{"id":352,"date":"2010-10-28T11:16:44","date_gmt":"2010-10-28T08:16:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=352"},"modified":"2010-10-28T18:00:59","modified_gmt":"2010-10-28T15:00:59","slug":"le-ciminiere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2010\/10\/28\/le-ciminiere\/","title":{"rendered":"Le Ciminiere"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1146\/5097812439_21711934a6_d.jpg\" alt=\"Le Ciminiere\" \/><\/p>\n<p>N\u00f6rdlich des Bahnhofs beginnen die Bezirke Catanias, die Touristen nur selten betreten. Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Areal der <em>Ciminiere<\/em>, ein &#8222;polyfunktionaler Komplex&#8220; aus Museen, Kultur- und Konferenzzentren. Gedacht war das Areal als Symbol sizilianischen Strukturwandels, denn es entstand auf dem Gel\u00e4nde einer ehemaligen Schwefelraffinerie, deren markante Schornsteine (die <em>ciminiere<\/em>) zur Skyline von Catania geh\u00f6ren. Schwefel war f\u00fcr lange Jahre das gelbe Gold Siziliens: Noch 1900 kamen \u00fcber 90 Prozent der Weltproduktion von der Insel. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der sizilianischen F\u00f6rderst\u00e4tten stetig ab, und die letzten aktiven Tagebaue machten in den 80ern dicht.<!--more--><\/p>\n<p>Kulturzentren in ehemaligen Industrieanlagen sind nichts Neues, aber in Italien, vor allem im S\u00fcden, noch vergleichsweise selten. Das mag damit zu tun haben, dass man fast \u00fcberall in den St\u00e4dten und Regionen so viele Verm\u00e4chtnisse aus Kultur und Geschichte herumstehen hat, dass die Zeugnisse der industriellen Entwicklung wie eine <em>quantit\u00e9 negligeable<\/em> erscheinen m\u00f6gen. Einiges wurde l\u00e4ngst abgerissen und mit neuen Gewerbe- und Wohngebieten bebaut, aber vieles ist auch Ruine und ungenutzt Brache.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1397\/5097809357_151d30b5be_d.jpg\" alt=\"Amphitheater im Centro Le Ciminiere\" \/><\/p>\n<p>Das Interesse an einer Erhaltung und Umnutzung solcher Industriedenkmale bildet sich erst allm\u00e4hlich, und Le Ciminiere ist eines der interessantesten Beispiele daf\u00fcr, aber auch ein ambivalentes. Der Komplex hat durchaus Charme und Atmosph\u00e4re, vor allem das kleine Amphitheater, das man in der Mitte des Gel\u00e4ndes, rund um einen alten Hochofen, angelegt hat. Das Areal ist erstaunlich gro\u00df und man merkt, das die Industrieanlagen eine Stadt im Kleinen waren, mit eigenen Stra\u00dfen, Pl\u00e4tzen und Seiteng\u00e4\u00dfchen. Dadurch wirkt das Areal aber auch etwas un\u00fcbersichtlich, einige Ecken scheinen eher tote Winkel zu sein, und es ist schwer einzusch\u00e4tzen, wie viele von den zahlreichen Geb\u00e4uden und R\u00e4umlichkeiten tats\u00e4chlich genutzt werden.<\/p>\n<p>Am Tag unseres Besuches findet am einen Ende des Gel\u00e4ndes eine offensichtlich ganz gut besuchte Konferenz statt: Es geht um Autismus, lesen wir auf den Transparenten. Das Publikum ist international und macht offenbar grade Pause, das schlie\u00dfen wir jedenfalls aus den zahlreichen kleinen Gr\u00fcppchen, die mit gut gelauntem italienischem und englischem Small Talk besch\u00e4ftigt sind. Am anderen Ende l\u00e4uft gerade eine etwas seltsame und von zahlreichen Bouncern abgesicherte Kinder-Modenschau. Das Publikum hier scheint auch ganz gut gelaunt zu sein, man h\u00f6rt Johlen und Klatschen und durch eine gro\u00dfe Fensterscheibe sehen wir, wie ein stolzer Zw\u00f6lfj\u00e4hriger mit hochgegelter Frisur einen Laufsteg entlang stolziert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1148\/5097811047_f49b9a3b06_d.jpg\" alt=\"Centro Le Ciminiere\" \/><\/p>\n<p>Aber au\u00dfer diesen beiden Veranstaltungen scheint nicht viel los zu sein: Es gibt ein Museum zur alliierten Invasion auf Sizilien und eines zur Geschichte des Films in Catania, aber beide sind geschlossen, und zahlreiche gro\u00dfe R\u00e4ume und Etagen wirken ungenutzt. An der S\u00fcdseite des Areals gibt es in einem Geb\u00e4udekomplex auch Appartements mit Meerblick, aber der Zugang ist versperrt und von unten nicht absch\u00e4tzbar, wie viele davon bewohnt sind.<\/p>\n<p>Der Strukturwandel ist also auch hier alles andere als einfach. Zumal beim Bau des Komplexes, wie man uns erz\u00e4hlt, reichlich Geld auf versteckten Kan\u00e4len geflossen ist. Der Fall der Ciminiere war in den vergangenen Jahren einer der gr\u00f6\u00dferen Korruptionsskandale in der Stadt, und er hat gezeigt, dass der Weg in die postindustrielle Zukunft die \u00fcberkommenen Strukturen nicht ohne weiteres umgehen kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1123\/5098417206_be10ac2f90_d.jpg\" alt=\"Catania, Corso Martiri della Libert\u00e0\" \/><\/p>\n<p>Der Widerspruch zwischen Ambition und Realit\u00e4t kann in unmittelbarer Nachbarschaft der Ciminiere besichtigt werden, n\u00e4mlich entlang des Corso Martiri della Libert\u00e0, der vom Bahnhof aus westw\u00e4rts verl\u00e4uft. Eine gesichtslose Gegend, in der es fast nur Parkpl\u00e4tze und Baugruben zu geben scheint. Die Gruben sind notd\u00fcrftig mit Betonw\u00e4nden und Backsteinen ummauert worden &#8211; nicht etwa deshalb, damit niemand hereinf\u00e4llt, sondern weil man die <em>shanty towns<\/em> illegaler Einwanderer nicht sehen soll, die sich in den Gruben angesiedelt haben und hier in notd\u00fcrftig zusammengezimmerten Bretter- und Pappverschl\u00e4gen hausen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm2.static.flickr.com\/1202\/5097814543_9c904fee15_d.jpg\" alt=\"Corso Martiri della Libert\u00e0\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>N\u00f6rdlich des Bahnhofs beginnen die Bezirke Catanias, die Touristen nur selten betreten. Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Areal der Ciminiere, ein &#8222;polyfunktionaler Komplex&#8220; aus Museen, Kultur- und Konferenzzentren. 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