{"id":267,"date":"2006-11-21T00:07:48","date_gmt":"2006-11-20T21:07:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=267"},"modified":"2006-11-21T02:03:29","modified_gmt":"2006-11-20T23:03:29","slug":"maria-vom-frieden","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/11\/21\/maria-vom-frieden\/","title":{"rendered":"Maria vom Frieden"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/113\/300983617_85f1db221a_m.jpg\" alt=\"Maria vom Frieden\" \/><\/p>\n<p>Leise sein. Vorsichtig mit den T\u00fcren. Und dann aufpassen, dass man nicht versehentlich gegen eine der Holzb\u00e4nke hier stolpert. Der Platz, der dem Besucher einger\u00e4umt wird, ist knapp bemessen: Nur ein schmaler Streifen im Eingangsbereich, dann kommt schon das schmiedeeiserne Gitter, das den hellen Kirchenraum absperrt. Ein wenig steht man davor wie vor einem K\u00e4fig, und der Raum dahinter mag noch so hell leuchten im Nachmittagslicht, er macht einem auch klar, dass man mit der Welt dahinter nicht wirklich viel zu tun hat.<!--more--><\/p>\n<p>Die Kirche Maria vom Frieden kennen nicht viele in K\u00f6ln, sie liegt in einer Seitenstra\u00dfe, ihre barocke Fassade ist etwas zur\u00fcckgesetzt, und wer nicht aufpasst, wird sie im Vorbeifahren kaum bemerken. Der Barock hat ohnehin nicht viele Spuren in der Stadt hinterlassen: Gro\u00dfe Baut\u00e4tigkeiten gab es nicht, weil die st\u00e4dtischen Kassen meistens leer waren, und von dem wenigen, das gebaut und gestiftet wurde, verschwand vieles in der Zeit der franz\u00f6sischen Besatzung, im Bau- und Spekulationsboom des 19. Jahrhunderts und im Krieg.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/clausmoser\/300470860\/\" title=\"Photo Sharing\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/107\/300470860_f1420fe4fb_m.jpg\" width=\"160\" height=\"240\" alt=\"Maria vom Frieden, Altar\" \/><\/a>Auch hier in der Kirche ist nicht viel \u00fcbrig geblieben, und so kann der Hochaltar die erste Aufmerksamkeit ganz f\u00fcr sich beanspruchen, zumal die Sonne wie ein Spot dar\u00fcber wandert. Er f\u00fcgt sich zwar ganz sch\u00f6n in das n\u00fcchterne Ambiente des Kirchenraumes, aber er verh\u00e4lt sich ein wenig dazu wie ein alter, kostbarer Schrank zu einer Altbauwohnung.<\/p>\n<p>Ab und zu h\u00f6rt man leise Ger\u00e4usche, die von der Sakristei zu kommen scheinen. Zweimal \u00f6ffnet sich die T\u00fcr und es wuschelt eine Nonne durch den Raum. Oder sind es zwei verschiedene? Unter dem Habit kann man es nicht erkennen. Sie geht (gehen?) z\u00fcgig, aber nicht hastig, man sieht, dass ihr (oder ihnen) daran gelegen ist, die direkteste Linie zur\u00fcck zu legen. Vermutlich, damit nur f\u00fcr m\u00f6glichst kurze Zeit das Ger\u00e4usch des Gehens zu h\u00f6ren ist. In der Eile ist nur Zeit f\u00fcr den obligatorischen Knicks vor dem Altar, der aber &#8211; selbst mit Kehrschaufel und Besen in der Hand &#8211; mit fast t\u00e4nzerischer Grazie absolviert wird.<\/p>\n<p>Die unbeschuhten Karmelitinnen sind hier ans\u00e4ssig. Barf\u00fcsserinnen, sagte man fr\u00fcher auch. Ob kalte F\u00fcsse wirklich einen schnelleren Zugang zum Himmelreich verschaffen, weiss ich nicht, aber vermutlich sind die Nonnen nur unbeschuht und nicht unbestrumpft und unbesockt. Sandalen d\u00fcrfen sie meines Wissens auch tragen.<\/p>\n<p>Edith Stein geh\u00f6rte diesem Orden an, und sie hat ja auch kurze Zeit in K\u00f6ln verbracht, nicht hier allerdings, sondern in Lindenthal. Das Kloster &#8222;Maria vom Frieden&#8220; war von den Franzosen aufgel\u00f6st wurden, und erst nach dem 2. Weltkrieg kamen die Karmelitinnen wieder hier her.