{"id":204,"date":"2010-05-18T13:41:30","date_gmt":"2010-05-18T10:41:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=204"},"modified":"2020-05-07T18:35:20","modified_gmt":"2020-05-07T15:35:20","slug":"abgetaucht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/05\/18\/abgetaucht\/","title":{"rendered":"A555"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1357\/4605396988_1a280af236.jpg\" alt=\"A555\" \/><\/p>\n<blockquote><p>Die Fahrbahn ist ein graues Band<br \/>\nWei\u00dfe Streifen, gr\u00fcner Rand.<\/p><\/blockquote>\n<p>Von einer legend\u00e4ren Autobahn zur n\u00e4chsten, vom <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=696\">Ruhrschnellweg<\/a> zur A555. Auf der Suche nach Informationen zur Autobahngeschichte sto\u00dfe ich auf diese interessante Behauptung: Kraftwerks St\u00fcck <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xLUfYeZmxRA\">Autobahn<\/a> beschreibe &#8222;nicht nur das Reisen auf einer beliebigen Autobahn&#8220;, <a href=\"http:\/\/www.fluter.de\/de\/nrw\/lesen\/3821\/\">schreibt Philipp W\u00f6hler im Fluter<\/a>, sondern instrumentiere &#8222;die Fahrt auf einer ganz bestimmten Schnellstra\u00dfe: der A555 von K\u00f6ln nach Bonn \u2013 der ersten Autobahn \u00fcberhaupt.&#8220;<\/p>\n<p>Ein bemerkenswerter Hinweis, fand ich. Die A555 schlie\u00dflich die Autobahn vor meiner Haust\u00fcr und vermutlich die Schnellstra\u00dfe, auf der ich am h\u00e4ufigsten unterwegs bin. Die Vorstellung, sich dort auf einer Stra\u00dfe der Popmythologie zu bewegen, einer deutschen <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=dCYApJtsyd0\">Route 66<\/a> sozusagen, ist durchaus charmant.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man sagen, dass es wohl bei kaum einer Band so irrelevant ist wie bei Kraftwerk, ob sich Texte oder Musik auf irgend ein reales Objekt beziehen oder nicht. H\u00fctter und Schneider ging es sicher weniger um realit\u00e4tsgetreue Nachbildungen, eher um prototypische Soundtracks f\u00fcr die Dinge der modernen Welt. Selbst wenn in einem St\u00fcck mal St\u00e4dte- oder Personennamen auftauchen, wie etwa in <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LWlgbAc3bbM\">Trans Europa Express<\/a>, wirken sie eher wie Produkt-Features als wie an Raum und Zeit gebundene Orte.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4062\/4583832538_d0c1d63574_o.jpg\" alt=\"Autobahn\" \/><\/p>\n<p>Leider nennt W\u00f6hler keine Quelle f\u00fcr seine Behauptung, und dem St\u00fcck selbst lassen sich nicht viele Hinweise entnehmen. Das einzige geographische Indiz, das der Text liefert, passt nicht wirklich: &#8222;Vor uns liegt ein weites Tal&#8220;, hei\u00dft es, aber die A555 f\u00fchrt nicht durch ein Tal, sondern durch die weite Ebene der K\u00f6lner Bucht. Die Berge, die auf dem Cover des Albums dargestellt sind, erinnern zwar ein wenig an die Kulisse des Siebengebirges, aber die Schnellstra\u00dfe l\u00e4uft nicht zwischen den Gipfeln hindurch wie auf dem Cover. Und auch Struktur und Ablauf des St\u00fccks entsprechen nicht wirklich der Dauer und dem Ablauf einer Fahrt zwischen K\u00f6ln und Bonn. (<a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/music\/2009\/jun\/19\/kraftwerk-hutter-manchester-international\">Laut Ralf H\u00fctter<\/a> waren ohnehin nur die \u201etechnischen M\u00f6glichkeiten der Vinyl-LP\u201c der Grund f\u00fcr das Timing der Komposition.)