{"id":1507,"date":"2015-05-04T18:35:22","date_gmt":"2015-05-04T15:35:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1507"},"modified":"2020-04-01T18:38:00","modified_gmt":"2020-04-01T15:38:00","slug":"panama-an-der-seine","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2015\/05\/04\/panama-an-der-seine\/","title":{"rendered":"Panama an der Seine"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/17145591587\" title=\"IMG_20150323_093514567_HDR by Claus Moser, on Flickr\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7722\/17145591587_b2d61206d5.jpg\" width=\"500\" height=\"281\" alt=\"IMG_20150323_093514567_HDR\"><\/a><\/p>\n<p>Ein Aufkleber an einer Laterne am Rheinufer gibt ein R\u00e4tsel auf: &#8222;Depuis des g\u00e9n\u00e9rations \/ Paname \/ K\u00f6lle&#8220;, steht darauf. Welche besondere Verbindung zwischen K\u00f6ln und Panama soll da gemeint sein? Und warum ist der Text auf franz\u00f6sisch und nicht auf spanisch?<!--more--><\/p>\n<p>Der L\u00f6sung des R\u00e4tsels kommt man auf die Spur, wenn man sich die Abbildung genauer anguckt. Da erkennt man au\u00dfer den Spitzen der K\u00f6lner Domt\u00fcrme die stilisierte Darstellung eines weiteren, weltber\u00fchmten Geb\u00e4udes (zumindest eines Ausschnitts davon), n\u00e4mlich des Eiffelturms in Paris. Wer sich ein bisschen im franz\u00f6sischen Fu\u00dfball auskennt, wei\u00df auch, wo diese Darstellung herkommt: Aus dem Vereinswappen des Paris Saint-Germain Football Club. Dort \u00fcberspannt der Eiffelturm das franz\u00f6sische Nationalwappen, die Lilie. Bis 2013 fand sich noch ein anderes Element auf dem Emblem: Es sah aus wie ein Kinderwagen, stellte aber tats\u00e4chlich eine Wiege dar soll. Lilie und Wiege stammen aus dem Stadtwappen von Saint-Germain-en-Laye, dem Pariser Vorort, in dem der Verein gegr\u00fcndet wurde und heute noch sein Trainingszentrum hat. Saint-Germain ist auch der Geburtsort des Sonnenk\u00f6nigs Louis XIV.: Das Geburtsdatum &#8211; &#8222;5 7bre 1638&#8220; \u00e2\u20ac\u201c findet sich ebenfalls im Stadtwappen.<\/p>\n<p>Gefeiert wird auf dem Aufkleber also keine lateinamerikanisch-deutsche Verbindung, sondern eine franz\u00f6sisch-deutsche. Genauer: Eine Fanfreundschaft zwischen zwei Ultr\u00e0-Gruppen, der K\u00f6lner Wilden Horde und den Supras aus Paris. Diese Freundschaft existiert zwar noch nicht wirklich &#8222;seit Generationen&#8220;, wie der Aufkleber behauptet, aber immerhin schon ein gutes Dutzend Jahre. (Ein paar Infos gibt es in <a href=\"http:\/\/www.wh96.de\/schwaadlappe\/ausgabe_15.pdf\">diesem Fanzine<\/a>.)<\/p>\n<p>Aber damit ist das R\u00e4tsel noch nicht vollst\u00e4ndig gel\u00f6st. Warum steht auf dem Aufkleber &#8222;Paname&#8220; f\u00fcr Paris? Dazu muss man ein wenig weiter ausholen, denn die Antwort f\u00fchrt auf einen durchaus interessante Spur in die franz\u00f6sische Volkskultur. Denn <em>Paname<\/em> ist eine g\u00e4ngige umgangssprachliche Bezeichnung f\u00fcr Paris, &#8222;<a href=\"http:\/\/www.lefigaro.fr\/livres\/2010\/09\/29\/03005-20100929ARTFIG00742-revoir-paname.php\">un petit nom d&#8217;amour que les Parisiens donnent \u00e0 leur village<\/a>&#8222;. Woher diese Bezeichnung kommt, ist nicht ganz klar. Sicher ist, dass sie wohl Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals auftauchte, laut dem Dialektforscher Gaston Esnault zun\u00e4chst bei den &#8222;Kleing\u00e4rtnern der Banlieues&#8220;, also im kleinb\u00fcrgerlichen Milieu der Vorst\u00e4dte.<\/p>\n<p>Ein &#8222;petit nom d&#8217;amour&#8220; war die Bezeichnung anfangs allerdings keineswegs, sondern eher ein Schimpfname. Um diese Zeit ersch\u00fctterte eine gro\u00dfe Korruptionsaff\u00e4re die franz\u00f6sische Politik: Der Panamaskandal. 