{"id":202,"date":"2005-11-09T00:12:56","date_gmt":"2005-11-08T22:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=202"},"modified":"2013-03-21T16:57:04","modified_gmt":"2013-03-21T13:57:04","slug":"jean-paul-lesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/11\/09\/jean-paul-lesen\/","title":{"rendered":"Jean Paul lesen!"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Jean Paul wollte Arno Schmidt sich sogar mit der ganzen Welt pr\u00fcgeln. Ich bin bisher immer im weiten Bogen um diesen Schriftsteller herumgeschlichen. Die Neugierde war schon da, aber ach!, das sind so dicke B\u00fccher, und dann soll der doch so biedermeierlich sein, ich wei\u00df nicht &#8230; Jetzt hab ich mir endlich mal <em>Die unsichtbare Loge<\/em> vorgenommen, und m\u00f6cht&#8217;s gar nicht mehr aus der Hand legen.<!--more-->Was ist das doch f\u00fcr ein prachtvolles Buch! Ich bin gerade mal im 33. Sektor, und schon tut&#8217;s mir leid, dass das Werk unvollendet geblieben ist. (Es ist ja immer furchtbar, wenn man sowas schon vorher wei\u00df.) Jedenfalls: Ich w\u00fcrd&#8216; mich mitpr\u00fcgeln.<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlich betrachtet, ist das hier ein klassischer Bildungsroman, aber die Akrobatik, mit der Jean Paul die Handlung auch in ihren unrealistischsten und bizarrsten Ver\u00e4stelungen Purzelb\u00e4ume schlagen und doch wieder auf beiden F\u00fc\u00dfen landen l\u00e4\u00dft, ist atemberaubend. Bisweilen scheint ihm selbst ob der ganzen Volten schwindlig geworden zu sein: &#8222;Beim Henker!&#8220;, schreibt er einmal, <\/p>\n<blockquote><p>ich werde hier mehr Witz gehabt haben, als wohl gern gesehen wird; aber versuch&#8216; es einmal ein lebhafter Mann und schreib&#8216; \u00fcber die Liebe und entschlage sich des Witzes! &#8211; Es geht fast nicht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Genau, das geht nicht, schlie\u00dflich will ja ein ganzes Leben nacherz\u00e4hlt werden, das des Helden Gustav wenigstens, und dann sind da noch die zahlreichen Nebenfiguren &#8230; Um die alle in den Text zu bekommen, da mu\u00df man manchmal eben im Hemd schuften &#8222;wie ein Hammerschmied&#8220;. Da spielt die Geschichte schon in einem Mini-F\u00fcrstentum, und dann wird auf einmal doch ein Miniatur-Kosmos daraus, mit Sternschnuppen, Planeten und schwarzen L\u00f6chern &#8230;<\/p>\n<p>Aber neben der ganzen menschlichen Kosmologie findet Jean Paul noch Zeit zu kleinen kleinen philosophischen Meditationen, die man dann eine nach der anderen abschreiben und laut vorlesen m\u00f6chte. Zum Beispiel diese hier:<\/p>\n<blockquote><p>Die <em>leeren<\/em> Kleider eines Menschen, zu mal der Kinder, fl\u00f6\u00dfen mir Wohlwollen und Trauern ein, weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Einschiebsel darin schon mu\u00df ausgestanden haben; und ich h\u00e4tte mich einmal in Karlsbald leicht mit einer B\u00f6hmin ausges\u00f6hnet, wenn sie mich ihre Hauskleidung, ohne da\u00df sie darin war, h\u00e4tte beschauen lassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Andre h\u00e4tten vielleicht lieber die B\u00f6hmin, ohne die Kleidung drumherum, beschaut, aber f\u00fcr Jean Paul wiegt die schmutzige W\u00e4sche anderer ein ganzes Leben auf&#8230; Ein andermal bemerkt er dieses hier:<\/p>\n<blockquote><p>Fern von Menschen wachsen <em>Grunds\u00e4tze<\/em>; unter ihnen <em>Handlungen<\/em>. Einsame Unt\u00e4tigkeit reift au\u00dfer der Glasglocke des Museums zur geselligen T\u00e4tigkeit, und unter den Menschen wird man nicht <em>besser<\/em>, wenn man nicht schon <em>gut<\/em> unter sie kommt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Gustav mu\u00df das ja ausprobieren: Er kommt ja &#8222;gut&#8220; unter die Menschen, nach seiner sonderbaren unterirdischen Erziehung, mit dem merkw\u00fcrdigen Konzept seines Hauslehrers, das wirkliche Leben als ein Leben nach dem Tod (n\u00e4mlich dem Ende der Kindheit) zu definieren. Mit der &#8222;geselligen T\u00e4tigkeit&#8220; bekommt er freilich so seine Probleme, und um zu wissen, ob man nun tats\u00e4chlich &#8222;besser&#8220; wird unter den Menschen, da m\u00fc\u00dfte man das Buch schon ausgelesen haben. Fortsetzung folgt &#8230;<\/p>\n<p>Wie ist das eigentlich mit B\u00fcchern? Werden die unter den Lesern auch nicht besser, wenn sie nicht schon gut unter sie kommen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Jean Paul wollte Arno Schmidt sich sogar mit der ganzen Welt pr\u00fcgeln. Ich bin bisher immer im weiten Bogen um diesen Schriftsteller herumgeschlichen. 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