{"id":287,"date":"2005-12-14T03:52:02","date_gmt":"2005-12-14T02:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=287"},"modified":"2005-12-14T03:55:14","modified_gmt":"2005-12-14T02:55:14","slug":"der-schwedische-reiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/12\/14\/der-schwedische-reiter\/","title":{"rendered":"Der schwedische Reiter"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>Den Tag \u00fcber hatten sie sich versteckt gehalten, jetzt in der Nacht wanderten sie durch den sch\u00fctteren Kiefernwald. Sie hatten beide Ursache, den Menschen aus dem Weg zu gehen, mu\u00dften trachten, ungesehen zu bleiben. Der eine war ein Landstreicher und Marktdieb, der dem Galgen entlaufen war, der andere ein Deserteur.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer auf der Flucht ist, macht nicht viele Worte, und Leo Perutz f\u00fchrt uns mit so viel Verve in seinen Roman <em>Der schwedische Reiter<\/em>, dass man kaum Luft holen kann. Zwei M\u00e4nner schickt er da durch die eiskalte schlesische Provinz um 1700, zwei M\u00e4nner, die eine Notgemeinschaft gebildet haben und bald zu Feinden werden.<!--more--><\/p>\n<p>Perutz&#8216; Buch ist als Abenteuerroman angelegt, aber einer, der nicht die epische Breite sucht, sondern in einer schnurgeraden Linie auf das dramatische Ende zusteuert. Selbst wenn Perutz kurz inneh\u00e4lt, um die Landschaft zu schildern, dann liest sich das, als ob er nur den Horizont nach verd\u00e4chtigen Bewegungen absucht:<\/p>\n<blockquote><p>Als sie den Wald hinter sich hatten, war es Tag geworden. Eine d\u00fcnne Schicht Schnee lag auf Feldern, Wiesen und \u00d6dland. Heideh\u00fchner strichen im fahlen Licht des Morgens dar\u00fcber hin. Vereinzelt hier und dort eine Birke, in deren zerzausten Zweigen der Sturmwind sich verfing. Und im Osten dehnte sich eine wei\u00dfe Wand, das war der Nebel, ein Brauen und Wogen, ein Auf und Nieder, und was dahinter lag: D\u00f6rfer, Geh\u00f6fte, Heide, Ackerland und Wald &#8211; das alles blieb dem Blick verborgen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Kein Wort ist hier zuviel. Man m\u00f6chte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, nicht nur, weil es spannend ist, sondern weil man so gehetzt und nerv\u00f6s \u00fcber die Seiten fliegt wie die Protagonisten durch ihre Intrigen. Hier kann man nicht einfach verschnaufen: Wer blinzelt, ist tot.<\/p>\n<p><em>Der schwedische Reiter<\/em> gilt, wenn ich es richtig sehe, gar nicht mal als eines der ma\u00dfgeblichen Werke von Perutz. Er schrieb das Buch 1936, in einer Zeit der Krise. Die Nationalsozialisten waren in Deutschland an der Macht, und f\u00fcr den \u00d6sterreicher Perutz war es unm\u00f6glich geworden, im gr\u00f6\u00dften Land seiner Sprache noch B\u00fccher zu ver\u00f6ffentlichen. Schon Ende der Zwanziger war seine literarische Arbeit, nach dem Tod seiner Frau, ins Stocken geraten. Nach dem Anschlu\u00df \u00d6sterreichs floh er nach Israel, aber da gab es f\u00fcr ihn noch weniger M\u00f6glichkeiten, seine B\u00fccher heraus zu bringen.<\/p>\n<p>Fast meint man, in diesem Roman so etwas wie ein Aufbegehren zu lesen, einen Versuch, der Stagnation ein Buch entgegenzusetzen, das vor Lebendigkeit nur so \u00fcbersch\u00e4umt. Da schreibt einer, als m\u00fc\u00dfte er jeden Augenblick f\u00fcrchten, dass ihm die Stimme wegbleibt, aber seine Erz\u00e4hlung berichtet auch schon von einer Welt im Chaos und ohne Moral. Als der Dieb auf einem Geh\u00f6ft eintrifft, das von Dragonern besetzt gehalten wird, da liest sich das fast wie ein Vorgriff auf Szenen, die sich bald darauf im russischen Winter abspielen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Tag \u00fcber hatten sie sich versteckt gehalten, jetzt in der Nacht wanderten sie durch den sch\u00fctteren Kiefernwald. Sie hatten beide Ursache, den Menschen aus dem Weg zu gehen, mu\u00dften trachten, ungesehen zu bleiben. Der eine war ein Landstreicher und Marktdieb, der dem Galgen entlaufen war, der andere ein Deserteur. Wer auf der Flucht ist, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-287","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=287"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}