{"id":294,"date":"2011-02-14T01:14:45","date_gmt":"2011-02-13T22:14:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=294"},"modified":"2011-02-15T02:11:33","modified_gmt":"2011-02-14T23:11:33","slug":"new-topographics-in-koln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2011\/02\/14\/new-topographics-in-koln\/","title":{"rendered":"New Topographics in K\u00f6ln"},"content":{"rendered":"<p>Ausstellungen, die andere Ausstellungen nachstellen, erinnern immer ein wenig an die Comeback-Tourneen alternder Rockstars. Vor allem dann, wenn es um Ausstellungen geht, die eine Z\u00e4sur markiert haben und als besonderes Ereignis in die Kunstgeschichte eingegangen sind: Was damals neu war, wird dann oft von einer nostalgisierenden R\u00fcckschau eingeholt, die Grenz\u00fcberschreitung wird zur Eingemeindung.<\/p>\n<p>In der Photographischen Sammlung der SK Kultur gibt es derzeit <a href=\"http:\/\/www.sk-kultur.de\/web\/edit\/projekt.php?id=345\">New Topographics<\/a> zu sehen, die Rekonstruktion einer legend\u00e4ren Ausstellung von 1975. Urspr\u00fcnglich fand diese Ausstellung im amerikanischen Rochester statt, wo auch Kodak beheimatet ist, und zwar im George Eastman House, dem zum Museum umgestalteten ehemaligen Wohnhaus des Firmengr\u00fcnders. <em>New Topographics: Photographs of a Man-altered Landscape<\/em> sollte eine neue Perspektive der amerikanischen Landschaftsphotographie vorstellen: Weg von den neuromantischen Naturpanoramen eines Ansel Adams oder Minor White, hin zu einem n\u00fcchternen, unverkl\u00e4rten Blick auf Banalit\u00e4t und Allt\u00e4glichkeit amerikanischer Vorst\u00e4dte und Industrieanlagen.<!--more--><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hatte die Ausstellung eine bemerkenswerte Nachwirkung: Der Titel etablierte sich als Stilbegriff f\u00fcr neue Formen der Landschaftsphotographie, in denen Natur und Landschaft nicht mehr als unver\u00e4nderlicher urspr\u00fcnglicher Gegensatz zur Stadt inszeniert wurden, sondern die Stadt, urbane und bebaute R\u00e4ume selbst als Landschaften entdeckt wurden. Zugleich sollte sich die &#8222;neuen Topographie&#8220; jeder ideologischen \u00dcberfrachtung und Wertung entschlagen, sondern m\u00f6glichst sachliche, dokumentarische Abbilder des Allt\u00e4glichen erstellen. Ein Vorbild war das 1972 erschienene Buch <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/026272006X?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=026272006X\">Learning from Las Vegas<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=026272006X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em>, in dem sich den Architekten Robert Venturi, Denise Scott Brown und Scott Izenour den Las Vegas Strip polemisch als Modelfall architektonischer Funktionalit\u00e4t und Pragmatik w\u00fcrdigten und gegen die elit\u00e4re Orthodoxie des etablierten Modernismus wandten.<\/p>\n<p>Dass die Ausstellung von 1975 diese gro\u00dfe Nachwirkung hatte, ist bemerkenswert, denn gesehen haben sie nur wenige Besucher &#8211; selbst von den ausgestellten Photographen lie\u00dfen sich nicht alle in Rochester blicken. Zudem repr\u00e4sentierte sie nicht eine geschlossene &#8222;Szene&#8220;: Die Photographen kannten sich untereinander nur zum Teil, und nicht alle waren einverstanden mit dem Label, das Kurator William Jenkins der Veranstaltung aufpappte. Man m\u00fcsse eher davon ausgehen, dass der Begriff <em>New Topographics<\/em> &#8222;rhetorisch eingesetzt wurde, als ob es sich dabei um einen unversellen Standard handelte und nicht um eine Reihe von Ausgangspunkten, die eine Gruppe einzelner Akteure zu einem bestimmten Zeitpunkt locker miteinander verband&#8220;, wie Britt Salvesen in einem 2009 erschienen <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/386521827X?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=386521827X\">Buch zur Ausstellung<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=386521827X\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/> schreibt. Die Patronage von Kodak hat der Nachwirkung aber sicher nicht geschadet: Nicht nur fand die Ausstellung am Hauptsitz des Konzerns statt, sie war auch ein Show-Case f\u00fcr Filme und Apparate (worauf in den Begleitmaterialien dezent hingewiesen wird).