{"id":1618,"date":"2014-06-05T17:54:25","date_gmt":"2014-06-05T14:54:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1618"},"modified":"2020-04-01T19:02:19","modified_gmt":"2020-04-01T16:02:19","slug":"tour-de-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2014\/06\/05\/tour-de-schmidt\/","title":{"rendered":"Tour de Schmidt"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7438\/13905616720_af66bc0ceb_d.jpg\" alt=\"Gau-Bickelheim\" \/><\/p>\n<blockquote><p>ein Fahrrad zu f\u00fchren ist wunderbar!<\/p><\/blockquote>\n<p>100 Jahre alt w\u00e4re Arno Schmidt in diesem Jahr geworden. Warum dieses runde Datum nicht mit einer Radtour w\u00fcrdigen? Immerhin waren Schmidt und seine Frau Alice selbst passionierte Radfahrer, schon deshalb, weil man sich ein Auto gar nicht leisten konnte. <a href=\"http:\/\/www.stk.niedersachsen.de\/portal\/live.php?navigation_id=1122&#038;article_id=2052&#038;_psmand=6&#038;mode=print\">Ein Tandem<\/a> war das einzige Verkehrsmittel, dass das Ehepaar Schmidt je besa\u00df, und wenn die beiden an ihren s\u00fcddeutschen Wohnorten nicht wirklich heimisch wurden, dann auch deshalb, weil man da nicht gut &#8222;tandemisieren&#8220; konnte. &#8222;Fahrr\u00e4der : die sch\u00f6nsten Maschinen!&#8220;, l\u00e4\u00dft Schmidt den Erz\u00e4hler seines Kurzromans <em>Goethe und Einer seiner Bewunderer<\/em> ausrufen, nur &#8222;Schreibmaschine &#038; Aspirin; Gl\u00fchbirne &#038; Blausiegel&#8220; sind ihm \u00e4hnlich wertvoll. Fahrr\u00e4der tauchen in zahlreichen Erz\u00e4hlungen und Romanen Schmidts auf, vor allem nat\u00fcrlich in <em>Schwarze Spiegel<\/em>, wo das Rad nach der atomaren Apokalypse das einzige verbliebene Fortbewegungsmittel ist und schon zu Anfang der Geschichte mit einem h\u00fcbschen Piktogramm eingef\u00fchrt wird: -:-. Ein Piktogramm, das den mechanischen ebenso wie den erotischen Aspekt des Radelns anschaulich transportiert: &#8222;Ich erkl\u00e4rte ihm das d\u00fcnnbeinige junge M\u00e4dchen \u00fcberm Gest\u00e4nge ; er sah die schwarzen knochigen Hosen ; verstand aber die \u00dcbersetzung&#8220;.<\/p>\n<p>Das naheliegendste Terrain f\u00fcr eine Arno Schmidt gewidmete Radtour w\u00e4re nat\u00fcrlich die L\u00fcneburger Heide, aber das Rheinland ist von uns aus wesentlich besser zu erreichen: Mit der Mittelrheinbahn kommt man bis Mainz und Bingen; das vereinfacht die Streckenplanung erheblich. Was unseren Ehrgeiz zus\u00e4tzlich motiviert, ist die Entdeckung, dass zwei der ehemaligen Wohnorte Schmidts, n\u00e4mlich Gau-Bickelheim und Darmstadt, sowohl in erradelbarer Distanz von der Bahnlinie liegen und zudem nur 50 km Luftlinie voneinander entfernt sind. Das m\u00fcsste sich doch im Rahmen einer Tagestour schaffen lassen? Also flugs mit Hilfe des unverw\u00fcstlichen <a href=\"http:\/\/www.radroutenplaner.hessen.de\/\">hessischen Radroutenplaners<\/a> eine Route ausget\u00fcftelt, die von Bingen \u00fcber Gau-Bickelheim nach Darmstadt und von dort nach Mainz f\u00fchrt. Mit ein bisschen Feinjustierung kommt eine 120 km lange Strecke dabei heraus \u2013 ordentlich Holz, aber machbar, zumal das Terrain nicht allzu viele topographische Schwierigkeiten aufzuweisen scheint.<!