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/119\/300983620_075e88fe8c_m.jpg\" alt=\"Vorraum\" \/><br \/>\nBarf\u00fcsser gibt es in anderen Orden auch, bei den Franziskanern und Augustinern zum Beispiel. Gemeinsam ist ihnen allen eine besonders asketische Auspr\u00e4gung des M\u00f6nchtums, oft in Verbindung mit einer ausgepr\u00e4gten Feindlichkeit dem K\u00f6rper und seinen Bed\u00fcrfnissen gegen\u00fcber. Was sich dann bisweilen in bizarren Ritualen der Selbstbestrafung und -gei\u00dfelung \u00e4u\u00dfert, wie zum Beispiel beim heiligen Petrus von Alc\u00e1ntara, <a href=\"http:\/\/www.heiligenlexikon.de\/BiographienP\/Petrus_von_Alcantara.htm\">von dem es hei\u00dft<\/a>, dass er <\/p>\n<blockquote><p>einen Kampf gegen den eigenen K\u00f6rper durch Hungern, Fasten, stundenlanges Knieen, t\u00e4gliches Gei\u00dfeln [f\u00fchrte]; er schlief nie l\u00e4nger als eineinhalb Stunden &#8211; daher sein Patronat f\u00fcr Nachtw\u00e4chter &#8211; und trug ein Hemd aus scharfkantigem Blech.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man fragt sich nat\u00fcrlich, ob so eine masochistische Selbstkasteiung nicht eher dazu f\u00fchrt, den K\u00f6rper nur noch intensiver ins Bewu\u00dftsein zu r\u00fccken, statt es \u00fcber ihn hinaus zu transzendieren. Petrus jedenfalls war der Beichtvater von <a href=\"http:\/\/www.heiligenlexikon.de\/BiographienT\/Teresa_von_Avila.htm\">Theresa von \u00c1vila<\/a>, und die wiederum ist die Begr\u00fcnderin des Ordens der Unbeschuhten Karmelitinnen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/99\/300470870_6356dd66ee_m.jpg\" alt=\"Jesus\" \/>Deren Ordensregel schreibt nat\u00fcrlich nicht so drastische Praktiken vor, wie Petrus sie angewandt hat. Aber selbst hier, in dieser n\u00fcchternen Kirche, kann man noch etwas von der ambivalenten Haltung dem K\u00f6rper und dem Diesseits gegen\u00fcber sehen: An der wunderbaren holzgeschnitzten Christus-Statue im vorderen Teil der Kirche. Christus wirkt hier nachdenklich und entr\u00fcckt, fast sogar resigniert. Aber die Darstellung ist ausgesprochen realistisch, als habe der K\u00fcnstler mit gro\u00dfer Liebe zum Detail den Leib Christi und die blutverschmierten Wunden nachempfinden wollen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite des Raumes, dem blutigen Christus genau gegen\u00fcber, h\u00e4ngt das Herz Jesu, in einer merkw\u00fcrdigen Darstellung: Ein einfaches, fast b\u00e4uerlich naives Gesicht ist in die Mitte eines verschn\u00f6rkelten Gold-und-Silber-Arrangements geklebt, das ein bi\u00dfchen an die Comic- und Pop-Installationen von Jeff Koons erinnert. Transzendenz durch Kitsch, auch so ein besonderes Element dieser gegenreformatorischen Mystik. So weltfremd, wie man denken k\u00f6nnte, sind die Nonnen hier trotz ihrer Zur\u00fcckgezogenheit \u00fcbrigens nicht: Immerhin haben sie auch <a href=\"http:\/\/www.karmelitinnen-koeln.de\/\">eine eigene Homepage<\/a>, und f\u00fcr das <a href=\"http:\/\/www.edith-stein-archiv.de\/\">Edith Stein Archiv<\/a>, das hier im Kloster beheimatet ist, gibt es ebenfalls eine.<\/p>\n<p>Gut, aber gehen wir: Die Sonne ist mittlerweile ganz \u00fcber den Altar gewandert, und es wird etwas d\u00fcster hier im Raum. Also wieder hinaus durch die schweren Holzt\u00fcren, und bitte: Leise sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leise sein. Vorsichtig mit den T\u00fcren. Und dann aufpassen, dass man nicht versehentlich gegen eine der Holzb\u00e4nke hier stolpert. Der Platz, der dem Besucher einger\u00e4umt wird, ist knapp bemessen: Nur ein schmaler Streifen im Eingangsbereich, dann kommt schon das schmiedeeiserne Gitter, das den hellen Kirchenraum absperrt. 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