{"id":1450,"date":"2012-06-12T18:27:28","date_gmt":"2012-06-12T15:27:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1450"},"modified":"2012-06-12T18:27:28","modified_gmt":"2012-06-12T15:27:28","slug":"corviale","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2012\/06\/12\/corviale\/","title":{"rendered":"Corviale"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7079\/7289389706_a6ab9d1596_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes St\u00fcck Fu\u00dfweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins \u00fcber die Existenz und den Verlauf von Stra\u00dfen. Nach einem falschen Linksabzweig stehen wir prompt in einer Sackgasse, mitten in einer riesigen ungem\u00e4hten Wiese, die nach wilden Kr\u00e4utern duftet, aber von Bauz\u00e4unen umringt und auf Verbotsschildern als Privatgel\u00e4nde ausgewiesen wird. Immerhin: \u00dcber die Blumen und Gr\u00e4ser hinweg sehen wir immerhin zum ersten Mal an diesem Tag auf einem gegen\u00fcberliegenden H\u00fcgel den Corviale: Jenen 1 km langen und elf Stockwerke hohen Behemoth aus Beton, der manchen als Inbegriff aller Verfehlungen moderner Architektur gilt, anderen als zwar gescheitertes, aber doch studierenswertes Experiment utopischer Stadtplanung.<!--more--><\/p>\n<p>Von unserem Aussichtspunkt aus wirkt er weit weniger einsch\u00fcchternd als gedacht, aber die gesamte Ausdehnung des Komplexes bekommt man auch nicht sofort in den Blick, weil sich immer etwas dazwischen schiebt: andere Geb\u00e4ude, H\u00fcgelkuppen, Werbeplakate. Es dauert eine Weile, bis wir einen Punkt finden, von dem man den gesamten Corviale \u00fcberschauen kann. Und auch dann noch sehen wir zun\u00e4chst nicht mehr als einen gro\u00dfen Wohnblock, der zwar au\u00dferordentlich lang gestreckt ist, aber sich sonst noch nicht wesentlich zu unterscheiden scheint von vielen \u00e4hnlichen Blocks, die man in anderen Neubaugebieten der Welt finden kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8158\/7289440268_a1b7316808_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>Erst als wir, nach der \u00dcberquerung von ein, zwei weiteren H\u00fcgelkuppen, direkt zu F\u00fc\u00dfen des Corviale stehen, w\u00e4chst er ins \u00dcberdimensionale. Dann sehen wir auch, dass es sich bei diesem Komplex um mehr handelt als nur ein gro\u00dfes Hochhaus, sondern dass wir es hier tats\u00e4chlich mit einem ganzen Stadtviertel zu tun haben: Ein komplexes System, zu dem auch einige benachbarte Geb\u00e4ude geh\u00f6ren, in denen weitere Appartements, Verwaltung, Polizei und Sportanlagen untergebracht sind, eine Kirche und eine recht weitl\u00e4ufige, etwas heruntergekommene Gr\u00fcnanlage, alles miteinander durch Stra\u00dfen, Br\u00fccken, Treppen und Tunnels verbunden.<\/p>\n<p>\u00dcber allem thront freilich der Beton-Monolith des Hauptkomplexes, der sich wie eine riesige Mauer \u00fcber den Kamm eines H\u00fcgels zieht. Zwischen 8.000 und 9.000 Menschen sollen hier wohnen, vielleicht sogar 10.000, da gibt es unterschiedliche Angaben. Laut einem unserer Reisef\u00fchrer ist der Corviale das l\u00e4ngste Geb\u00e4ude Europas, auch die deutsche Wikipedia behauptet das. Was nicht ganz richtig ist, aber auch nicht ganz falsch: Es gibt (wie man <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/List_of_longest_buildings_in_the_world\" title=\"List of longest buildings in the world\">in dieser Liste<\/a> sehen kann) sogar f\u00fcnf Wohngeb\u00e4ude mit l\u00e4ngerer Fassade, darunter den Marxhof in Wien und den Langen Jammer in Berlin, aber keiner dieser Bauten hat eine so schnurgerade verlaufende Front wie der Corviale. (Ganz gerade ist die Front allerdings auch beim Corviale nicht: Es gibt etwa in der Mitte eine kleine L\u00fccke, und die n\u00f6rdliche H\u00e4lfte des Komplexes ist leicht versetzt.