--more--><\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/www.gpsies.com\/mapOnly.do?fileId=srowbhlhlgavozvo&#038;authkey=A2AB22FFCB06C15C7176241FDB78F8072E41B51F88441AAD\" width=\"600\" height=\"400\" frameborder=\"0\" scrolling=\"no\" marginheight=\"0\" marginwidth=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>Nach Bingen mit der Bahn, entlang der Rheinstrecke, ganz wie Schmidts bei ihrem Umzug von Cordingen nach Gau-Bickelheim, und wie die Umsiedler im gleichnamigen Kurzroman. &#8222;O diese herrliche Landschaft&#8220;, schw\u00e4rmte Alice Schmidt in ihrem Tagebuch und freute sich \u00fcber die &#8222;gut &#038; glatt gepflasterte&#8220; Landstra\u00dfe, die sie vom Zug aus sehen konnte: &#8222;Da werden wir also mit unserem Tandem in g\u00fcnstiger Jahreszeit drauf langmachen&#8220;. Die Ern\u00fcchterung kam freilich kurz hinter dem Bingener Bahnhof, als der Zug &#8222;raus aus der pr\u00e4chtigen Rheinlandschaft: rein auf eine gro\u00dfe ebene Fl\u00e4che&#8220; zuckelte: &#8222;Lang &#038; blank sahen wir uns alle an &#038; entt\u00e4uschte Schatten legten sich auf unsere Gesichter.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7391\/13704262445_f7f2fe25ab_d.jpg\" alt=\"Gau-Bickelheim\" \/><\/p>\n<p>Wir dagegen steigen in Bingen erst einmal aus und machen uns auf den Weg. Die ersten zehn Kilometer geht es entlang der Nahe, durch die enge Pforte, die das Fl\u00fcsschen in die Berge hinter der Stadt gebohrt hat und dann in das flache Hinterland, das sich bis zu den rheinhessischen H\u00fcgeln erstreckt. Hinter den Bergen ist die Landschaft tats\u00e4chlich eher unspektakul\u00e4r, aber der Radweg entlang der Nahe ist angenehm und nicht ohne Reiz, auch wenn sich der Fluss meist hinter Deichen versteckt h\u00e4lt. Im \u00d6rtchen Gensingen treffen wir wieder auf die Bahnlinie, die einen etwas weiteren Bogen um die Bingener Berge geschlagen hat, und fahren nun mehr oder weniger parallel zu ihr (und zur A61) bis nach Gau-Bickelheim. Dort stellen wir fest, dass wir den Ort von der Autobahn aus schon oft bemerkt haben. Von au\u00dfen betrachtet hat er durchaus etwas Malerisches: Wie eine Kulissenstadt liegt das \u00d6rtchen zu F\u00fc\u00dfen des Wi\u00dfberges, einer markanten Kalksteinkuppe (&#8222;Wiesberg&#8220; in den &#8222;Umsiedlern&#8220;), die sich von einem dichten Gitterwerk aus Weinreben \u00fcberzogen aus der Landschaft erhebt. Von den W\u00f6lfen, die der Protagonist von <em>Schwarze Spiegel<\/em> hier angetroffen haben will, ist freilich nichts zu sehen, die haben sich <a href=\"http:\/\/www.nabu.de\/aktionenundprojekte\/wolf\/jagdundverfolgung\/14786.html\">\u00fcber den Westerwald noch nicht hinausgewagt<\/a>.<\/p>\n<p>Aus der N\u00e4he betrachtet, verliert sich der malerische Eindruck aber schnell, und Gau-Bickelheim ist \u2013 wie die meisten Ortschaften hier und \u00fcberhaupt im Rheinland \u2013 ein etwas unaufger\u00e4umtes Sammelsurium architektonischer Durchschnittlichkeit. Rund um den Dorfplatz \u2013 wo sich das Gasthaus <em>Zum R\u00f6mer<\/em> befindet, das auch in den <em>Umsiedlern<\/em> vorkommt \u2013 hat man das \u00d6rtchen immerhin ganz nett herausgeputzt und einige der alten H\u00e4user instandgesetzt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7218\/13704090433_c4348f657c_d.jpg\" alt=\"Gau-Bickelheim, Rathaus\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Ja, ja in kleinen Nischen standen bunte Marien und Jesusse, Gips mit \u00d6lfarben : drei Mark pro Kitsch, blieben angeblich manchmal in Feuersbr\u00fcnsten unversehrt, bedauerlicherweise.