{"id":363,"date":"2006-01-23T06:52:18","date_gmt":"2006-01-23T05:52:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=363"},"modified":"2006-01-23T07:00:30","modified_gmt":"2006-01-23T06:00:30","slug":"abdullah-ibrahim","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/23\/abdullah-ibrahim\/","title":{"rendered":"Abdullah Ibrahim"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/11\/89902711_0a7f132315_m.jpg\" alt=\"Abdullah Ibrahim\" \/><\/p>\n<p>Du bist schon lange nicht mehr hier gewesen, in der Philharmonie, deren Eingangsbereich so gar nichts von dem Glanz und der Gro\u00dfartigkeit hat, die Du mit diesem Wort verbinden willst. Es sieht hier aus wie in einer beliebigen Stadthalle, denkst Du, und schaust Dir das Publikum an, das sich hier eingefunden hat: Menschen, die man einzeln schon mal hier und da treffen kann, die aber in dieser gro\u00dfen Menge eine ganz seltsame Menage bilden. Musiklehrer mit langen, graumelierten Haaren und Bauchansatz, an der Seite die Lebensabschnittsgef\u00e4hrtin, in betont l\u00e4ssiger Bluse und Jeans. Gesetzte Bibliothekare, hager, mit Spitzbart, Cordjacke und Ellbogenpolster. Oberstudienr\u00e4tinnen mit Wolljersey in schreienden Karos. Mittelst\u00e4ndische Vorstandsdelegationen im Zweiteiler, samt Damenbegleitung in Satinkost\u00fcmen mit riesigen Skarab\u00e4us-Broschen. Kaum jemand hier ist unter F\u00fcnfzig, und die wenigen, die es doch sind, tragen einen schwarze Rollkragenpullover und Ziegenbart. Welche Laune des Schicksals hat die wohl alle gecastet, um ein Jazz-Konzert zu besuchen, fragst Du Dich.<!--more--><\/p>\n<p>Du gehst in den Konzertsaal, in dessen Eingeweiden Du fr\u00fcher, als Student, an die hundert Mal Notenpulte, Schnakenberger und Konzertfl\u00fcgel hin- und hergeschoben hast, Fl\u00fcgel wie der, der da auch jetzt vorn auf der B\u00fchne steht. Seither hat der Raum in Deinem Kopf etwas an Stabilit\u00e4t verloren: Du wei\u00dft, da unter der B\u00fchne ist noch ein Hohlraum, da sind G\u00e4nge und Verliese, von denen alle hier oben gar nichts ahnen. Dann setzt Du Dich auf einen der Klappst\u00fchle, die gar nicht fest eingelassen sind im Boden, sondern mit einem leichten Handgriff herausgedreht werden k\u00f6nnten, einem Handgriff, den Du wahrscheinlich mit ein bi\u00dfchen \u00dcberlegen wieder hinbekommen w\u00fcrdest. Und Du lauschst dem Ger\u00e4usch der Menge um Dich herum, das wirklich nur ein Ger\u00e4usch ist, kein Krach, anders als bei den Konzerten, die Du sonst so besuchst, es ist hier mehr das freundliche, aufgeregte Summen eines Bienenschwarms. Sie m\u00fcssen sich eben schnell noch alles erz\u00e4hlen, bevor das Licht ausgeht, und sie sehen sich ja so selten, immer nur, wenn wieder ein Konzert im Abonnement ist.<\/p>\n<p>Und dann h\u00f6rst Du die kleine Fanfare, das Summen wird leiser, und ganz langsam kommt jemand von links auf die B\u00fchne. Ein \u00e4lterer Mann, aber dass er schon \u00e4lter ist, merkt man nur den grauen Flecken in seinen Haaren. Das Gesicht ist faltig, aber von dort, wo Du sitzt, wirkt es gar nicht so alt. Der Gang des Mannes ist gem\u00e4chlich, er wirkt ruhig, vielleicht ist er auch ein bi\u00dfchen m\u00fcde, das sieht man jetzt nicht so genau. Er tr\u00e4gt einen eleganten schwarzen Kaftan und schwarze Hosen, sehr elegant sieht das aus, und vermutlich wirkt er auch darum j\u00fcnger als er ist. L\u00e4ssig winkt er in die Menge, das hei\u00dft, winken kann man das nicht nennen: Er winkelt leicht den Arm an und noch etwas die Hand, dann bleibt er kurz stehen und gr\u00fc\u00dft mit gefalteten H\u00e4nden oder legt leicht die rechte Hand auf sein Herz.