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7245\/7289194268_0aebe65f53_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>Eine voll funktionst\u00fcchtige, vertikale Stadt in einem Geb\u00e4ude unterzubringen (oder zumindest in einem zusammenh\u00e4ngenden Geb\u00e4udekomplex): Das war die Vision der Stadtplaner und Architekten, die f\u00fcr den Corviale verantwortlich zeichneten. Raus aus dem Chaos der veralteten und viel zu engen Innenst\u00e4dte, in die Au\u00dfenbezirke, wo man das Gesicht der modernen Metropole v\u00f6llig neu und nach funktionalen Kriterien am Rei\u00dfbrett durchgestalten konnte. Als 1972 die Planungen am Corviale begannen, war diese Vision freilich kein besonders neues Ph\u00e4nomen mehr, im Gegenteil: Der Backlash war bereits in vollem Gange. Im gleichen Jahr wurde in Saint Louis der Pruitt-Igoe-Komplex demoliert, ein Ereignis, das gerne als Ende der Nachkriegs-Moderne ausgegeben wird. Die Zeit schien vorbei f\u00fcr spektakul\u00e4re st\u00e4dtebauliche Utopien. Und so wirkt der Corviale heute von au\u00dfen nicht weniger antiquiert als manches mittelalterliche St\u00e4dtchen Italiens, das sich von au\u00dfen \u00e4hnlich einsch\u00fcchternd und abweisend gibt und den Fremden mit seinen T\u00fcrmen und Mauern erst einmal Respekt abn\u00f6tigen will, bevor es sie einl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Auf YouTube gibt es zwei interessante Ausschnitte <a href=\"http:\/\/wilfingarchitettura.blogspot.it\/2012\/03\/0008-squola-mario-fiorentino-corviale.html\" title=\"Mario Fiorentino\">aus einem Vortrag des Architekten Mario Fiorentino<\/a>, dem Hauptverantwortlichen f\u00fcr Konzept und Planung des Corviale. Fiorentino war ein Mann mit gro\u00dfer Erfahrung und hatte bereits einige ambitionierte Wohnungsbauprojekte betreut, nicht nur in Rom, sondern auch in anderen italienischen St\u00e4dten. Der Vortrag stammt wohl aus dem Jahr 1981, und man merkt Fiorentino an, dass der Corviale damals schon massiv in der Kritik gestanden haben muss. Jedenfalls ist er sehr bem\u00fcht, den Vorwurf, es handele sich bei dem Komplex nur um eine austauschbare und seelenlose Wohnmaschine, ohne Bezug zum Umfeld, zur Stadt und zur Landschaft, aus der Welt zu r\u00e4umen: &#8222;Der Corviale ist genau das Gegenteil einer Wohnmaschine, sofern sie als wiederholbares Element gedacht ist, als ein Element, das in seiner Komplexit\u00e4t und Funktionalit\u00e4t studiert wird und wiederholt werden kann. Der Corviale ist vielmehr als ein Unikum f\u00fcr genau diesen Platz und diese Stadt Rom entstanden&#8220;, betont er. Das k\u00f6nne man beispielsweise &#8222;am Verh\u00e4ltnis zwischen modularen, repetitiven, monotonen Teilaspekten mit gro\u00dfen Elementen der Architektur, wie den gro\u00dfen Eingangsportalen&#8220; erkennen, oder an der Art und Weise, wie die typische Landschaft im Westen von Rom \u2013 &#8222;ein System von H\u00fcgeln, die parallell zum Verlauf der K\u00fcste liegen&#8220;, mit einer Vegetation aus &#8222;Eukalyptus oder Pinien&#8220; \u2013 vom Corviale zitiert wird: &#8222;Es ist kein Zufall, dass der Corviale auf dem Kamm eines dieser H\u00fcgel steht und etwas von der Spannung der umliegenden Landschaft aufnimmt.