{"id":347,"date":"2006-01-12T07:08:52","date_gmt":"2006-01-12T06:08:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=347"},"modified":"2006-01-12T17:26:15","modified_gmt":"2006-01-12T16:26:15","slug":"blogging-bout-a-revolution","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/12\/blogging-bout-a-revolution\/","title":{"rendered":"Blogging &#8218;bout a revolution"},"content":{"rendered":"<p>Die Eschersheimer Landstra\u00dfe ist eine architektonische Umsetzung der Internet-\u00d6konomie, denke ich, als ich an diesem saukalten Winterabend zum <em>Handelsblatt<\/em>-Haus stolpere und mir die Fassaden der H\u00e4user anschaue: Der Telco-Konzern neben dem Blumenl\u00e4dchen, die Unternehmensberatung \u00fcber dem Schl\u00fcsseldienst, die Spielh\u00f6lle schr\u00e4g gegen\u00fcber von der Versicherung. Hier sitzen sie unvermittelt nebeneinander wie Websites im Browser, Majors und Mittelstand, Global Player und Einzelhandel, Hedge-Fund und Handwerk. Genau das richtige Umfeld f\u00fcr eine Diskussion \u00fcber Blogs und Medien.<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/38\/85524833_4d2ce44e3b_m.jpg\" alt=\"Bull and Bear\" \/><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.medienmittwoch.de\">Medienmittwoch<\/a> also, schon wieder so ein Event, wo der Wochentag herhalten mu\u00df: Webmontag, First Tuesday, all das hatten wir doch schon, und jetzt f\u00e4nd ich ja mal so eine Jean-Paul-Nomenklatur lustig, 15. E-Commerce-Hundsposttag oder XXI. OpenSource-Trinitatissektor, das w\u00e4r doch schick. Wenn der Name schon nicht originell ist, dann mu\u00df wenigstens der Titel der Veranstaltung klingeln: <em>Weblogs: Revolution des Journalismus oder \u00fcbersch\u00e4tztes Ph\u00e4nomen?<\/em> Darauf einen Dujardin. Ich staune ja immer wieder \u00fcber den Optimismus, der manche glauben l\u00e4\u00dft, in der Branche sei tats\u00e4chlich noch so etwas wie Revolution m\u00f6glich, und halte eigentlich viel eher den Journalismus f\u00fcr ein \u00fcbersch\u00e4tztes Ph\u00e4nomen, aber egal.<\/p>\n<p>Als sensationsgeile Blogratte bin ich nat\u00fcrlich auch nur hier, weil ein <a href=\"http:\/\/www.blogbar.de\/archiv\/2005\/12\/28\/medienmittwoch-in-frankfurt-am-11106\/\">Splatterfest<\/a> versprochen war. Aber hier, in diesem an\u00e4mischen Ambiente &#8211; zur Zeit bin ich irgendwie nur auf Veranstaltungen in H\u00e4usern, die wie Kreiskrankenh\u00e4user aussehen &#8211; da kann das ja nichts werden. Um es gleich zu sagen: Das Gemetzel wird ausbleiben, diskutiert wird in einem wohlerzogenen und leider auch ein bi\u00dfchen vorhersehbaren Rahmen. Es wird, na ja, eher langweilig.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/39\/85524830_7aadf38cc4_m.jpg\" alt=\"Commerzbank\" \/><\/p>\n<p>Das liegt aber auch daran, dass drei der Podiumsteilnehmer glatte Fehlbesetzungen sind &#8211; Keuchel von Google, Reichart von Burda, Glaeser von Yahoo haben Blogs bestenfalls mal von au\u00dfen gesehen und was da so drin abl\u00e4uft, interessiert die \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Bei den anderen drei Diskutanten gibt es da schon wesentlich mehr Substanz: Julius Endert vom <em>Handelsblatt<\/em> tr\u00e4gt es zwar im Er\u00f6ffnungsvortrag ordentlich aus der Kurve &#8211; Martin Luther der erste Blogger! Herr Endert, dann haben wir das Schlimmste doch noch vor uns, Gegenreformation, Jesuiten-Missionen und Konkordat! &#8211; aber mir kommt es doch so vor, als ob da jemand wenigstens versucht, Blogs und alles, was damit zu tun, zu begreifen.<\/p>\n<p>Christoph Schultheis vom <a href=\"http:\/\/www.bildblog.de\">Bildblog<\/a> ist eigentlich auch eher ein Old-School-Journalist und gibt sich sympathischerweise keine M\u00fche, das irgendwie zu kaschieren. Der Bildblog ist ja wirklich ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie journalistisches und bloggendes Schreiben zusammenkommen k\u00f6nnen. Da gibt&#8217;s vielleicht manche, die das <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=226\">nicht mehr Blog nennen m\u00f6chten<\/a>, aber das sind so definitorische Spiegelfechtereien, die ich f\u00fcr wenig sinnvoll halte.