{"id":233,"date":"2011-03-29T11:24:28","date_gmt":"2011-03-29T08:24:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=233"},"modified":"2011-04-04T11:07:43","modified_gmt":"2011-04-04T08:07:43","slug":"ulica-ojcowska","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/03\/29\/ulica-ojcowska\/","title":{"rendered":"Ulica Ojcowska"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5053\/5510506514_89c1a48646_d.jpg\" alt=\"Ulica Ojcowska\" \/><\/p>\n<p>Ich war k\u00fcrzlich wieder f\u00fcr ein paar Tage in Danzig, und auch wenn es nicht viel Zeit f\u00fcr ausf\u00fchrliche Besichtigungen gab, wollte ich doch diese kleine Stra\u00dfe aufsuchen: Die Ulica Ojcowska im Stadtteil Siedlce. Die Ojcowska ist ein kleines, unauff\u00e4lliges Seitenstr\u00e4\u00dfchen mit einer kuriosen Bebauung: Auf den ersten Blick k\u00f6nnte man meinen, zwei Zeilen mit kleinen Reihenh\u00e4uschen zu sehen, aber tats\u00e4chlich handelt es sich um zwei durchgehende H\u00e4userblocks, die auf beiden Seiten des Str\u00e4\u00dfchens entlang m\u00e4andern. <\/p>\n<p>Beide Blocks sind etwa 250 Meter lang (und waren damit vor dem Krieg die l\u00e4ngsten Geb\u00e4ude in Danzig). Sie sind aufgeteilt insgesamt 110 gleich gro\u00dfe Wohneinheiten, jede mit eigenem G\u00e4rtchen und f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse recht moderner Ausstattung. <!--more-->Urspr\u00fcnglich mussten sich aber jeweils zwei benachbarte Wohnungen ein Badezimmer teilen, das d\u00fcrfte h\u00f6chstens noch in ein paar F\u00e4llen so sein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5016\/5510501244_8b3a84b1a3_d.jpg\" alt=\"Ulica Ojcowska\" \/><\/p>\n<p>Trotz ihrer K\u00fcrze wirkt die Stra\u00dfe wie ein Viertel f\u00fcr sich. Sie liegt auf einer kleinen Anh\u00f6he, die sich in ein tief eingeschnittenes Tal schiebt und \u00fcber deren H\u00e4nge kleine Datschen und Einfamilienh\u00e4user gestreut sind. In der Stra\u00dfe selbst sieht man das Umfeld allerdings wenig. Die gebogenen H\u00e4userfronten scheinen den Passanten fast zu umarmen und f\u00fcrsorglich in Schutz nehmen zu wollen. Nur am Ende der Sackgasse, neben einem kleinen Lebensmittelgesch\u00e4ft, kann man wie vor einer Terasse \u00fcber die umliegenden H\u00e4user und bis zur Altstadt schauen: Diese Stra\u00dfe ist ein kleiner Mikrokosmos mit freundlichen Fassaden, die gleichwohl nicht viel von dem preisgeben, was dahinter liegt. Die einzelnen Wohnh\u00e4user sind mit niedlichen Tier- und Pflanzensymbolen markiert \u2013 Enten, Fischen, Blumen \u2013, Hausnummern wurden angeblich erst viel sp\u00e4ter angebracht. Man merkt allerdings, dass die Planer nicht damit gerechnet haben, wie viele Privatautos es einmal geben k\u00f6nnte: Die vielen parkenden Fahrzeuge machen die Stra\u00dfe enger als sie gedacht war und nehmen ihren Biegungen einiges vom freundlichen Schwung.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5171\/5510508964_d8e155b31f_d.jpg\" alt=\"Ulica Ojcowska\" \/><\/p>\n<p>Es gibt vermutlich nicht viele Touristen, die sich bis hier durchschlagen: Die Ojcowska liegt einen guten Fu\u00dfmarsch au\u00dferhalb des Zentrums von Danzig. Es gibt keine besonderen Hinweistafeln, und man kann in den Str\u00e4\u00dfchen und Treppenaufg\u00e4ngen, die sich in Siedlce und Suchanino die H\u00fcgel hinauf- und hinunterwinden, leicht den \u00dcberblick verlieren. Falls sich \u00fcberhaupt mal jemand hierhin verirrt, dann vermutlich vor allem wegen einer urbanen Legende, die in einigen Reisef\u00fchrern kolportiert wird (zum Beispiel dem, der in den meisten Hotels gratis ausliegt): Es soll sich demnach eine Stra\u00dfe handeln, die f\u00fcr Mitglieder der SS angelegt worden sei. Als Indiz wird der auff\u00e4llige Stra\u00dfenverlauf genannt: Aus der Luft sieht es tats\u00e4chlich so aus, als sei hier ein Doppel-S nachgebildet