<\/p>\n<p>Es geht also eher um das Konzept &#8222;Autobahn&#8220;, um die &#8222;endlose Reise&#8220;, wie H\u00fctter sagt, als um eine real existierende Verbindung zwischen A und B (und schon gar nicht um einen &#8222;Soundtrack f\u00fcr Nordrhein-Westfalen&#8220;, den W\u00f6hler gern h\u00f6ren m\u00f6chte). Wenn es tats\u00e4chlich eine Verbindung zwischen der K\u00f6ln-Bonner Autobahn und der von Kraftwerk geben sollte, dann liegt der eher auf einer abstrakteren Ebene.<\/p>\n<p>Die K\u00f6ln-Bonner Schnellstra\u00dfe \u2013 die ihre aktuelle Nummer \u00fcbrigens genau in dem Jahr erhielt, in dem die Kraftwerk-LP erschien &#8211; ist nicht nur die \u00e4lteste deutsche Autobahn, sie ist auch die Autobahn <em>vor<\/em> Hitler. Gebaut wurde sie zwischen 1929 und 1932 auf Veranlassung von Konrad Adenauer, damals K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister, der in den gleichen Jahren \u00fcbrigens auch den Ford-Konzern in die Stadt holte. Autobahn nannte man diesen Stra\u00dfentyp zwar noch nicht \u2013 den Begriff machten tats\u00e4chlich erst die Nazis g\u00e4ngig -, und sie sah auch noch nicht ganz so aus wie das, was wir heute darunter verstehen. Sie war aber die erste \u00f6ffentliche Stra\u00dfe, die nur f\u00fcr Kraftfahrzeuge freigegeben war. (Die Berliner AVUS ist zwar \u00e4lter, war aber privatfinanziert, mautpflichtig und in erster Linie als Test- und Rennstrecke gedacht.)<\/p>\n<p>Die Autobahn zwischen K\u00f6ln und Bonn w\u00e4re also sozusagen die Strecke, mit der sich die (Selbst-)Stilisierung der Nationalsozialisten als Erfinder der Autobahn widerlegen lie\u00dfe. Eine &#8222;unbelastete&#8220; Stra\u00dfe, wenn man so will, \u00fcber die man ohne ideologisches Risiko die Errungenschaften der Technik und die Eleganz des flie\u00dfenden Verkehrs feiern k\u00f6nnte. Kraftwerks Blick auf die Moderne ist ja immer ein romantisch verkl\u00e4rter Futurismus, &#8222;getr\u00e4nkt mit Nostalgie f\u00fcr eine Zukunft, die es nie gab&#8220;, wie <a href=\"http:\/\/k-punk.abstractdynamics.org\/archives\/011306.html\">Mark Fisher<\/a> k\u00fcrzlich schrieb.<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass sich Kraftwerk im Refrain indirekt auf die Beach Boys beziehen: &#8222;Fahr\u2019n fahr\u2019n fahr\u2019n&#8220; ist eine augenzwinkernde Verbeugung vor deren <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=QXif3HvtpNg\">Fun Fun Fun<\/a>, dieser Hymne auf Hedonismus, Autos und Geschwindigkeit: &#8222;With her daddy\u2019s car\/Going just as fast as she can now&#8220;, so schnell wie auch viele Fahrer auf der fast schnurgeraden &#8222;Diplomatenrennbahn&#8220;, auf der erst 2004 eine Geschwindigkeitsbegrenzung eingef\u00fchrt wurde. Aber w\u00e4hrend die Beach Boys wirklich Gas geben, ist das Tempo bei Kraftwerk deutlich verhaltener: Der Autofahrer als moderne Version des flanierenden Bohemiens.