{"id":145,"date":"2005-07-30T21:49:50","date_gmt":"2005-07-30T19:49:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=145"},"modified":"2005-07-30T23:27:16","modified_gmt":"2005-07-30T21:27:16","slug":"sassygate","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/07\/30\/sassygate\/","title":{"rendered":"Sassygate"},"content":{"rendered":"<p>In Gro\u00dfbritannien haben Blogs zum ersten Mal eine Personalentscheidung in den Mainstream-Medien beeinflu\u00dft: Der <em>Guardian<\/em> trennte sich in der vergangenen Woche von einem Volont\u00e4r, der einer islamistischen Organisation nahesteht.<!--more--><\/p>\n<p>Dass es ausgerechnet den <em>Guardian<\/em> getroffen hat, ist schon etwas kurios: Kaum eine der gro\u00dfen britischen Zeitungen hat Blogs als Medium so  offenherzig integriert. Gut ein Dutzend Weblogs (oder als Blogs deklarierte Rubriken) finden sich auf der Site der Zeitung und der des Schwesterblatts <em>The Observer<\/em>.<\/p>\n<p>Die Aff\u00e4re um den <em>trainee<\/em> Dilpazier Aslam &#8211; aus Gr\u00fcnden, auf die ich gleich kommen werde, auch <em>Sassygate<\/em> genannt -, steht aber nicht nur f\u00fcr einen gewachsenen Einflu\u00df von Blogs (die kann man an so einem Einzelfall eh noch nicht ablesen), sondern auch f\u00fcr die Schwierigkeiten vieler linker und liberaler Publikationen, eine politisch korrekte Linie zu halten, wenn \u00fcber religi\u00f6s motivierten Terrorismus berichtet werden muss.<\/p>\n<p>Der gut gemeinte Multikulturalismus, der dabei herauskommt, ist leider nur ein Tanz durch die Fettn\u00e4pfchen. Der <em>Guardian<\/em> hat dabei, das mu\u00df man schon sagen, eine ziemlich ungl\u00fcckliche Figur abgegeben.<\/p>\n<p>Dass Aslam einen <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/comment\/story\/0,,1527323,00.html\">Kommentar<\/a> zu den Attentaten vom 7. Juli schreiben durfte, ist ja noch im Rahmen des \u00dcblichen: Auch konservative Zeitungen haben danach ihre Vorzeige-Moslems mobilisiert. Der Text des Kommentars war jedoch mehr als sonderbar, zumal f\u00fcr eine Zeitung f\u00fcr den <em>Guardian<\/em>: &#8222;We rock the boat&#8220;, war die \u00dcberschrift, und <em>&#8222;Today&#8217;s muslims aren&#8217;t ignored to ignore injustice&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr mich ein R\u00e4tsel, warum manche Menschen angesichts solcher Ereignisse wie in London statt Trauer oder Schmerz erstmal das Bed\u00fcrfnis empfinden, den Ball sofort wieder ins andre Feld zur\u00fcckzuspielen. Als Reaktion auf die Attentate von London ist das doch eine sehr seltsame Stellungnahme, zumal von jemandem, der sich selbst als &#8222;Yorkshire lad, born and bred&#8220; bezeichnet und sich zumindest britisch genug f\u00fchlt, um die ersten Abs\u00e4tze seines Kommentars in der dritten Person Plural zu schreiben.<\/p>\n<p>Und es ist nicht schwer, den Text als verquere Apologie zu lesen, f\u00fcr &#8211; tja, sagen wir mal, nicht die Attentate, aber daf\u00fcr, dass es eine Wut im Bauch geben k\u00f6nnte, die zu solchen Attentaten f\u00fchrt. Bei der Suche nach den Gr\u00fcnden ist Aslam auch erst mal wenig originell: Der Irak-Krieg ist schuld. Dann bringt er aber doch ein Argument, dass einen schon stutzen l\u00e4\u00dft (zumal die dritte Person Plural hier auf einmal wechselt): Aslam beschwert sich auch \u00fcber die Passivit\u00e4t der \u00e4lteren Generation britischer Moslems, ihre &#8222;Don&#8217;t-rock-the-boat&#8220;-Mentalit\u00e4t, und lobt an der nachfolgenden Generation: &#8222;We&#8217;re much sassier with our opinions, not caring if the boat rocks or not.&#8220;<\/p>\n<p>Nun hat am 7. Juli einiges mehr gebebt als nur ein Boot, und &#8217;sassy&#8216; ist wohl das unpassendste Wort, das man in diesem Zusammenhang finden kann: &#8218;Frech&#8216;, &#8218;vorlaut&#8216; \u00fcbersetzt mein W\u00f6rterbuch, Teenie-Magazine nennen sich so. Die Bomber von London &#8211; nicht mehr als brutalisierte Halbstarke, mit scharf gemachtem D\u00fcngemittel im Rucksack?<\/p>\n<p>Schon merkw\u00fcrdig, dass so ein Text scheinpar problemlos an allen redaktionellen Instanzen vorbei auf die Kommentar-Seite rutschen darf. F\u00fcr den <em>Guardian<\/em> wurde das Ganze aber noch peinlicher, als ein Blogger namens <a href=\"http:\/\/dailyablution.blogs.com\/the_daily_ablution\/2005\/07\/sassy_suicide_b.html\">Scott Burgess<\/a> enth\u00fcllte, dass Aslam der fundamentalistischen Organisation Hizb-ut Tahrir angeh\u00f6rt. Die Hizb-ut Tahrir will das Kalifat wieder errichten und schwingt daf\u00fcr auch schon mal jihadistische und antisemitische Parolen. Aslam war nicht nur Mitglied, sondern hat auch ein paar Texte f\u00fcr diesen Verein publiziert.