{"id":1600,"date":"2014-04-04T01:14:20","date_gmt":"2014-04-03T22:14:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1600"},"modified":"2020-04-01T19:05:36","modified_gmt":"2020-04-01T16:05:36","slug":"das-klosterleben-des-thomas-bernhard-in-holland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2014\/04\/04\/das-klosterleben-des-thomas-bernhard-in-holland\/","title":{"rendered":"Das Klosterleben des Thomas Bernhard in Holland"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7366\/13524529825_66c78b5752.jpg\" alt=\"Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Wer ein Kind macht, sagt Oehler, geh\u00f6rt mit der H\u00f6chststrafe bestraft und nicht unterst\u00fctzt. Nichts anderes, als dieser vollkommen falsche, sogenannte soziale Unterst\u00fctzungsenthusiasmus des Staates, der, wie wir wissen, \u00fcberhaupt nicht sozial ist und von dem gesagt werden mu\u00df, da\u00df er nichts anderes als der unappetitlichste Anachronismus ist, der existiert, ist schuld daran, da\u00df das Verbrechen, ein Kind zu machen und ein Kind in die Welt zu setzen, welches ich als das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen \u00fcberhaupt bezeichne, sagt Oehler, da\u00df dieses Verbrechen nicht bestraft, sondern unterst\u00fctzt wird. (Gehen)<\/p>\n<p>Der Ort hat ja f\u00fcr jeden Menschen eine Bedeutung, eine gro\u00dfe. Zwei Orte sind die wichtigsten, dort wo er geboren ist, und dort wo er stirbt. (Gespr\u00e4ch mit Krista Fleischmann)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist interessant, dass Thomas Bernhards Biographie just an einem Ort begann, der seine Existenz ebenfalls einem &#8222;sozialen Unterst\u00fctzungsenthusiasmus&#8220; verdankt \u2013 wenngleich nicht von staatlicher, sondern von kirchlicher Seite. Im Jahr 1931 wurde Bernhard in Heerlen in der niederl\u00e4ndischen Provinz Limburg geboren, &#8222;nicht zuf\u00e4llig&#8220;, wie er in seinem autobiographischen Text <em>Ein Kind<\/em> schreibt, denn seine unverheiratete Mutter sei aus Scham \u00fcber die Schwangerschaft aus ihrem Heimatdorf geflohen: &#8222;Kurz darauf war sie in Heerlen, in einem Kloster, das nebenbei auch noch auf sogenannte gefallene M\u00e4dchen spezialisiert war, von einem Knaben entbunden.&#8220;<\/p>\n<p>Und wie es dort zuging, das hat er sich an anderer Stelle ausgemalt:<!--more--><\/p>\n<blockquote><p>Meine Mutter hatte wahrscheinlich Klostersuppe kriegt dort und ich ein Klosterpapperl. [\u2026] Bin eing\u2019schmiert worden, wahrscheinlich am Hintern, mit einer Salbe, und dann geht\u2019s schon dahin, da kann man achtzig Jahr\u2019 auch alt werden, mit der Schmierage und einen Klaps hinten, <i>und geht schon<\/i>. Das war das Klosterleben des Thomas Bernhard in Holland.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von Geburt an ein Exilant und Ausgegrenzter gewesen zu sein, ist ein Leitmotiv der autobiographischen Schriften Bernhards, und es findet sein Echo in den vagabundierenden, auswandernden oder sich in abgelegene Kalksteinbr\u00fcche zur\u00fcckziehenden Gestalten seiner Werke. Bernhards Eigenauskunft \u00fcber die Geburt im Kloster ist allerdings nicht ganz genau. Trotzdem findet sich immer noch in vielen Biographien. Das Munzinger-Archiv zum Beispiel nennt als Geburtsort <a href=\"http:\/\/www.munzinger.de\/search\/document?index=mol-00&#038;id=00000012770&#038;type=text\/html&#038;query.key=OogyrXnP&#038;template=\/publikationen\/personen\/document.jsp&#038;preview=\">Kloster