{"id":343,"date":"2006-01-11T00:35:21","date_gmt":"2006-01-10T23:35:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=343"},"modified":"2006-01-11T00:43:56","modified_gmt":"2006-01-10T23:43:56","slug":"il-pianto-di-maria","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/11\/il-pianto-di-maria\/","title":{"rendered":"Il pianto di Maria"},"content":{"rendered":"<p>Eine nette Mail habe ich am Wochenende gekriegt, von einem Absender, der sich &#8222;Verlosung&#8220; nannte:<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Claus Moser,<br \/>\nSie haben gewonnen und stehen plus 1 auf der G\u00e4steliste von Musica Antiqua K\u00f6ln, viel Spa\u00df w\u00fcnscht<br \/>\ndie <a href=\"http:\/\/www.stadtrevue.de\">StadtRevue<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ach, da sag ich aber mal danke. <!--more-->Ich gewinne eigentlich nie was. Normalerweise. Fortuna und ich, wir sind, was das angeht, \u00fcber eine fl\u00fcchtige Bekanntschaft noch nicht hinausgekommen, wir gr\u00fc\u00dfen uns mal ab und zu auf der Stra\u00dfe, ein freundliches Nicken, aber mehr ist da nicht, Sie verstehen. Und dann l\u00e4\u00dft sie mir auf einmal zwei  G\u00e4stelistenpl\u00e4tze f\u00fcr ein Konzert der <a href=\"http:\/\/www.musica-antiqua-koeln.de\/\">Musica Antiqua K\u00f6ln<\/a> zukommen, versteh einer die Dame.<!--more--><\/p>\n<p>Jedenfalls, Musica Antiqua, das nehme ich gerne mit, die sind so ein Mercedes unter den Ensembles Alter Musik: Solide Verarbeitung, perfekte Ausstattung, keine Experimente, man wei\u00df, was man kriegt. Und netterweise hat sich G. bereit erkl\u00e4rt, als &#8222;plus 1&#8220; zu figurieren, das fand ich auch sehr sch\u00f6n,man freut sich ja immer, wenn man jemanden dabei hat, der so ein Erlebnis auch zu verkosten wei\u00df.<\/p>\n<p>Als Treffpunkt war das <em>Campi<\/em> vereinbart, wo ich frierend und zu fr\u00fch ankam, und nat\u00fcrlich darf man in diesem Laden nicht sitzen, wenn man nur einen Kaffee trinken will, was mir von einem Kellner mit gestelzt-mi\u00dfmutiger Miene erkl\u00e4rt wurde. Also stand ich, r\u00fchrte in meiner Tasse und wunderte mich dar\u00fcber, wie wenig Passanten um diese Zeit auf dem Wallraf-Platz unterwegs sind. Nur ein paar Minuten nach mir flog eine junge Dame durch die T\u00fcr (&#8222;fliegen&#8220; mehr so im Sinne von &#8222;dynamisch schweben&#8220;, wenn Sie verstehen, was ich meine), schwarze Haare, stolzer Blick und eine Nase, die h\u00f6fliche Schriftsteller &#8222;aristokratisch&#8220; nennen. Diese Nase keck nach oben gereckt, wandte sie sich an den gestelzten Kellner und begehrte das gleiche wie ich (nur mit leicht hessischer Stimmf\u00e4rbung), n\u00e4mlich sitzen zu d\u00fcrfen. Da wurde sie aber genauso abschl\u00e4gig beschieden. Anders als ich lie\u00df sie sich jedoch nicht beirren, lauerte einen Augenblick, bis der mi\u00dfg\u00fcnstige Kellner grad mal nicht hinguckte und breitete dann ihren Mantel gewissenhaft \u00fcber einem zuf\u00e4llig freien Stuhl aus, um auf diesem Platz zu nehmen und dabei einem benachbarten Gast souver\u00e4n und solidarisch zuzul\u00e4cheln. Ein zweiter, zuf\u00e4llig vorbei laufender Kellner wurde mit einer dieser Mienen bedacht, die bedeuten: &#8222;Es gibt Menschen, die nennen mein L\u00e4cheln und mein Wesen charmant, also sollten Sie jetzt nicht wagen, dem zu widersprechen.&#8220; Was er dann auch nicht tat.<\/p>\n<p>G. kam, wir plauderten, ich achtete nicht mehr auf die wackere Sitzplatz-Erstreiterin, und dann war es auch schon Zeit, loszugehen. Das Konzert fand im Museum f\u00fcr Angewandte Kunst statt, von dem ich gar nicht wu\u00dfte, dass man da auch Konzerte geben kann, aber eigentlich ist das ja klar, schlie\u00dflich hat jedes Museum einen Vortragssaal. Der im Museum f\u00fcr Angewandte Kunst verstrahlt den Charme der Aula eines Gymnasiums aus den Sechzigern, und als wir ankamen, war die Atmosph\u00e4re auch so \u00e4hnlich wie beim Gewusel vor einer Abi-Feier: Lauter Herren und Damen, die sich richtig fein gemacht hatten (weil so oft geht man ja abends nicht mehr weg), ein B\u00fcffet mit ein paar vertrockneten Schnittchen und einem guten Rotwein, und als man den Saal betrat, stolperte man beinah \u00fcber die Musiker, die sich in einer Nische an der Seite versteckt hielten.