{"id":351,"date":"2006-01-16T01:08:49","date_gmt":"2006-01-16T00:08:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=351"},"modified":"2006-01-16T10:52:47","modified_gmt":"2006-01-16T09:52:47","slug":"privatsachen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/16\/privatsachen\/","title":{"rendered":"Privatsachen"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/42\/86500943_af52b4211e_m.jpg\" alt=\"Harou-Romain\" \/><\/p>\n<p>Foucault erz\u00e4hlt in <em>\u00dcberwachen und Strafen<\/em> von Jeremy Benthams <em>Panopticon<\/em>: Das Modell eines Anstalts- oder Gef\u00e4ngnisgeb\u00e4udes, in dem die Zellen ringf\u00f6rmig um einen \u00dcberwachungsturm in der Mitte angeordnet sind. <\/p>\n<blockquote><p>Vor dem Gegenlicht lassen sich vom Turm aus die kleinen Gefangenensilhoutten in den Zellen des Ringes genau ausnehmen. Jeder K\u00e4fig ist ein kleines Theater, in dem jeder Akteur allein ist, vollkommen individualisiert und st\u00e4ndig sichtbar. Die panoptische Anlage schafft Raumeinheiten, die es erm\u00f6glichen, ohne Unterla\u00df zu sehen und zugleich zu erkennen. Das Prinzip des Kerkers wird umgekehrt: von seinen drei Funktionen &#8211; einsperren, verdunkeln und verbergen &#8211; wird nur die erste aufrechterhalten, die beiden anderen fallen weg. Das volle Licht und der Blick des Aufsehers erfassen besser als das Dunkel, das auch sch\u00fctzte. Die Sichtbarkeit ist eine Falle.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Falle besteht darin, dass der Gefangene (oder Patient) die \u00dcberwachung internalisiert: Er wei\u00df nicht, wann er beobachtet wird, mu\u00df aber davon ausgehen, dass das st\u00e4ndig der Fall sein k\u00f6nnte. &#8222;Er wird gesehen, ohne selber zu sehen: er ist Objekt einer Information, niemals Subjekt in einer Kommunikation.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sagen, dass all das, was zur Zeit so unter dem Etikett <em>Web 2.0<\/em> verkauft wird, im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Polen Platz hat. Denn einerseits gibt es da viele Applikationen, Konzepte und Ideen, die eine Art Graswurzel-Charme ins Internet zur\u00fcckf\u00fchren: Blogs, Foto-Communities, soziale Netzwerke bieten durchaus die Chance, aus passiven Konsumenten kommunizierende Subjekte zu machen und neue Diskussionen zu f\u00fchren. Der Preis daf\u00fcr ist aber eine gr\u00f6\u00dfere Sichtbarkeit, denn die Medien, die die Kommunikation erm\u00f6glichen, sind so verr\u00e4terisch wie das Sonnenlicht, das die Zellen in Benthams Panopticon ausleuchtet. Und anders als das Sonnenlicht k\u00f6nnen sie das, was sie an den Tag bringen, auch noch aufzeichnen, und weil sie das mit einem stumpfen und rein quantifizierenden Gleichmut tun, wie ein Zellenw\u00e4rter, der die Bewegungen eines Str\u00e4flings auf seiner Strichliste abhakt, sind sie umso bedrohlicher.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/38\/86500946_2324af93af_m.jpg\" alt=\"Neufforge\" \/><\/p>\n<p>Auf jedes Dutzend Blogger kommen schon ebenso viele Agenturen, die diese Blogs monitoren wollen. Meine getaggten Links landen in einer Datenmine, die mir kontextbasierte Werbung unter die Nase reiben will. Die Bilder in der Fotocommunity kann man demn\u00e4chst durch Tools zur Gesichtserkennung brezeln, und Google Maps werden auch schon mal zur nachbarschaftlichen Denunziation eingesetzt: Da mutieren die sozialen Netzwerke auch ganz schnell zu asozialen Ausspionageringen.