Heerlen bei Maastricht<\/a>, und so steht es auch in vielen Quellen, die sich bei Munzinger bedienen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm6.staticflickr.com\/5287\/13524751654_9fd06c44a8.jpg\" alt=\"Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<p>Nun gibt es in und um Heerlen zwar einige Kl\u00f6ster, aber keines, f\u00fcr das dieser Name gebr\u00e4uchlich w\u00e4re. Und Bernhards Geburt fand auch in keiner dieser Institutionen statt: In Wahrheit kam er in einer Hebammenschule (&#8222;vroedvrouwenschool&#8220;) zur Welt, der auch ein Geburtshaus f\u00fcr ledige M\u00fctter angeschlossen war. Ganz abwegig ist Bernhards Angabe aber nicht: Die Institution stand unter Leitung einer katholischen Organisation, der <em>Rooms Katholieke Vereniging Moederschapszorg<\/em>. Gro\u00dfe Teile des Personals geh\u00f6rten Schwesternorden an, zum Beispiel den <a href=\"http:\/\/home.deds.nl\/~cps\/\">Missionsschwestern vom Kostbaren Blut<\/a>, und auch unter den Sch\u00fclerinnen gab es viele Ordensmitglieder, vor allem aus missionarisch oder sozialf\u00fcrsorglich t\u00e4tigen Gemeinschaften. Die Einrichtung wird, nehme ich an, von einem kl\u00f6sterlichen Geist durchwaltet worden sein, und der wird sich vermutlich auch in den Informationen niedergeschlagen haben, die Bernhard von seiner Mutter oder den Gro\u00dfeltern erhielt.<\/p>\n<p>Bernhard scheint den Ort seiner Geburt nie selbst in Augenschein genommen zu haben, obwohl er sich mindestens einmal ganz in der N\u00e4he aufhielt. 1961 oder 1962 reiste er mit Ludmilla Gr\u00e4fin Stolberg nach Voerendaal, einem Nachbarort von Heerlen. Den Stolbergs geh\u00f6rte dort Kasteel Puth, Luftlinie gerade mal f\u00fcnf Kilometer von der Hebammenschule entfernt.<\/p>\n<blockquote><p>Ich war dann einmal dort, das Interessante an dem Ort, das ist ein Kohlenrevier, ein riesiges, wo so Riesenkohlenhalden sind, und da stehen die H\u00e4user alle schief, weil der Boden bricht ja \u00fcber den Kohlenfl\u00f6zen ein, und da sinken die H\u00e4user ein. Die H\u00e4user stehen alle schief, aber die Vorh\u00e4ng\u2019 h\u00e4ngen alle grad\u2019. Ist ein unglaublich sch\u00f6nes Bild. Dort bin ich geboren. Vielleicht war das Kloster auch schief. Ich wei\u00df es nicht. Das hab\u2019 ich nimmer g\u2019funden. Vielleicht ist es ganz eingest\u00fcrzt. Mit den g\u2019fallenen M\u00e4dchen ist das Kloster auch g\u2019fallen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass Bernhard seinen Geburtsort nicht finden konnte, ist nicht ganz nachvollziehbar, aber vielleicht hat er wirklich nach dem falschen Kloster gesucht. Eingest\u00fcrzt war der Geb\u00e4udekomplex jedenfalls nicht, es gibt ihn heute noch. Die Schule existiert mittlerweile nicht mehr, aber zur Zeit von Bernhards Reise war sie noch in Betrieb und wurde vom damaligen B\u00fcrgermeister von Heerlen, Marcel van Grunsven, geleitet. W\u00e4re er dort gewesen, h\u00e4tte er feststellen k\u00f6nnen, dass die \u00e4u\u00dfere Gestaltung des Areals durchaus auch etwas Kl\u00f6sterliches hatte und in seiner weit auseinandergezogenen Anlage, der Aufteilung in verschiedene Trakte, Haupt- und Nebengeb\u00e4ude an die komplexen Klosteranlagen von Benediktinern oder Zisterziensern erinnert. Verantwortlicher Architekt war Jan Stuyt (1868-1934), ein damals recht prominenter Baumeister, der vor allem durch seine Kirchenbauten bekannt wurde, aber auch einige \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude