{"id":377,"date":"2006-02-01T13:09:26","date_gmt":"2006-02-01T12:09:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=377"},"modified":"2006-02-01T13:09:26","modified_gmt":"2006-02-01T12:09:26","slug":"das-bisschen-was-ich-lese-kann-ich-mir-auch-selber-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/01\/das-bisschen-was-ich-lese-kann-ich-mir-auch-selber-schreiben\/","title":{"rendered":"Das bi\u00dfchen, was ich lese, kann ich mir auch selber schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Jean Pauls <em>Schulmeisterlein Wutz<\/em> hat ein besonderes Hobby:<\/p>\n<blockquote><p>Der wichtigste Umstand [&#8230;] ist n\u00e4mlich der, da\u00df Wutz eine ganze Bibliothek &#8211; wie h\u00e4tte der Mann sich eine kaufen k\u00f6nnen? &#8211; sich eigenh\u00e4ndig schrieb. Sein Schreibzeug war seine Taschendruckerei; jedes neue Me\u00dfprodukt, deren Titel das Meisterlein ansichtig wurde, war nun so gut als geschrieben oder gekauft: denn es setzte sich sogleich hin und machte das Produkt und schenkt&#8216; es seiner ansehnlichen B\u00fcchersammlung, die, wie die heidnischen, aus lauter Handschriften bestand.<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich ein gute Idee, denn nicht nur spart man viel Geld, wenn man die B\u00fccher, die man gerne h\u00e4tte, gleich selber schreibt, und au\u00dferdem sind die Texte im Zweifel ohnehin viel besser als das, was in den Me\u00dfkatalogen grade so angesagt ist. Der Einwand, dass man es wohl kaum schaffen d\u00fcrfte, jedes neue Buch in den Katalogen selbst zu schreiben, zieht nicht, weil das meiste, was in den Katalogen steht, bequem in zehn Minuten zusammengefasst werden kann.<\/p>\n<p>Wutz jedenfalls hat keinen Zweifel an der autoritativen Qualit\u00e4t seiner Texte:<\/p>\n<blockquote><p>Da er einige Jahre sein B\u00fccherbrett auf diese Art voll geschrieben und durchstudieret hatte, so nahm er die Meinung an, seine Schreibb\u00fccher w\u00e4ren eigentlich die kanonischen Urkunden, und die gedruckten w\u00e4ren blo\u00dfe Nachstiche seiner geschriebnen; nur das, klagt&#8216; er, k\u00f6nn&#8216; er &#8211; und b\u00f6ten die Leute ihm Balleien daf\u00fcr an &#8211; nicht herauskriegen, wienach und warum der Buchf\u00fchrer das Gedruckte allzeit so sehr verf\u00e4lsche und umsetze, da\u00df man wahrhaftig schw\u00f6ren sollte, das Gedruckte und das Geschriebene h\u00e4tten doppelte Verfasser, w\u00fc\u00dfte man es nicht sonst.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Wutzischen B\u00fccher sind vermutlich am\u00fcsanter als die Originale, denn an anderer Stelle hei\u00dft es, dass das Schulmeisterlein, als es einmal den Auftrag erh\u00e4lt, <em>unverst\u00e4ndliche<\/em> Texte zu schreiben, dem nur nachkommen kann, indem es die Schreibfedern so zerschneidet, dass die Texte wenigstens <em>unleserlich<\/em> werden.<\/p>\n<p>In der Selbstzufriedenheit mit der eigenen Produktion, und dem Unwillen, die gedruckten Texte auch nur als gleichberechtigt neben der eigenproduzierten literarischen Realit\u00e4t gelten zu lassen, k\u00f6nnte Wutz auch fast schon als prototypischer Blogger durchgehen. Wer braucht schon totes Holz, wenn man sich die Wahrheit selbst zusammenpixeln kann.