{"id":1646,"date":"2015-03-19T16:59:48","date_gmt":"2015-03-19T13:59:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=1646"},"modified":"2021-02-06T01:23:37","modified_gmt":"2021-02-06T00:23:37","slug":"am-almaring","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2015\/03\/19\/am-almaring\/","title":{"rendered":"Am Almaring"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm9.staticflickr.com\/8665\/16123256828_c6f9c4d0f9_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n<p>Es gab eine Zeit, da h\u00e4tte es hier nach Benzin und Abgasen gerochen, und die Luft w\u00e4re voll aufgewirbeltem Staub und von Motorenl\u00e4rm gewesen. In den Siebziger Jahren war das, als es hier das Motodrom Gelsenkirchen gab, das von den Einheimischen auch &#8222;Almaring&#8220; genannt wurde. Heute ist nicht mehr viel \u00fcbrig von dieser Rennstrecke mitten im Ruhrgebiet: Die Asphaltdecke gibt es zwar noch, auch ein paar Streckenbegrenzungen und diverses Bric-\u00e0-Brac sind erhalten geblieben, aber das Areal ist inzwischen von einem dichten W\u00e4ldchen \u00fcberwachsen. Ein Rad- und Fu\u00dfweg f\u00fchrt unmittelbar daran vorbei, aber kein Hinweisschild erz\u00e4hlt davon, was sich da im Geb\u00fcsch verbirgt.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7508\/16124689529_9efe903c71_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n<p>1969 war das Motodrom von der RAG ins Leben gerufen worden. Die Abk\u00fcrzung steht in diesem Fall nicht f\u00fcr die Ruhrkohle AG, sondern f\u00fcr eine Organisation, die sich <em>Rheinl\u00e4ndische Altwagen-Gemeinschaft<\/em>, sp\u00e4ter <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Motodrom_Gelsenkirchen\">laut Wikipedia<\/a> auch <em>Rheinl\u00e4ndische Autorenn-Gemeinschaft<\/em> nannte. Gr\u00fcnder dieser RAG war ein Mann namens Anton Brenner, Motorsport-Fan aus Essen und lokaler Renn-Impresario, der &#8222;Ecclestone des Reviers&#8220;, hei\u00dft es im Buch <a href=\"http:\/\/www.vonneruhr.de\/friedhelm_wessel.html\"><em>Als Oppa Mopped fuhr<\/em><\/a>&#8222;. Der Name der Altwagen-Gemeinschaft macht klar, was hier f\u00fcr Autorennen stattfanden: Kein glamour\u00f6ser Rennsport mit schicken Boliden, sondern ein eher proletarisches Vergn\u00fcgen. &#8222;Ber\u00fchmtheiten fuhren auf dem Almaring nicht&#8220;, erz\u00e4hlte der ehemalige Rennfahrer Heinz Klaka, eine der Legenden des Motodroms, <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/zeusmedienwelten\/zeus\/fuer-schueler\/zeus-regional\/gelsenkirchen\/das-motodrom-mitten-in-gelsenkirchen-id4791500.html\">in einem Interview<\/a>. &#8222;Das waren alles nur kleine Leute&#8220;, die ihre Autos &#8222;gr\u00f6\u00dftenteils selbst zusammengebaut&#8220; hatten: &#8222;F\u00fcr mich als Altmetallh\u00e4ndler war das finanziell und zeitlich etwas einfacher als f\u00fcr Fahrer mit anderen Berufen.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm9.staticflickr.com\/8625\/16310878595_6664452781_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren brachte das Rennsport-Fanzine <em>Motor77<\/em> <a href=\"http:\/\/www.kraftfahrzeug-mediengesellschaft.de\/kfz-mg\/Kraftfahrzeug-Mediengesellschaft\/Eintrage\/2013\/5\/11_Ruhrpott_Rennlegenden_files\/Speed%26Koks2.1.pdf\">einen lesenswerten Artikel<\/a> \u00fcbers Motodrom, und schilderte in Wort und Bild die gro\u00dfe Beliebtheit der Strecke: &#8222;Ganze rennverr\u00fcckte Familien belagerten die Industriebrache an den Wochenenden&#8220;, hei\u00dft es dort.<\/p>\n<blockquote><p>Autos, Wohnwagen, Trailer, gebl\u00fcmte Klappst\u00fchle und K\u00fchlboxen zauberten eine unverwechselbare Idylle. [\u2026] Lautsprecherdurchsagen, Heimorgelunterhaltungsmusik, Schwaden verbannten Benzins und Gummis in Einheit mit Grillfleisch und Holzkohle, wehende Goodyear-, Michelin und Schwarzwei\u00dfkarierte Fahnen verliehen diesem Kleinod allw\u00f6chentlich an Sams- und Sonntage einen Hauch von Indianapolis-Flair.<\/p><\/blockquote>\n<p>Preisgeld wurde offenbar nicht nur f\u00fcr Siege bezahlt: &#8222;Man munkelt \u00dcberschl\u00e4ge wurden unter der Hand mit 50 DM honoriert.