{"id":1607,"date":"2014-04-15T12:40:03","date_gmt":"2014-04-15T09:40:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1607"},"modified":"2020-04-01T19:04:46","modified_gmt":"2020-04-01T16:04:46","slug":"eine-klosterbuchhandlung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2014\/04\/15\/eine-klosterbuchhandlung\/","title":{"rendered":"Eine Klosterbuchhandlung"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7171\/13524959965_0035cd8449.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>Der Kapitalismus, schrieb Walter Benjamin, ist eine Religion, denn er dient &#8222;essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben&#8220;. Es hat also seine Berechtigung, wenn Kaufh\u00e4user als Tempel des Konsums bezeichnet werden. Ganz besonders interessant wird es, wenn ein Kaufhaus in die H\u00fclle einer Kirche schl\u00fcpft und ein sakraler Raum als Kulisse moderner Konsumrituale dient.<\/p>\n<p>Die <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1600\">Suche nach Thomas Bernhards Geburtsort<\/a> erm\u00f6glichte auch einen kurzen Zwischenstopp in Maastricht und einen Besuch in der Buchhandlung <em>Dominicanen<\/em>, die sich in der ehemaligen Kirche eines Dominikanerklosters befindet. Die Er\u00f6ffnung vor ein paar Jahren sorgte f\u00fcr einiges Aufsehen, auch in deutschen Medien, und der <em>Guardian<\/em> w\u00e4hlte sie immerhin zu einem der <a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/books\/2008\/jan\/11\/bestukbookshops\">sch\u00f6nsten Buchgesch\u00e4fte der Welt<\/a>. Ich hatte schon seit langem vorgehabt, dort einmal vorbeizuschauen, und wie sich herausstellte, w\u00e4re ich fast zu sp\u00e4t gekommen. <em>Dominicanen<\/em> hat n\u00e4mlich turbulente Zeiten hinter sich. Die <em>selexyz<\/em>-Kette, zu der die Buchhandlung urspr\u00fcnglich geh\u00f6rte, <a href=\"http:\/\/www.winkelstories.com\/Scheltema04.html\">gibt es nicht mehr<\/a>: Sie ging im Fr\u00fchjahr 2012 in Insolvenz, wurde von einer Investorengruppe aufgekauft und fusionierte im vergangenen Jahr mit einer anderen gro\u00dfen Kette (<em>De Slegte<\/em>) unter dem Namen <em>Polare<\/em>. Eine Fusion, die nicht lange Bestand hatte, sondern schon im Januar ebenfalls Insolvenz anmelden musste. Die meisten <em>Polare<\/em>-L\u00e4den machten daraufhin dicht, auch <em>Dominicanen<\/em> war eine Zeit lang zu. Seit einigen Wochen hat man nun doch wieder ge\u00f6ffnet, auch dank einer erfolgreichen <a href=\"http:\/\/www.polaregaatdoor.nl\/dominicanen\/\">Facebook- und Crowdfunding-Kampagne<\/a>, f\u00fcr die eigens ein entsprechendes Glaubensbekenntnis formuliert wurde, und versucht es nun in Eigenregie.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3827\/13703583605_ed0914f896.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>Die Dominikanerkirche hat selbst eine lange und bisweilen ebenfalls turbulente Geschichte vorzuweisen. Erbaut wurde sie Ende des 13. Jahrhunderts und geh\u00f6rt damit zu den \u00e4ltesten bestehenden Kirchenbauten der Niederlande. Sie liegt in unmittelbarer N\u00e4he des Vrijthof, des bekanntesten und belebtesten Platzes von Maastricht. Der Name des Platzes klingt wie das deutsche Wort &#8222;Friedhof&#8220;, und tats\u00e4chlich haben beide W\u00f6rter auch den gleichen Ursprung, aber eine unterschiedliche Bedeutung. Urspr\u00fcnglich bezeichnete man damit abgez\u00e4unten (eingefriedeten) Platz um ein Geb\u00e4ude, in den Niederlanden sp\u00e4ter vor allem den Vorplatz einer Kirche. (Ein &#8222;Friedhof&#8220; hei\u00dft im niederl\u00e4ndischen dagegen entweder &#8222;kerkhof&#8220; oder schlicht &#8222;begraafplats&#8220;). In Maastricht geh\u00f6rte der s\u00fcdliche und westliche Teil des Vrijthofes zum Immunit\u00e4tsbezirk von Maastrichts Hauptkirche, der Servatiuskirche, die als das \u00e4lteste existierende Kirchengeb\u00e4ude der Niederlande gilt und gemeinsam mit der daneben liegenden Johanneskirche (Sintjans) das markanteste Monument, den sogenannten &#8222;Kirchenzwilling&#8220; (kerkentweeling), bildet. Arch\u00e4ologische Untersuchungen haben allerdings ergeben, dass der Vrijthof in r\u00f6mischer und merowingischer Zeit tats\u00e4chlich auch als Begr\u00e4bnisst\u00e4tte diente.