<\/p>\n<p>Seine Texte f\u00fcr den <em>Guardian<\/em> waren in der Regel harmloser Natur: Wie alle Volont\u00e4re \u00fcber alles m\u00f6gliche geschrieben und \u00fcber nichts so richtig, \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/netnotes\/article\/0,,1427372,00.html\">Geschichte der roten Telefonboxen<\/a>, \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/uk_news\/story\/0,,1492216,00.html\">verschwundene Teenager<\/a> und \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/uk_news\/story\/0,,1417569,00.html\">&#8222;Zehn Dinge, die Sie noch nicht wu\u00dften&#8220;<\/a>. Aber auch, unter der \u00dcberschrift <a href=\"http:\/\/education.guardian.co.uk\/egweekly\/story\/0,,1397256,00.html>Islam Is The Secret To Our Success<\/a>, \u00fcber eine muslimische Schule, und \u00fcber eine Sch\u00fclerin, die sich das Recht auf den Jibab erstritten hat, mit dem Titel <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/uk_news\/story\/0,,1429072,00.html\">I could scream with happiness. I&#8217;ve given hope and strength to Muslim women<\/a>. (Das M\u00e4dchen hatte im Verlauf des Prozesses \u00fcbrigens Unterst\u00fctzung durch die Hizb-ut Tahrir bekommen, was Aslam im Text gar nicht erw\u00e4hnt.) Aslam geh\u00f6rte auch zum Reporter-Team, das nach den Bombenanschl\u00e4gen \u00fcber die Ermittlungen in Leeds berichtete.<\/p>\n<p>Das war nat\u00fcrlich Wasser auf den M\u00fchlen konservativer Blogs, und die klapperten kr\u00e4ftig drauflos: Haben wir&#8217;s nicht gewu\u00dft, die liberale Presse z\u00fcchtet am Terrorismus mit? (Zuf\u00e4llig kam zur selben Zeit eine BBC-Direktive an die \u00d6ffentlichkeit, die aus den Nachrichten \u00fcber London das Wort &#8222;terrorist&#8220; strich und durch &#8222;bomber&#8220; ersetzte.) Aber auch in <a href=\"http:\/\/hurryupharry.bloghouse.net\/archives\/2005\/07\/17\/pale_and_male.php\">linken Blogs <\/a> kam der <em>Guardian<\/em> nicht gut weg.<\/p>\n<p>Auf die Enth\u00fcllungen in den Blogs reagierte die Zeitung \u00e4u\u00dferst hilflos: Man sei eben bem\u00fcht, die &#8222;diversity&#8220; des Personals zu erh\u00f6hen und die Diskussion mit der muslimischen Community zu verbessern. Beim Bewerbungsgespr\u00e4ch habe Aslam seine Mitgliedschaft in der Hizb-ut Tahrir verschwiegen, behauptete das Blatt weiter, mu\u00dfte aber zugleich einr\u00e4umen, dass er im Kollegenkreis keinen Hehl daraus gemacht hatte. In einem &#8222;Background&#8220;-Artikel versucht man das Ganze dann auch wieder herunter zu spielen: Hizb-ut Tahrir sei nur eine &#8222;fringe group&#8220;, &#8222;widely derided as unrepresentative&#8220; (und darum nur ein Haufen harmloser Verr\u00fcckter?).<\/p>\n<p>Dem Blatt war es sogar nicht zu peinlich, pers\u00f6nliche Motive zu denunzieren: Burgess &#8222;spends his time indoors posting repeated attacks on the Guardian&#8220;, tuschelte ein ungenannter &#8222;staff reporter&#8220;, weil Aslam ihn im Bewerbungsverfahren aus dem Feld geschlagen hatte. Und der Kommentator maulte weiter:<\/p>\n<blockquote><p>The story is a demonstration of the way the &#8218;blogosphere&#8216; can be used to mount obsessively personalised attacks at high speed. [&#8230;] The episode was a striking illustration of the way that blogs and bloggers can heat up the temperature and seek to settle scores &#8211; as well as raise legitimate concerns about journalism and transparency &#8211; when something awful happens in the streets of London.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die &#8222;legitimate concerns&#8220; scheinen dann aber doch erheblich gewesen zu sein: Weil Aslam auch auf Dr\u00e4ngen der Redaktion seine Mitgliedschaft in der Hizb-ut Tahrir nicht k\u00fcndigen wollte, schmi\u00df ihn der <em>Guardian<\/em> raus. Die Personal-Diskussion ist man damit erst mal los, das grunds\u00e4tzliche Problem nat\u00fcrlich noch nicht. Aber warum soll der linke Mainstream das Thema auch besser handhaben k\u00f6nnen als  <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=121\">populistische L\u00e4rmbeutel<\/a> von der anderen Seite?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Gro\u00dfbritannien haben Blogs zum ersten Mal eine Personalentscheidung in den Mainstream-Medien beeinflu\u00dft: Der Guardian trennte sich in der vergangenen Woche von einem Volont\u00e4r, der einer islamistischen Organisation nahesteht.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/145","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=145"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/145\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=145"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=145"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=145"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}