{"id":359,"date":"2006-01-20T00:08:39","date_gmt":"2006-01-19T23:08:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=359"},"modified":"2006-01-21T16:36:36","modified_gmt":"2006-01-21T15:36:36","slug":"ein-blog-geht-auf-reisen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/20\/ein-blog-geht-auf-reisen\/","title":{"rendered":"Ein Blog geht auf Reisen"},"content":{"rendered":"<p>Das Reiseportal <a href=\"http:\/\/weg.de\">weg.de<\/a> hat ein <a href=\"http:\/\/reiseblog.de\">Reiseblog<\/a> gestartet, Don Alphonso hat es in einer <a href=\"http:\/\/www.blogbar.de\/archiv\/2006\/01\/19\/kommen-und-gehen-im-blogbiz\/\">Polemik \u00fcber kommerzielle Blogprojekte<\/a> abgewatscht, und daraus hat sich eine Kontroverse entwickelt, die ich nat\u00fcrlich hochinteressant finde: weil sich der Streit in ein Territorium begibt, in dem ich mich doch ein bi\u00dfchen auskenne, schlie\u00dflich hab ich oft genug in der Reisebranche zu tun, und das auch ganz bodenst\u00e4ndig in der Organisation und Durchf\u00fchrung von Reisen vor Ort. Ich h\u00f6re aus erster Hand die Geschichten, warum jemand wohin verreisen m\u00f6chte, wie er oder sie sich dabei informiert, welche B\u00fccher dabei gelesen und welche Websites besucht werden. Ich denke also, dass ich ein paar gute Gr\u00fcnde wei\u00df, was in einem Blog \u00fcber das Reisen drin stehen m\u00fc\u00dfte und warum der Reiseblog &#8211; zumindest in der aktuellen Form &#8211; ebensowenig funktionieren d\u00fcrfte wie \u00e4hnliche Projekte vom Focus oder von HLX.<!--more--><\/p>\n<p>Es hilft vielleicht, erst mal die unterschiedlichen Positionen aufzudr\u00f6seln: Das Argument von Don Alphonso ist ja, dass die meisten kommerziellen Blogs vor die Wand fahren, weil sie nicht wirklich mit einem Interesse an der Sache gemacht werden, sondern nur, um einen gerade aktuellen Hype abzugreifen. Wenn man sich die Blogs anschaut, die bisher von Medien- und anderen Unternehmen so ins Netz gestellt worden, wird man ihm da nur beipflichten k\u00f6nnen: Die Inhalte sind meist beliebig und austauschbar, unterscheiden sich in nichts von dem, was in den Zeitungen und Magazinen als Kolumnen rubriziert wird und werden &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; auch nur gelegentlich aktualisiert. Das, was Blogs eigentlich ausmacht, n\u00e4mlich nicht nur Publikations-, sondern auch Kommunikationsmedium zu sein, Diskussion und Austausch einzuleiten, das findet da \u00fcberhaupt nicht statt. Wo es die Kommentar- und Trackbackfunktion gibt, ist sie meist nichts anderes als ein automatisierter Leserbriefkasten.<\/p>\n<p>Wie Don Alphonso sich ein Blog vorstellen kann, in dem es ums Reisen geht, das schreibt er auch:<\/p>\n<blockquote><p>Ich will das Rauschen der Brandung h\u00f6ren, ich will da jemand haben, der mit dem Roadster am Gardasee entlangf\u00e4hrt und Matia Bazar h\u00f6rt und mir das erz\u00e4hlt, ich will den Duft kroatischer Pinien, ich will will sch\u00f6ne Geschichten aus sch\u00f6nen L\u00e4ndern und ganz sicher keine Erinnerung an den Glos und eine umgeschriebene Agenturmeldung \u00fcber ein Treppenrennen in New York.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist eindeutig genug, aber geben wir der Sache der Einfachheit halber einen Namen und nennen es: ein feuilletonistisches Blog.