1889 hatte die <em>Compagnie universelle du canal interoc\u00e9anique de Panama<\/em>, eine Projektgesellschaft unter F\u00fchrung des Grafen Ferdinand de Lesseps, Konkurs anmelden m\u00fcssen. Lesseps hatte in den Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit gro\u00dfem Erfolg den Bau des Suezkanals vorangetrieben und wollte das Kunstst\u00fcck auf dem Isthmus von Panama wiederholen. Aber was in \u00c4gypten gelungen war, geriet in Lateinamerika zum Fiasko: Malaria- und Gelbsucht-Epidemien lie\u00dfen die Arbeiter wie die Fliegen sterben, au\u00dferdem hatte man die Schwierigkeiten des bergigen Terrains untersch\u00e4tzt, dadurch explodierten die Kosten und die Zeitpl\u00e4ne gerieten aus den Fugen.<\/p>\n<p>Um das Vorhaben zu retten und Investoren zu gewinnen, wurden Politiker und Presse geschmiert. Die gro\u00dfen Schwierigkeiten und Probleme des Projekts wurden dabei geflissentlich vertuscht. Noch 1888, als das Scheitern eigentlich unausweichlich war, wurden im gro\u00dfen Stil ungedeckte Wertpapiere ausgegeben und vor allem an Kleinsparer verkauft. Ohne Erfolg: Die <em>Compagnie<\/em> fuhr vor die Wand, und viele der rund 90.000 Aktion\u00e4re waren ruiniert.<\/p>\n<p>Der Skandal erfasste die gesamte franz\u00f6sische Politik: Immer neue Enth\u00fcllungen \u00fcber bestochene Politiker und Journalisten f\u00fchrten zum Sturz von zwei Regierungen, zu Prozessen und Verurteilungen. Lesseps bekam eine Haftstrafe, ebenso Gustave Eiffel, der in der Sp\u00e4tphase des Projekts als Ingenieur hinzugezogen worden war. (Beide mussten allerdings nicht in Gef\u00e4ngnis, weil die Urteile sp\u00e4ter aufgehoben wurden.) Vor allem im Kleinb\u00fcrgertum wuchs das Ressentiment gegen die Politiker und Banker, die <em>Panamisten<\/em> oder <em>Panamitards<\/em>, die Tausende von Anleger in den Ruin getrieben hatten. Paris wurde zu <em>Paname<\/em>, zum Haifischbecken, in dem gewissenlose Spekulanten ihr Unwesen trieben. Vor allem in den Vorst\u00e4dten, bei den oben erw\u00e4hnten Kleing\u00e4rtnern zum Beispiel, fand der Schimpfname rasch Resonanz, bei den &#8222;arbeitsamen, aber gering verdienenden Menschen, die jeden Morgen in die Stadt kamen und, wenn auch widerwillig, eine Zollsteuer f\u00fcr die Waren auf ihren Handkarren bezahlen mussten&#8220;, wie der Schriftsteller Claude Duneton schrieb: &#8222;Man kann schon verstehen, warum sie die ersten waren, die einen ver\u00e4chtlichen Spitznamen f\u00fcr diese arrogante und betr\u00fcgerische Gro\u00dfstadt gebrauchten. Panam!&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4056\/4694970606_d252b97b95_d.jpg\" alt=\"Canal Saint-Martin\" \/><br \/>\n(Ein Paname-Kanal.)<\/p>\n<p>In das Ressentiment mischten sich auch antisemitische und nationalistische T\u00f6ne: Unter den Hauptverantwortlichen des Skandals waren zwei j\u00fcdische Gesch\u00e4ftsleute mit famili\u00e4ren Wurzeln in Deutschland, Baron Jacques de Reinach und Cornelius Herz. Zusammen mit der Dreyfus-Aff\u00e4re, die nur kurze Zeit sp\u00e4ter ihren Anfang nahm, hatte der Panamaskandal einen enormen Einfluss auf die Entstehung des modernen Antisemitismus: Hannah Arendt widmet ihm aus diesem Grund auch ein ganzes Kapitel ihres Buchs \u00fcber die Urspr\u00fcnge des Totalitarismus. \u00dcbrigens nicht nur in Frankreich: 1930 erschien in Deutschland das Theaterst\u00fcck <em>Panamaskandal<\/em> des Schriftstellers Eberhard Wolfgang M\u00f6ller, der sp\u00e4ter Theaterreferent in G\u00f6bbels&#8216; Propagandaministerium wurde. Das St\u00fcck macht aus Reinach den eigentlichen Schurken der Aff\u00e4re \u2013 die Verk\u00f6rperung eines angeblichen j\u00fcdischen Ausbeutergeists, der es vor allem auf die kleinen Leute abgesehen habe. (G\u00f6bbels erw\u00e4hnt das St\u00fcck \u00fcbrigens kurz in seinen Tageb\u00fcchern, fand es aber nicht sonderlich beeindruckend: &#8222;Guter Dialog, aber keine Linie, keine Tendenz, keine Festigkeit.&#8220;)<br \/>\nEs dauerte einige Jahre, bis <em>Paname<\/em> vom Schimpfwort zum Kosenamen wurde. Lange hielten sich noch andere Spitznamen f\u00fcr Paris: <em>Pantin<\/em> zum Beispiel, eigentlich der Name eines eher farblosen Vorortes im Nordosten der Stadt, der aber <em>pars pro toto<\/em> f\u00fcr die ganze Metropole benutzt wurde. Im Argot wurde das h\u00e4ufig zu <em>Pantruche<\/em> verballhornt, womit man vor allem das Paris der kleinen Leute meinte. (&#8222;-uche&#8220; ist ein Argot-typisches Suffix f\u00fcr ironische Verballhornungen.) Aus <em>Pantruche<\/em> wurde dann bisweilen auch <em>Pampeluche<\/em>, was an das m\u00e4rchenhafte Land <em>Pampeligosse<\/em> erinnert, dessen Name m\u00f6glicherweise von der Stadt Pamplona abgeleitet ist und das schon in mittelalterlichen Texten erw\u00e4hnt wird (ebenso bei Rabelais).