&#8220; Aber es scheint eher so, als habe man ihn wie einen Damm auf den H\u00fcgel gesetzt, sei es, um das Zur\u00fcckdr\u00e4ngen der Natur in die Stadt zu verhindern, sei es, um das weitere Ausufern der Vorst\u00e4dte in die Landschaft einzud\u00e4mmen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8024\/7289124466_f8b67551b8_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>Ein Problem des Corviale ist seine isolierte Lage weit vor den Toren Roms. Was den Stadtplanern als optimale Voraussetzung erschien, n\u00e4mlich quasi auf der gr\u00fcnen Wiese zu bauen, also auf einem historisch oder st\u00e4dtisch unvorbelasteten Gel\u00e4nde, erwies sich f\u00fcr die Bewohner eher als Nachteil: Wer hier wohnt, lebt in der Peripherie, am Rande des Geschehens, und die vorhandene Infrastruktur bietet wenig Verbindungen ins Zentrum. Aber nicht nur die ferne Metropole ist ein Problem, es erscheint auch fast unm\u00f6glich, den Corviale auf eine sinnvolle Weise in das unmittelbare Umfeld zu integrieren. Einsam \u00fcberragt er die Landschaft, fast ohne Bindung und Bezug zur Umgebung. Auf der einen Seite des Corviale erstreckt sich ein un\u00fcbersehbares Meer schnell hochgezogener Durchschnittsbauten, meist wesentlich kleiner dimensioniert, aber ohne klar erkennbare st\u00e4dtische Struktur und wesentlich chaotischer als es die verp\u00f6nten Altst\u00e4dte jemals waren. Auf der anderen Seite gibt es brachliegende Wiesen und improvisierte G\u00e4rten, in denen H\u00fchner, Ziegen und Pferde grasen. Die Falowiec-Bauten in Danzig, die wir vor einigen Jahren gesehen haben, waren wenigstens Teil einer gr\u00f6\u00dferen Trabantenstadt, die zwar auch nicht wirklich sch\u00f6n aussieht, aber immerhin so etwas wie urbane Koh\u00e4renz vermittelt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm9.staticflickr.com\/8002\/7289358082_5db8c17a24_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>Dass der Corviale fr\u00fch als gescheitertes Experiment galt, dazu haben aber auch Missmanagement und b\u00fcrokratischer Schlendrian beigetragen. Schon die Fertigstellung zog sich in die L\u00e4nge wie der Bau selbst, erst 1982 wurde der Corviale offiziell er\u00f6ffnet. Da wohnten aber l\u00e4ngst schon Menschen dort, denn der akute Wohnungsmangel in Rom hatte einen lebendigen Schwarzmarkt erm\u00f6glicht. Wohnungssuchende besetzten auch die Areale, die eigentlich nicht als Wohnraum vorgesehen, und die komplexe urbane Mechanik aus Wohn-, Gewerbe- und Freizeitarealen, die sich die Planer ausgedacht hatten, kam nie wirklich in Gang.<\/p>\n<p>Ganz fertiggestellt war der Corviale auch zum Zeitpunkt der offiziellen Er\u00f6ffnung nicht, und bis heute finden sich hier und da noch vorl\u00e4ufige und improvisierte L\u00f6sungen, w\u00e4hrend an anderen Stellen schon der Zahn der Zeit nagt. Der Komplex blieb in den folgenden Jahren weitgehend sich selbst \u00fcberlassen, mit der fast zwangsl\u00e4ufigen Konsequenz, dass sich eine Grauzone aus Schatten\u00f6konomien, Illegalit\u00e4t und Rechtlosigkeit entwickelte. In den italienischen Medien tauchte der Corviale fast nur noch im Zusammenhang mit organisierter Kriminalit\u00e4t, Drogenhandel und Prostitution auf, und es geh\u00f6rt zum Standardrepertoire populistischer Kommunalpolitiker, die Umsiedlung der Bewohner und die Sprengung des gesamten Komplexes zu fordern.