Neugierde und ein Klatschwesen auszustehen, die \u00fcber das Bohnenlied hinausgingen&#8220; und ihn dazu zwangen, &#8222;mit entschiedener Grobheit dazwischen&#8220; zu fahren: &#8222;Ich kann mir aufrichtig das Lob geben, da\u00df ich mich ritterlich f\u00fcr das Fr\u00e4ulein gewehrt habe, damit sie in keinen falschen Verdacht komme.&#8220;<\/p>\n<p>Die ritterliche Verteidigungslinie hielt er allerdings nicht durchweg: In eine Brief an seine Mutter spielte er vielmehr selbst den Gekr\u00e4nkten und schilderte Betty als kaprizi\u00f6ses &#8222;junges Frauenzimmer&#8220;, das er &#8222;in einem befreundeten Hause \u00f6fters sehe&#8220;, wo &#8222;sie tat, als ob sie viel auf mir hielte&#8220;. Der beabsichtigte Besuch, behauptete er der Mutter gegen\u00fcber, sollte &#8222;auch eine Schufterei sein, damit ich mir etwa einbilde wei\u00df Gott was; denn sie hat mir eine ganze Reihe solcher Geschichten gemacht, und es kam ihr nicht darauf an, nach Hottingen hinauszulaufen; wozu ich viel Vergn\u00fcgen w\u00fcnsche! Ich hockte inzwischen lang gut in Berlin. Es ist \u00fcbrigens ein reiches, sch\u00f6nes und gro\u00dfes M\u00e4dchen, welches weder Vater und Mutter mehr hat, nicht wei\u00df, was sie will, und besonders nicht leiden kann, wenn ich nicht alle Welt den Hof macht.&#8220; Einige Zeit sp\u00e4ter er\u00f6ffnete er der Mutter dann doch, dass es da eine &#8222;traurige Aff\u00e4re&#8220; gegeben habe, von der er &#8222;so viel Kummer und Verdru\u00df gehabt, da\u00df ich fast nichts tun konnte und wieder r\u00fcckw\u00e4rts kam&#8220;. Das pl\u00f6tzliche Gest\u00e4ndnis hatte einen Grund: Er wollte fort von Berlin  \u2013 &#8222;es gibt in dieser Sache keinen andern Ausweg, als da\u00df ich von hier weggehe&#8220; \u2013, aber er steckte knietief in finanziellen Schwierigkeiten und ohne Hilfe der Mutter fehlten ihm die Mittel zur Heimkehr.<\/p>\n<p>Im Dezember 1855 konnte Keller Berlin endlich verlassen und lie\u00df sich wieder in Z\u00fcrich nieder. &#8222;Meine s\u00e4mmtliche Fr\u00f6mmigkeit und Rechtgl\u00e4ubigkeit im Punkte der Frauen ist auf den Kopf gestellt, und ich kann einzig nur noch ihre wirklich guten Qualit\u00e4ten als M\u00fctter zugeben&#8220;, schrieb er wenig sp\u00e4ter an Lina, &#8222;und daran sind sie auch nicht schuld, sondern die allgemeine Mutter Natur. Ich habe zuviel schlechten Hohn und abgeschmackte H\u00e4nselei bei den nobelsten Frauensleuten sehen m\u00fcssen, als da\u00df ich noch viel auf ihre Empfindungen g\u00e4be.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8228\/8574978988_59606cfbd0_m.jpg\" alt=\"Georg Weerth\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Keller frustriert seine R\u00fcckkehr vorbereitete, hatte sich bereits ein weiterer Verehrer f\u00fcr Betty Tendering eingestellt: Georg Weerth, der Verfasser des satirischen Romans \u00fcber <em>Leben und Taten des Ritters Schnapphahnski<\/em> und mit Marx und Engels einer der Gr\u00fcnder der Neuen Rheinischen Zeitung. Anders als Keller fand Weerth den Mut zum Liebesbekenntnis, und in diesem Fall sind uns auch Bettys Reaktionen darauf \u00fcberliefert.<\/p>\n<p>Weerth hatte Betty schon ein paar Jahre zuvor kennengelernt, aber da war er noch damit besch\u00e4ftigt, sein Leben neu zu ordnen. Die Schriftstellerei hatte er n\u00e4mlich an den Nagel geh\u00e4ngt, weil ihm der <em>Schnapphahnski<\/em> eine dreimonatige Gef\u00e4ngnisstrafe eingebracht hatte. Der Titelheld war eine deutliche Karikatur des preu\u00dfischen F\u00fcrsten Felix Lichnowsky, der allerings im September 1848 \u2013 wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Romankapitel in der Neuen Rheinischen \u2013 w\u00e4hrend der revolution\u00e4ren Umtriebe in Frankfurt ermordet wurde. Weerth wurde daraufhin wegen Verunglimpfung eines Toten vor Gericht gestellt, verurteilt und im K\u00f6lner Klingelp\u00fctz inhaftiert. Nach seiner Entlassung trieb es ihn fort aus Deutschland: Er kehrte zu seinem erlernten Kaufmannsberuf zur\u00fcck, bereiste Europa und lie\u00df sich schlie\u00dflich in der Karibik nieder. Im Jahr 1855 fur er f\u00fcr einige Wochen nach Deutschland zur\u00fcck, traf Betty wieder und machte ihr prompt einen Heiratsantrag:<\/p>\n<blockquote><p>War es ein Wunder, da\u00df ich ihrer gedachte, wenn ich allein im Walde oder auf der See lag? Ich kann es nicht bereuen. Der Sacramento kennt ihren Namen so gut wie der Chimborasso und die Grasfl\u00e4che der Pampas.