{"id":1435,"date":"2012-04-26T17:54:51","date_gmt":"2012-04-26T14:54:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1435"},"modified":"2012-06-14T17:54:29","modified_gmt":"2012-06-14T14:54:29","slug":"der-vennbahn-radweg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2012\/04\/26\/der-vennbahn-radweg\/","title":{"rendered":"Der Vennbahn-Radweg"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7083\/7077350233_b9c65b09a7_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg\" \/><\/p>\n<p>In der aktuellen Ausgabe der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn gibt es einen Artikel \u00fcber Radwege auf stillgelegten Bahntrassen. Dass ausgerechnet die Bahn solche Wege als touristisches Highlight abfeiert, ist nicht ohne Ironie. Wenn man heutzutage auf ehemaligen Bahnstrecken ein bisschen Rad fahren kann, dann ist das auch eine Sp\u00e4tfolge der Streckenstillegungen in den Achtzigern und Neunzigern: Damals strich die Bahn das Nahverkehrsangebot im l\u00e4ndlichen Raum radikal zusammen, um sich f\u00fcr den geplanten B\u00f6rsengang h\u00fcbsch zu machen. Der Gang an die B\u00f6rse wurde abgeblasen, die stillgelegten Strecken blieben jedoch zumeist still. Die Idee, diese vergessene Infrastruktur wenigstens f\u00fcr Radfahrer und Fussg\u00e4nger wieder zug\u00e4nglich zu machen, ist erst in den vergangenen Jahren in Mode gekommen, aber die Initiative dazu kommt meist nicht von der Bahn, sondern von lokalen B\u00fcrgerinitiativen oder Fremdenverkehrs\u00e4mtern. <\/p>\n<p>Davon liest man im Artikel nat\u00fcrlich nichts (und auch nicht davon, dass manche Bahnradwege mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht so einfach zu erreichen sind, weil, nun ja, eben kein Bahnanschluss mehr besteht). Immerhin wird darin aber die <a href=\"http:\/\/bahntrassenradeln.de\/\">verdienstvolle Website<\/a> von Achim Bartoschek erw\u00e4hnt, eine beachtliche Internet-Flei\u00dfarbeit, die vermutlich die umfangreichste Ressource zu Radwegen auf alten Bahntrassen darstellt, mit Karten, Geodaten, Fotos, was man eben so braucht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7068\/6931214068_8b898117b1_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg\" \/><\/p>\n<p>Es ist nat\u00fcrlich besonders angemessen, einen solchen Artikel zu lesen, wenn man selbst auf der Fahrt zu einem Bahntrassenradweg ist. Wir hatten uns auf den Weg gemacht, um eine stillgelegte Strecke zu inspizieren, die nicht nur aus eisenbahnhistorischen Gr\u00fcnden interessant ist, sondern vor allem ein grenzpolitisches Kuriosum darstellt: Die Vennbahn, die von Aachen s\u00fcdw\u00e4rts zum Hohen Venn bis nach Luxemburg fuhr. Die Strecke verl\u00e4uft teils durch deutsches, teils durch belgisches Gebiet, teils genau an der Grenze entlang. Das Kuriose: Ein gro\u00dfer Teil der Vennbahntrasse ist auch da, wo er sich durch deutsches Gel\u00e4nde schl\u00e4ngelt, belgisches Hoheitsgebiet. Anders gesagt: Belgien ist zwischen Raeren und Kalterherberg an einigen Stellen nur wenige Meter breit, ein d\u00fcnner, daf\u00fcr kilometerlanger Schlauch, der sich durch die Landschaft schiebt, au\u00dferdem ein paar Fleckchen Deutschland abschneidet und zu Exklaven macht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5235\/6931253130_21e46ed0b5_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg\" \/><\/p>\n<p>Der bemerkenswerte Grenz- und Streckenverlauf ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. Als