plante. Stuyt pflegte einen gediegenen, repr\u00e4sentativen Stil, der klassizistische und neoromanische Elemente mit sparsamen Modernismen verband. Sch\u00f6ne Beispiele f\u00fcr seine Art zu bauen sind zum Beispiel die <a href=\"http:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Cenakelkerk_(Heilig_Landstichting)\">Cenakelkerk in Heilig Landstichting<\/a> oder die <a href=\"http:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sint-Catharinakerk_(%27s-Hertogenbosch)\">Katharinenkirche in Den Bosch<\/a>, aber auch die ehemalige <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Ambachtsschool,_Heerlen\">Gewerbeschule (Ambachtsschool) in der Innenstadt von Heerlen<\/a>. Bei der Hebammenschule entschied er sich f\u00fcr eine neoklassizistische Formensprache, ausgef\u00fchrt in lokalen Materialien, Backstein und limburgischem Mergel (der eigentlich gar kein Mergel ist, sondern Art Kreide).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7334\/13524549584_0b1b662bf1.jpg\" alt=\"Panorama Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<p>Die Weitl\u00e4ufigkeit und Gr\u00f6\u00dfe des Komplexes ist beeindruckend, und sie war auch Programm: Die Einrichtung sollte kein d\u00fcsterer Lernbunker sein, sondern Ruhe, Helligkeit, und Weitblick demonstrieren, ganz im Einklang mit dem sozialreformatorischen Programm der verantwortlichen Organisation. Stuyt machte das Beste aus der Lage der Einrichtung, auf einer Anh\u00f6he weit im S\u00fcden des Gemeindegebietes und au\u00dferhalb der st\u00e4dtischen Bebauung, mit einem weiten Ausblick \u00fcber das Umland. Die Aussicht ist auch heute noch beeindruckend, auch wenn die Stadt mittlerweile sehr viel n\u00e4herger\u00fcckt ist und vieles in den Blick kommt, das zur Zeit von Bernhards Geburt nicht existierte: Neubauviertel, Hochh\u00e4user, Gewerbegebiete, das Fu\u00dfballstadion von Kerkrade. Nicht zu \u00fcbersehen sind auch zwei der &#8222;Riesenkohlehalden&#8220;, von denen Bernhard erz\u00e4hlte: Der sogenannte Wilhelminaberg, auf dem eine \u00fcberdachte Ski-Piste errichtet wurde, und \u2013 bereits auf deutscher Seite \u2013 die Bergehalde der Grube Adolf in Herzogenrath-Merkstein.<\/p>\n<p>Heerlen geh\u00f6rte zum niederl\u00e4ndischen Kohlerevier, der Mijnstreek. Der Bergbau war im 19. und 20. Jahrhundert Grund f\u00fcr den Wohlstand der Region (Heerlen geh\u00f6rte zeitweise zu den Gemeinden mit dem h\u00f6chsten Pro-Kopf-Einkommen in den Niederlanden), aber er brachte auch viele soziale Probleme mit sich. Die Kindersterblichkeit und Seuchengefahr war hoch in den beengten Wohnverh\u00e4ltnissen der Arbeiterviertel, und eine Ursache davon war in den Augen vieler Sozialplaner und Reformpolitiker der Mangel an hygienischen Kenntnissen und gut ausgebildetem Fachpersonal. Es gab folglich viele Initiativen und Projekte, staatliche ebenso wie private oder kirchliche, die sich der L\u00f6sung dieses Problems verschrieben hatten.<\/p>\n<p>Limburg ist nun traditionell eine sehr spezielle Region: Es ist die einzige niederl\u00e4ndische Provinz mit mehrheitlich katholischer Bev\u00f6lkerung. Der limburgische Dialekt klingt den angrenzenden deutschen Dialekten verwandter als dem Niederl\u00e4ndischen, und den Nachbarn aus der belgischen Provinz Limburg f\u00fchlt man sich in vieler Hinsicht mehr verbunden als den eigenen Landsleuten. Schon die Landschaft hat ein ganz anderes Profil, vor allem im S\u00fcden der Provinz, wo sanfte H\u00fcgelketten in Richtung Eifel und Ardennen ansteigen.