worden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5051\/5576962808_21721f91b8_d.jpg\" alt=\"Ojcowska-Plan\" \/><\/p>\n<p>Bei der Geschichte handelt es sich wohl um eine Legende: Die Ulica Ojcowska entstand um 1929\/30, als die Stadt von einer SPD-gef\u00fchrten Koalition regiert wurde, mit dem Zentrumspolitiker Hugo Althoff als Bausenator. Ob es sich bei der Stra\u00dfe tats\u00e4chlich um ein kommunales Bauprojekt handelte, wei\u00df ich nicht, aber es gab in dieser Zeit zahlreiche Wohnungsbauma\u00dfnahmen. Als Architekt wird ein Franz Tominski (oder Tominsky) genannt, \u00fcber den ich sonst nichts in Erfahrung bringen kann. Der Stra\u00dfenverlauf hat wohl mehr mit den topographischen Gegebenheiten zu tun, als ob Tominski versucht hat, den Verlauf des H\u00fcgels, auf dem die Stra\u00dfe liegt, nachzubilden. Die Anlage der Stra\u00dfe und die Gestaltung der H\u00e4user folgt einer Leitlinie, die f\u00fcr viele Wohnungsbauprojekte dieser Zeit galt, n\u00e4mlich kosteng\u00fcnstige Standardisierung und Uniformit\u00e4t mit kleinb\u00fcrgerlicher Heimeligkeit und Gem\u00fctlichkeit zu verbinden.<\/p>\n<p>Die Nazis h\u00e4tten im \u00fcbrigen der Stra\u00dfe wohl auch nicht unbedingt den Namen gegeben, den sie urspr\u00fcnglich trug: Damaschkeweg, nach dem Bodenreformer und Sozialpolitiker Adolf Damaschke. F\u00fcr dessen sozialpolitische und proto-\u00f6kologische Konzepte &#8211; er forderte u.a. eine Eind\u00e4mmung der Bodenspekulation durch Sozialisierung des Grundst\u00fcckswertes \u00fcber eine Sondersteuer &#8211; gab es zwar auch in deutschnationalen Kreisen einige Sympathien, und er spekulierte zeitweise durchaus auf Hitlers Unterst\u00fctzung in der praktischen Umsetzung. &#8222;Reichsbauernf\u00fchrer&#8220; Walther Darr\u00e9 war aber ein erkl\u00e4rter Gegner von Damaschkes &#8222;marxistische Ideen&#8220;. Die nationalsozialitische &#8222;Blut und Boden&#8220;-Ideologie sollte einen germanischen &#8222;Bauernadel&#8220; institutionalisieren, nicht abschaffen, und so lie\u00dfen die Nazis mancherorts auch Stra\u00dfen umtaufen, die nach Damaschke benannt waren.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm6.static.flickr.com\/5305\/5576357517_c731a44d8b_d.jpg\" alt=\"Damaschkeweg, Danzig\" \/><\/p>\n<p>Es gibt ein interessantes Foto aus der Zeit, als die Stra\u00dfe wohl noch im Bau war. Sie sieht eher wie eine Modellbaustadt aus, und im Hintergrund kann man noch Felder und Wiesen sehen, von denen viele heute bebaut sind. (Und auch den Biskupia Gorka, den ich beim letzten Aufenthalt besucht habe.) Wenn man die m\u00e4andernden H\u00e4userzeilen betrachtet, versteht man, warum die Stra\u00dfe in Danzig auch D-Zug genannt wurde, mich erinnert sie allerdings eher an diese Holz-Spielzeugeisenbahnen.<\/p>\n<p>Ob jemals SS-Mitglieder in dieser Stra\u00dfe wohnten, wei\u00df ich nicht \u2013 gezielt angesiedelt wurden sie jedenfalls nicht. Bewohnt wurden die H\u00e4user haupts\u00e4chlich von Arbeitern und Handwerkern, auch einige Angestellte, Lehrer, Musiker lebten hier. Nach dem Krieg, als die Stadt und die Stra\u00dfe polnisch wurden, bekam die Ojcowska einen neuen Namen &#8211; Ojc\u00f3w ist eine Kleinstadt im S\u00fcden Polens -, behielt aber ihren proletarischen Charakter: Vor allem Hafen- und Werftarbeiter fanden hier Wohnraum. Mittlerweile scheint sich das Milieu etwas gentryfiziert zu haben, aber trotzdem ist die Stra\u00dfe immer noch ein gut konserviertes Dokument des Wohnungsbaus in der Zwischenkriegszeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war k\u00fcrzlich wieder f\u00fcr ein paar Tage in Danzig, und auch wenn es nicht viel Zeit f\u00fcr ausf\u00fchrliche Besichtigungen gab, wollte ich doch diese kleine Stra\u00dfe aufsuchen: Die Ulica Ojcowska im Stadtteil Siedlce. 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