{"id":153,"date":"2005-08-14T16:34:16","date_gmt":"2005-08-14T14:34:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=153"},"modified":"2005-11-13T03:23:21","modified_gmt":"2005-11-13T02:23:21","slug":"frau-mit-kiemen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/08\/14\/frau-mit-kiemen\/","title":{"rendered":"Frau mit Kiemen"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33721511\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos21.flickr.com\/33721511_507989157e_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><br \/>\n<br clear=\"all\" \/><br \/>\nElias Canetti hat bekanntlich nie ein Hehl aus seiner Abneigung gegen Biographen gemacht: &#8222;Denn wenn ein Tausendstel von ihm anders war als das \u00dcbliche, so waren 999 Tausendstel wie bei jedem anderen. Diese sind es aber, die man sucht und findet und zur Best\u00e4tigung des \u00dcblichen verwendet.&#8220; Aber so eine Widerspenstigkeit den Biographen gegen\u00fcber macht es nat\u00fcrlich um so interessanter, in das Laboratorium zu spinxen, und so habe ich die Einladung von Ines Schlenker gerne angenommen, Canettis Arbeitszimmer in der Wohnung von Marie-Louise von Motesiczky anzuschauen.<!--more--><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33721508\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos21.flickr.com\/33721508_17071989ce_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Motesiczky ist aus Anla\u00df des Canetti-Jubil\u00e4ums wieder ein bi\u00dfchen mehr beachtet worden, nicht zuletzt durch die Herausgabe der Aphorismen-Sammlung <em>Aufzeichnungen f\u00fcr Marie-Louise<\/em>. Sie war Freundin, Geliebte und Korrespondenzpartnerin Canettis, und ihr Haus in London Arbeitsexil und Fluchtpunkt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33721506\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos22.flickr.com\/33721506_8577a8613f_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><br \/>\nSie geh\u00f6rte zu der Menage \u00e0 quatre, die Canetti selbst so charakterisierte: &#8222;Eine klagt, die Andre torkelt, und die Dritte atmet durch Kiemen. Der gl\u00fcckliche Besitzer von drei ganz verschiedenen Frauen.&#8220; Die klagende ist Canettis Frau Veza gewesen, die Torkelnde die Dichterin Friedl Benedikt, Marie-Louise war die Frau mit den Kiemen: Motesiczky tr\u00e4umte h\u00e4ufig von Fischen (die tauchen auch oft in ihren Bildern auf) und hat Canetti davon erz\u00e4hlt. Alle drei wu\u00dften voneinander, und in Sven Hanuscheks Canetti-Biographie kann man nachlesen, zu welchen bizarren Situationen das bisweilen f\u00fchrte, etwa wenn Veza f\u00fcr die Liebespaare kochte, w\u00e4hrend die gerade im Nebenzimmer waren, oder wenn Canetti sich in den B\u00fcschen versteckte, um seine Freundinnen zu belauschen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33721507\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos21.flickr.com\/33721507_d1984b6869_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><br \/>\nMotesiczky ist aber mehr als nur eine literarische Fu\u00dfnote: Ihr Wohnhaus ist Sitz des Trusts, der ihr malerisches Werk verwaltet. Und das ist ein beeindruckendes \u0152uvre. Canetti kommt darin mehr als nur einmal vor, das ber\u00fchmteste Portr\u00e4t h\u00e4ngt in der Londoner National Portrait Gallery, das lustigste ist vermutlich auch das unbekannteste, da hat sie sich n\u00e4mlich f\u00fcr das Epithet mit den Kiemen ger\u00e4cht, in dem sie Canetti als fickende Ratte malte.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33721510\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos21.flickr.com\/33721510_5ce9a45f08_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noch h\u00e4ufiger taucht die Mutter auf, mit der Motesiczky ins Exil gegangen war und die 1976 im Alter von 96 Jahren starb. Motesiczky beobachtete ihr Altern und ihre Gebrechlichkeit mit einem schonungslosen, aber trotzdem liebevollen Blick: Die Mutter liegt oft wie ein gestrandeter Oblomov im Bett oder auf dem Sofa, aber der Blick ist nie stumpf oder passiv, immer wach, wie der einer Diktatorin, die gebrechlich sein mag, aber nicht machtlos.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/33724688\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/photos22.flickr.com\/33724688_022be1c62d_m.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Jahr soll es eine umfangreiche Retrospektive geben, die in der Tate Modern in Liverpool startet und dann auch nach Frankfurt, Wien und Southampton kommt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elias Canetti hat bekanntlich nie ein Hehl aus seiner Abneigung gegen Biographen gemacht: &#8222;Denn wenn ein Tausendstel von ihm anders war als das \u00dcbliche, so waren 999 Tausendstel wie bei jedem anderen. 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