{"id":1613,"date":"2014-04-17T16:05:40","date_gmt":"2014-04-17T13:05:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1613"},"modified":"2020-04-01T19:03:39","modified_gmt":"2020-04-01T16:03:39","slug":"die-bibliothekskirche-von-zutphen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2014\/04\/17\/die-bibliothekskirche-von-zutphen\/","title":{"rendered":"Die Bibliothekskirche von Zutphen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7306\/13834306753_41c4860db9.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>Noch eine B\u00fccherkirche, auch in den Niederlanden und <a href=\"?p=1607\">wie die Maastrichter Buchhandlung <em>Dominicanen<\/em><\/a> ebenfalls in einer ehemaligen Dominikanerkirche: Die <a href=\"http:\/\/www.zutphentoer.nl\/panoramas\/o\/openbare-bibliotheek-voor\">\u00f6ffentliche Bibliothek von Zutphen<\/a> in Gelderland befindet sich seit 1983 in der <em>Broederenkerk<\/em> am n\u00f6rdlichen Rand der Altstadt. Die Kirche und das zugeh\u00f6rige Kloster wurden 1293 von Gr\u00e4fin Margaretha von Geldern gestiftet, einer Tochter Guidos von Flandern. Da sie in den folgenden Jahrhunderten baulich kaum ver\u00e4ndert wurde, bietet sie ein besonders anschauliches Beispiel gotischer Klosterarchitektur und sie war Vorbild f\u00fcr mindestens zwei neugotische Kirchenbauten des 19. Jahrhunderts (die <a href=\"http:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sint-Jozefkerk_(Groningen)\">Josefskirche in Groningen<\/a> und die <a href=\"http:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Sint-Vituskerk_(Bussum)\">Veitskirche in Bussum<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3704\/13834729664_9f5e55414c.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>Im 16. Jahrhundert verzierte man das Innere mit Deckenmalereien, die vor allem Wappen von Stifterfamilien zeigen. 1772 setzte man dem Bau ein kleines Glockent\u00fcrmchen auf. Das Gel\u00e4ut darin funktioniert heute noch und ist jeden Tag p\u00fcnktlich zwischen viertel vor neun und neun zu h\u00f6ren, um die braven B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger von Zutphen daran zu erinnern, dass nun bald die Stadttore geschlossen werden. Einer charmanten Anekdote zufolge war &#8222;Klik veur de Beure&#8220; eine lokal gebr\u00e4uchliche Zeitangabe f\u00fcr 21.38, weil der Mechanismus des Glockenspiels sieben Minuten vor dem eigentlichen L\u00e4uten ein laut vernehmliches Klicken von sich gab.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7148\/13834180515_9af759f893.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>1591 wurde Zutphen durch die Truppen der protestantischen Niederlande erobert, und die Dominikaner mussten ihr Domizil verlassen. Eine Zeit lang geh\u00f6rte die Kirche der &#8222;waalse gemeente&#8220;, der &#8222;wallonischen Gemeinde&#8220; Zutphens, also protestantischen Fl\u00fcchtlingen, die aus den spanischen Niederlanden oder aus Frankreich kamen und ihre Gottesdienste vornehmlich auf Franz\u00f6sisch abhielten. Eine eigenst\u00e4ndige &#8222;welsche&#8220; Gemeinde existierte bis 1821, dann ging sie in der niederl\u00e4ndisch-reformierten Kirche auf. Wann der letzte Gottesdienst in der Broederenkerk abgehalten wurde, wei\u00df ich nicht. In den Siebzigern stand sie jedenfalls lange leer, bis sie 1980 von der Stadt gekauft und zur Bibliothek umgebaut wurde.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7170\/13834271115_78f27f6393.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>Auch zu den verantwortlichen Architekten f\u00fcr den Umbau verantwortlich konnte ich nichts herausfinden. Das Interieur mag weniger spektakul\u00e4r als erscheinen als in Maastricht, aber der Bau hat eine freundliche, entspannte und einladende Atmosph\u00e4re. Die gro\u00dfen gotischen Fenster lassen viel Licht in den Raum, die wei\u00dfget\u00fcnchten W\u00e4nde hellen ihn zus\u00e4tzlich auf, k\u00fcnstliche Beleuchtung ist sparsam eingesetzt. Die Bibliothek scheint rege genutzt zu werden; wir waren an einem Freitag mittag dort, und da war sie jedenfalls gut besucht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3785\/13834240925_a2658b16c9.