<\/p>\n<p>Predigerorden bauten ihre Kirche gerne an gr\u00f6\u00dferen Pl\u00e4tzen, wo sich viel Volk versammeln lie\u00df. Die Dominikanerkirche liegt allerdings nicht direkt am Platz selbst, sondern etwas versteckt hinter dem Eingang zur Grote Straat. Angeblich wollten die Kanoniker der Servatiuskirche nicht zulassen, dass die Dominikaner unmittelbar am Platz eine Kirche bauten, darum musste man auf den etwas zur\u00fcckgesetzten Ort ausweichen. Vielleicht waren die Kanoniker etwas misstrauisch ob der Aktivit\u00e4ten der Dominikaner, die zum Zeitpunkt der Erbauung noch eine relativ junge Gemeinschaft waren und deren strenges Armutsgel\u00fcbde nicht bei allen Klerikern auf Sympathie stie\u00df.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7113\/13703609113_70f45cfefd.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>Das Maastrichter Dominikanerkloster entwickelte sich bald zu einem bedeutenden religi\u00f6sen und theologischen Zentrum. Eine Unterbrechung gab es in den Jahren des spanisch-niederl\u00e4ndischen Krieges: 1577 wurde die Kirche gepl\u00fcndert und stark besch\u00e4digt, erst 1620 konnte das Kloster von den Dominikanern wieder bezogen werden. 1796 mussten sie jedoch endg\u00fcltig weichen: Die napoleonischen Truppen l\u00f6sten das Kloster auf, konfiszierten die Geb\u00e4ude und nutzten die Kirche als Depot. Auch nach dem Abzug der Franzosen diente die Kirche nur noch sporadisch als Gotteshaus. Sie wurde Eigentum der Stadt und fand in den folgenden Jahrzehnten ganz unterschiedliche Verwendungen: Als <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Interieur_kerk_als_stadsmagazijn_gezien_naar_het_oosten_-_Maastricht_-_20319170_-_RCE.jpg\">st\u00e4dtisches Archiv<\/a>, Orchester- und Proberaum, <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Maastricht,_Dominicanenkerk,_bloemententoonstelling,_1899_of_1903.jpg\">Ausstellungs- und Veranstaltungshalle<\/a>, zuletzt \u2013 vor Er\u00f6ffnung des Buchgesch\u00e4ftes &#8211; sogar <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/olya\/2149377701\/\">als Fahrradparkhaus<\/a>. (Die \u00fcbrigen Klostergeb\u00e4ude wurden vor allem von schulischen Einrichtungen genutzt und 1960 abgerissen.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7315\/13848168365_1611c04f4b.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>2005\/6 schlie\u00dflich Restaurierung und Umbau im Namen der Buchhandelskette <em>Selexyz<\/em>. Dabei wurde, hei\u00dft es, gro\u00dfer Wert darauf gelegt, dass Charakter und Substanz des Geb\u00e4udes m\u00f6glichst wenig beeintr\u00e4chtigt w\u00fcrden. Das erste, was auff\u00e4llt, wenn man vor der Kirche steht, ist, dass dankenswerterweise darauf verzichtet wurde, Werbeschilder aufzuh\u00e4ngen. Einziges modernes Element der Fassade ist ein auf- und zuklappbares Portal, auf dem man bei genauem Hinsehen noch den Namen <em>Selexyz<\/em> erkennt). Im aufgeklappten Zustand (w\u00e4hrend der Gesch\u00e4ftszeiten) wirkt es etwas bullig, zugeklappt sieht es aus wie <a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Overzicht_van_de_entreedoos_aan_de_westgevel_in_gesloten_toestand_-_Maastricht_-_20532509_-_RCE.jpg\">ein vergessener Archivschrank<\/a>. Das Fehlen jeglicher Au\u00dfenwerbung kann nat\u00fcrlich auch mit den aktuellen Entwicklungen zusammenh\u00e4ngen, aber dadurch bleibt die Klarheit und Dynamik der gotischen Fassade weitgehend gewahrt.