{"id":211,"date":"2005-11-13T00:03:48","date_gmt":"2005-11-12T23:03:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=211"},"modified":"2005-11-13T04:27:23","modified_gmt":"2005-11-13T03:27:23","slug":"pasolini-wartet-auf-den-bus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/11\/13\/pasolini-wartet-auf-den-bus\/","title":{"rendered":"Pasolini wartet auf den Bus"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/27\/62463253_ebbbcbf741_m.jpg\" alt=\"Repubblica\" \/>Aus meinem Zeitungsstapel fische ich eine \u00e4ltere Ausgabe der <em>Repubblica<\/em>, vielmehr: eine Sonntagsbeilage vom September 2005. Die hatte ich aufgehoben, weil sich darin ein paar Ausz\u00fcge aus einem Reisetagebuch von Pier Paolo Pasolini befinden: Sch\u00f6ne kleine Miniaturen einer Fahrt entlang der Str\u00e4nde Italiens, einer Reise dorthin, wo die anderen Urlaub machen. Es geht nicht um das &#8222;Italien Pasolinis&#8220;, wie die Titelseite behauptet, sondern um das Italien der Touristen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Tagebuch war eine Auftragsarbeit f\u00fcr die Zeitschrift <em>Successo<\/em> und erschien 1959 unter dem Titel <em>La strada della sabbia<\/em>. (Die deutsche \u00dcbersetzung habe ich im Moment nicht parat.) Anfang dieses Jahres entdeckte der franz\u00f6sische Fotograf Philippe S\u00e9clier ein paar unver\u00f6ffentlichte Passagen dieses Tagebuchs; die wurden nun neu herausgebracht, zusammen mit Bildern des Fotografen Paolo di Paolo, der Pasolinis Artikel damals illustrierte, und mit Bildern S\u00e9cliers, der 2001 den Spuren dieser Reise gefolgt war.<\/p>\n<p>Von di Paolo stammt das Bild auf der Titelseite der Sonntagsbeilage (die man \u00fcbrigens <a href=\"http:\/\/download.repubblica.it\/pdf\/domenica\/2005\/25092005.pdf\">hier<\/a> noch als PDF herunterladen kann): Vom grimmigen Blick, mit dem Pasolini da in die Kamera schaut, darf man sich nicht t\u00e4uschen lassen.  Das Treiben an den Str\u00e4nden betrachtet er meist ironisch und am\u00fcsiert, manchmal auch mit Melancholie und aus der Distanz, die jemand einnimmt, der nicht so richtig dazu geh\u00f6ren will, aber trotzdem mit Sympathie daneben steht.<\/p>\n<p>Zum Beispiel in dieser kleinen Anekdote, die ich hier mal flink und frei \u00fcbersetze:<\/p>\n<blockquote><p><strong>An der Bushaltestelle<\/strong><\/p>\n<p><em>Ischia, Juli<\/em><\/p>\n<p>Noch sind alle Stra\u00dfen voll von Menschen: Gr\u00fcppchen von Jugendlichen aus dem Ort, Matrosen, Frauen, die sich mit kleinen T\u00fcchern und J\u00e4ckchen vom Basar eingeh\u00fcllt haben &#8230; Der Abend geht vorbei: auf wunderbare Weise &#8211; mu\u00df ich sagen &#8211; er geht vorbei. Ich gehe zur\u00fcck, um meinen Bus zu nehmen. Aber, <em>mannaggia &#8218;o demonio<\/em>, was f\u00fcr ein Saustall, an der kleinen verlassenen Kreuzung, neben einem winzigen geschlossenen Caf\u00e9, warte ich, und warte. Dieser Bus kommt nicht. Stattdessen stellt sich mir ein J\u00fcngelchen vor, so dem\u00fctig und elend, wie das nur die Neapolitaner k\u00f6nnen. Er hat mich morgens auf dem Boot gesehen, und das ist der Vorwand f\u00fcr seine kurze Geschichte, die er im \u00fcbrigen mit viel W\u00fcrde vortr\u00e4gt: &#8222;Ich bin nach Ischia gekommen, nach Sant&#8217;Angelo, um als Kellner zu arbeiten: Mit dem Hotel war ich schon \u00fcbereingekommen und sie haben mich auf Probe eingestellt. Aber ich bin Kommis, und sie brauchten einen Demichef. Sie haben mich trotzdem auf Probe genommen und den ganzen Tag arbeiten lassen. Am Abend haben sie mich weggeschickt, ohne mir auch nur eine Lira zu geben. Ihr verhaltet Euch aber nicht wie h\u00f6fliche Menschen, habe ich gesagt. Aber da gab es nichts zu wollen: Sie haben mir <em>nu poco &#8218;e pesce<\/em>, nur so&#8217;n bi\u00dfchen Fisch zu essen gegeben und mich nach Hause geschickt. Also auf zum letzten Boot. Aber es gab keine Busse mehr, und um hier runter zu kommen, mu\u00dfte ich so einen Kleinlaster nehmen: und dem habe ich die letzten 600 Lire gegeben, die ich noch in der Tasche hatte. Jetzt mu\u00df ich die Nacht damit verbringen, am Hafen herum zu spazieren, und morgen habe ich kein Geld, um zur\u00fcck zu fahren.