<\/p>\n<p>Ein literarischer Nachfahre des Wutz hat da ein nicht minder ehrgeiziges Projekt: Pierre Menard, von dem Jorge Luis Borges in seinen <em>Fiktionen<\/em> erz\u00e4hlt, will den <em>Don Quijote<\/em> nachschreiben. Und zwar exakt so, wie Cervantes ihn vorgelegt hat:<\/p>\n<blockquote><p>Er wollte nicht einen anderen <em>Quijote<\/em> verfassen &#8211; was leicht ist &#8211; sondern den <em>Quijote<\/em>. [&#8230;] Sein bewundernswerter Ehrgeiz war es, ein paar Seiten hervorzubringen, die &#8211; Wort f\u00fcr Wort und Zeile f\u00fcr Zeile &#8211; mit denen von Miguel de Cervantes \u00fcbereinstimmen sollten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ein wesentlich komplexeres Unterfangen als sich nur von ein paar Me\u00dfkatalogen inspirieren zu lassen, zumal Menard sich die Aufgabe noch zus\u00e4tzlich kompliziert macht:<\/p>\n<blockquote><p>Auf irgendeine Art Cervantes zu sein und zum <em>Quijote<\/em> zu gelangen, erschien ihm weniger schwierig &#8211; infolgedessen auch weniger interessant &#8211; als weiter Pierre Menard zu bleiben und durch die Erlebnisse Pierre Menards zum <em>Quijote<\/em> zu gelangen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es wird ihm nicht gelingen &#8211; schon deshalb, weil einiges passiert ist, seit Cervantes mit der Abfassung des <em>Quijote<\/em> begonnen hat. Nicht zuletzt die Fertigstellung des <em>Quijote<\/em>. \u00dcber mehr als zwei Kapitel und ein Fragment kommt Menard denn auch nicht hinaus.<\/p>\n<p>Und dennoch, \u00e4hnlich wie bei Wutz, der seine private Klassiker-Bibliothek zum Kanon setzt, wird auch bei Borges die Wirklichkeit umgest\u00fclpt &#8211; freilich nicht f\u00fcr Menard, sondern f\u00fcr die Leser:<\/p>\n<blockquote><p>Soll ich gestehen, da\u00df ich mir vorzustellen pflege, er h\u00e4tte es vollendet und da\u00df ich den <em>Quijote<\/em> &#8211; den ganzen <em>Quijote<\/em> &#8211; so lese, als h\u00e4tte Menard ihn erdacht? Als ich vor ein paar Abenden im Kapitel XXVI bl\u00e4tterte &#8211; das er nie in Angriff genommen hat, erkannte ich den Stil unseres Freundes und beinahe seine Stimme [&#8230;].<\/p><\/blockquote>\n<p>Die &#8222;Technik des vors\u00e4tzlichen Anachronismus&#8220; nennt Borges das, und bezeichnet es als eine &#8222;neue Kunst des Lesens&#8220;: Warum nicht so tun, als sei ein Buch, das man vor sich hat, nicht von dem, der als Verfasser au\u00dfen drauf steht, sondern von einem anderen? &#8222;Diese Technik belebt die geruhsamsten B\u00fccher mit Abenteuer&#8220;, schreibt Borges.<\/p>\n<p>Und das gilt nicht nur f\u00fcr&#8217;s Lesen, sondern auch f\u00fcr&#8217;s Schreiben. Wer bloggt, st\u00fcrzt sich mit einem Pappschwert in&#8217;s Get\u00fcmmel und erfindet nebenher ein Dutzend Mal das Rad auf&#8217;s Neue. Und wenn schon. Das Rad ist ja keine dumme Erfindung.<\/p>\n<p>Denn wie sagt Menard: &#8222;Jeder Mensch mu\u00df aller Gedanken f\u00e4hig sein, und ich bin sicher, da\u00df er es eines Tages sein wird.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jean Pauls Schulmeisterlein Wutz hat ein besonderes Hobby: Der wichtigste Umstand [&#8230;] ist n\u00e4mlich der, da\u00df Wutz eine ganze Bibliothek &#8211; wie h\u00e4tte der Mann sich eine kaufen k\u00f6nnen? &#8211; sich eigenh\u00e4ndig schrieb. 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