<\/p>\n<p>Am Anfang h\u00e4tte man auch denken k\u00f6nnen, das ganze sei das Konzert einer Jugendmusikschule, sagte G. in der Pause, und da mu\u00dfte ich ihr recht geben. Als das Ensemble schlie\u00dflich begann, hatte ich auch ein bi\u00dfchen das Gef\u00fchl, dass es ein paar Takte brauchte, bis die Apparatur so richtig in Gang kam. Dann wurde es aber mit jedem St\u00fcck sch\u00f6ner:  Den Anfang machte ein <em>Concerto<\/em> von Giuseppe Valentini, ein sch\u00f6nes, kraftvolles Werk, und vor allem in den Allegro-Passagen war der Klangteppich so dicht und voll, dass man sich warm darin einwickeln konnte.<\/p>\n<p>Dabei war der Raum nicht leicht zu <em>bespielen<\/em>, die Engl\u00e4nder haben f\u00fcr so was das Wort <em>nondescript<\/em>: So eine kahle, kalte und langweilige Lagerhalle habe ich diesseits der Garage meiner Eltern lange nicht gesehen. Umso sch\u00f6ner, dass die Musik immer w\u00e4rmer wurde: Es folgten drei kleinere <em>Concerti<\/em>, zwei von Telemann (beim zweiten schaltete sich ein grummelnder Basso continuo aus dem Heizungskeller mit ein) und ein kleineres Concerto mit h\u00fcbschem Vivace von Michele Mascitti.<\/p>\n<p>Das Highlight kam aber nach der Pause: Die Kantate <em>Il pianto di Maria<\/em> (angeblich ein H\u00e4ndel, aber dank dem schlauen Programmheft wissen wir es jetzt besser: sie ist n\u00e4mlich von Giovanni Battista Ferrandini), mit der Mezzosopranistin Stella Doufexis. Und siehe da, wer steht da auf der B\u00fchne, ist das nicht &#8230; Doch, tats\u00e4chlich: Die junge Dame, die sich vorhin bei Campi den Sitzplatz ertrotzt hatte. Und das stolze L\u00e4cheln, mit dem sie da ins Publikum schaute, war bestimmt noch deswegen auf ihrem Gesicht.<\/p>\n<p>Aber kaum begann die Musik, war das L\u00e4cheln verschwunden, und dann konnte es keinen Zweifel mehr geben: La Doufexis ist eine Gro\u00dfe. <em>Il pianto di Maria<\/em> ist eine gro\u00dfe Kantate, pure, kondensierte Traurigkeit durchweht das St\u00fcck, und die Wehmut und resignierte Anklage, mit der Doufexis sang war so ergreifend wie eine Totenklage nur sein kann. Das war kein Wutausbruch, kein Aufbegehren, da kommt jemand der Welt abhanden und hat nur noch ein bi\u00dfchen Kraft f\u00fcr die Frage nach dem Warum, aber ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Konzert, eines von denen, wo man hinterher gar nichts anderes mehr h\u00f6ren m\u00f6chte, weil man die Kl\u00e4nge so lange wie m\u00f6glich abspeichern will. Vor allem, wenn man in eine ver\u00f6dete und ausgek\u00fchlte K\u00f6lner Innenstadt hinausgejagt wird. Und es dort nur noch ein einziges Caf\u00e9 gibt, das ge\u00f6ffnet hat. Und auch dort wiederum ein mi\u00dfgelaunter Kellner lauert. Ach, junger Mann, was wissen Sie denn, was wir grade erlebt haben? &#8222;L&#8217;ora fatal dal ciel prescritta&#8220;, als &#8222;per grande orror trem\u00f2 la terra&#8220;! Da kann ihr Feierabend noch ein bi\u00dfchen warten. Und einen badischen Wein l\u00e4\u00dft er uns dann doch noch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine nette Mail habe ich am Wochenende gekriegt, von einem Absender, der sich &#8222;Verlosung&#8220; nannte:<\/p>\n<blockquote><p>Lieber Claus Moser,<br \/>\nSie haben gewonnen und stehen plus 1 auf der G\u00e4steliste von Musica Antiqua K\u00f6ln, viel Spa\u00df w\u00fcnscht<br \/>\ndie <a href=\"http:\/\/www.stadtrevue.de\">StadtRevue<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ach, da sag ich aber mal danke. <!--more-->Ich gewinne eigentlich nie was. Normalerweise. 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