<\/p>\n<p>Nun haben sich zwei der Verantwortlichen f\u00fcr den Reiseblog in der Diskussion zu Wort gemeldet: Nico Lumma, der den Start des Blogs <a href=\"http:\/\/lumma.de\/eintrag.php?id=2454\">auch publiziert hatte<\/a>, und Jan Valentin, verantwortlicher Redakteur f\u00fcr weg.de. Sie legen ihr Konzept nicht ganz so deutlich klar, aber ich denke, ich tue ihnen nicht unrecht, wenn ich es &#8211; for want of a better word &#8211; als Dienstleistungsblog bezeichne.<\/p>\n<p>Das ist ja auch o.k. so und hat sicher ebenso seine Berechtigung wie ein gebloggtes Feuilleton, im Gegenteil, ich w\u00fcrde sogar behaupten: Ein Reiseblog, der in irgendeiner Weise kommerziell funktionieren soll, wird von beidem etwas bieten m\u00fcssen: Nutzwert und Pers\u00f6nlichkeit. Eine Reise ist etwas Emotionales, ebenso wie Literatur, Musik oder B\u00fccher, wenn ich das jemandem schmackhaft machen will, mu\u00df ich ihm eine Geschichte dazu erz\u00e4hlen. Es reicht nicht, irgendwelche Anekdoten aus dem DuMont nachzuplappern, und wenn die noch so kurios sind: Neugierde entsteht nur, wenn man zeigen kann, was einem an einer Sache wirklich liegt, wenn man selbst mit Leidenschaft, Engagement und Interesse dabei ist.<\/p>\n<p>Wenn man sich anschaut, was bisher beim Reiseblog im Netz steht, dann ist das einfach nicht Fisch und nicht Fleisch. Man merkt zwar, dass in den Texten eine etwas flottere und pers\u00f6nlichere Ansprache gesucht wird als in einer platten PR-Mitteilung. Aber das Ganze bleibt doch etwas d\u00fcnn, weil es so beliebig und unsortiert wirkt: Man erf\u00e4hrt nicht, wer das schreibt, und warum und wieso das alles interessant sein soll. Das beste Beispiel ist ein kurzer Eintrag \u00fcber <a href=\"http:\/\/reiseblog.de\/eintrag.php?id=22\">Orangen in Palermo und Catania<\/a>: Was k\u00f6nnte man da nicht alles schreiben! Man k\u00f6nnte den Leser mitnehmen auf den Markt in Palermo, ihm den L\u00e4rm beschreiben, der dort zu h\u00f6ren ist, das Durcheinander der Stimmen und Ger\u00e4usche: den kehligen, dunklen Dialekt der Marktschreier hier und das metallische Knarren japanischer Spielzeuggewehre dort. Man k\u00f6nnte die Ger\u00fcche beschreiben, die Mixtur aus Gew\u00fcrzen, Blumen, Fischen und Meeresfr\u00fcchten, man k\u00f6nnte von Pepe erz\u00e4hlen, der seit drei\u00dfig Jahren hier steht und dessen Orangen immer, wenn man vorbeikommt, knalliger leuchten als ein holl\u00e4ndisches Fan-Geschwader. Man m\u00fc\u00dfte da auch gar nichts sch\u00f6nf\u00e4rben oder verkitschen, auch Pepes m\u00fcde, verlebte Augen geh\u00f6ren in die Geschichte oder die schwieligen Gichth\u00e4nde, mit denen er die Orangen krallt, die er dir verkauft. Aber alles das m\u00fc\u00dfte man erz\u00e4hlen, weil man nur so dem Leser Appetit machen kann auf die Orangen, auf ihr Fruchtfleisch und ihre S\u00fc\u00dfe, auf den Markt und Palermo und Sizilien, und wenn dann am Ende der Hinweis kommt, wo ich die Reise buchen kann, will ich den sehen, der sich dar\u00fcber beschwert.