&#8220; Die Geschichte eines K\u00fcchenjungen, eine von tausend Geschichten, die man t\u00e4glich hier h\u00f6ren kann. Ich gebe ihm ein bi\u00dfchen Kohle. Mein Bus kommt. Ich steige ein. Es ist sp\u00e4t in der Nacht. Ischia ist wie vor zweitausend Jahren &#8230;<br \/>\n&#8230; Dann schaut er mich an, kalt, distanziert: f\u00fcr einen Augenblick. Pl\u00f6tzlich kehrt sich alles erneut um: Sein Gesicht ist eine Explosion des Gl\u00fccks. Er streckt die Arme gen Himmel, mit den Handfl\u00e4chen nach vorne: &#8222;Ich wei\u00df von nichts!&#8220;, bedeutet das. Ich l\u00e4chle ihn an, diesen Idioten, diesen Strolch des S\u00fcdens, um ihm zu verstehen zu geben, dass ich verstanden habe. Aber er l\u00e4\u00dft die H\u00e4nde nicht sinken, verharrt so, standhaft, mit den Armen gen Himmel, um sich abzugrenzen, um sich auszuweisen als jemand, der unwissend ist, unschuldig, schutzlos, stumm, blind: <em>&#8222;Ich wei\u00df von nichts!&#8220;<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist der Stolz der Menschen des Mezzogiorno: Du kannst Dein Geld verlieren, aber nicht Deine Phantasie, und wenn Du nichts mehr hast, hast Du immerhin noch eine Geschichte, die es wert ist, erz\u00e4hlt zu werden. Aber Pasolini trifft auch Menschen aus anderen Hemisph\u00e4ren, und an der Adria findet er die gleiche erotische Tristesse, der Houellebecq an der C\u00f4te d&#8217;Azur begegnet:<\/p>\n<blockquote><p><strong>Der Bademeister und die Deutsche<\/strong><\/p>\n<p><em>Vor Rimini, August<\/em><\/p>\n<p>Einer der Bademeister sagt beharrlich einer h\u00e4\u00dflichen Deutschen, die ungl\u00fccklich kichert, den immer gleichen Spruch vor. Einen Satz, der mit symbolischen Bedeutungen gef\u00fcttert sein mu\u00df wie das Proust&#8217;sche &#8222;Cattleya spielen&#8220;: &#8222;Also, heut&#8216; abend Fr\u00f6sche essen? Fr\u00f6sche essen?&#8220; &#8222;Ja, ja, ja, ja&#8220;, macht die Deutsche, mit einem zitternden L\u00e4cheln, und sie gibt ihm zu verstehen, er solle schweigen, sonst m\u00fcsse sie sich \u00fcbergeben. Und sie geht weg, um am Strand mit ihren Freundinnen zu schnattern. Auch die in der Umarmung gefangene kleine Deutsche befreit sich aus dem muskul\u00f6sen Obdach ihres Schweren\u00f6ters, der aus der Sixtinischen Kapelle abgemalt zu sein scheint: Abweisend ist sie, und ver\u00e4chtlich. Zieht ihre Badeschlappen an. Er steht auf. Oh je. So sieht er dick und plump aus.<br \/>\nAus einer Statue mit flie\u00dfenden Formen ist er zu einem Pfropfen geworden. Sie geht davon, zum Sandstrand, durch das Chaos aus Mofas, Sonnenschirmen, Liegest\u00fchlen und Beinen. Und er hinterher, wie ein alter Lakai. Er nimmt ihre Hand, bettelnd, mit Nachdruck. &#8222;Wann sehen wir uns?&#8220;, fragt er sie. Und mit diesem Satz steht das Gewissen Habtacht. Sie entgegnet schlicht, trocken: &#8222;Morgen.&#8220; &#8222;Morgen!&#8220;, setzt er hinzu, ern\u00fcchtert, ersch\u00f6pft vor Leidenschaft. Sie verschwindet. Die w\u00e4re somit auch abgehakt. Der Eroberer geht, mit einer Art Erleichterung, zu seinen Kumpels zur\u00fcck, und gemeinsam laufen sie zum Strand, ganz allm\u00e4hlich, stumm, grinsend, mit m\u00fcden Schritten, dabei nach hinten blickend, suchend, unter den unz\u00e4hligen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist seltsam, dass dieser humane Beobachter mit dem Fotografen di Paolo nicht wirklich zurecht kam. Beide hatten die Reise gemeinsam angetreten, gingen dann aber getrennte Wege. Die Rolle des stillen Beobachters lag Pasolini besser:<\/p>\n<blockquote><p>Interviews f\u00fchrte er nicht, und er machte sich auch keine Notizen. Oder besser gesagt, er machte sie nur im Kopf. Er beobachtete viel, und schwieg, wie gew\u00f6hnlich. Aber dann schrieb er gute Texte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die es hoffentlich bald auch auf deutsch gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus meinem Zeitungsstapel fische ich eine \u00e4ltere Ausgabe der Repubblica, vielmehr: eine Sonntagsbeilage vom September 2005. 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