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7197\/13905589378_a366b54ec8_d.jpg\" alt=\"Arno Schmidts Wohnung in Gau-Bickelheim\" \/><\/p>\n<p>Das Haus, in dem Schmidts lebten, liegt etwas abseits in einem schmalen G\u00e4\u00dfchen am nord\u00f6stlichen Ortsrand. Es ist ein absolut unauff\u00e4lliges Geb\u00e4ude, vermutlich wurde es vor nicht allzulanger Zeit mal saniert. Nichts am Haus erinnert an den prominenten Bewohner von einst. Auff\u00e4llig dagegen, dass es im Ort nicht nur ein, sondern zwei Kriegerdenkmale gibt: Das auf dem Dorfplatz f\u00fcr die Gefallenen von 1870\/71 wird ebenfalls in den <em>Umsiedlern<\/em> erw\u00e4hnt, ein zweites f\u00fcr Gefallenen des Ortes steht gegen\u00fcber der katholischen Kirche. Am Ostrand des Ortes, an der B420 nach Wallertheim, liegt <a href=\"http:\/\/www.alemannia-judaica.de\/gau_bickelheim_friedhof.htm\">der j\u00fcdische Friedhof<\/a> und erinnert daran, dass es in dieser Gegend auch in vielen kleinen D\u00f6rfern j\u00fcdische Gemeinden gab.<\/p>\n<p>Nach dem kurzen Spaziergang durch Gau-Bickelheim fahren wir in Nachbardorf Wallertheim und wechseln dort auf einen regionalen Radwanderweg, die sogenannte <a href=\"http:\/\/www.rheinhessen.de\/de\/urlaub-und-freizeit\/radfahren\/radrouten-rheinhessen\/hiwwel-route.html\">Hiwwel-Route<\/a>. &#8222;Hiwwel&#8220; bedeutet im hiesigen Dialekt &#8222;H\u00fcgel&#8220;, und tats\u00e4chlich wird die Strecke von hier ab allm\u00e4hlich etwas anspruchsvoller. Man kann nachvollziehen, dass Schmidt hier nicht gerne tandemisierte: Das Gel\u00e4nde sei ihm zu wellig, berichtet Alice Schmidt in ihrem Tagebuch, &#8222;Rad ginge so schwer&#8220;, n\u00f6rgelt er. Zwischen Rommersheim und W\u00f6rrstadt geht es f\u00fcr ein kurzes St\u00fcck sogar mal steil bergauf. Daf\u00fcr ist die Landschaft hier sehr viel abwechslungsreicher: Es geht durch Weinberge und Obstg\u00e4rten, unterwegs hat man einige sch\u00f6ne Ausblicke Richtung Hunsr\u00fcck und Donnersberg im Westen, Odenwald, Taunus und Rheingau im Osten und Norden.<\/p>\n<p>Ab Undenheim wird die Strecke wieder einfacher: Hier wechseln wir am Ortsende auf das sogenannte <a href=\"http:\/\/www.amiche.de\/valtinche\/text.html\">Valtinche<\/a>, eine angenehme und steigungsarme Route entlang einer stillgelegten Bahnstrecke. Den kuriosen Namen erhielt die Route angeblich deshalb, weil ein Fuhrunternehmer namens Valtin in den Z\u00fcgen seine Milchkannen transportieren lie\u00df. Am Endpunkt in Nierstein verk\u00fcndet ein Gedenkstein stolz, dass immerhin auch Konrad Adenauer schon auf dieser Strecke unterwegs war.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3665\/13928884524_6f7b4c4e55_d.jpg\" alt=\"Valtinche\" \/><\/p>\n<p>In Nierstein haben wir wieder den Rhein erreicht und setzen mit der F\u00e4hre \u00fcber nach Kornsand in Hessen. Ganz in der N\u00e4he der Stelle \u00fcbrigens, wo die Preu\u00dfen 1794 auf ihrem R\u00fcckzug von Valmy den Rhein \u00fcberquerten, woraus Schmidt eine Szene (&#8222;Rhein\u00fcbergang bei Oppenheim&#8220;) in seiner historischen Revue <em>Massenbach<\/em> machte. Der moderne F\u00e4hr\u00fcbergang liegt ein paar Meter flu\u00dfabw\u00e4rts von der Stelle, wo die Preu\u00dfen \u00fcber den Rhein gingen (etwa dort, wo in Oppenheim heute noch die F\u00e4hrstra\u00dfe zum Rhein f\u00fchrt).