<\/p>\n<p>All diese Spitznamen hatten noch lange Bestand, aber so etwa in den Jahren des Ersten Weltkriegs begann sich allm\u00e4hlich Paname durchzusetzen. Laut Dureton waren es zun\u00e4chst die Soldaten in den Sch\u00fctzengr\u00e4ben, die den Spottnamen sentimental aufluden: &#8222;<em>Revoir Paname<\/em>, Paris wiederzusehen, das war der tiefste Wunsch dieser lebenden Toten.&#8220; Aus den Sch\u00fctzengr\u00e4ben wanderte der Name in den Zwanzigern und Drei\u00dfigern in die Chansons, die Kabaretts und Music Halls, und diente dort zur ironischen Feier einer Metropole, die vielleicht ein Haifischbecken sein mochte und ein Dschungel, aber zumindest einer mit Glanz und Glamour. Den Panamakanal hatten inzwischen die Amerikaner fertiggestellt &#8211; na und: Kan\u00e4le hatte Paris auch zu bieten, die waren vielleicht nicht so exotisch, daf\u00fcr konnte man dort wie Bouvard und P\u00e9cuchet den Holz- und Kohlek\u00e4hnen zuschauen und die Welt wenigstens in Gedanken erobern.<\/p>\n<p>Der Name <em>Paname<\/em> \u00fcberdauerte die Zeit der Besatzung und des Zweiten Weltkriegs, bekam aber einen etwas nostalgischen und melancholischen Beigeschmack. So zum Beispiel bei L\u00e9o Ferr\u00e9, der in den Sechzigern die wohl ber\u00fchmteste Hymne auf den Spitznamen sang: &#8222;Paname \/ T&#8217;es bell&#8216;, tu sais, sous tes lampions \/ Des fois quand tu pars en saison \/ Dans les bras d&#8217;un accord\u00e9on.&#8220; Wenig sp\u00e4ter versuchte eine neue Generation dann tats\u00e4chlich, den Strand zu finden, der unter den Pflastersteinen von Paname liegen sollte.<\/p>\n<p>Danach kam die Bezeichnung auch mal ein wenig aus der Mode. 2010 schrieb Duneton, es klinge &#8222;etwas altmodisch, wenn man sagt: &#8218;Ich gehe nach Paname&#8216;.&#8220; Das konnte er allerdings nur sagen, weil er vermutlich keinen franz\u00f6sischen Hip-Hop h\u00f6rte, denn dort erlebte der Name durchaus eine kleine Renaissance: <em>Rapr\u00e9senter Paname<\/em>, damit spricht man f\u00fcr die ganze Stadt einschlie\u00dflich des riesigen und chaotischen G\u00fcrtels der Banlieues, &#8222;pour les mecs dans des appart&#8217;s et pour le ghetto&#8220; (wie es in &#8222;On est ensemble&#8220; von der S-Crew hei\u00dft). Am besten k\u00f6nnte man <em>Paname<\/em> vielleicht mit der schillernden Bedeutung vergleichen, die der Name <em>Babylon<\/em> im englischsprachigen Raum hat. &#8222;K\u00f6lle&#8220; klingt dagegen zugegebenerma\u00dfen nicht ganz das globale, metropolitane Flair. Aber die K\u00f6lner haben bisher nat\u00fcrlich auch nur Stadtarchive versenkt, und nicht Millionen im Dschungel.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm2.staticflickr.com\/1278\/4694978956_85b9fae466_d.jpg\" alt=\"Canal Saint-Martin\" \/><br \/>\n(Noch ein Paname-Kanal.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Aufkleber an einer Laterne am Rheinufer gibt ein R\u00e4tsel auf: &#8222;Depuis des g\u00e9n\u00e9rations \/ Paname \/ K\u00f6lle&#8220;, steht darauf. Welche besondere Verbindung zwischen K\u00f6ln und Panama soll da gemeint sein? Und warum ist der Text auf franz\u00f6sisch und nicht auf spanisch?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1723,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1507","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1507"}],"version-history":[{"count":5,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1654,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1507\/revisions\/1654"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1723"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1507"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1507"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1507"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}