<\/p>\n<p>Drinnen ist es den Architekten <a href=\"http:\/\/merkx-girod.nl\/\">Merkx + Girod<\/a> auf beeindruckende Weise gelungen, den Raum des Kirchenschiffs effizient auszunutzen und trotzdem die r\u00e4umliche Wirkung beizubehalten. Die linke Seite des Schiffs ist lediglich ebenerdig mit Podesten und Regalen m\u00f6bliert, in die rechte Seite wurde dagegen eine Art begehbares B\u00fccherregal (&#8222;boekenflat&#8220;) gebaut, in dem man auf schmalen Treppen zwischen S\u00e4ulen und B\u00f6gen von Ebene zu Ebene steigt. Von den oberen Etagen hat man einen ganz besonderen (und so nur in wenigen Kirchen m\u00f6glichen) Blick \u00fcber den Innenraum und kommt au\u00dferdem den Deckenfresken (17. Jhd.) ganz nah, die w\u00e4hrend des Umbaus entdeckt und restauriert wurden. Am reizvollsten ist das Ambiente im rechten Seitenschiff, wo man direkt unter den gotischen Spitzb\u00f6gen in den ausliegenden B\u00fcchern bl\u00e4ttern kann. Das B\u00fccherregal ist im \u00fcbrigen so konzipiert, dass man es &#8211; wie auch die anderen EInrichtungsgegenst\u00e4nde &#8211; zur\u00fcckbauen k\u00f6nnte, ohne Spuren zu hinterlassen, falls das Geb\u00e4ude wieder einer neuen Nutzung zugef\u00fchrt werden sollte. Die Grabplatten im Fu\u00dfboden allerdings werden bis dahin von den vielen Kundenf\u00fc\u00dfen vermutlich komplett blank geschubbert sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm3.staticflickr.com\/2923\/13525043595_0ef27bcf90.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>Der Chorraum wurde zu einem Caf\u00e9 umgestaltet, mit einem langgezogenen, kreuzf\u00f6rmigen Tisch an Stelle des Altars, bestrahlt von einem heiligenscheinartigen Kronleuchter. Die Atmosph\u00e4re ist allerdings weniger beschaulich als vielmehr trubelig und gesch\u00e4ftig (wir waren an einem Freitagnachmittag da). F\u00fcr Besinnlichkeit oder Meditation ist in der Kirche kein Platz mehr (auch wenn die entsprechenden Ratgeber nat\u00fcrlich im Angebot sind oder gerne besorgt werden k\u00f6nnen). Das hier ist kein Tempel des Wissens, sondern eine Lagerhalle f\u00fcr Information und Entertainment, ein Umschlagplatz f\u00fcr bedruckte Waren. Man kann ein wenig erahnen, wie es hier in den konfiszierten Kirchen der napoleonischen Zeit zugegangen sein muss, als dort Pferde gestriegelt und beschlagen oder Waffen inventarisiert wurden.<\/p>\n<p>So ein interessanter Raum h\u00e4tte nat\u00fcrlich auch einen interessanten Inhalt verdient. Leider unterscheidet sich das Angebot von <em>Dominicanen<\/em> unterscheidet nicht so wesentlich von dem, was die gro\u00dfen Buchsuperm\u00e4rkte \u00fcberall in Europa anbieten: Bestseller, Stapeltitel, modernes Antiquariat, ein paar Regionalia als besondere Note. Aber irgendwie muss die <a href=\"http:\/\/kirchensite.de\/index.php?myELEMENT=134347\">Jahresmiete von angeblich 160.000 Euro<\/a> auch rein kommen. Die bisherigen Konzepte scheinen sich ja nicht wirklich gerechnet zu haben. Bezeichnend \u00fcbrigens, dass die Zeitschriftenst\u00e4nder nur m\u00e4\u00dfig bef\u00fcllt waren: M\u00f6glicherweise trauen die Lieferanten dem Neustart auch noch nicht so ganz.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm6.staticflickr.com\/5571\/13525205625_92041cd0ac.jpg\" alt=\"Dominicanen Maastricht\" \/><\/p>\n<p>Etwas verloren steht auf der einen Seite der Kirche eine Informationstafel zu Thomas von Aquin, dessen Leben auch auf den Deckenfresken dargestellt wird. Die wurden \u00fcbrigens erst w\u00e4hrend des Umbaus zur Buchhandlung wieder entdeckt und restauriert. Von dort oben schaut er etwas grimmig auf das Treiben zu seinen F\u00fc\u00dfen. Vielleicht w\u00fcrde er gerne die Playboy-Hefte mit einem Feuereisen aus dem Zeitschriftenregal verjagen. Oder es kommt ihm alles, was er selbst geschrieben hat, wie ein Strohhalm vor angesichts der Stapel an bedrucktem Totholz unter ihm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kapitalismus, schrieb Walter Benjamin, ist eine Religion, denn er dient &#8222;essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben&#8220;. Es hat also seine Berechtigung, wenn Kaufh\u00e4user als Tempel des Konsums bezeichnet werden. 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