<\/p>\n<p>Kornsand besteht nur aus einer Handvoll H\u00e4user und einem Biergarten, in dem zahlreiche Motorradfahrer ihren eigenen Rhein\u00fcbergang begie\u00dfen.  Der Name der Siedlung ist mit einem besonders tragischen Vorfall verkn\u00fcpft, dem sogenannten &#8222;Kornsandverbrechen&#8220;: Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges \u2013 an eben dem Tag, als auf der linken Rheinseite schon amerikanische Truppen in Nierstein einzogen \u2013 wurden hier sechs vermeintliche Widerstandsk\u00e4mpfer erschossen. Ein Gedenkstein auf dem Rheindeich, etwas n\u00f6rdlich der Siedlung, erinnert daran. Ein volumin\u00f6serer Gedenkstein steht auf dem s\u00fcdlichen Rheindeich, erinnert aber an ein deutlich banaleres Ereignis, n\u00e4mlich eine Notlandung des Grafen Zeppelin auf dem Rhein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm3.staticflickr.com\/2884\/11937603473_fec50ee627_d.jpg\" alt=\"Funkmessstelle Deutsche Netzagentur\" \/><\/p>\n<p>Wir fahren auf dem Deich in s\u00fcd\u00f6stlicher Richtung weiter. Der Rhein schimmert nur gelegentlich durch B\u00e4ume und Buschwerk, und bald m\u00fcssen wir ihn ganz zur\u00fccklassen: An einer auff\u00e4lligen Funkmessstelle der Bundesnetzagentur, die hier nach Piratensendern horcht, wenden wir uns ostw\u00e4rts Richtung Darmstadt. Die Landschaft wird wieder eint\u00f6niger, flach und weitl\u00e4ufig: Wir fahren vorbei an Kan\u00e4len und zwei ehemaligen Kiesgruben, die heute eine h\u00fcbsche Seelandschaft bilden, ohne Pocahontas zwar, aber daf\u00fcr mit Badem\u00f6glichkeit (im n\u00f6rdlicheren der beiden Seen).<\/p>\n<p>Ein bi\u00dfchen Erfrischung tut auch gut, denn ab Leeheim wird die Strecke ein bi\u00dfchen langweilig: Es geht bis zum Luisenplatz in Darmstadt fast nur noch schnurgeradeaus, f\u00fcnfzehn lange Kilometer, abgesehen von einigen Verschwenkungen, die durch kreuzende Autobahnen oder Bahnstrecken bedingt werden und durch das \u00d6rtchen Wolfskehlen. Der Name des Ortes erinnert an die ber\u00fchmte Darmst\u00e4dter Familie Wolfskehl, aus der auch der Dichter Karl Wolfskehl stammte, aber ein anderer literarischer Bezug ist hier buchst\u00e4blich naheliegender: Wolfskehlen bildet mit ein paar umliegenden Orten die Gemeinde Riedstadt, zu der auch Goddelau geh\u00f6rt, der Geburtsort Georg B\u00fcchners. Das <a href=\"http:\/\/www.riedstadt.de\/stadt\/georg-buechner.html\">B\u00fcchnerhaus<\/a> befindet sich nur ein paar Kilometer s\u00fcdlich unserer Route.<\/p>\n<p>Wir bleiben aber auf dem Radweg, der sich schier endlos an der B9 entlang zieht. Gl\u00fccklicherweise hat man den Wind hier meist im R\u00fccken, und so erreichen wir bald Griesheim \u2013 ein Ort, der nur als Kulisse der Bundesstra\u00dfe angelegt zu sein scheint \u2013 und dann die westlichen Au\u00dfenbezirke von Darmstadt. Im Stadtverkehr geht es leider nicht mehr so fl\u00fcssig voran. Wir umrunden das Stadtzentrum und fahren erst einmal zur <a href=\"http:\/\/www.viktoriaschule-darmstadt.de\/Viktoriaschule\">Viktoriaschule<\/a>. Es ist ein Wochentag, das Geb\u00e4ude offen und so schleichen wir, heimlichtuerisch wie zu sp\u00e4t kommende Sch\u00fcler, durch das Treppenhaus, um die Fresken von Eberhard Schlotter anzuschauen. Nur das leise Echo dozierender Lehrer ist in den menschenleeren G\u00e4ngen zu h\u00f6ren, aber das reicht schon, um die Atmosph\u00e4re schulischer Eint\u00f6nigkeit und Langeweile