{"id":226,"date":"2005-11-20T23:51:13","date_gmt":"2005-11-20T22:51:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=226"},"modified":"2005-11-21T01:06:53","modified_gmt":"2005-11-21T00:06:53","slug":"wann-ist-ein-blog-ein-blog","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/11\/20\/wann-ist-ein-blog-ein-blog\/","title":{"rendered":"Wann ist ein Blog ein Blog?"},"content":{"rendered":"<p>Eine etwas merkw\u00fcrdige, aber nicht uninteressante Debatte hat Dirk Olbertz in <a href=\"http:\/\/www.olbertz.de\/archives\/000653.html\">seinem Weblog angesto\u00dfen<\/a>: &#8222;Deutschlands erfolgreichstes Blog ist gar keines&#8220;, schreibt er dort. Gemeint ist der <a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\">BildBlog<\/a>: Der tr\u00e4gt f\u00fcr Olbertz einen irref\u00fchrenden Namen, weil er einige Elemente nicht enth\u00e4lt, die seiner Auffassung nach f\u00fcr ein Blog unerl\u00e4\u00dflich sind, n\u00e4mlich Kommentare und Trackbacks. &#8222;Partizipative&#8220; Elemente also (Olbertz benutzt den Begriff nicht selbst, aber er taucht im Feedback zu seinem Artikel auf), die einen  Dialog mit dem Leser er\u00f6ffnen und diesem gewisserma\u00dfen die M\u00f6glichkeit bieten, das Blog und seinen Inhalt mitzugestalten. Das sind ohne Zweifel interessante Features, aber sind sie wirklich wesentlich f\u00fcr ein Blog?<!--more--><\/p>\n<p>Erst einmal k\u00f6nnte man ja fragen, ob es \u00fcberhaupt n\u00f6tig ist, Blogs definitorisch einzugrenzen. Ich nehme an, Olbertz geht es darum, etwas gegen die inflation\u00e4re Entwicklung dieses Begriffs einzuwenden. Es ist nat\u00fcrlich schon etwas merkw\u00fcrdig und vielleicht auch \u00e4rgerlich, wenn sich ein etabliertes Medium wie Spiegel Online <a href=\"http:\/\/www.industrial-technology-and-witchcraft.de\/index.php\/ITW\/16109\/\">auf einmal dieses Etikett anklebt<\/a>, weil es halt irgendwie hip ist, und obwohl man es vorher <a href=\"http:\/\/www.industrial-technology-and-witchcraft.de\/index.php\/ITW\/12502\/\">arrogant bel\u00e4chelt hat<\/a>. Aber ich f\u00fcrchte, Olbertz k\u00e4mpft da gegen Windm\u00fchlen, und seine Intervention kommt mir ein wenig vor wie die Grabenk\u00e4mpfe, die unter Musikfans um die Authentizit\u00e4t dieses oder jenes Stils gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Schauen wir uns doch die f\u00fcr ihn wesentlichen Elemente genauer an:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist zwar schwierig zu definieren, was ein Blog ist, aber zu den wesentlichen Merkmalen geh\u00f6ren sicherlich Kommentare, Trackbacks, pers\u00f6nliche Ansichten\/Meinungen und dass Autoren eines Blogs auch in anderen Blogs kommentieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das sind ganz unterschiedliche Kriterien, n\u00e4mlich einmal eher formale Elemente (Kommentare und Trackbacks), inhaltliche (die pers\u00f6nlichen Ansichten) und &#8222;proaktive&#8220; (so nenne ich es mal, weil mir grad kein besserer Begriff einf\u00e4llt), n\u00e4mlich dass der Autor eines Blogs sich als Mitglied einer Gemeinschaft versteht und sich an dieser auch beteiligt. <\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde Olbertz insofern beipflichten, dass Blogs all das m\u00f6glich machen. Aber man findet dieses oder jenes Element auch in anderen Applikationen: Auch bei Flickr zum Beispiel kann ich Kommentare hinterlassen, meine Ansichten \u00e4u\u00dfern und mit einer Gemeinschaft interagieren. Sogar eine Art Trackback kann ich hinterlassen, in dem ich Bilder zu pers\u00f6nlichen &#8222;Favoriten&#8220; erkl\u00e4re (und die chronologisch umgedrehte Sortierung gibt es dort ebenfalls, w\u00e4hrend sie l\u00e4ngst nicht mehr von allen Blogs praktiziert wird).