{"id":369,"date":"2006-01-25T10:45:42","date_gmt":"2006-01-25T09:45:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=369"},"modified":"2006-01-25T10:45:42","modified_gmt":"2006-01-25T09:45:42","slug":"matera","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/01\/25\/matera\/","title":{"rendered":"Matera"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/36\/90972830_b62ddce4df_m.jpg\" alt=\"Matera\" \/><\/p>\n<p>Von der Anh\u00f6he auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Schlucht (da, wo Mel Gibson die Kreuzigungsszene gedreht hat) sieht die Stadt aus wie ein verlassener Ameisenhaufen, den man einmal quer in der Mitte durchgeschnitten hat, um in die G\u00e4nge, Tunnels und Kan\u00e4le zu schauen. Vor allem auf der Seite, wo oben die modernen Wohnbauten zu sehen sind, die in den F\u00fcnfzigern und Sechzigern entstanden, als man die Stadt zur nationalen Schande erkl\u00e4rte, die H\u00f6hlenwohnungen der Sassi zwangsevakuierte und die Bewohner in die neugebauten Viertel verfrachtete.<!--more--><\/p>\n<p>Caterina, die einige ehemalige H\u00f6hlenbewohner kennengelernt hat, erz\u00e4hlte uns, dass einige von ihnen es jahrzehntelang vermieden haben, zu den Grotten zur\u00fcckzugehen. Und das, obwohl sie sich anfangs mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gegen die Zwangsumsiedlung gestr\u00e4ubt hatten. Aber die Dem\u00fctigung, von Medien und Politikern als <em>vergogna<\/em> beschimpft worden zu sein, sa\u00df zu tief.<\/p>\n<p>Dabei wirken die Sassi alles andere als d\u00fcster: Die Sonne steht mittags so steil \u00fcber der Stadt, dass sie jeden Winkel ausleuchtet, und auch die verlassenen Ruinen liegen hell und freundlich vor einem. Man kann sich kaum vorstellen, dass hier einmal die Malaria gew\u00fctet haben soll, dass es aus den offenen Kloaken nach Abf\u00e4llen und Exkrementen stank. Das ist lange her, und heute hat man das Gef\u00fchl, durch die Ruine einer riesigen Burganlage zu gehen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/22\/90972833_3afea05e54_m.jpg\" alt=\"Matera\" \/><\/p>\n<p>Denn die Stadt ist leer, kaum jemand ist zu sehen auf den Stra\u00dfen. Auch anderswo in S\u00fcditalien kann es ruhig und still sein, um die Mittagszeit, wenn alles in die H\u00e4user flieht. Aber hier, in der Altstadt von Matera, scheint immer Mittagszeit zu sein, die wenigen Menschen, die man sieht, blinzeln einen eher verwundert an, als ob sie selbst nicht so recht erkl\u00e4ren k\u00f6nnten, was sie hier eigentlich machen. Auch die zentrale Piazza Veneto wirkt viel ruhiger und weniger gesch\u00e4ftig als sonst Pl\u00e4tze in Italien, aber das liegt auch daran, dass sie viel zu gro\u00df geraten ist und sich unf\u00f6rmig zwischen den H\u00e4usern drumherum und den Betoninseln in der Mitte hindurchzw\u00e4ngen muss.<\/p>\n<p>Manche sagen, diese Stadt schl\u00e4ft nur, aber Caterina meint, so richtig wach wird sie auch nicht mehr. Die K\u00fcnstler, die in den Neunzigern die leeren Grotten als Ateliers wiederentdeckten, haben den Sassi nicht wirklich neues Leben eingehaucht. Griesgr\u00e4mig sitzen sie vor ihren H\u00f6hlen und verkaufen selbstgeschnitzte Sandsteinskulpturen oder bewachen eine Kirche, die grade restauriert wird. Die Gelder, die von der UNESCO kamen, als die H\u00f6hlen zum Weltkulturerbe erkl\u00e4rt wurden, und mit denen man einen arch\u00e4ologischen Museumspark anlegen wollte, sind l\u00e4ngst in irgendwelchen dunklen Kan\u00e4len versickert. Touristen kommen ab und an, aber f\u00fcr die gro\u00dfen Besucherstr\u00f6me liegt Matera zu weit ab vom Schu\u00df. Die K\u00fcste ist zwar nah, aber die Basilicata ist arm und hat nicht viel Geld f\u00fcr eine aufw\u00e4ndige touristische Infrastruktur, das gilt auch f\u00fcr Nachbarin Apulien, da tut sich zwar ein bi\u00dfchen was, aber mehr an der Adria und die ist von Matera auch zu weit weg.<\/p>\n<p>Also schlummern die Sassi vor sich hin, und auch die H\u00f6hlen auf der anderen Seite der Stadt, in der tiefen Schlucht unterhalb der Anh\u00f6he. Viele von ihnen sind als Kirchen genutzt worden, von den Basilianern, Eremiten, die im 9. und 10. Jahrhundert aus Kleinasien her\u00fcberkamen und der Basilicata ihren Namen gaben. Um die grandiosen Wandgem\u00e4lde, mit denen sie die Grotten ausmalten, k\u00fcmmert sich kaum noch jemand, manche H\u00f6hlen sind zwar mit Metalltoren versehen worden, aber die sind verrostet oder defekt und leicht zu knacken von den Jugendlichen, die sich hier treffen, um heimlich zu kiffen oder zu v\u00f6geln.<\/p>\n<p>Wir standen oberhalb der Schlucht, auf dem Busparkplatz am Belvedere, es war so gegen 17 Uhr, und weil es M\u00e4rz war, stand die Sonne um diese Zeit schon recht tief. Und dann tat die Stadt f\u00fcr ein paar Augenblicke so, als w\u00e4re sie mehr als nur ein Ensemble alter Ruinen. Sie verf\u00e4rbte sich, wurde erst gelb und dann golden, und der leichte Dunst, der von den Gewerbegebieten her\u00fcberzog, gab dem ganzen noch einen matten, tr\u00e4umerischen Glanz. Das war einer dieser Momente, die zu sch\u00f6n sind um wahr zu sein, als ob die Stadt sich tats\u00e4chlich leicht r\u00e4keln w\u00fcrde, und tief Luft zu holen und dann mit einem lauten Seufzer wieder aufzuwachen. Es l\u00e4uteten aber nur einige Kirchenglocken, und dann lie\u00df unser Fahrer auch schon den Motor anlaufen.<\/p>\n<p>Im April werde ich wieder nach Matera fahren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von der Anh\u00f6he auf der gegen\u00fcberliegenden Seite der Schlucht (da, wo Mel Gibson die Kreuzigungsszene gedreht hat) sieht die Stadt aus wie ein verlassener Ameisenhaufen, den man einmal quer in der Mitte durchgeschnitten hat, um in die G\u00e4nge, Tunnels und Kan\u00e4le zu schauen. 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