<\/p>\n<p>Es gibt hier eine ausgepr\u00e4gte Neigung, eigene L\u00f6sungen zu suchen und sich Konzepten, die in Amsterdam und Den Haag auf den Weg gebracht werden, mit Skepsis zu begegnen. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhundert machte sich vor allem der Einfluss katholisch-sozialreformerischer Ideen bemerkbar. Die sozialen Probleme waren hier um die Jahrhundertwende besonders akut: Die S\u00e4uglingssterblichkeit lag \u00fcber dem Landesdurchschnitt, andererseits war die medizinische Versorgung schlechter. Entsprechende Ausbildungseinrichtungen gab es zwar, aber meist au\u00dferhalb von Limburg, und viele katholische Eltern \u2013 so wurde zumindest behauptet \u2013 wollten ihre Kinder nicht in den protestantischen Rest des Landes gehen lassen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7431\/13524551543_5e8936284d.jpg\" alt=\"Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Entstehung der &#8222;Moederschapszorg&#8220;-Organisation und die Initiative zur Gr\u00fcndung einer Hebammenschule mit katholischem Profil zu sehen. 1913 wurde die Schule er\u00f6ffnet, zun\u00e4chst in einem Geb\u00e4ude in der Heerlener Akerstraat. Dort reichte das Platzangebot aber bald nicht mehr aus, und nach einiger Suche entschied man sich schlie\u00dflich f\u00fcr den Neubau im S\u00fcden von Heerlen, auf der Hoog Hees genannten Anh\u00f6he. F\u00fcr den gestiegenen Platzbedarf waren auch die Planungen zur Einrichtung eines Geburtshaus f\u00fcr ledige M\u00fctter verantwortlich. Dem Leiter der Schule, einem Dr. Clemens Meulemans, soll dieses Projekt besonders am Herzen gelegen haben (angeblich weil am Tag der Er\u00f6ffnung der Schule eine junge, unverheiratete Frau an die T\u00fcr geklopft und um Hilfe gebeten haben soll, wie es in guter katholischer Legendentradition hie\u00df).<\/p>\n<p>Das Geburtshaus sollte den M\u00fcttern einen gesch\u00fctzten Rahmen bieten, um in Ruhe die Geburt und ersten Wochen mit dem Kind verbringen zu k\u00f6nnen. Der Aufenthalt war auf drei Monate befristet, allerdings \u00fcbernahm die &#8222;Moederschapszorg&#8220; auch im weiteren h\u00e4ufig noch eine vormundschaftliche Rolle und behielt sich vor, in famili\u00e4ren oder erzieherischen Fragen auf dem Laufenden zu bleiben und mitzuentscheiden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm3.staticflickr.com\/2814\/13524738854_560ee06a91.jpg\" alt=\"Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<p>Herta Bernhard bezog die Schule Anfang Dezember 1930. Zuvor hatte sie einige Monate als Hausm\u00e4dchen f\u00fcr eine Familie in Arnhem gearbeitet. Anders als Bernhard in <em>Ein Kind<\/em> erz\u00e4hlt, beichtete sie ihren Eltern die Schwangerschaft nicht erst ein Jahr nach der Geburt, sondern bereits ein halbes Jahr vorher, und in ihren Briefen berichtete sie auch ausf\u00fchrlich \u00fcber die Abl\u00e4ufe in der Klinik. So wurde beispielsweise von ihr verlangt, f\u00fcr den Unterricht als &#8222;Lehrobjekt&#8220; zur Verf\u00fcgung zu stehen, wie sie ihren Eltern etwas befremdet mitteilte.<\/p>\n<blockquote><p>Diese Woche war ich bei der \u00e4rtzlichen Untersuchung in der Hebamen Schule, hierf\u00fcr wird mann von einer Schwester geholt, angelangt in der Klinick erst gewaschen, sauber angekleidet<br \/>\nmit Hemd und J\u00e4kchen, auf ein fahrbares Bett gelegt, die Umgebung ist genau die eines Schulzimmers, mit Pult und Tafel. Nun kommt der Arzt, einen Stab in der Hand und Kreide, es<br \/>\nsitzen so ungef\u00e4hr 30 Schwesternsch\u00fclerinnen in den B\u00e4nken, nun kommt jede nach forne, dr\u00fcckt an meinem B\u00e4uchlein herum und der Arzt fr\u00e4gt nun, wie die Lage ist und wann die Zeit<br \/>\nder Befallung sein d\u00fcrfte.