<\/p>\n<p>Aber stattdessen bekommen wir ein paar l\u00e4ssig hingeschlenzte Anmerkungen, die in irgendeinem Reisef\u00fchrer aufgelesen wurden. Was ja alleine auch noch nicht so schlimm w\u00e4re, wenn man das Gef\u00fchl h\u00e4tte, dass da ein Kontext entsteht, ein Zusammenhang aufgebaut wird, eine Geschichte jenseits der Anekdote, die mir Lust macht, auch weiter dranzubleiben und immer wieder reinzugucken. Stattdessen springt der Blog von Italien nach Manhattan, dann wieder in die Dominikanische Republik, ohne dass man ein echtes Interesse erkennen k\u00f6nnte, an den einzelnen Orten zu verweilen. Wir erfahren ja auch nicht, wer das ist, der da bloggt, und was er oder sie am Reisen so interessant und spannend findet.<\/p>\n<p>Man mu\u00df an dieser Stelle vielleicht kurz mal auf den Begriff der Authentizit\u00e4t zu sprechen kommen, der in den Diskussionen um gute oder schlechte Blogs immer wieder durch den Raum geschleudert wird wie nichts Gutes. Jan Valentin sagt in seinem Kommentar, dass es sich ein kleines Unternehmen nicht leisten k\u00f6nne, seine Autoren auf Reisen zu schicken. Als ob es darauf ank\u00e4me! Authentisch hei\u00dft nicht, dass man alles das schon gesehen haben muss, wor\u00fcber man schreibt, es hei\u00dft nur, dass man ein echtes Bed\u00fcrfnis und Interesse an der Sache vermitteln mu\u00df. La\u00dft Eure Autoren doch \u00fcber das Barcelona ihrer Tr\u00e4ume schreiben und erz\u00e4hlen, warum sie da gerne mal hinm\u00f6chten, wenn sie noch nicht da waren. Oder denkt Euch Geschichten aus: Ein begnadeter Schwindler ist immer noch authentischer und lesenswerter als ein \u00f6der Abschreiber. Ich habe keine Ahnung, ob die Geschichten, die ich in <a href=\"http:\/\/rebellmarkt.blogger.de\">Don Alphonsos Blog<\/a> lese, wahr sind oder erfunden, aber das ist doch auch egal. Der Wille, etwas zu erz\u00e4hlen, ist authentisch: Man erkennt die Rampensau und betrachtet sie mit Vergn\u00fcgen. Das ist der Punkt. Im Reiseblog h\u00fcpft ein kleines Kaninchen durch die Manege und wackelt ein bi\u00dfchen mit den Pf\u00f6tchen. Im besten Fall ruft jemand: &#8222;S\u00fc\u00df!&#8220;, aber das war&#8217;s dann.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte weiter einwenden, dass der Wunsch nach einem feuilletonistischen Blog, wie Don Alphonsos Beispiel vom Gardasee, h\u00f6chstens etwas ist f\u00fcr ein elit\u00e4res und literaturinteressiertes Publikum. Aber darum geht es ja nicht. Ich habe in den Kommentaren mit Absicht zwei absolut uncoole Namen genannt, die ich sonst wahrscheinlich in jedem anderen Zusammenhang dissen w\u00fcrde, die aber nun mal repr\u00e4sentativ stehen f\u00fcr vieles, was einem Reisende so als Inspirationsquelle nennen: Fritz Pleitgen und Rosamunde Pilcher. Ich kann nicht sagen, wie oft ich diese Namen unterwegs schon geh\u00f6rt habe. Warum das so ist, kann man auch relativ einfach erkl\u00e4ren: Man mag von Pleitgen halten, was man will, und \u00fcber die Gelder schimpfen, die f\u00fcr seine Reisen draufgehen, aber er ist nun mal jemand, der es sich leisten kann, im Fernsehen &#8222;ich&#8220; zu sagen. Die Geschichte, die er kommuniziert, ist: &#8222;Ich bin jemand mit Rang und Namen, ich leiste mir hier *meine* Traumreise, und das, was ich zeige, sind die Dinge, die *ich* interessant finde.&#8220; Und Millionen Zuschauer sitzen vor dem Fernseher und denken: &#8222;Ich will auch ein kleiner Pleitgen sein und \u00fcberall da hin fahren.&#8220; (Schreckliche Vorstellung, das mit dem kleinen Pleitgen, ich wei\u00df.)