die Vennbahn Ende des 19. Jahrhunderts von den preu\u00dfischen Staatsbahnen angelegt wurde, geh\u00f6rten die Gebiete um Eupen und Malmedy noch zu Preu\u00dfen beziehungsweise zum Deutschen Reich. Mit dem Ende des Kriegs verschob sich die Grenze nach Osten, und die Bahn m\u00e4anderte nun gleichsam zwischen den L\u00e4ndern hin und her. Die belgische Regierung sah in der Strecke eine wichtige Verkehrsader f\u00fcr die St\u00e4dte in den neuerworbenen Ostkantonen, und nat\u00fcrlich hatte man wohl auch nicht vergessen, dass die Vennbahn im Ersten Weltkrieg auch zu milit\u00e4rischen Zwecken eingesetzt wurde und Teil des strategischen Bahnnetzes war. Belgien verlangte und bekam schlie\u00dflich die Oberhoheit \u00fcber die gesamte Bahnstrecke zwischen Raeren und Kalterherberg, einschlie\u00dflich aller zur Bewirtschaftung notwendiger Geb\u00e4ude und Installationen. Daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert: Auch nach der Stillegung der Strecke und dem Abbau der Gleise ist die Trasse noch immer belgisches Hoheitsgebiet, ebenso das, was von Bahnhofsgeb\u00e4uden, Warteh\u00e4uschen und \u00e4hnlichem noch \u00fcbrig geblieben ist (weswegen der Grenzverlauf, wenn man ihn auf der Landkarte betrachtet, an einigen Stellen ein paar Beulen aufweist).<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Vennbahn zunehmend an Bedeutung: Von den Sechzigern an wurden mehr und mehr Abschnitte aufgegeben, 1989 kam die endg\u00fcltige Stillegung der Bahn. Ein paar Jahre lang fuhr gelegentlich noch eine Museumsbahn \u00fcber die Trasse, aber auch dieser Betrieb wurde Anfang des Jahrtausends wegen Unrentabilit\u00e4t aufgegeben, schlie\u00dflich die Gleise abgebaut. Vor einigen Jahren gab es mal einen kleinen Sturm im Wasserglas, als ein belgischer Lokalpolitiker behauptete, Belgien k\u00f6nnte sich bereit erkl\u00e4ren, das Bahngel\u00e4nde an Deutschland abzutreten, was aber von den zust\u00e4ndigen belgischen und deutschen Ministerien rasch dementiert wurde, bevor die Aufregung \u00fcber den Gebietsverlust allzu gro\u00dfe Kreise in der belgischen \u00d6ffentlichkeit ziehen konnte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5466\/7077373845_c84ff04c36_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg\" \/><\/p>\n<p>Die Bemerkungen des Lokalpolitikers brachten der Vennbahn immerhin wieder ein bisschen \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit. Ungef\u00e4hr zur gleichen Zeit wurde wohl auch beschlossen, die Trasse der Vennbahn zum Radweg umzugestalten und ins sogenannte RAVeL-Netz einzugliedern. Die Abk\u00fcrzung steht f\u00fcr R\u00e9seau Autonome de Voies Lentes, ein Netzwerk von Wegen f\u00fcr langsame Fortbewegungsarten, das im wallonischen Teil Belgiens seit einigen Jahren aus alten Eisenbahnstrecken, aber auch Treidelpfaden und ehemaligen Markt- und Kirchwegen aufgebaut wird. (Eine offizielle Dokumentation dieses Netzwerks findet sich <a href=\"http:\/\/met.wallonie.be\/opencms\/opencms\/fr\/ravel\/\">hier<\/a>.)