<\/p>\n<p>Web 2.0 inszeniert das Internet als Dorfplatz. Interessant dabei ist, dass diese neue Gem\u00fctlichkeit schon ausreicht, um viele Leute dazu zu bringen, Unmengen pers\u00f6nlicher Daten, Bilder und Informationen zu produzieren und im Internet zu verstauen. Das ist effizienter und vor allem billiger als jede Marktforschung und jede Volksz\u00e4hlung. Eine der absonderlichsten Gesch\u00e4ftsideen ist dabei die von <a href=\"http:\/\/www.plazes.com\">Plazes<\/a>. R\u00e4tselhaft, weil ich nicht verstehe, wer um Gottes Willen daran interessiert sein k\u00f6nnte, sich quasi selbst ins Panopticon zu setzen und dem Rest der Welt Aufschlu\u00df \u00fcber all seine Bewegungen und Aufenthaltsorte zu geben, statt froh \u00fcber jede Sekunde zu sein, die man sich auch mal ausst\u00f6pseln kann. Offensichtlich sind das gar nicht so wenige, und man k\u00f6nnte da nat\u00fcrlich eine lange und abstrakte Diskussion folgen lassen, \u00fcber den Narzi\u00dfmus des in der \u00f6konomischen Verwertungsmaschinerie gedem\u00fctigten Subjekts, dass solche Plattformen braucht, um sich selbst seine Relevanz vorzuf\u00fchren. M\u00f6glicherweise ist es auch einfach die dumpfe Ahnung, dass man es sich eben nicht mehr leisten kann, unsichtbar zu sein, etwa so, wie andere in Panik geraten, wenn der Akku des Handys versagt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/37\/86500948_aa4d0623b4_m.jpg\" alt=\"Stateville Prison\" \/><\/p>\n<p>&#8222;Privatheit wird zum Verdachtsmoment&#8220;, hei\u00dft es in einem der Kommentare unter <a href=\"http:\/\/www.blogbar.de\/archiv\/2006\/01\/11\/web20-und-der-totale-durchblick\">diesem Artikel<\/a> von Don Alphonso. Das w\u00e4re die Nachtseite des Web 2.0: Eine Unkultur des Mitmuckertums und Adabeiseinm\u00fcssens, die aus reiner Faulheit Biographien auf Google-Suchergebnisse reduziert und <a href=\"http:\/\/www.applefritter.com\/bannedbooks\">Verdachtsmomente aus Amazon-Wunschlisten<\/a> konstruiert. Das ist kein Imperium des B\u00f6sen, daf\u00fcr aber die Tyrannei der Buchhaltergesinnung.<\/p>\n<blockquote><p>Blogs, Flickr, Places, OpenBC und andere Spielzeuge sind, wenn man nicht verdammt aufpasst, zusammengenommen eine Dystopie, gegen die RFID, Biometrik und der grosse Lauschangriff ein kleiner Scheiss sind,<\/p><\/blockquote>\n<p>schreibt Don Alphonso, aber ich f\u00fcrchte, da hat er Unrecht: Es ist eher so, dass man aus Kleinscheiss goldene K\u00e4fige basteln will. Das ist so fadenscheinig, dass es nicht mal f\u00fcr eine gescheite Verschw\u00f6rungstheorie reicht. Nicht, was jemand wirklich \u00fcber mich wei\u00df, ist ein Problem, sondern dass, was jemand <em>glaubt<\/em> zu wissen. Ich ahne mal, dass einige der Apologeten des Web 2.0 das auch ahnen, und dass sie darum auch gerne hysterisch reagieren, wenn man mal Kritik \u00e4u\u00dfert: Tanzb\u00e4ren, die Angst haben m\u00fcssen, dass man ihnen demn\u00e4chst das Fell \u00fcber die Ohren zieht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foucault erz\u00e4hlt in \u00dcberwachen und Strafen von Jeremy Benthams Panopticon: Das Modell eines Anstalts- oder Gef\u00e4ngnisgeb\u00e4udes, in dem die Zellen ringf\u00f6rmig um einen \u00dcberwachungsturm in der Mitte angeordnet sind. Vor dem Gegenlicht lassen sich vom Turm aus die kleinen Gefangenensilhoutten in den Zellen des Ringes genau ausnehmen. Jeder K\u00e4fig ist ein kleines Theater, in dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-351","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/351\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}