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren hat sich das Klima etwas entspannt, auch aufgrund zahlreicher Initiativen, die eine Neubewertung des Komplexes versuchen. Vieles davon kommt von Bewohnern selbst, erz\u00e4hlt man uns: Ein Passant, mit dem wir ins Gespr\u00e4ch kommen, erz\u00e4hlt von Sport-, Freizeit- und Kulturveranstaltungen, die in Eigeninitiative organisiert werden, und von F\u00fchrungen, die f\u00fcr interessierte Touristen angeboten werden. L\u00e4ngst wird der Corviale n\u00e4mlich auch in Reise- und Architekturf\u00fchrern erw\u00e4hnt, und es gibt viele, die wie wir einen neugierigen Blick werfen wollen auf dieses Monument, das f\u00fcr eine Hybris von \u00e4hnlichen Ausma\u00dfen zu stehen scheint wie die Kolosseen und Kirchen, die man sonst in Rom zu betrachten pflegt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7222\/7289220008_6cd0a127ed_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr uns reicht die Zeit nur f\u00fcr einen kurzen Spaziergang entlang des Hauptgeb\u00e4udes. Und von au\u00dfen ist der Corviale wirklich kein einladendes Geb\u00e4ude. Die Fassade wird von f\u00fcnf Eingangsportalen gegliedert, deren turmartiger Charakter etwas Bedrohliches und Abweisendes hat. Man k\u00f6nnte sie auch f\u00fcr startbereite Raketen halten, und unweigerlich betritt man sie etwas zaghaft, als m\u00fcsste man bef\u00fcrchten, von pl\u00f6tzlich angeworfenen Triebwerken zermahlen oder aufgesaugt zu werden. Das Gef\u00fchl der Beklemmung weicht auch im Inneren nicht. Der Corviale besteht nicht aus einem, sondern aus zwei parallel laufenden Bl\u00f6cken, die wie Wachtposten R\u00fccken an R\u00fccken stehen, allerdings durch eine schmale Schlucht getrennt sind. Er wirkt eher wie eine Festung oder wie ein gestrandetes Schlachtschiff, ein Ort, von dem aus etwas verteidigt werden soll, ohne dass Au\u00dfenstehende erkennen k\u00f6nnen, was im Inneren vor sich geht. <\/p>\n<p>Es ist Mittagszeit, und daher nicht allzu viel los, als wir \u00fcber das Areal spazieren. Der Corviale ist nicht ganz ausgestorben, aber von den Tausenden Menschen, die hier leben sollen, sieht man kaum etwas. Ein paar Frauen schleppen Eink\u00e4ufe nach Hause, zwei, drei M\u00e4nner sitzen auf B\u00e4nken und St\u00fchlen herum, einige Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen tratschen auf dem Heimweg mit ihren Handys, ein paar Hunde haben sich von ihren Besitzern selbst\u00e4ndig gemacht und durchschnuppern die Gr\u00fcnanlagen. Durch den Canyon zwischen den H\u00e4userblocks hallt schwache Radiomusik, ab und zu h\u00f6rt man das Echo von Stimmen oder von Schritten. Der Komplex ist alles andere als labyrinthisch, und trotzdem f\u00fchlen wir uns etwas verloren, weil man auch nicht wirklich einen Einstiegspunkt findet, von dem aus man das ganze Areal f\u00fcr sich erschlie\u00dfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und dann machen wir uns wieder auf den R\u00fcckweg durch die r\u00f6mischen Vororte und ihr seltsames Nebeneinander aus wahllos verstreuten und meist eint\u00f6nigen Mehrfamilienh\u00e4usern, zwischen die noch ein paar \u00fcbrig gebliebene Brachwiesen gestreut sind. Der Corviale verschwindet schnell aus dem Blickfeld: Nur ein, zwei Stra\u00dfenz\u00fcge weiter sehen wir ihn nicht mehr. Und der Supermarkt, in dem wir etwas zu trinken kaufen, k\u00f6nnte auch \u00fcberall anderswo in Italien sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm8.staticflickr.com\/7230\/7289335678_180b3a0704_d.jpg\" alt=\"Corviale\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes St\u00fcck Fu\u00dfweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins \u00fcber die Existenz und den Verlauf von Stra\u00dfen. 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