<\/p>\n<p>In die Sache ist nun tats\u00e4chlich Bewegung gekommen. Es wird gebaut auf der Vennbahnstrecke und bis 2013 soll hier ein Radweg entstehen, der von Aachen bis ins luxemburgische Troisvierges f\u00fchrt &#8211; 130 km lang, wenig markante Steigungen und meist abseits von stark befahrenen Stra\u00dfen. Und das auf einer ausgesprochen reizvollen Strecke: Es gibt viele aussichtsreiche Abschnitte (im Unterschied zu anderen Bahnstrecken wurde die Vennbahntrasse nur an wenigen stellen durch enge Tr\u00f6ge gef\u00fchrt), ausgedehnte Waldgebiete, sumpfige Vennlandschaften, schroffe Felsen und bemerkenswerte Infrastruktur wie zum Beispiel das spektakul\u00e4re Viadukt, das beim Kloster Reichenstein \u00fcberquert wird. Abgesehen davon ist die Strecke auch einfach ein guter Verbindungsweg zu anderen Zielen, wie dem Hohen Venn, Monschau, oder Richtung Eupen und Malmedy.<\/p>\n<p>Ein besonderer Reiz dieser Strecke liegt nat\u00fcrlich darin, dass man \u00fcber einen langen Abschnitt quasi auf der Grenze entlang f\u00e4hrt. Als Kind habe ich oft stundenlang die Grenzverl\u00e4ufe auf Landkarten studiert, je bizarrer und m\u00e4andernder, um so interessanter, und ich habe mir dann oft ausgemalt, an diesen Grenzlinien entlang zu marschieren und ihre Spuren in der Landschaft zu suchen. Die Vennbahn ist nicht nur ein perfektes Terrain f\u00fcr Eisenbahn-Nostalgiker, sondern auch f\u00fcr kartographische Nerds, die sich f\u00fcr Ex- und Enklaven und \u00e4hnliche territoriale Koketterien begeistern k\u00f6nnen. Hier f\u00e4hrt man kilometerlange durch einen Teil Belgiens, dessen Breite von zwei erwachsenen Menschen mit ausgestreckten Armen ausgemessen kann und mit ein paar Schritten \u00fcberwunden werden kann. Dass man sich in Belgien befindet, merkt man freilich kaum: Au\u00dfer ein paar verbliebenen Kilometersteinen und den typischen viereckigen belgischen Hinweisschildern f\u00fcr Rad- und Fu\u00dfwege gibt es so gut wie keine Indizien.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7258\/7077399755_98fe1be2f6_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg\" \/><\/p>\n<p>Rastpl\u00e4tze und Einkehrm\u00f6glichkeiten sind unmittelbar an der Strecke verst\u00e4ndlicherweise noch kaum vorhanden, aber finden sich oft genug in der N\u00e4he. In Roetgen wurde am ehemaligen Bahnhof ein kleiner Park angelegt. Daneben steht eine ambitioniert gestaltete Rasth\u00fctte, in der sich kurioserweise auch ein Reiseb\u00fcro befindet, das die Touristen auf dem Vennbahn-Radweg mit Urlaubsangeboten aus der T\u00fcrkei und Griechenland bewirbt. Auf der anderen Seite der Gleise gibt es schon eine obligatorische und sehr rustikale belgische Friterie.<\/p>\n<p>Das ist im Moment (Ende April) der Status quo auf der Strecke zwischen Aachen und Kalterherberg:<\/p>\n<p>&#8211; Auf Aachener Stadtgebiet wird die Strecke (die hier nicht belgisches Hoheitsgebiet war) schon seit l\u00e4ngerem als Radweg genutzt: Er beginnt in der N\u00e4he des Bahnhofs Rothe Erde und f\u00fchrt in gro\u00dfz\u00fcgigen Schw\u00fcngen \u00fcber die Ortsteile Brand und Kornelim\u00fcnster bis nach Walheim.<\/p>\n<p>&#8211; Von Walheim bis zur belgischen Grenze haben die Bauarbeiten zwar bereits begonnen, aber sie sind, bis auf kleinere Abschnitte, noch nicht weit gediehen. Bis Raeren muss man derzeit noch \u00fcber Nebenstrecken ausweichen.