{"id":182,"date":"2005-10-19T17:44:41","date_gmt":"2005-10-19T15:44:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=182"},"modified":"2005-10-19T17:44:41","modified_gmt":"2005-10-19T15:44:41","slug":"incidente-della-strada","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/10\/19\/incidente-della-strada\/","title":{"rendered":"Incidente della strada"},"content":{"rendered":"<p>Die alte Frau kam auf einen Stock gest\u00fctzt und mit einer grau-gr\u00fcnen Einkaufstasche aus Kunstleder in der Hand. Sie war klein und schm\u00e4chtig, nur halb so gro\u00df wie ich, und sie trug eine dicke Brille, hinter der man die Augen nur als w\u00e4\u00dfrige Punkte sehen konnte.<!--more--><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht mehr, mit welcher Bemerkung sie unsere Konversation einleitete, aber es war irgendetwas Allgemeines \u00fcber den Bus und die Zuverl\u00e4ssigkeit oder Unzuverl\u00e4ssigkeit, mit der die Busfahrer den Fahrplan einhalten. Die Kunst der Konversation besteht in Italien immer darin, solche Gemeinpl\u00e4tze als Ausgangspunkt festzulegen und von dort aus zielstrebig auf die Orte zuzusteuern, die einen wirklich interessieren: Wer bist du? Woher kommst du? Was bringt dich dazu, wie ich an einem Herbstmorgen an einer abgelegenen Bushaltestelle kurz vor Montepulciano herumzustehen?<\/p>\n<p>Ich antwortete brav, und fragte ebenso h\u00f6flich zur\u00fcck, wo sie denn hin wolle. Nach San Quirico, denn da ist heute Markttag, hie\u00df es. Zur Sicherheit, damit ich ihr glaube, dass es wirklich auf den Markt geht und nicht einfach nur zum Spass nach San Quirico, z\u00e4hlte sie mir die Markttage der anderen Gemeinden auch auf: &#8222;Pienza am Monttag. Chianciano am Donnerstag, Montepulciano am Freitag.&#8220; Der in San Quirico tauge eigentlich nicht viel, f\u00fcgte sie hinzu.<\/p>\n<p>Aber ich sei wohl nicht von hier, das h\u00f6re man. Nein, ich bin aus Deutschland, antwortete ich brav. &#8222;Ah, Deutschland&#8220;, und da wurde ihre Stimme auf einmal lebhaft: &#8222;Im Krieg waren viele Deutsche bei uns&#8220;, sagte sie. &#8222;Ich sch\u00e4tze die Deutschen. Bei uns im Haus waren viele Soldaten. Alles junge M\u00e4nner, so wie Sie. Alle h\u00f6flich, und alle sehr gut erzogen.&#8220;<\/p>\n<p>Der schw\u00e4rmerische Ton in ihrer Stimme \u00fcberraschte mich. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders gewesen und hatte meine Herkunft nur als notwendiges Detail eines routinierten Small-Talks abgespult. Dass das Gespr\u00e4ch jetzt auf den Krieg kam, wollte mir gar nicht so recht zu diesem warmen und angenehmen Herbsttag passen. Und schon gar nicht wollte mir passen, dass die Dame ins Schw\u00e4rmen geriet, bei der Erinnerung an den Krieg und die Deutschen.<\/p>\n<p>Inzwischen war der Bus gekommen, wir waren eingestiegen und sie setzte sich auf die Bank neben mir. &#8222;Einmal kam ein Offizier, mit schwarzer Uniform, ein sch\u00f6ner Mann&#8220;, erz\u00e4hlte sie. (Nahm sie mich dabei \u00fcberhaupt noch wahr?) &#8222;Das war ein sehr h\u00f6flicher Mensch. Sie k\u00f6nnen im Schlafzimmer \u00fcbernachten, sagte meine Mutter zu ihm, dort gibt es ein bequemes Bett. Nein, sagte er, ich schlafe hier auf dem Teppich, vor dem Kaminfeuer. Das ist warm genug.