{"id":247,"date":"2005-11-24T04:27:48","date_gmt":"2005-11-24T03:27:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=247"},"modified":"2006-01-02T03:17:20","modified_gmt":"2006-01-02T02:17:20","slug":"buona-vendetta-social-club","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/11\/24\/buona-vendetta-social-club\/","title":{"rendered":"Buona Vendetta Social Club"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/25\/66280242_80e0f79b0e_o.jpg\" alt=\"La Musica della Mafia\" \/>Die Ver\u00f6ffentlichung der dritten CD aus der Reihe <em>Musica della Mafia<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/B000AJP0WY&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Le Canzoni Dell Onorata Societ\u00e0<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000AJP0WY\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>, hat in Italien f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.repubblica.it\/2005\/k\/sezioni\/cronaca\/cdmafia\/cdmafia\/cdmafia.html\">einige Diskussionen<\/a> gesorgt, obwohl die Platte dort nicht erscheint, ebensowenig wie die beiden Vorg\u00e4nger, \u00fcber die auch schon heftig debattiert wurde. Diesmal h\u00e4tte die CD aber kaum zu einem bezeichnenderen Zeitpunkt auf den Markt kommen k\u00f6nnen: Die Erschie\u00dfung des kalabrischen Vizepr\u00e4sidenten vor wenigen Wochen hat viele im Land geschockt und gezeigt, dass die Mafia in S\u00fcditalien trotz aller Sonntagsreden noch lange nicht tot ist.<!--more--><\/p>\n<p>Dass die CDs in Italien nicht herauskommen, hat einen guten Grund: Dort ist eine positive Darstellung der Mafia und ihrer Taten unter Umst\u00e4nden strafbar. Und genau das ist die Kritik, die am CD-Projekt ge\u00e4u\u00dfert wird: Verbreitet werde hier ein naives, romantisches und gewaltverherrlichendes Bild. Textzeilen wie &#8222;Ich zerschneide Dir Dein Gesicht und schau Dir beim Sterben zu&#8220;, oder &#8222;Zum Gesang der abges\u00e4gten Schrotflinte schreit der Verr\u00e4ter und stirbt&#8220; sind wirklich keine leichte Kost, auch wenn sie zu lieblicher italienischer Volksmusik vorgetragen werden.<\/p>\n<p>Die Macher der CDs, darunter der Hamburger Photograph Francesco Sbano, der aus Kalabrien stammt, haben sich gegen die Vorw\u00fcrfe immer gewehrt. F\u00fcr sie ist die Ver\u00f6ffentlichung dieser Musik eine Art ethnologisches Projekt: Denn die Musik gibt es ja in Italien, und sie hat eine sehr lange Tradition, nur wird sie dort im Untergrund geh\u00f6rt und vertrieben, \u00fcber kleine St\u00e4nde auf Wochenm\u00e4rkten oder unter der Hand in Gesch\u00e4ften, die nur die Mundpropaganda kennt. Einige St\u00fccke auf den CDs stammen von solchen Schwarzmarkt-Cassetten, andere wurden eigens eingespielt.  &#8222;Die &#8218;Ndrangheta-Musik erz\u00e4hlt die Geschichte des wirklichen Kalabriens&#8220;, hat Sbano in einem <a href=\"http:\/\/scamcity.com\/index.php?story_id=107\">Interview<\/a> erkl\u00e4rt und auf die ambivalente Geschichte der Mafia-Organisationen verwiesen, auf deren Entstehung in einem korrupten und ausbeuterischen Umfeld, wo Schwarzmarkt und Schmuggel die einzigen M\u00f6glichkeiten waren, um eine lokale Infrastruktur zu schaffen und am Leben zu halten.<\/p>\n<p>M\u00f6rderballaden und blutige Moritaten gibt es vermutlich in jeder Volksmusik-Tradition. Und man macht es sich zu einfach, wenn aus den Liedern nur eine Glorifizierung des Banditentums herausliest. Den Song &#8222;U lupu d&#8217;Asprumunti&#8220; von der ersten CD <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/B00004TG60&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\"><img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"B00004TG60.03._AA_SCMZZZZZZZ_.jpg\">Il Canto di Malavita<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B00004TG60\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> kann ich nicht h\u00f6ren, ohne tief Luft zu holen: Auf den ersten Eindruck ist das ein nettes Liedchen mit einer brav dahin schunkelnden Melodie, aber kaum setzt die rauhe und klagende M\u00e4nnerstimme ein, sp\u00fcrt man, dass hier schwerwiegendere Dinge verhandelt werden als nur ein leichter Liebeskummer oder ein verpa\u00dftes T\u00e4nzchen mit der Angebeteten. Diese Geschichte einer Flucht ohne Ziel ist auf Augenh\u00f6he mit den gr\u00f6\u00dften Momenten amerikanischer Hobo-Balladen oder deutscher Vaganten-Lieder. Das ist keine Glorifizierung, das ist s\u00fcdeurop\u00e4ischer Blues, der von Stolz ebenso