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Bevalling&#8220; ist das niederl\u00e4ndische Wort f\u00fcr die Niederkunft: Zu der kam es schlie\u00dflich am 9. Februar 1931 um 8.45, &#8222;ich h\u00f6rte ein Klatschen und zugleich ein Stimmchen und Tomasl ging ins Leben ein&#8220;. Bereits am folgenden Tag wurde der Knabe in der Schulkapelle auf den Namen Nicolaus Thomas getauft, eine Schwester Cisca van Herpen fungierte als Patin. Die Zeit in der Hebammenschule war allerdings f\u00fcr die junge Mutter eine zwiesp\u00e4ltige Erfahrung. &#8222;Hier sind bei 50 M\u00e4dchen <em>rohester Art<\/em>, klagt sie, &#8222;aber ich sehe und h\u00f6re nur mein Engelchen in der Wiege.&#8220; Die Suche nach einer neuen Bleibe, vor allem nach einer Arbeitsstelle, gestaltete sich schwierig: &#8222;Es ist schwer, da\u00df man eben hier von der Welt g\u00e4nzlich abgeschlossen ist und so nicht in Verbindung mit den Leuten kommt. Hier hat man auch eine \u00d6sterreicherin einfach in ihr Land zur\u00fcckgesandt, als Ausl\u00e4nderin kommt man hier so schwer vorw\u00e4rts alles, jedes Unternehmen ist erschwert.&#8220; Die Schulleitung unterst\u00fctzte zwar die Suche, schlie\u00dflich war der Aufenthalt befristet und Herta Bernhard hatte kein Einkommen. Aber als sie die Adresse von Caroline Weiss, einer \u00f6sterreichischen Freundin, die in den Niederlanden lebte und sie aufnehmen wollte, vorwies, schickte Direktor Meulemans dort erst einmal einen Priester vorbei, um nachzupr\u00fcfen, ob eine rechte katholische Gesinnung vorlag. Luzia Prusa, die Tochter von Caroline Weiss, schilderte die Situation sp\u00e4ter in einem Brief an Thomas Bernhard:<\/p>\n<blockquote><p>Eines Tages kam ein Pfarrer zu uns, um zu \u00fcberpr\u00fcfen ob wir wohl ein richtiges Katholisches Familienleben f\u00fchrten damit wir Ihre Mutter mit Kind wieder aufnehmen k\u00f6nnten. \/ Meine Mutter war so h\u00f6chst erbost, machte dem Herrn Parrer klar dass Sie glaube das es der Seele eines S\u00e4uglings wohl keinen Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnte wenn wir weniger fromm w\u00e4ren. [\u2026] Die Hertha ist schon ein gefallenes M\u00e4dchen und dem Baby kann es noch egal sein ob das Dach \u00fcber seinen Kopf so cristlich ist.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Mai 1931 verlie\u00df Herta Bernhard die Anstalt, lebte zeitweise bei Caroline Weiss, aber auch anderswo und jobbte als K\u00f6chin, Serviererin und Haushaltsgehilfin. Noch einmal kommt sie in Kontakt mit der Kirche: Ein Priester, der polnische und deutsche Immigranten betreut, besucht sie, &#8222;gesandt von Heerlen&#8220;, wie sie vermutet, und will ihr &#8222;nun weiter Unterricht geben! Aber das l\u00e4\u00dft sich ja nicht machen den[n] da m\u00fc\u00dfte ich mehr Zeit dazu haben!