heraufzubeschw\u00f6ren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3717\/13703937305_225cf8cdd8_d.jpg\" alt=\"Eberhard Schlotter, Viktoriaschule, Darmstadt\" \/><\/p>\n<p>Schnell raus hier, bevor es noch einen Eintrag ins Klassenbuch gibt, und \u00fcber die Herdstra\u00dfe zum Alten Friedhof, letzte Ruhest\u00e4tte einiger prominenter Darmst\u00e4dter, zum Beispiel der Geschwister von Georg B\u00fcchner, Ludwig und Luise, sowie einiger Pers\u00f6nlichkeiten, mit denen Schmidt in seiner Darmst\u00e4dter Zeit zu tun hatte, wie Ernst Kreuder, Kasimir Edschmid oder Heinz Winfried Sabais, seinerzeit Kulturreferent und sp\u00e4ter Oberb\u00fcrgermeister der Stadt. Vom Alten Friedhof ist es nicht mehr weit zur Inselstra\u00dfe 42, wo Schmidts in Darmstadt wohnten. Die Adresse befindet sich in einem durchaus interessanten Geb\u00e4ude: Teil eines gr\u00fcnderzeitlichen Wohnblocks mit repr\u00e4sentativem T\u00fcrmchen, direkt an der Ecke zur belebten Heinrichstra\u00dfe und gegen\u00fcber der Litfa\u00dfs\u00e4ule, die im Kurzroman <em>Tina oder die Unsterblichkeit<\/em> als Fahrstuhl zur Unterwelt dient.<\/p>\n<blockquote><p><em>&#8222;Da haben Sie das Memento<\/em> ja st\u00e4ndig vor Augen&#8220; meinte er, als ich wieder aus der Haust\u00fcr zu ihm trat. Wieso ? : er zeigte mit dem Kinn auf die Litfa\u00dfs\u00e4ule an der Stra\u00dfenkreuzung, in der eine Zeitungsverk\u00e4uferin ihren Stand hatte. (Wir hatten uns schon mehrfach angeblinkt; ich aus meinem Fenster oben, sie aus dem Schalter unten, mit Gesichtsscheiben : kurz; lang : kurz; lang : lang ! Sie hatte noch offen.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3671\/14082879190_c14c9c656c_d.jpg\" alt=\"Tina in der Inselstra\u00dfe\" \/><\/p>\n<p>Tina ist auch tats\u00e4chlich anwesend: Studenten des <a href=\"http:\/\/www.fbg.h-da.de\/\">Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt<\/a> gestalten w\u00e4hrend des Jubil\u00e4umsjahres die S\u00e4ule in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden <a href=\"http:\/\/www.inselstrasse42.de\">mit Motiven aus dem Werk Arno Schmidts<\/a>. Zur Zeit haben sie sich f\u00fcr eine Art Wimmelbild entschieden, das Tina inmitten eines seltsamen Kuriosit\u00e4tenkabinetts platziert. Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut. &#8222;Aber h\u00fcbsch.&#8220; (Alice Schmidt).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm6.staticflickr.com\/5533\/11937454083_339f2c5e57_d.jpg\" alt=\"Gedenktafel Arno Schmidt\" \/><\/p>\n<p>Anders als in Gau-Bickelheim gibt es hier an Schmidts ehemaliger Wohnung eine Erinnerungstafel, aber irgendjemand hat Schmidts Namen darauf unleserlich gemacht. Ein beleidigter Darmst\u00e4dter vielleicht, denken wir zun\u00e4chst, aber dann f\u00e4llt uns ein, dass es an diesem Ort nat\u00fcrlich auch ein Sympathisant sein k\u00f6nnte, der <em>Tina<\/em> gelesen hat und Schmidt nun durch Tilgung des Namens dem erl\u00f6senden Nirwana ein wenig n\u00e4her bringen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm4.staticflickr.com\/3813\/14082832768_de57a0e6d8_d.jpg\" alt=\"Heinrichstra\u00dfe, Darmstadt\" \/><\/p>\n<p>Kein Erinnerungsschild gibt es \u00fcbrigens auf der anderen Seite der Heinrichstra\u00dfe, wo damals ein recht prominenter Kollege wohnte (was Schmidts auch bald nach ihrem Einzug auf dem Klingelschildchen nachkontrollierten): Frank Thiess, Vizepr\u00e4sident der <a href=\"http:\/\/www.deutscheakademie.de\/\">Darmst\u00e4dter Akademie<\/a> und Erfinder des Begriffs der &#8222;inneren Emigration&#8220;, der Thomas Mann und die Schriftsteller des Exils als Dr\u00fcckeberger und Feiglinge beschimpft hatte.