<\/p>\n<p>Das Buch ist Teil der Zweitverwertung des Mythos: Seit 2009 ist die Ausstellung sozusagen auf Comeback-Tournee. Die &#8222;Rekonstruktion&#8220;, wie die K\u00f6lner Schau genannt wird, liefert allerdings kein komplettes Abbild des Originals, sondern eher einen komprimierten Remix: Zu sehen sind etwa zwei Drittel der Originalexponate. Dokumente zu Kontext und Rezeption der <em>New Topographics<\/em> sind leider sehr spartanisch, das scheint nicht an allen Stationen dieser Tournee der Fall gewesen zu sein. <em>Learning from Las Vegas<\/em> liegt in einem Glaskasten, der Ank\u00fcndigungstext der Originalausstellung wird ebenfalls gezeigt. Daf\u00fcr hat man in K\u00f6ln die Gelegenheit genutzt, in zwei Nebenr\u00e4umen Photographen auszustellen, deren Arbeiten durchaus in konzeptioneller Verwandschaft zu den &#8222;neuen Topographen&#8220; stehen, n\u00e4mlich Gus Kayafas und Chris Durham, au\u00dferdem hat man noch einige Exponate von Bernd und Hilla Becher &#8211; damals die einzigen nichtamerikanischen Vertreter auf der Ausstellung &#8211; aus der hauseigenen Sammlung erg\u00e4nzt.<\/p>\n<p>Aber trotz der Reduktion lohnt sich der Besuch. Denn bei aller Verpflichtung zur Neutralit\u00e4t und Sachlichkeit sind unterm Signum der &#8222;Neuen Topographie&#8220; erstaunlich vielf\u00e4ltige Auseinandersetzungen mit k\u00fcnstlicher Natur und gemachten Landschaften m\u00f6glich gewesen. Das Spektrum umfasst die wissenschaftliche Akribie der Bechers ebenso wie die malerische Eleganz von Stephen Shore oder die kuriosen Motel-Bauten, die John Schott fotografiert hat. In diesen Bildern zeigt sich, dass die Grenzen zwischen Natur und Zivilisation flie\u00dfend sind und dass, zumindest \u00e4sthetisch, ein Vorrang einer urspr\u00fcnglichen, &#8222;authentischen&#8220; Natur \u00fcber die &#8222;gemachten&#8220; Landschaften der Industriegesellschaft unbegr\u00fcndet ist. Der Reichtum an Formen und Zeichen, den menschliche Produktivit\u00e4t hervorbringt, ist mindestens ebenso faszinierend und fruchtbar f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung wie nur irgend eine Wald- und Wiesenszenerie, und die quaderf\u00f6rmigen Lager- und Fabrikhallen, die in den Gewerbegebieten aus dem Boden schie\u00dfen, k\u00f6nnen ebenso mysteri\u00f6s sein wie r\u00f6mische Tempelruinen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig zeigt die Ausstellung aber auch die Grenzen der &#8222;neuen Topographie&#8220;: Es gibt eine Tendenz zum blo\u00df katalogisierenden Blick, und dazu, die Erscheinung f\u00fcr das Eigentliche zu nehmen und alle Spuren, die auf Prozess, Geschichte, Dynamik hinweisen k\u00f6nnten, so weit wie m\u00f6glich zu tilgen. Auf einigen Bildern, etwa auch Nicholas Nixons Aufnahmen von Boston, wirken die fotografierten Geb\u00e4ude ebenso zeitlos, erhaben und unnahbar wie die Gebirgslandschaften, die Ansel Adams fotografiert hat. Dass auf den Bildern fast nie Menschen zu sehen sind, geh\u00f6rte zur postulierten Methode: Der Fokus gilt ganz dem fotografierten Objekt: Allt\u00e4glichkeit und Banalit\u00e4t waren Ausgangsmaterial und nicht Zweck der Stilisierung, zu viel echter Alltag st\u00f6rt da nur. Allerdings sind die Momente, wo Zeit, Verg\u00e4nglichkeit und Geschichte dann doch in die Bilder eindringen, unter den spannendsten der Ausstellung: Zum Beispiel die Becherschen Photographien verfallender Kohlezechen oder in Joe Deals Aufnahmen der Suburbs von Albuquerque, wo gemachte und vorgefundene Landschaft noch hart aufeinandersto\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung ist noch bis zum 27. M\u00e4rz 2011 in K\u00f6ln zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausstellungen, die andere Ausstellungen nachstellen, erinnern immer ein wenig an die Comeback-Tourneen alternder Rockstars. 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