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit sagt er kein Wort, auch nicht, als er sich ans Klavier setzt und seine Noten ausbreitet: Keine Hefte oder B\u00fccher sind das, sondern offenbar nur ein paar lose Bl\u00e4tter. Mit der gleichen Beil\u00e4ufigkeit beginnt er zu spielen, und das mit einer L\u00e4ssigkeit, als w\u00e4re ihm das Spielen selbst gar nicht so wichtig, er schaut eher wie abgelenkt und etwas verwundert in den Fl\u00fcgelkasten. Er wirkt derart in sich gekehrt und mit anderen Dingen besch\u00e4ftigt, dass er nicht einmal zu bemerken scheint, als pl\u00f6tzlich ein Handy klingelt. Eine ganze Minute l\u00e4\u00dft er sich da Zeit, dann schwenkt sein Kopf kurz mi\u00dfbilligend in Richtung Publikum, gar nicht in die Richtung des Handybesitzers selbst, sondern einfach irgendwohin, als w\u00e4re jede weitere aufgeregte Geste zuviel und der Vorwurf auch so deutlich genug.<\/p>\n<p>Die Musik perlt vor sich hin, Dein Blick wandert durch den Saal, sch\u00f6n so, denkst Du, mal nur so unkonzentriert nebenher mitzuh\u00f6ren und dabei die seltsamen Dinge hier anzuschauen, das strahlenf\u00f6rmige Gest\u00e4nge an der Decke, wo die Lichtanlage h\u00e4ngt, oder die silbernen Orgelpfeifen, die Dir niemals wertvoll vorkamen, sondern wie ein paar Kulissenst\u00fccke, die man nicht mehr braucht und einfach in der Ecke zusammengeschoben hat. Zwischendurch wird die Musik auf der B\u00fchne mal etwas dynamischer, aber es scheint fast, als ob der Mann am Klavier selbst dar\u00fcber erschrickt: Verdutzt und etwas mi\u00dftrauisch schaut er den Fl\u00fcgel an, der sofort wieder mit leiseren T\u00f6nen antwortet.<\/p>\n<p>Dann ist Pause, alles applaudiert, der alte Mann bedankt sich h\u00f6flich mit leichten Verbeugungen, der rechten Hand auf dem Herz und gefalteten H\u00e4nden. Du gehst hinaus in den Bienenschwarm, unterh\u00e4ltst Dich und staunst dabei noch einmal \u00fcber die bunten Karos hier, die schmalen Cordrippen dort, bevor die Fanfare schon wieder nach innen ruft.<\/p>\n<p>Diesmal kommt der alte Mann etwas energischer heraus, aber das ist eine Energie, die man in Mikrograden messen muss. Aber auch die Musik ist jetzt im zweiten Teil etwas dynamischer, scheint Dir, an einigen Stellen w\u00fchlt die linke Hand fast wie ein R&#038;B-Bassist, w\u00e4hrend die rechte die helleren T\u00f6ne in kantigen Akkorden tanzen l\u00e4\u00dft. Dennoch spielt er nach wie vor mehr f\u00fcr sich als f\u00fcr irgendjemand um ihn herum, selbst die schnelleren Passagen kommen so nebenbei, als sei das alles eigentlich gar nicht so wichtig. Dir f\u00e4llt gerade auf, dass er sich nach der ersten H\u00e4lfte abtrocknen mu\u00dfte, und komischerweise besch\u00e4ftigt Dich die Frage, wie jemand ins Schwitzen kommen kann, der so unangestrengt wirkt. Wieder klingelt ein Handy, und erneut dauert es eine ganze Weile, bis der alte Mann aus dem Flu\u00df seiner T\u00f6ne aufblickt, nur geht diesmal der vorwurfsvolle Blick in die Reihen, die hinter der kreisf\u00f6rmigen B\u00fchne sitzen.<\/p>\n<p>Der Applaus ist lange, aber nicht tosend, auch hier, so kommt es Dir vor, ist man darum bem\u00fcht, einen ausgesprochen <em>h\u00f6flichen<\/em> L\u00e4rm zu bewerkstelligen. Der alte Mann verbeugt sich ebenso h\u00f6flich, er bekommt einen Blumenstrau\u00df, und setzt sich noch einmal ans Klavier und spielt noch ein bi\u00dfchen vor sich hin. Dann steht er auf, winkt und verbeugt sich leicht, geht langsam und w\u00fcrdevoll von der B\u00fchne, und Du denkst, dass es Dich kaum wundern w\u00fcrde, wenn er jetzt in seine Garderobe geht und da einfach auch ans Klavier setzt und weiterspielt.<\/p>\n<p>Du gehst hinaus mit dem Bienenschwarm, dessen Summen ein bi\u00dfchen m\u00fcder, vielleicht auch nur entspannter wirkt als am Anfang. Es ist jetzt an der Zeit, an den Baustellen der U-Bahn vorbei zu stolpern, durch die eisige K\u00e4lte in die finstere Altstadt hinein, und dann was zu trinken. Gro\u00dfe Entspannung macht durstig.<\/p>\n<p>(Das Foto von Ssirus W. Pakzad stammt von <a href=\"http:\/\/www.engelhardt-promotions.com\/\">hier<\/a>. Den mi\u00dfmutigen Blick nach dem Handyklingeln gibt es n\u00e4herungsweise <a href=\"http:\/\/www.klaus-muempfer.de\/Ibrahim_Abdullah.jpg\">hier<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Du bist schon lange nicht mehr hier gewesen, in der Philharmonie, deren Eingangsbereich so gar nichts von dem Glanz und der Gro\u00dfartigkeit hat, die Du mit diesem Wort verbinden willst. 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