<\/p>\n<blockquote><p>Auch ich bin oft gefragt worden, warum ich nicht emigriert sei, und konnte immer nur dasselbe antworten: Falls es mir gel\u00e4nge, diese schauerliche Epoche, (\u00fcber deren Dauer wir uns freilich alle get\u00e4uscht h\u00e4tten) lebendig zu \u00fcberstehen, w\u00fcrde ich dadurch derart viel f\u00fcr meine geistige Entwicklung gewonnen haben, dass ich reicher an Wissen und Erleben daraus hervorginge, als wenn ich aus den Logen und Parterrepl\u00e4tzen des Auslands der deutschen Trag\u00f6die zuschaute.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein bemerkenswerter Text, in dem das Los der Exilanten als Freizeitveranstaltung diffamiert und das Dritte Reich zu einem Selbsterfahrungs- und Survival-Trip umgedeutet wird. Schmidt erw\u00e4hnt Thies beil\u00e4ufig in &#8222;Goethe&#8220;, wo er ihm zugesteht, das Thema Inzest in seinem Roman <em>Die Verdammten<\/em> besser zu behandelt zu haben als der gro\u00dfe Meister. Aber das k\u00f6nnte auch eine als Kompliment getarnte Spitze sein, schlie\u00dflich sah sich Thiess ausdr\u00fccklich als Epigonen des &#8222;geistigen F\u00fchrers&#8220; Goethe. Ansonsten war Schmidt die prominente Nachbarschaft scheinbar eher unheimlich: Gegen\u00fcber Helmut Hei\u00dfenb\u00fcttel behauptete er mal, dass er sich ungern auf dem Balkon aufhalte, weil er sich von Thiess beobachtet f\u00fchle. (Zuf\u00e4lligerweise lasen Schmidts vor dem Umzug nach Darmstadt einen Roman von Thiess, den <em>Weg zu Isabelle<\/em>, ohne Begeisterung allerdings: &#8222;Also so&#8217;n Mist&#8220;, schrieb Alice ins Tagebuch.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7184\/13703671403_0d52958259_d.jpg\" alt=\"Inselstra\u00dfe 20, Darmstadt\" \/><\/p>\n<p>Wir lassen Tina mit ihrem Gewimmel zur\u00fcck, werfen einen kurzen Seitenblick auf die Kronen-Apotheke um die Ecke (&#8222;neben mir der bekannte Mann im gr\u00fcnen Lodenmantel; auch er verlangte Cyclopal und musterte mich scharf&#8220;) und einen auf das Haus Inselstra\u00dfe 20, das in einem ganz anderen erz\u00e4hlerischen Universum zu Prominenz kam: In der Fernsehserie <em>Diese Drombuschs<\/em> wohnte hier <a href=\"http:\/\/www.drombuschs.de\/wohnung_tina.html\">Chris Drombusch mit seiner Freundin Tina<\/a> (!). Links herum um den Gro\u00dfen Woog, mit Blick auf die Mathildenh\u00f6he, wo die Akademie ihren Sitz hat, und Residenz, Archiv und Theater in den Herrengarten, wo Goethe in Gestalt eines nackten J\u00fcnglings gedacht wird. (Der J\u00fcngling ist aber zur Zeit abwesend.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7401\/11937494624_4d39b385c1_d.jpg\" alt=\"Nauheim\" \/><\/p>\n<p>\u00dcber Pallaswiesenstra\u00dfe und Gr\u00e4fenhauser  Stra\u00dfe geht es durch schier endlose Gewerbegebiete aus der Stadt hinaus. Ein unansehnlicher Abschnitt, und fast m\u00f6chte man Schmidt beipflichten, der an Hei\u00dfenb\u00fcttel schrieb, er sei &#8222;lieber tot in der Heide als lebendig in Darmstadt&#8220;. Weiter entlang der Bahnlinie nach Mainz, vorbei an \u00c4ckern und Feldern, durch biedere Ortschaften, die allesamt wie Vororte wirken. Nord\u00f6stlich von Nauheim f\u00e4hrt