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber auch wenn er den Namen der Geliebten bis ans Ende der Welt getragen hatte, so schien Weerth der Kraft seiner Worte nicht ganz zu trauen, lenkte er doch gleich ein, dass er &#8222;in Angst und Unbeholfenheit&#8220; gerate, &#8222;denn ich glaube, Sie sind zu sch\u00f6n und zu vornehm f\u00fcr einen Menschen, der sich mit den \u00c4quinoktialst\u00fcrmen herzumzuschlagen hat, mit dem Vomito Negro und mit spanischen Kreolen&#8220;.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8240\/8574937686_ba8025d1c2_n.jpg\" alt=\"Betty Tendering\" \/><\/p>\n<p>In der Tat wies Betty seinen Antrag ab: &#8222;Ich glaube nicht an L\u00e4nge, Tiefe und H\u00f6he in der Liebe, aber ihre fl\u00fcchtige Existenz kann ich nicht bestreiten.&#8220; Und dennoch entwickelte sich in den folgenden Monaten ein Briefwechsel, der zu den anr\u00fchrendsten Korrespondenzen geh\u00f6rt, die es in deutscher Sprache gibt. Auch deshalb, weil er uns Betty Tendering als intelligente und nachdenkliche junge Frau zeigt, die damit k\u00e4mpfte, unter den Optionen, die Frauen damals offenstanden, einen ihr gem\u00e4\u00dfen Platz zu finden: &#8222;Ich bin selbst so treulos wie die Welle oder der Wind, und weil die Ehe die Ewigkeit ist, f\u00fcrchte ich mich vor der Ehe und der Ewigkeit&#8220;, schrieb sie, und an anderer Stelle: &#8222;Ich begreife die Frauen nicht, die nur mit M\u00e4nnern leben k\u00f6nnen. Es gibt eine so z\u00e4rtliche Zuneigung zwischen edlen Frauen, die durch nichts ersetzt werden kann. Da gibt es kein Verbergen, kein Scheuen, man erkennt sich, mag sein ganzes Herz \u00f6ffnen, mag gut sein, mag geliebt werden. Das wird mir sehr fehlen. [\u2026] Ich betrachte mein Geschlecht, als ob ich gar nicht dazugeh\u00f6rte, das l\u00e4sst mich gerecht sein.&#8220;<\/p>\n<p>Weerth versuchte, den ausgeh\u00e4ndigten Korb mit Fassung anzunehmen, ohne jedoch seine Werbungsversuche umgehend einzustellen: &#8222;Dein Brief von heute morgen, statt mich, wie ich f\u00fcrchtete, total zu vernichten, hat mich in lautes Entz\u00fccken versetzt. Ich liebe Dich toller als je vorher, denn ich sehe, da\u00df Du die genialste und liebensw\u00fcrdigste Person bist, die ich gekannt habe.&#8220; Zwar sei Betty &#8222;lange nicht so sch\u00f6n wie viele meiner spanischen Freundinnen&#8220;, f\u00fcgte er hinzu, aber ihre Ausstrahlung schlug ihn dennoch in Bann: &#8222;In vergangener Nacht tr\u00e4umte mir, Du w\u00e4rst eine Giftmischerin. Wir w\u00e4ren 14 Tage verheiratet, und schon wolltest Du mir Blaus\u00e4ure in den Kaffee mischen und mich im Schlafe erdrosseln \u2013 vergifte und erdrossle mich! es ist mir recht.&#8220;<\/p>\n<p>Gleichwohl musste er sich vorhalten lassen, Leidenschaft und Liebe zu verwechseln: &#8222;Auch jetzt lieben Sie mich nicht, Sie haben vielleicht sich vorgenommen, mein Herz zu erobern, weil man ihnen sagte, das sei eine M\u00fche, wenn auch nicht der M\u00fche wert&#8220;, wies ihn Betty zurecht.<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin ein wunderliches Gesch\u00f6pf, halb wissen Sie das. Ich wei\u00df nicht, wozu in mich so sch\u00f6ne Anlagen gelegt sind, wenn sie so zu nichts werden m\u00fcssen. Man hat mich viel geliebt, weil ich vieler Liebe bedarf, denke ich, sonst mu\u00df meine K\u00e4lte angezogen haben. Ich habe oft eine weiche Regung gef\u00fchlt, aber bei der geringsten Ber\u00fchrung zieht sich mein Herz zusammen. Ich kann nur ganz im geheimen, von keinem in meinen Gef\u00fchlen belauscht, an jemanden denken. Etwas Unpraktischeres wie diese Richtung ist nicht zu denken, und sie sehen wohl, ich bin ganz unbrauchbar f\u00fcr die Ehe und einen ehelichen Hausstand.