{"id":258,"date":"2005-12-05T18:57:05","date_gmt":"2005-12-05T17:57:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=258"},"modified":"2005-12-05T18:57:05","modified_gmt":"2005-12-05T17:57:05","slug":"prodi-und-die-spiritisten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/12\/05\/prodi-und-die-spiritisten\/","title":{"rendered":"Prodi und die Spiritisten"},"content":{"rendered":"<p>Italien ist der beste Ort f\u00fcr skurrile Politskandale: Wie soll das auch anders sein in einem Land mit einem megalomanen Bar-Chansonnier am Ruder, dessen m\u00f6glicher Nachfolger sich wertvolle Tipps scheinbar beim Tischer\u00fccken holt? Berlusconis Herausforderer Romano Prodi steht im Zentrum einer seltsamen Diskussion um den Fall Aldo Moro.<!--more--><\/p>\n<p>Prodi soll gewu\u00dft haben, wo Moro versteckt gehalten wurde. Das behauptet Paolo Guzzanti, Chef einer parlamentarischen Untersuchungskommission zum Terrorismus und Mitglied von Berlusconis <em>Forza Italia<\/em>. Tats\u00e4chlich hatte Prodi dem Innenministerium damals einen Tipp gegeben und als m\u00f6gliches Versteck den Namen &#8222;Gradoli&#8220; genannt. Das ist ein kleiner Ort im Latium, in der N\u00e4he des Bolsena-Sees. Dort suchte die Polizei aber vergeblich. Das tats\u00e4chliche Versteck wurde kurz darauf entdeckt &#8211; in der <em>Via<\/em> Gradoli in Rom.<\/p>\n<p>Das ist schon ein komischer Zufall. Noch komischer ist aber Prodis Erkl\u00e4rung, wie er den Namen erfahren haben will: Mit Freunden habe er an einer spiritistischen Sitzung (aber nicht an mehreren, wie die <a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/aktuell\/meldungen\/0,1185,OID5015662_TYP6_THE_NAV_REF1_BAB,00.html\">Tagesschau<\/a> meldete) teilgenommen, und da soll das Wort durch ein herumrutschendes Tellerchen gebildet worden sein. Das hat er schon 1981 vor einer Untersuchungskommission so erz\u00e4hlt und erst k\u00fcrzlich vor Guzzantis Ausschu\u00df wieder best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Man mu\u00df allerdings hinzuf\u00fcgen, dass sich Prodis Aussage im Original weit n\u00fcchterner liest, als es die Spottverse vom &#8222;Harry Potter der italienischen Politik&#8220;, die jetzt in den Berlusconi-Medien angestimmt werden, vermuten lassen:<\/p>\n<blockquote><p>Es war ein regnerischer Tag, und wir haben das Spiel mit den Tellerchen gemacht. Eine Sache, die ich kaum kannte, weil es das erste Mal war, dass ich so etwas in der Art gesehen habe. Heraus kamen die Orte Bolsena, Viterbo und Gradoli. Niemand hat der Sache Beachtung geschenkt: Dann haben wir in einem Atlas gesehen, dass es ein Dorf namens Gradoli gibt. Wir haben uns gefragt, ob jemand vielleicht etwas wei\u00df, und da niemand etwas wu\u00dfte, habe ich es f\u00fcr meine Pflicht gehalten, die Sache weiterzuleiten, auch auf die Gefahr hin, l\u00e4cherlich zu erscheinen, so wie ich mich jetzt auch f\u00fchle. Wenn es diesen Namen nicht auf einer Landkarte gegeben h\u00e4tte, oder wenn Mantua oder New York heraus gekommen w\u00e4re, dann h\u00e4tte das keiner weiter erz\u00e4hlt. Tatsache ist, dass niemand diesen Namen kannte, und darum habe ich es sofort weitergeleitet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Geschichte ist also nicht wirklich neu, und mindestens ebenso alt wie Prodis Aussage ist die Vermutung, dass die Information gezielt lanciert wurde: &#8222;Es mu\u00df jemand, der am Tisch sa\u00df, schon vorher den Namen Gradoli gekannt haben&#8220;, schrieb der kommunistische Abgeordnete Sergio Flamigni 1998. Das vermutet auch Francesco Cossiga, damals Innenminister:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin der Ansicht, dass ein Teilnehmer der spiritistischen Sitzung diese Information von einem Angeh\u00f6rigen der zu der Zeit sehr breiten subversiven Szene in Bologna hatte, der wiederum den Namen von den Roten Brigaden oder ihrem Umfeld erhalten hat. Beim Weiterleiten der Information ist dann aus &#8218;Via Gradoli&#8216; &#8218;Gradoli&#8216; geworden. Die spiritistische Sitzung haben sie erfunden, um nicht gezwungen zu sein, den Namen der Quelle zu nennen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im Grunde sagt ja Prodi in seiner Aussage auch nichts anderes: Die Geschichte ist zwar l\u00e4cherlich, aber ich habe es doch mal sicherheitshalber weitergeleitet &#8211; so k\u00f6nnte man seine Einlassung zusammenfassen. Das ist nat\u00fcrlich ein wenig dubios, aber doch nicht ganz so absurd wie seine politischen Gegner gern haben m\u00f6chten. Wahrscheinlich sieht man in Italien die Geschichte darum auch relativ gelassen (und vom &#8222;Druck&#8220;, den die Tagesschau ausgemacht haben will, ist nicht so sehr viel zu sp\u00fcren).<\/p>\n<p>F\u00fcr die rechten Medien ist das zwar schon ein gefundenes Fressen. Hinter dem Spott \u00fcber &#8222;Prodis Visionen&#8220; steckt auch eine kaum verhohlene Anschuldigung, n\u00e4mlich dass Prodi in den Siebzigern als Uni-Professor in Bologna enge Kontakte zum Umfeld der <em>Brigate Rosse<\/em> oder zur Sympathisantenszene gehabt haben k\u00f6nnte. Mit anderen Worten: Die Berlusconi-Fraktion spielt die \u00fcbliche Schmierenkom\u00f6die. Zu der die Gegenseite allerdings auch eine kuriose Vorlage geliefert hat. Man kann \u00fcber den Wahlkampf in Italien jedenfalls nicht behaupten, dass er langweilig wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Italien ist der beste Ort f\u00fcr skurrile Politskandale: Wie soll das auch anders sein in einem Land mit einem megalomanen Bar-Chansonnier am Ruder, dessen m\u00f6glicher Nachfolger sich wertvolle Tipps scheinbar beim Tischer\u00fccken holt? 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