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>Vor einigen Jahren wurde mal dar\u00fcber diskutiert, die Bibliothek an <a href=\"http:\/\/destentor.nl\/regio\/zutphen\/bibliotheek-blijft-in-broederenkerk-1.3201218\">einen anderen Ort zu verlegen<\/a>. Nach Protesten aus der Bev\u00f6lkerung nahm man davon aber wieder Abstand. Inzwischen gibt es Pl\u00e4ne, das Areal der Bruderkirche <a href=\"http:\/\/www.zutphen.nl\/Wonen_en_omgeving\/Kunst_cultuur_en_sport\/Broederenklooster\">zu einem Kulturzentrum umzugestalten<\/a>, in dem auch Museen, Veranstaltungsr\u00e4ume und Touristeninformation untergebracht sind.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7206\/13834337013_ccdd357a00.jpg\" alt=\"Broederenkerk, Zutphen\" \/><\/p>\n<p>Eine \u00f6ffentliche Bibliothek in einem Kirchengeb\u00e4ude unterzubringen, hat in Zutphen Tradition: In einem Nebengeb\u00e4ude der gr\u00f6\u00dften Kirche der Stadt, der Walburgiskerk, befindet sich die \u00e4lteste existierende B\u00fccherei der Niederlande, schlicht <a href=\"http:\/\/www.librije-zutphen.nl\/\">De Librije<\/a> genannt. Die <em>Librije<\/em> war eigentlich eine Art \u00f6ffentlicher Lesesaal, der im im 16. Jahrhundert von zwei Kirchen\u00e4ltesten eingerichtet wurde, um Mitb\u00fcrger und Mitb\u00fcrgerinnen mit erbaulicher Lekt\u00fcre auf den Weg des rechten Glaubens zu bringen. Vorbild waren die B\u00fcchers\u00e4le von Zutphener Kl\u00f6stern, darunter auch der des Dominikanerklosters. Die B\u00fccher wurden auf Lesepulten ausgelegt und &#8211; Erbaulichkeit allein sch\u00fctzt vor Diebstahl nicht &#8211; mit Ketten befestigt. Das Anketten von B\u00fcchern war g\u00e4ngige Praxis in vielen Bibliotheken und verschwand erst, als B\u00fccher zum Massenprodukt wurden. Heute gibt es nur noch wenige Kettenbibliotheken, die in etwa ihren Originalzustand und -bestand vorweisen k\u00f6nnen: Zutphen ist eine davon, weitere sind die ber\u00fchmte <a href=\"http:\/\/www.malatestiana.it\/\">Biblioteca Malatestina<\/a> in Cesena, die \u00e4lteste \u00f6ffentliche Bibliothek Europas, und die <a href=\"http:\/\/www.themappamundi.co.uk\/chained-library\/\">Bibliothek der Kathedrale von Hereford<\/a>.<\/p>\n<p>Als \u00f6ffentlicher Lesesaal diente die Librije allerdings nur etwa drei\u00dfig Jahre, dann wurde sie in eine Spezialbibliothek umgewandelt, die vor allem Predigern und Ratsleuten zug\u00e4nglich war. Im 19. Jahrhundert geriet die B\u00fccherei eine Weile in Vergessenheit, bis man sie um die Jahrhundertwende wiederentdeckte und zum Kulturdenkmal erkl\u00e4rte. Heute ist sie wieder \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich, allerdings nur im Rahmen einer Kirchenf\u00fchrung. Ein Besuch lohnt sich aber unbedingt: Die Bibliothek ist seit ihrer Er\u00f6ffnung im 16. Jahrhundert kaum ver\u00e4ndert worden, und sie besitzt einen bemerkenswerten Bestand an Originalexemplaren, zum Beispiel einen der fr\u00fchesten Drucke von Kopernikus&#8216; <em>De_revolutionibus_orbium_coelestium<\/em>. (Fotografieren ist nicht erlaubt, deswegen gibt es hier auch keine Bilder, aber eine sch\u00f6ne Fotoserie findet man <a href=\"http:\/\/erikkwakkel.tumblr.com\/post\/49509415868\/the-chained-library-of-zutphen-i-took-these\">im Blog des Medi\u00e4visten Erik Kwakkel<\/a>.)<\/p>\n<p>Der Vollst\u00e4ndigkeit halber sollte man auch erw\u00e4hnen, dass es an der Walburgiskerk noch eine zweite Bibliothek gibt, die sogenannte Bovenlibrije (&#8222;obere Bibliothek&#8220;, im Unterschied zur auch &#8222;Benedenlibrije&#8220;, &#8222;untere Bibliothek&#8220; genannten Kettenbibliothek). Dabei handelt es sich um die fr\u00fchere Bibliothek der Kanoniker und Kapitulare der Kirche, die Ende des 15. Jahrhunderts eingerichtet wurde. Auch diese Bibliothek kann besichtigt werden, allerdings nur von Kleingruppen im Rahmen einer Sonderf\u00fchrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch eine B\u00fccherkirche, auch in den Niederlanden und wie die Maastrichter Buchhandlung Dominicanen ebenfalls in einer ehemaligen Dominikanerkirche: Die \u00f6ffentliche Bibliothek von Zutphen in Gelderland befindet sich seit 1983 in der Broederenkerk am n\u00f6rdlichen Rand der Altstadt. 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