<\/p>\n<p>&#8211; Von der Grenze ab ist die Strecke dann durchgehend geteert bis nach Lammersdorf. Teilweise stehen zwar noch Absperrungen, aber Spazierg\u00e4nger und Radfahrer sind bereits in gro\u00dfer Zahl auf der Trasse unterwegs. Ein problematischer Abschnitt befindet sich vor Roetgen, kurz nachdem die Strecke sozusagen erstmals das belgische Kernland verl\u00e4sst und als d\u00fcnner Schlauch durch deutsches Gel\u00e4nde f\u00fchrt: Hier mu\u00df die B258, die sogenannte &#8222;Himmelsleiter&#8220;, gequert werden, und zwar ausgerechnet an einer ausgesprochen schlecht einzusehenden und durchaus gef\u00e4hrlichen Stelle: Autos fahren hier oft mit gro\u00dfer Geschwindigkeit, sind aber, wenn sie von der Talseite kommen, erst im letzten Moment zu sehen. Irgendwann soll mal eine Unterf\u00fchrung gebaut werden, aber vorerst hat man von offizieller Seite die \u00dcberquerung einfach verboten und mit Bauz\u00e4unen erschwert. Eine Alternative ist bl\u00f6derweise nicht ausgeschildert. Am besten folgt man dem Radweg, der die B258 begleitet, bergauf, um dann entweder an einer etwas \u00fcbersichtlicheren Stelle die Stra\u00dfe zu queren oder bis nach Roetgen zu fahren, wo die Bundesstra\u00dfe die alte Bahnlinie erneut kreuzt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.staticflickr.com\/5236\/7077306831_54f24ed22f_d.jpg\" alt=\"Vennbahn-Radweg, Himmelsleiter\" \/><\/p>\n<p>&#8211; In der Ortsmitte von Lammerdorf endet die Teerstrecke. Es folgt ein kurzes St\u00fcck, auf dem noch der grobe Schotter des Gleisbetts liegt, aber hinter der Ortschaft ist der Weg bereits so weit bearbeitet, dass die Teerdecke wohl irgendwann in den n\u00e4chsten Wochen aufgebracht werden kann. Auch hier sind trotz Absperrungen schon einige Spazierg\u00e4nger und -radler unterwegs.<\/p>\n<p>&#8211; N\u00f6rdlich vom Monschauer Stadtteil Konzen kreuzt die Bahnstrecke erneut die B258 (die hier \u00fcbrigens selbst eine Art Grenz-Kuriosum bildet, weil sie f\u00fcr ein kurzes St\u00fcck \u00fcber belgisches Territorium f\u00fchrt, ohne Anschluss ans belgische Stra\u00dfennetz zu haben). Von hier ab bis Kalterherberg ist die Strecke in unterschiedlichem Zustand, einige Abschnitte sind schon grob eingeschottert, anderswo sind zumindest die Spuren von Baufahrzeugen zu erkennen. Mountainbiker und Jogger sind schon unterwegs, aber das meiste ist offiziell noch nicht freigegeben und teilweise abgesperrt.<\/p>\n<p>Unterhalb von Kalterherberg ist derzeit vorerst Schlu\u00df, und das Teilst\u00fcck bis Sourbrodt wird vermutlich noch eine Weile unterbrochen bleiben: Natursch\u00fctzer haben gegen den Bau des Radweges protestiert, weil er hier durch ein Brutgebiet seltener Vogelarten f\u00fchren w\u00fcrde. Ab Sourbrodt soll die Strecke aber definitiv fortgef\u00fchrt werden und w\u00fcrde dann westlich von B\u00fctgenbach auf eine weitere, bereits voll ausgebaute RAVeL-Strecke treffen, die nach Malmedy, Stavelot und Trois-Ponts f\u00fchrt. Die weiter s\u00fcdlichen Abschnitte der Vennbahn kenne ich nur zum Teil, aber mit dem Rad sind sie schon in der Gegend um Sankt Vith befahrbar, au\u00dferdem entlang der deutsch-belgischen Grenze bei Burg-Reuland und bis zur luxemburgischen Grenze (da wurde allerdings im vergangenen Jahr noch gebaut).<\/p>\n<p>Und hier eine m\u00f6gliche Route (mit abschlie\u00dfendem Schlenker an der Olef-Talsperre vorbei und zum Bahnhof in Kall).<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.gpsies.com\/mapOnly.do?fileId=wnkgaetpsiveqkej&#038;authkey=B3E69B11CD672DB6527F2E31E5053FA5952A0E0342269602\" width=\"600\" height=\"350\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\"><\/iframe><!--more--><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der aktuellen Ausgabe der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn gibt es einen Artikel \u00fcber Radwege auf stillgelegten Bahntrassen. 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