{"id":1491,"date":"2012-10-15T19:09:46","date_gmt":"2012-10-15T16:09:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1491"},"modified":"2012-10-18T19:13:52","modified_gmt":"2012-10-18T16:13:52","slug":"1491","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2012\/10\/15\/1491\/","title":{"rendered":"Exit Mundi"},"content":{"rendered":"<p>Falls Sie immer schon mal wissen wollten, wie das Unterhaltungsprogramm im Restaurant am Ende des Universums aussieht: Vielleicht in etwa so wie <em>Exit Mundi<\/em>, die <a href=\"http:\/\/www.atonaltheater.de\/programm\/exit-mundi.html#c220\">neue Produktion des K\u00f6lner A.Tonal-Theaters<\/a>. <em>Exit Mundi<\/em>, nicht <em>Exitus<\/em>: So als w\u00e4re das Ende der Welt nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Notausgang zu etwas anderem. Grundlage des St\u00fccks ist das gleichnamige Buch von Maarten Keulemans, ein launiges Kuriosit\u00e4tenkabinett von Weltuntergangsszenarien, das seinerseits aus <a href=\"http:\/\/www.exitmundi.nl\/\">einer popul\u00e4ren Website<\/a> hervorging.<\/p>\n<p>Keulemans Buch ist durchaus eine am\u00fcsante Lekt\u00fcre, auch wenn der ausgesucht witzische Ton auf Dauer etwas strapazi\u00f6s wirkt: Eckart von Hirschhausen f\u00fcr Katastrophennerds. Aber es gelingt ihm doch, die Quintessenz apokalyptischen Denkens auf den Punkt zu bringen: Die Welt ist ein zerbrechlicher Ort, Zerst\u00f6rung und Vernichtung sind Teil des Programms und es ist besser, das rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen. <\/p>\n<p>Kann man daraus gutes Theater machen? Tja, geht so. Das Beeindruckendste an der B\u00fchnenfassung von <em>Exit Mundi<\/em> ist das B\u00fchnenbild: Ein gro\u00dfer, grauer Baum beherrscht die Szenerie: Ein Denkmal vielleicht des ber\u00fchmten Apfelb\u00e4umchens, das Luther angeblich noch am Tag vor dem Weltuntergang pflanzen wollte, ein Abbild des Atompilzes als modernem Sinnbild absoluter Zerst\u00f6rung, oder ein Beispiel f\u00fcr den kontinuierlichen Ablauf von Vergehen und Werden, da f\u00fcr den Humus des Baumes die Knochen und Kadaver absterbender Organismen unersetzbar sind.<\/p>\n<p>Vor diesem d\u00fcsteren Monument entfaltet sich <em>Exit Mundi<\/em> als eine respektlose Revue, moderiert von einem Chor dreier Protagonisten, der ein paar Greatest Hits aus dem Buch als Sprechpartitur \u00fcber fluffigen Elektro-Beats auff\u00fchrt. Das hat einige sch\u00f6ne Momente, etwa in einem Schnelldurchlauf, wo das Ensemble in in einer Art Powerpoint-Karaoke durch ausgew\u00e4hlte Katastrophen prescht und vor lauter Untergangsfreude fast aus der Kurve getragen wird. (Dass die Szene eine Art Eigenparodie des Jandl-St\u00fccks <a href=\"http:\/\/www.atonaltheater.de\/produktion\/wualitzaaa.html\">Wualitzaa<\/a> ist, tut dem Vergn\u00fcgen keinen Abbruch.)<\/p>\n<p>Schade allerdings, dass die B\u00fchnenversion nicht selbst zu einer wirklich apokalyptischen Perspektive findet. In der Katalogisierung der mal kuriosen, mal spektakul\u00e4ren, mal absurden Weltuntergangsszenarien h\u00e4lt das St\u00fcck eine Distanz, die auf Dauer eher desinteressiert wirkt. Das liegt vielleicht auch daran, dass St\u00fcck wie Buch von der Apokalypse im Grunde einen \u00e4hnlichen Begriff haben wie die Weltuntergangspropheten, die beide eher am\u00fcsiert betrachten. Der Weltuntergang ist demnach ein klar fixier- und beschreibbares Ereignis, dass im einen Fall als Drohung aufgemalt, im anderen als Kuriosit\u00e4t ins Kabinett verlagert, in jedem Fall aber auf Distanz gehalten werden kann.<\/p>\n<p>Die Apokalypse, hei\u00dft es in Buch und St\u00fcck einmal, sind so etwas wie das Reformatieren der Festplatte. Wenn es nur das w\u00e4re. Tats\u00e4chlich ist die Apokalypse nichts, was erst in der Zukunft auf uns wartet, sondern sie ist Teil der Realit\u00e4t. Dazu geh\u00f6rt unter anderem die Erkenntnis, dass sich gar nicht so einfach sagen l\u00e4sst, ob es \u00fcberhaupt noch eine Festplatte gibt und ein Format, nach dem sie sich strukturieren liesse. \u201eWas wir \u00fcberwinden m\u00fcssen\u201c, schreibt Evan Calder Williams, \u201eist die Vorstellung, dass die Apokalypse etwas Ereignishaftes sei, eine Art Kahlschlag, der gleichzeitig einen neuen <em>Nomos<\/em> der Erde begr\u00fcndet. Was wir stattdessen brauchen, ist das Konzept einer <em>kombinierten und ungleichzeitigen Apokalypse<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>B\u00fccher wie <em>Exit Mundi<\/em> sind eher Fluchtversuche, um den drohenden Konsequenzen eines solchen Konzepts entkommen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Falls Sie immer schon mal wissen wollten, wie das Unterhaltungsprogramm im Restaurant am Ende des Universums aussieht: Vielleicht in etwa so wie Exit Mundi, die neue Produktion des K\u00f6lner A.Tonal-Theaters. Exit Mundi, nicht Exitus: So als w\u00e4re das Ende der Welt nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Notausgang zu etwas anderem. 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