{"id":185,"date":"2005-10-22T23:35:38","date_gmt":"2005-10-22T21:35:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=185"},"modified":"2005-11-09T16:39:33","modified_gmt":"2005-11-09T14:39:33","slug":"rockpolitik","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/10\/22\/rockpolitik\/","title":{"rendered":"Rockpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Adriano Celentano macht eine Show, und in Italien tobt das Feuilleton. Wer h\u00e4tte gedacht, dass ein 68j\u00e4hriger Schlagers\u00e4nger so einen politischen Aufruhr veranstalten kann? Aber der Wirbel um die Comeback-Show <i>Rockpolitik<\/i> ist nur ein Beispiel mehr f\u00fcr den miserablen Zustand der italienischen Medienlandschaft.<!--more--><\/p>\n<p>Schon im Sommer war die Show eines der Hauptgespr\u00e4chsthemen auf den Medienseiten: Der Rai-Chef Fabrizio del Noce, eigentlich ein Forza-Italia-Mann, hatte Celentano eine abendliche Fernsehshow versprochen, mit voller inhaltlicher Kontrolle. Celentano war so clever, vor der Erstausstrahlung au\u00dfer geheimniskr\u00e4merischen Andeutungen und ein paar vollmundigen Slogans (&#8222;qualcosa di mai visto in TV&#8220;) nichts nach au\u00dfen dringen zu lassen. Und so stieg auf Seiten der Linken die Erwartungshaltung, und bei den Rechten die Panik: Kritik an Berlusconi, und das zur besten Sendezeit, im Staatsfernsehen? Del Noce wollte vor lauter Schreck \u00fcber das, was ihm da unterlaufen war, sogar schon <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2005\/i\/sezioni\/spettacoli_e_cultura\/celent\/delnosospe\/delnosospe.html\">zur\u00fccktreten<\/a>.<\/p>\n<p>Am Donnerstag ging die Show \u00fcber den Sender, und elf Millionen Italiener, fast die H\u00e4lfte aller Fernsehzuschauer, sahen zu. Ich hab sie nicht gesehen, nur ein paar Ausschnitte in den Schweizer Nachrichten und im Internet, aber eigentlich brauchte man das auch nicht: Die <em>Repubblica<\/em> hat in ihrer Freitagsausgabe auf drei gro\u00dfen Seiten fast alles nacherz\u00e4hlt, was es da zu sehen gab.<\/p>\n<p>Besonders revolution\u00e4r kommt einem das nicht vor: Konventionelle Rockmucke, kabarettistische Show-Einlagen und Michael-Moore-\u00e4hnliche Enth\u00fcllungen, vor allem ein Video mit einer Berlusconi-Pressekonferenz von 2002: Dort meckerte der <em>Cavaliere<\/em> gegen die kritische Berichterstattung von drei RAI-Journalisten, die &#8211; <em>che sorpresa!<\/em> &#8211; kurz darauf entlassen wurden. Einer der drei, Michele Santoro, trat in der Show auf. Das war schon eine freche Geste: Santoro hat seit seiner Entlassung eigentlich Hausverbot bei der RAI.<\/p>\n<p>Ein paar lustige Szenen gab es durchaus: Celentanos Pr\u00e4sentation einer Untersuchung zur Pressefreiheit zum Beispiel, in der Italien auf Platz 77 landete (zwischen Bulgarien und der Mongolei), und Celentano lie\u00df es sich nicht nehmen, s\u00fcffisant darauf hinzuweisen, dass das Forschungsinstitut <em>Freedom House<\/em> hie\u00df &#8211; Berlusconis Parteienb\u00fcndnis nennt sich <em>Casa della Libert\u00e0<\/em>. <\/p>\n<p>Aber eins ist auch klar: Celentano ist kein Revolution\u00e4r, sondern ein populistischer Entertainer. Seine Welt ist ganz einfach schwarz und wei\u00df gestrickt. Schon am Anfang der Show pr\u00e4sentierte er seine eigent\u00fcmliche Version von Gut und B\u00f6se: Alles Coole ist <em>rock<\/em>, alles Uncoole <em>lento<\/em> (und das in einem Land, wo sonst mit <em>slow food<\/em> und <em>citt\u00e0slow<\/em> die Langsamkeit als Haltung des zivilen Sandkorn-im-Getriebe-Seins geradezu beschworen wird). Aber <em>rock<\/em> sind dann nach seiner Definition doch nur ein paar eher konventionelle Schoten: Jeans, Motorrad-Weltmeister Rossi und (nanu?) der Papst.<\/p>\n<p>Die gigantomanische Kulisse einer Endzeit-Stadt, in der &#8211; huh! &#8211; sogar echte Chinesen herumwuselten (Globalisierung, Sie verstehen?), war wohl die naheliegendste M\u00f6glichkeit, im Fernsehstudio eine Stadionatmosph\u00e4re zu simulieren.  (4 Millionen Euro habe die Show gekostet, maulte das Berlusconi-Blatt <em>Il Giornale<\/em> sauert\u00f6pfisch). Dass Celentano ausgerechnet in dieser Kulisse die Heimeligkeit und Vertrautheit italienischer Dorfpiazzas beschwor, das hat auch ein bi\u00dfchen was Prince-Charles-haftes. <\/p>\n<p><em>Rockpolitik<\/em> ist kein Skandal. Inzwischen f\u00fchlt sich sogar Del Noce ganz wohl damit, kann er inzwischen doch behaupten, dass man im italienischen Fernsehen durchaus alles sagen d\u00fcrfe. Der eigentliche Skandal ist was anderes: Dass man in Wirklichkeit Celentano hei\u00dfen muss, um im italienischen Fernsehen noch so etwas wie Kritik unterbringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>*Kleines Update:* <\/strong>Die Eint\u00f6nigkeit der italienischen Medienlandschaft ist der Rechten freilich noch nicht eint\u00f6nig genug. &#8222;Celentano ist unsere Schuld&#8220;, schreibt der <a href=\"http:\/\/www.ilgiornale.it\/a.pic1?ID=37604\">Giornale<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Die Rechte hat es nach dem Wahlzieg nicht verstanden, einen guten Nutzen aus dem wichtigsten Instrument der Information und Kultur in Italien zu ziehen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass das Fernsehen als blo\u00dfes Instrument zu betrachten sei, und von der Rechten in ihrem Sinne zu manipulieren &#8211; das findet man selten so deutlich ausgesprochen.<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt keine Kultur der Rechten, weil es keine rechte Kultur gibt. Dass es keine Kultur der Rechten gibt, liegt nicht daran, dass es sie nicht geben k\u00f6nnte, sondern weil die Rechte es nicht gewollt und nicht vermocht hat, eine solche Kultur zu befruchten, zu ermutigen, zu motivieren, und weil sie ihr nicht die Instrumente gegeben hat, um die Arbeit aufzunehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es liegt wohl eher daran, dass Berlusconi, eine unpolitische RAI, in der man \u00fcber nichts mehr diskutiert, lieber ist, als eine politische RAI, in der Diskussion zuindest fingiert wird<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adriano Celentano macht eine Show, und in Italien tobt das Feuilleton. Wer h\u00e4tte gedacht, dass ein 68j\u00e4hriger Schlagers\u00e4nger so einen politischen Aufruhr veranstalten kann? 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