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und setzte ihm noch die Warnung hinzu: &#8222;Eigentlich sollte ein Mann nicht die Frau heiraten, die er liebt, von ihr erwartet man einen Himmel von Gl\u00fcckseligkeit, und wenn man wei\u00df, sie ist ein Weib wie andere, ist man so kalt, so j\u00e4mmerlich ungl\u00fccklich.&#8220;<\/p>\n<p>Die Korrespondenz zwischen beiden dauerte nur von September 1855 bis Anfang 1856, dann bat Betty um ein Ende der Beziehung: &#8222;Vergessen Sie mich ganz, ich werde sehen, wie ich das Leben zu Ende bringe, ein Teil ist vor\u00fcber, und das Alter wird wohl meiner armen Seele Ruhe bringen. [\u2026] ich hoffe recht verst\u00e4ndig zu werden, aber zum Aufgeben meines freien Sinnes ist keine Aussicht.&#8220; Wenige Wochen vor diesem letzten Brief hatte es ein kurzes Wiedersehen in Frankreich gegeben, bei dem Weerth einen letzten, vergeblichen Ann\u00e4herungsversuch unternahm und erneut abgewiesen wurde. Entt\u00e4uscht kehrte er in die Karibik zur\u00fcck. Etwa ein halbes Jahr sp\u00e4ter starb er, gerade einmal 34 Jahre alt, an den Folgen einer Hirnhautentz\u00fcndung.<\/p>\n<p>Geheiratet hat Betty Tendering schlie\u00dflich doch noch: 1860 ehelichte sie den Brauer Heinrich Tigler, Kompagnon der Brauerei Luyken &#038; Tigler in Wesel-Obrighoven. Sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor, ansonsten ist \u00fcber ihr weiteres Leben nicht viel in Erfahrung zu bringen. Es sei &#8222;durch viele Leiden und Sorgen getr\u00fcbt&#8220; gewesen, behauptete der Schweizer Germanist Emil Ermatinger: &#8222;Ihre \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4ltnisse verloren den Glanz, der ihre Jugend umstrahlte; aber sie wuchs an innerem Adel und ertrug schwere Schicksale gefa\u00dft und gro\u00df.&#8220;<\/p>\n<p>Sie starb am 13. April 1902. In ihrem Nachla\u00df fand sich unter anderem der komplette Briefwechsel mit Georg Weerth, den sie bis zu ihrem Tod aufbewahrt hatte. (Ihre Briefe an ihn hatte Georgs Bruder ihr zur\u00fcckerstattet.) Der Dachreiter des Hauses Ahr ist \u00fcbrigens nicht das einzige Denkmal, das auf sie verweist: Das vielleicht angemessenste befindet sich allerdings weit von der Erde entfernt. Im September 1977 taufte der Schweizer Astonom Paul Wild den von ihm entdeckten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beltrovata\">Asteroiden 2368<\/a> auf den Namen <em>Beltrovata<\/em>. Es handelt sich dabei, hei\u00dft es in der Wikipedia, um einen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erdnaher_Asteroid#Amor-Typ\">Asteroiden des Amor-Typs<\/a>, deren Eigenschaft es sei, dass sie die Erdbahn nicht kreuzen, ihr aber von au\u00dfen nahe kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine liebe gro\u00dfe sch\u00f6ne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zur\u00fcck, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entz\u00fccken gen S\u00fcden, und ich bin \u00fcberzeugt d\u00df sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben. &#8211; Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1413","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1413","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1413"}],"version-history":[{"count":7,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1413\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1542,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1413\/revisions\/1542"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1413"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1413"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1413"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}