man dann pl\u00f6tzlich doch noch durch ein ausgedehntes Waldgebiet, das den W\u00e4ldern der Heide nicht un\u00e4hnlich ist und Schmidt, w\u00e4re er hier durchgeradelt, vielleicht sogar gefallen h\u00e4tte. Mittendrin liegt <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/rhein-main\/region\/50000-zuschauer-kamen-einst-zur-opel-rennbahn-1176975.html\">die alte Opel-Rennbahn<\/a> bzw. das, was davon \u00fcbrig geblieben ist. Nicht viel, aber die Piste l\u00e4sst sich noch gut erkennen, auch wenn sie an vielen Stellen bereits von B\u00e4umen durchbrochen ist und aussieht wie eine Landstra\u00dfe nach einer atomaren Apokalypse. Im Norden der Piste hat man ein kleines St\u00fcck freigerodet und eine Aussichtsplattform mit einer Informationstafel aufgestellt. Dahinter der &#8222;W\u00fcste Forst&#8220;, ein fast urwald\u00e4hnliches Naturschutzgebiet, das so urt\u00fcmlich gar nicht ist, sondern sich auf dem Areal einer ehemaligen Kiesgrube befindet.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm6.staticflickr.com\/5587\/14078121988_1f82220cc6_d.jpg\" alt=\"Opel-Werk R\u00fcsselsheim\" \/><\/p>\n<p>Weiter geht es durch die ehemaligen Mainzer Stadtteile Bischofsheim und Gustavsburg, die nach dem Krieg Hessen zugeschlagen wurden, aber pf\u00e4lzischen Irredentisten und der Deutschen Bahn heute noch als Teil von Mainz gelten. \u00dcber die Eisenbahnbr\u00fccke an der Mainspitze erreichen wir wieder den Rhein, und die Stadt macht von hier aus tats\u00e4chlich ein ganz ansehnliches Panorama. Am Gitter, das den Radweg von den Bahngleisen trennt, h\u00e4ngen Liebesschl\u00f6sser, allerdings in deutlich bescheidenerer Anzahl als an der K\u00f6lner Hohenzollernbr\u00fccke.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist in Mainz das Ziel erreicht, anders als f\u00fcr Schmidt, der hier seinen ersten bedeutenden Literaturpreis ausgeh\u00e4ndigt kam und die Idee, dass es was werden k\u00f6nnte mit der schriftstellerischen Laufbah n. Die <a href=\"http:\/\/www.adwmainz.de\/\">Akademie der Wissenschaften<\/a>, wo ihm der Preis \u00fcbergeben wurde, liegt uns f\u00fcr heute aber doch zu weit ab von der Route: Wir fahren lieber in die Altstadt zum Geburtshaus von Katharina Titz, Tinas Vorbild, und beschlie\u00dfen die Tour dort im Weinlokal: &#8222;Na, ne kleine Rundfahrt tut den Beinen gut.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ein Fahrrad zu f\u00fchren ist wunderbar! 100 Jahre alt w\u00e4re Arno Schmidt in diesem Jahr geworden. Warum dieses runde Datum nicht mit einer Radtour w\u00fcrdigen? Immerhin waren Schmidt und seine Frau Alice selbst passionierte Radfahrer, schon deshalb, weil man sich ein Auto gar nicht leisten konnte. Ein Tandem war das einzige Verkehrsmittel, dass das Ehepaar [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1725,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-1618","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1618"}],"version-history":[{"count":8,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1639,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1618\/revisions\/1639"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1725"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1618"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1618"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1618"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}