<\/p>\n<p>Bleibt noch <a href=\"http:\/\/rebellmarkt.blogger.de\">Don Alphonso<\/a>, der einzige richtige Blogger auf dem Podium, und auch der einzige hier, der das Thema schon mal auf eine grundlegende Weise abgearbeitet hat. Da mu\u00df er auch nichts wirklich Neues erz\u00e4hlen, nur dass er es hier halt netter macht als in seinen Texten, von zwei, drei gezielten Seitenhieben mal abgesehen, aber die gehen auch gar nicht wirklich auf die Anwesenden (Chapeau aber daf\u00fcr, die Herren von Google und Yahoo mit der Erw\u00e4hnung von ein paar China-Aktivit\u00e4ten zumindest ein bi\u00dfchen ins Schlingern zu bringen). Was er \u00fcber Mikro\u00f6ffentlichkeiten, Blog-Monitoring und Corporate Blogs zu sagen hat, das kann ich auch nur unterschreiben, eher uninteressant find ich dann, dass er auch der Versuchung erliegt, Blogs definitorisch eingrenzen zu m\u00fcssen. In diesem Rahmen hier wirkt seine Sicht des Blog als einer Art literarischer Form fast schon r\u00fchrend idealistisch. Das kann und darf ein Blog ja gerne sein, aber wenn ich mich so umschaue, ist das Spektrum wesentlich breiter und w\u00e4chst auch noch. Warum \u00fcberhaupt eingrenzen, was immer noch im Gang ist?<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/41\/85524832_cb54619e6f_m.jpg\" alt=\"Self-Portrait\" \/><\/p>\n<p>Es ist doch auch so, dass nicht nur die Medien sich zur Zeit mit Umarmungsgesten auf die Blogs zu bewegen, so eine \u00e4hnliche Tendenz kommt ja auch aus den Blogs selbst, hin zu einer Strukturierung oder Professionalisierung dessen, was man da tut. Ein bi\u00dfchen erinnert mich das an die Fanzines aus der Punk- und New-Wave-Zeit: Das waren auch nicht mehr als schnell hingeworfene, subjektive, meinetwegen auch dilettantische Statements zur Zeit. Dann hatten die Leute gelernt, wie man schreibt und publiziert, zu den fotokopierten Heftchen kamen aufw\u00e4ndigere Magazine, Musik- und Lifestyle-Zeitschriften \u00fcbernahmen Layouts, Ansprache und Inhalte und irgendwann sickerte einiges davon auch in den Mainstream durch. Entlang dieser Skala werden sich auch die Blogs entwickeln, behaupte ich mal.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/43\/85524831_aa742e1b01_m_d.jpg\" alt=\"Goldgrube\" \/><\/p>\n<p>Aber gut, ich bin hier schon zu lange rumgestanden, langsam tun mir die Beine weh. (Warum organisiert man so ein Event denn wie einen Stehempfang? Wieso gibt es keine St\u00fchle hier? Warum gibt es nichts mehr zu trinken?) Im Publikum melden sich die ersten verwirrten Geister, die Podcasts verkaufen wollen und Social Business Networks, und da mach ich mich lieber mal auf den Weg. Vor der T\u00fcr hat ein Schneeregen begonnen, und den Boden \u00fcberzieht eine blankpolierte Eisschicht. &#8222;Uff&#8220;, sagt jemand hinter mir, der auch ein Blogger sein k\u00f6nnte, &#8222;pass auf, dass de net auf die Schnauze f\u00e4llst.&#8220; Ich bin nicht gemeint, aber ich geh trotzdem langsam Richtung Eschersheimer Tor, vorbei am Internet-Caf\u00e9, das &#8222;Virus&#8220; hei\u00dft, und cem &#8222;Cinestar&#8220; mit seiner mi\u00dfgestalteten Fassade. In drei Stunden bin ich daheim.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Eschersheimer Landstra\u00dfe ist eine architektonische Umsetzung der Internet-\u00d6konomie, denke ich, als ich an diesem saukalten Winterabend zum Handelsblatt-Haus stolpere und mir die Fassaden der H\u00e4user anschaue: Der Telco-Konzern neben dem Blumenl\u00e4dchen, die Unternehmensberatung \u00fcber dem Schl\u00fcsseldienst, die Spielh\u00f6lle schr\u00e4g gegen\u00fcber von der Versicherung. 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