&#8220;<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7526\/15690888773_288084c283_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n<p>Im Grunde war das Motodrom ein fr\u00fches Beispiel f\u00fcr das, was Stadt- und Regionalplaner dann als &#8222;Strukturwandel\u201c bezeichnen sollten: Der Versuch, auf den \u00dcberbleibseln der Industrie, die das Ruhrgebiet hervorgebracht hatte, etwas Neues zu bauen. Der Almaring befindet sich n\u00e4mlich auf einem ehemaligen Zechengel\u00e4nde, dem Standort der Zeche Alma, einer der traditionsreichsten Zechen des Ruhrgebiets, deren Geschichte bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zur\u00fcckreicht. Zu den Hauptgesellschaftern dieser Zeche geh\u00f6rte anfangs eine franz\u00f6sische Bergwerksgesellschaft, die auch f\u00fcr die Namensgebung verantwortlich sein d\u00fcrfte: Alma ist der Name eines Flusses auf der Krim, ein paar Kilometer n\u00f6rdlich von Sewastopol. 1854 fand dort die erste Schlacht des Krimkrieges statt, in der die alliierten Franzosen und Engl\u00e4nder den verfeindeten Russen eine herbe Niederlage zuf\u00fcgten. Das l\u00f6ste wiederum in den Staaten der Sieger eine Welle patriotischen \u00dcberschwangs aus: In Frankreich wurden Dutzende von Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen und Br\u00fccken nach dem unscheinbaren Fl\u00fcsschen benannt, in England wurde Alma zu einem beliebten M\u00e4dchennamen. Im Ruhrgebiet bereichert er seither die seltsame Geographie, die von manchen Zechennamen des Reviers gebildet wird. Nicht weit vom Almaring liegen zum Beispiel auch Lothringen, Hannover, Schwerin und sogar der Mont Cenis.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm9.staticflickr.com\/8640\/16123321308_af75b4e1e0_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n<p>Den Namen Alma behielt die Zeche auch, als sie 1877 von der <em>Gelsenkirchener Bergwerks-AG<\/em> (GBAG) \u00fcbernommen wurde \u2013 einem Konzern, der in den Jahren nach dem Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg die Konsolidierung der lokalen Zechen unter deutscher F\u00fchrung anstrebte &#8211; und mit der benachbarten Zeche Rheinelbe zur <em>Vereinigten Rheinelbe &amp; Alma<\/em> zusammengelegt wurde. Gut f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter war auch die GBAG schon wieder Geschichte und ging in den <em>Vereinigten Stahlwerken<\/em> auf. Dort, wo sich sp\u00e4ter das Motodrom befinden sollte, entstand eine zentrale Kokerei \u2013 g\u00fcnstig am Schnittpunkt mehrerer Bahnlinien gelegen, und von 1927 bis 1963 in Betrieb. Das Verwaltungsgeb\u00e4ude der Kokerei steht noch heute, direkt neben der ehemaligen Rennstrecke: Ein interessanter Bau im Stil des Backsteinexpressionismus, entworfen vom Architektenb\u00fcro Schupp &amp; Kremmer, das viele bedeutende Industriebauwerke konzipiert hat, unter anderem auch die Zeche Zollverein. Leider ist das Geb\u00e4ude heute in einen \u00e4hnlichen D\u00e4mmerzustand verfallen wie das Motodrom: Es steht zwar unter Denkmalschutz, aber auch schon seit vielen Jahren leer, ist verrammelt und verriegelt und verf\u00e4llt allm\u00e4hlich.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm9.staticflickr.com\/8580\/16862364402_0acbb74430_d.jpg\" alt=\"Ehemalige Kokerei Alma\" \/><\/p>\n<p>Am Ende wurde der Kurs wohl ein Opfer seines Erfolgs: Anwohner beschwerten sich regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber den L\u00e4rm und \u00fcber die Menschenmassen, die Woche f\u00fcr Woche zum Gel\u00e4nde pilgerten, das nur \u00fcber eine einzige Sackgasse am Rande eines Wohngebiets erreichbar war. 1984 wurde der Almaring dicht gemacht, und dabei ist es bis heute geblieben. Vor einiger Zeit versuchte ein lokales K\u00fcnstlerkollektiv ein Gedenkrennen auf der alten Strecke durchzuf\u00fchren, aber offenbar konnte man sich mit den Eigent\u00fcmern nicht einigen. Stattdessen gab es dann eine Videoinstallation im Gelsenkirchener Hauptbahnhof, deren <a href=\"http:\/\/archipel-invest.eu\/project\/palindrom\/\">Titel und Logo<\/a> wenigstens ein bi\u00dfchen an das Motodrom erinnerten.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7531\/16310666055_d026551931_d.jpg\" alt=\"Ehemalige Kokerei Alma\" \/><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZnIk7lHndSY\">Hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=b6VYUWjE33w\">hier<\/a> gibt es \u00fcbrigens Filmaufnahmen von Rennen auf dem Almaring, im zweiten Fall sogar mit sehr authentisch wirkendem Soundtrack.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm8.staticflickr.com\/7533\/16310733105_fe9d9052bf_d.jpg\" alt=\"Almaring Gelsenkirchen\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab eine Zeit, da h\u00e4tte es hier nach Benzin und Abgasen gerochen, und die Luft w\u00e4re voll aufgewirbeltem Staub und von Motorenl\u00e4rm gewesen. 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