&#8220;<\/p>\n<p>Nein, das pa\u00dfte mir nicht, dass ich jetzt der Anla\u00df daf\u00fcr war, wenn eine alte Dame in romantischen Erinnerungen an einen SS-Offizier schwelgte. Ich versuchte, mich dadurch zu beruhigen, dass ich heimlich das Alter der Dame sch\u00e4tzte und von dort aus zur\u00fcckrechnete, wie alt sie wohl damals, in den Kriegsjahren, gewesen sein mochte. Wenn sie jetzt etwa siebzig ist, dann war sie damals grade zehn, sagte ich mir. In so einem Alter ist man selbstverst\u00e4ndlich beeindruckt, wenn jemand mit einer sch\u00f6nen Uniform vor einem steht, wenn er dann noch dazu h\u00f6flich und nett ist. Vielleicht, sagte ich mir weiter, bekommt man auch noch etwas geschenkt von diesem Jemand in der sch\u00f6nen Uniform. Aber wie kam es, dass sich diese Erinnerung so tief eingebrannt hatte und das erste war, was der alten Frau einfiel zu Deutschland und dem Krieg? Wollte sie einfach nur h\u00f6flich sein zu dem einsamen Spazierg\u00e4nger, der da mit kurzen Hosen und Rucksack in der Landschaft gestanden hatte?<\/p>\n<p>Mir fielen nur lahme Einw\u00fcrfe ein, aber die schienen sie in ihrer Erinnerung auch nicht wirklich zu st\u00f6ren. Ich war froh, als wir durch Pienza kamen, und ich das Gespr\u00e4ch zumindest kurz wieder auf einen Gemeinplatz f\u00fchren konnte. (&#8222;Eine sch\u00f6ne Stadt.&#8220; &#8211; &#8222;Ja, sehr sch\u00f6n, sehr sch\u00f6n.&#8220;) Aber auf der Fahrt nach San Quirico zeigte sie mir ein einsames Bauernhaus, etwas abseits der Stra\u00dfe: &#8222;Hier, da haben die Deutschen ihr Hauptquartier gehabt. Und ringsherum standen die Panzer und die Autos.&#8220;<\/p>\n<p>Ich schwieg und schaute aus dem Bus. Die Landschaft ringsherum tat ihr Bestes, um mich auf andere Gedanken zu bringen. Es war dunstig, aber man konnte weit sehen, der Blick in die karge H\u00fcgellandschaft des Val d&#8217;Orcia war wundersch\u00f6n und erinnerte mich an Bilder von S\u00fcdspanien. In den Senken wattebauschten noch Wolkenfelder und die Berge, die den Horizont eingrenzten, schimmerten blaugr\u00fcn, auf einigen leuchteten hellfleckig D\u00f6rfer und Bauernh\u00f6fe.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich wies die alte Frau auf ein paar ausgewaschene Abh\u00e4nge am Rand eines der H\u00fcgel: Steilh\u00e4nge, typisch f\u00fcr die Gegend hier, wie schwere Wunden in die Landschaft geschlagen, immer wie der Rand eines Kraters oder ein aufgelassener Steinbruch aussehend. &#8222;Das sind die Crete&#8220;, sagte sie. &#8222;Die sind schon uralt. Alles \u00dcberreste von den Etruskern&#8220;, und sie nickte gewichtig. Ich l\u00e4chelte, weil die \u00dcberzeugung, mit der diese folkloristische Behauptung vorgetragen wurde, die schw\u00e4rmerischen Gedanken davor relativierte: Als ob ich damit einen Beleg erhalten h\u00e4tte, dass die alte Frau nun mal keine Ahnung von Geschichte habe.<\/p>\n<p>In San Quirico stieg sie aus und nickte mir noch mal kurz zu: &#8222;Buona giornata&#8220;, wechselten wir h\u00f6flich. Aber sie hatte schon eine andere \u00e4ltere Dame gefunden und plauderte \u00fcber den Markt, die Preise und \u00e4hnliche Dinge. Zischend schloss die T\u00fcr, der Bus fuhr weiter, und urpl\u00f6tzlich, kurz vor Buonconvento, versanken wir in einem Nebenloch aus dicken Schwaden. Ich sah nichts mehr, nur die schemenhaften Umrisse von B\u00e4umen, die sich wie schlampige Bleistiftstriche nach oben reckten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die alte Frau kam auf einen Stock gest\u00fctzt und mit einer grau-gr\u00fcnen Einkaufstasche aus Kunstleder in der Hand. 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