<\/p>\n<p>Oder nehmen wir die Pilcher: Ob man die nun mag oder nicht, sie spielt ganz offensichtlich auf der Klaviatur der romantischen Vorstellungen ihrer Leser und Leserinnen. Sie weckt oder best\u00e4tigt Tr\u00e4ume, Emotionen und Sehns\u00fcchte, und die bringen die Leute ins Reiseb\u00fcro. Ich habe vergangenes Jahr ein paar Gruppen in S\u00fcdengland begleitet, ich wei\u00df, wovon ich rede.<\/p>\n<p>Man mu\u00df sich Pleitgen und Pilcher nicht zum Vorbild nehmen, um Gottes willen. Aber man mu\u00df, wenn man ein Reiseblog mit kommerzieller Absicht macht, schon zur Kenntnis nehmen, dass das, was die machen, einen Effekt hat. Dann mu\u00df man sich fragen, kann ich davon was f\u00fcr mein Blog lernen? Wie kann ich mit meiner Tonalit\u00e4t, mit meiner Begeisterung und mit meinen schreiberischen F\u00e4higkeiten daf\u00fcr sorgen, dass mir die Leser die Patagonien- und Cornwall-Fl\u00fcge nur so aus den Fingern rei\u00dfen? Die Antwort ist gar nicht so kompliziert: Sagt &#8222;ich&#8220;, und erz\u00e4hlt Geschichten.<\/p>\n<p>Die m\u00fcssen auch nicht perfekt sein. Es gibt viele amateurhafte Blogs, die um L\u00e4ngen besser sind als professionelle, weil die Macher eben das sind, was der Name urspr\u00fcnglich mal gesagt hat: Amateure, Liebhaber und Liebhaberinnen, die sich ihr Herzblut aus den Fingern tippen, wenn sie von Klettertouren in die Urner Alpen erz\u00e4hlen, von Segelt\u00f6rns im Pazifik und von Ferien auf dem italienischen Bauernhof. Man mu\u00df das nicht alles gut finden. Aber selbst die klapprigste Geocities-Homepage mit wackelnden Briefkasten-GIFs und Web-0.5-Design hat noch mehr Existenzberechtigung und Charme als eine lieblos zusammengestoppelte PR-Schleuder, und wenn die in schickem Pastellton daherkommt.<\/p>\n<p>Damit das nun nicht als Verri\u00df r\u00fcberkommt: Ich mag Blogs, die vom Reisen handeln. Und man darf damit auch Geld verdienen, keine Frage. Wenn jemand eine gute Idee hat, nur zu. Lumma hat darum gebeten, dem Reiseblog Zeit zu lassen &#8211; das sollte man ihm auch zugestehen. Ich schaue gerne in drei, vier Wochen noch mal vorbei. Aber was mich angeht, da kann ich sagen: \u00d6fter komme ich nur, wenn es wirklich spannende Geschichten gibt. Probiert&#8217;s einfach. Habt Mut. Seid Amateure. Viel Gl\u00fcck dabei.<\/p>\n<p>(<strong>Nachtrag:<\/strong> Ich sehe grade, dass man ein paar Dinge versucht beim Reiseblog: Eine Julia reist jetzt <a href=\"http:\/\/reiseblog.de\/eintrag.php?id=30\">bloggend durch Afrika<\/a>. Mal sehen, wie weit sie dabei kommt. Das Blog hat auf jeden Fall schon ein bi\u00dfchen mehr Farbe bekommen.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Reiseportal weg.de hat ein Reiseblog gestartet, Don Alphonso hat es in einer Polemik \u00fcber kommerzielle Blogprojekte abgewatscht, und daraus hat sich eine Kontroverse entwickelt, die ich nat\u00fcrlich hochinteressant finde: weil sich der Streit in ein Territorium begibt, in dem ich mich doch ein bi\u00dfchen auskenne, schlie\u00dflich hab ich oft genug in der Reisebranche zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-359","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/359","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=359"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/359\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=359"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}