wie von Verzweiflung erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Der italienische Mauro Geraci hat in einem <a href=\"http:\/\/clarence.supereva.com\/contents\/musica\/speciali\/020826malavita\/esperto.html\">Interview<\/a> auch zu Recht darauf hingewiesen, dass die Bezeichnung \u201cMafia-Musik\u201d eigentlich ein bi\u00dfchen irref\u00fchrend ist:<\/p>\n<blockquote><p>Die Malavita-Lieder m\u00fcssen in ein viel gr\u00f6\u00dferes Archiv von Kerker- und Mafia-Liedern eingeordnet werden. [Diese Lieder] sind von den einsamen und frustrierenden Lebensbedingungen in den Gef\u00e4ngnissen inspiriert worden. Man kann sie weniger der Mafia als dem napoletanischen Gesang zuordnen. Es gibt einen ganzen Strang neapolitanischer Malavita-Lieder, und die kalabresischen Lieder sind ein Teil davon.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wann immer in Italien laut gegen eine positive (oder als positiv verd\u00e4chtigte) Darstellung von Mafia-Gewalt protestiert wird, dann klingt da auch immer das schlechte Gewissen mit, weil die Lebensbedingungen in vielen Regionen des S\u00fcdens immer noch miserabel sind, und weil man wei\u00df, dass die Menschen dort, wodie Mafia wichtigster, wenn nicht einziger Arbeitgeber ist, immer unsichere Kantonisten bleiben werden. Die Mafiosi sind popul\u00e4r und gleichzeitig hat man Angst vor ihnen, und von dieser Diskrepanz erz\u00e4hlen die Lieder. Und nat\u00fcrlich ist es einfacher, sich \u00fcber die Lieder aufzuregen, die die Verh\u00e4ltnisse besingen, anstatt die Verh\u00e4ltnisse selbst zu beseitigen.<\/p>\n<p>Der Korrektheit halber mu\u00df man allerdings sagen, dass es Protest gegen die CDs auch von solchen Organisationen gibt, die sich ernsthaft mit einer Verbesserung der lokalen Strukturen auseinandersetzen. Das ist auch verst\u00e4ndlich: W\u00e4hrend wir in Nordeuropa die Platten aus der Distanz und mit wohligem \u00e4sthetischem Schaudern goutieren kann, h\u00f6rt sich das f\u00fcr jemanden, der mitten in den Konflikten drinsteckt, bestimmt nicht so lustig an.<\/p>\n<p>So ganz kann man den CD-Machern den Vorwurf einer \u00c4sthetisierung und Romantisierung des Milieus nicht ersparen. Man mu\u00df sich da nur das etwas mi\u00dflungene Cover der neuen Platte angucken: Selbst wenn das eine authentische Szene sein sollte, zielt die Inszenierung doch genau auf die Klischees von Mitteleurop\u00e4ern und Amerikanern, die die Mafia nur aus dem <em>Paten<\/em> und den <em>Sopranos<\/em> kennen. (Die beiden anderen Cover waren etwas sorgf\u00e4ltiger designt.) Das gilt auch f\u00fcr den etwas schlampig wirkenden <a href=\"http:\/\/www.malavita.com\/diemusik.html\">Cover-Text<\/a>, der ein bi\u00dfchen wirkt, als ob man nicht wei\u00df, ob man da eine Haltung einnehmen soll. Und die etwas verhuschte Distanzierung am Schlu\u00df wirkt etwas gewollt.<\/p>\n<p>Trotzdem ist die Sammlung ein unverzichtbares Dokument. Die Welt, von der diese Lieder berichten, ist bei aller Dauerhaftigkeit der Mafia selbst eine dem Untergang geweihte Welt: Die Realit\u00e4t der Banden ist h\u00e4rter und brutaler, die T\u00e4nze und Ges\u00e4nge sind allenfalls noch auf dem Land und in den D\u00f6rfern zu h\u00f6ren, und die Mafiosi der Vorst\u00e4dte machen wahrscheinlich l\u00e4ngst Gangsta-Rap. (Siehe auch diesen <a href=\"http:\/\/www.malavita.com\/pressepopups\/newyorktimes.html\">Artikel<\/a> aus der New York Times)  Der Volkskundler Goffredo Plastino hat den Stellenwert in einem <a href=\"http:\/\/www.beggarsgroup.ca\/lamusicadellamafia.htm\">lesenswerten Artikel<\/a> schon aus Anla\u00df der ersten beiden CDs deutlich gemacht:<\/p>\n<blockquote><p>Die Musik verleiht der Komplexit\u00e4t des Lebens in Kalabrien und seinem sozialen Umfeld einen inspirierenden Ausdruck. <em>Il Canto di Malavita<\/em> kann den Weg f\u00fcr eine Diskussion bereiten, die in Italien schon zur erhitzten Debatte geworden ist. Denn noch nie zuvor hat es eine so ernsthafte \u00f6ffentliche Diskussion \u00fcber die Mafia, ihre Strukturen und Kultur gegeben wie heute<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ver\u00f6ffentlichung der dritten CD aus der Reihe Musica della Mafia, Le Canzoni Dell Onorata Societ\u00e0, hat in Italien f\u00fcr einige Diskussionen gesorgt, obwohl die Platte dort nicht erscheint, ebensowenig wie die beiden Vorg\u00e4nger, \u00fcber die auch schon heftig debattiert wurde. 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