<\/p>\n<p>Vor einiger Zeit gab es <a href=\"http:\/\/nastybrutalistandshort.blogspot.com\/2009\/09\/mechanisation-didnt-take-command.html\">im Blog von Owen Hatherley<\/a> eine ganz interessante Diskussion \u00fcber zwei unterschiedliche Richtungen im deutschen Underground-Pop der 70er. Auf der einen Seite &#8222;reduktionistische&#8220; Bands wie Kraftwerk, La D\u00fcsseldorf, Can mit ihrer Vorliebe f\u00fcr mechanische Beats und Studio-Basteleien, auf der anderen Seite &#8222;kosmische&#8220; und psychedelische Gruppen wie Amon D\u00fc\u00fcl oder Popol Vuh, die eher mystische Spielwiesen und Authentizit\u00e4t-fixiertes Gniedeltum bevorzugten. <\/p>\n<p>Hatherley sympathisiert eindeutig mit der ersten Tendenz, der er ein unverkrampfteres Verh\u00e4ltnis zur Moderne zuschreibt, und damit ein gr\u00f6\u00dferes Potenzial f\u00fcr vision\u00e4re und revolution\u00e4re Positionen, w\u00e4hrend Psychedelik und Folkloristik &#8211; seiner Meinung nach &#8211; einiges an reaktion\u00e4rem und r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Unterschleif mit sich f\u00fchrten. Da ist was dran, allerdings scheint mir Hatherley die Tiefe des Grabens zwischen beiden Richtungen zu \u00fcbersch\u00e4tzen. Wenn er zum Beispiel schreibt, hinter Kraftwerks Musik stehe die Idee einer neuen Welt, die &#8222;emphatically not romantic, and certainly not psychedelic&#8220; sei, dann \u00fcbersieht er dabei, dass Kraftwerk durchaus eine Art von Techno-Romantizismus betreiben: N\u00e4mlich die Suche nach einem versch\u00fctteten, wieder freizulegenden vision\u00e4ren Modernismus, der einem erlauben k\u00f6nnte, die Dinge der modernen Welt so zu feiern wie die Beach Boys das mit ihrem idealisierten Kalifornien taten (bevor auch bei ihnen die Wehmut durchschlug). Romantische Motive gibt es bei Kraftwerk zuhauf, von der glitzernden Autobahn-Idylle \u00fcber tanzende <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wXYTReBASsw\">Schaufensterpuppen<\/a> bis zur Feier der Radsport-Mythologie in <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sQz-CZvkY8k\">Tour de France<\/a>. Kraftwerks Reise ist, um noch mal Fisher zu zitieren, eine Fahrt mit dem \u201eGeisterzug des deutschen Modernismus\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3348\/4605427084_ae62a9af2e.jpg\" alt=\"Unfallkreuz bei Uedorf\" \/><\/p>\n<p>Eine Reise, auf der man viele Gespenster antreffen kann. Auch an der A555: Ein Rest der alten Strecke hat sich in K\u00f6ln, am Bonner Verteiler, noch erhalten &#8211; ein asphaltiertes totes Gleis, das im Nichts endet. Und etwas abseits der Strecke (von ihr aus auch nicht zu sehen) steht bei Uedorf an einem Feldweg ein Unfallkreuz, das erste, das an einer deutschen Autobahn errichtet wurde. Es gilt <a href=\"http:\/\/www.general-anzeiger-bonn.de\/index.php?k=loka&#038;itemid=10001&#038;detailid=602672\">den ersten beiden Autobahntoten in Deutschland<\/a>: Einem Lastwagenfahrer und seinem Kollegen, die \u2013 wie es der Zufall will \u2013 aus meiner Heimatstadt stammten und hier, zwei Jahre nach Er\u00f6ffnung der Strecke, eine Br\u00fccke rammten. Ihre Namen sind vergessen, auf dem Kreuz wird nur die Familie genannt, die es gestiftet hat. Und so streckt sich dieses Kreuz etwas unbeholfen dem vorbeibrausenden Verkehr entgegen &#8211; wie ein verzweifelter Versuch, dem heranrollenden D\u00e4mon noch etwas entgegenzusetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Fahrbahn ist ein graues Band Wei\u00dfe Streifen, gr\u00fcner Rand. Von einer legend\u00e4ren Autobahn zur n\u00e4chsten, vom Ruhrschnellweg zur A555. 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