&#8220;. Ihren Sohn bringt sie derweil in wechselnden Pflegestellen unter. In <em>Ein Kind<\/em> erw\u00e4hnt Bernhard nur die Familie auf dem Fischkutter, bei der er mit &#8222;sieben bis acht Neugeborenen [\u2026] an der Holzdecke des Fischkutters&#8220; gehangen habe und &#8222;jeweils nach Wunsch der ein- oder zweimal w\u00f6chentlich erscheinenden Mutter von der Decke heruntergelassen und hergezeigt&#8220; wurde. Tats\u00e4chlich war er nur kurze Zeit in dieser Pflegestelle, und er scheint dort auch der einzige Z\u00f6gling gewesen zu sein. Die weiteren biographischen Spekulationen, die Bernhard \u00fcber seine ersten Lebensmonate anstellte, sind eher Teil poetischer Selbststilisierung, n\u00e4mlich<\/p>\n<blockquote><p>da\u00df ich mein erstes Lebensjahr, die ersten Tage abgerechnet, ausschlie\u00dflich auf dem Meer verbracht habe, nicht <em>am<\/em> Meer, sondern <em>auf dem<\/em> Meer, was mir immer wieder zu denken gibt und in  allem und jedem, das mich betrifft, von Bedeutung ist. Dieser Umstand wird f\u00fcr mich lebensl\u00e4nglich eine Ungeheuerlichkeit sein. Im Grunde bin ich ein Meermensch, erst, wenn ich am Meerwasser bin, kann ich richtig atmen, von meinen Denkm\u00f6glichkeiten ganz zu schweigen. Nat\u00fcrlich sind aus dieser Zeit keinerlei Eindr\u00fccke zur\u00fcckgeblieben, allerdings, denke ich, pr\u00e4gt mein damaliger Meeraufenthalt meine ganze Geschichte. Manchmal kommt es mir vor, wenn ich den Geruch des Meeres einatme, als w\u00e4re dieser Geruch meine erste Erinnerung. Nicht ohne Stolz denke ich oft, ich bin ein Kind des Meeres, nicht der Berge.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7273\/13524349453_ab05c801e0.jpg\" alt=\"Vroedvrouwenschool, Heerlen\" \/><\/p>\n<p>Im September 1931 reiste Herta Bernhard mit dem Sohn nach \u00d6sterreich und brachte ihn bei den Gro\u00dfeltern unter, im darauffolgenden Fr\u00fchjahr kehrte sie selbst endg\u00fcltig zur\u00fcck. Die Hebammenschule hatte noch bis 1993 Bestand, dann wurde sie zun\u00e4chst an einen anderen Ort verlegt, weil der Betrieb des gro\u00dfen Areals unwirtschaftlich geworden war, und sp\u00e4ter ganz geschlossen. Die Geb\u00e4ude standen einige Jahre leer, bis sich 1999 ein neuer Betreiber fand. Heute hei\u00dft die Einrichtung <a href=\"http:\/\/www.parcimstenrade.nl\/\">Parc Imstenrade<\/a> und ist nicht mehr ein Ort, an dem Biographien beginnen, sondern einer, an dem man sie ausklingen l\u00e4sst, n\u00e4mlich eine Seniorenresidenz. Von au\u00dfen ist das Gel\u00e4nde ohne weiteres zu besichtigen, die Innenr\u00e4ume sind allerdings weitgehend privater Wohnraum. Es gibt ein paar \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Einrichtungen, ein Gesundheitszentrum zum Beispiel und ein Restaurant, die Kapelle am Nordrand des Komplexes kann f\u00fcr private Anl\u00e4sse gemietet werden. (Sie wurde allerdings erst nach Bernhards Geburt erbaut, ist also nicht die Kapelle, in der er getauft wurde.) Am Haupteingang h\u00e4ngt seit 2001 eine Gedenktafel, die an Thomas Bernhard, den <em>oostenrijkse schrijver<\/em>, erinnert.<\/p>\n<p><font size=1>Einige Quellen:<\/p>\n<ul>\n<li>Niels W. Bokhove, Im Grunde bin ich ein Meermensch. Thomas Bernhards erste Lebensmonate in den Niederlanden. Eine Dokumentation. In: Thomas Bernhard Jahrbuch 2009\/10.<\/li>\n<li>Bernhard Judex, Der Schriftsteller Johannes Freumbichler 1881-1949. Leben und Werk von Thomas Bernhards Gro\u00dfvater, Wien \/ K\u00f6ln \/ Weimar 2006.<\/li>\n<li>Academie Verloskunde Maastricht (ed.), Vroedvrouwenschool: 100 jaar moederschapszorg in Limburg, Hilversum 2009.<\/li>\n<\/ul>\n<p><\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer ein Kind macht, sagt Oehler, geh\u00f6rt mit der H\u00f6chststrafe bestraft und nicht unterst\u00fctzt. 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