<\/p>\n<p>Um es noch ein bi\u00dfchen weiter zu treiben: Leserkommentare lassen auch viele journalistische Sites zu, manchmal sogar unmoderiert. Viele Blogs sind eher Link- oder Exzerptressourcen (und nicht die schlechtesten), die pers\u00f6nliche Meinung des Machers zeigt sich da h\u00f6chstens in der Zusammenstellung des Inhalts. Und zu welcher Gemeinschaft soll ich mich denn da zugeh\u00f6rig f\u00fchlen? Zu der aller Blog-Autoren? Zu den Blog-Autoren, die in etwa meine Meinung vertreten oder meinen Geschmack teilen? Zu den Kommentatoren auf meiner Site? \u00dcberhaupt: Warum soll ich, nur weil ich ein Blog schreibe, dazu verpflichtet sein, auch andere zu lesen? Dann w\u00e4ren Blogs nur ein selbstreferentielles Medium, das fortw\u00e4hrend um sich selbst kreist.<\/p>\n<p>Genug gen\u00f6rgelt, aber was ist denn nun ein Blog? Wenn ich ehrlich sein soll: Ich will es gar nicht so genau wissen. Das ist vielleicht ein bi\u00dfchen Faulheit, aber es gibt auch einen Grund daf\u00fcr: Der Charme der Blogs liegt ja gerade darin, dass sie eben noch nicht fertig ausdefiniert und auf eine klare Funktion im medialen Diskurs reduziert sind. Das bildet sich vielleicht gerade heraus, aber noch gibt es da Platz f\u00fcr Experimente. Blogs sind spannend, weil sie eben genau die Spannbreite bieten, in die ein Tagebuch, ein Diskussionsforum und ein Magazin hineinpassen. Damit bietet sich nat\u00fcrlich auch ein weites Feld f\u00fcr Kurioses, Peinliches, \u00c4rgerliches. Aber eben auch f\u00fcr \u00dcberraschendes, Innovatives und Erstaunliches.<\/p>\n<p>Ein anderer Gedanke: Blogs ver\u00e4ndern sicher die Art und Weise, wie wir uns mit Inhalten auseinandersetzen. <a href=\"?p=39\">Folksonomien<\/a> sind da nur ein Beispiel: Weg von hierarchischen Kategorien, hin zu flexibleren Tags, Stichworte statt Schlagworte. Aber es gibt auch eine Art folksonomisches Herangehen an die Kommunikationsmittel selbst. Das Blog ist ja nicht der einzige Kanal, \u00fcber den ich kommuniziere, und wenn ich keine Lust habe, blogge ich nicht, aber ich lade vielleicht Bilder hoch, diskutiere in einem Forum, schicke E-Mails &#8230; oder gehe ganz einfach in die Kneipe und palavere dort weiter. Das Interessante ist ja, dass es momentan nicht nur eine Pluralit\u00e4t der Inhalte gibt, sondern auch der Formen, mit denen wir diese Inhalte unter die Leute bringen k\u00f6nnen: Wenn etwas dran ist am Web-2.0-Hype, dann das.<\/p>\n<p>Dass etablierte Medien und gro\u00dfe Konzerne versuchen, sich auf diesem Feld breit zu machen, l\u00e4\u00dft sich wohl nicht verhindern. Das passiert ja auch in der Musik immer wieder. M\u00f6glicherweise werden sie damit auch Erfolg haben: Irgendwann wird man das Wort &#8222;Blog&#8220; nicht mehr h\u00f6ren k\u00f6nnen, so, wie man heute eher peinlich ber\u00fchrt dreinguckt, wenn man noch f\u00fcr seine schicke &#8222;Homepage&#8220; gelobt wird. Aber wenn wir in der Musik auch immer an den einmal gesetzten Definitionen festgehalten h\u00e4tten, dann w\u00e4re Punk heute noch Musik mit drei Akkorden und unter peinlicher Vermeidung des Blues-Schemas. (Solche Dogmatiker gibt&#8217;s ja, aber wie langweilig ist das denn?)<\/p>\n<p>Also ist denn der Bildblog ein Blog? Na, Sie stellen vielleicht Fragen. Steht doch drauf. Und jetzt lassen Sie mich bitte, ich da dringend was zu erledigen <em>[geht murmelnd ab]<\/em> &#8230;<\/p>\n<p>Siehe auch: <a href=\"?p=207\">Neue Wege f\u00fcrs Blog-Design<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine etwas merkw\u00fcrdige, aber nicht uninteressante Debatte hat Dirk Olbertz in seinem Weblog angesto\u00dfen: &#8222;Deutschlands erfolgreichstes Blog ist gar keines&#8220;, schreibt er dort. 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