{"id":378,"date":"2006-02-10T16:40:34","date_gmt":"2006-02-10T15:40:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=378"},"modified":"2007-01-04T18:40:34","modified_gmt":"2007-01-04T15:40:34","slug":"camillos-gedachtnistheater","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/10\/camillos-gedachtnistheater\/","title":{"rendered":"Camillos Ged\u00e4chtnistheater"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/24\/97667055_d9e1628dd3_m_d.jpg\" alt=\"Giulio Camillo\" \/><\/p>\n<p>Post aus Schweden: Mr H &#8211; vom fabelhaften Blog <a href=\"http:\/\/www.spamula.net\/blog\/\">Giornale Nuovo<\/a> &#8211; war so freundlich, mir ein Exemplar von Giulio Camillos <em>Idea del theatro<\/em> zuzuschicken. Das ist eines der merkw\u00fcrdigsten B\u00fccher der europ\u00e4ischen Kulturgeschichte, n\u00e4mlich ein Bauplan f\u00fcr ein begehbares Speichermedium, ein Ged\u00e4chtnistheater, das das Wissen der Welt in einer komplexen r\u00e4umlichen Struktur organisiert. Man kann darin einen extravaganten Vorl\u00e4ufer moderner Multimedia-Werkzeuge sehen, und es gibt einige, die versucht haben, Camillos Ideen f\u00fcr die Informationsaufbereitung auf dem Computer-Desktop oder im Internet fruchtbar zu machen.<!--more--><\/p>\n<p>Ich habe Camillos Schrift bisher nur kursorisch durchgebl\u00e4ttert, aber das Vorwort der Herausgeberin Lina Bolzoni gibt schon einige wichtige Anhaltspunkte. Camillo war einer der ber\u00fchmtesten Rhetoriker seiner Zeit, und nicht zuletzt deswegen einer der wichtigsten Kontrahenten des beginnenden Humanismus, insbesondere Erasmus&#8216; von Rotterdam.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/33\/97925148_2205d950f8.jpg\" alt=\"Teatro della memoria\" \/><\/p>\n<p>Als begeisterter Ciceronianer war Camillo ein Anh\u00e4nger der antiken <em>ars memoria<\/em>: Das Ged\u00e4chtnis ist nun mal das unmittelbarste Speichermedium, \u00fcber das der Mensch verf\u00fcgt, und solange es an anderen technischen Aufzeichnungsm\u00f6gilchkeiten mangelte, bestand die Kunst darin, das Erinnerungsverm\u00f6gen so zu trainieren, dass es Informationen und Wissen einerseits m\u00f6glichst umfassend speichert und andererseits leicht abrufbar macht, nichts anderes also, als was heute der Computer leisten soll.<\/p>\n<p>Die Idee, dass Informationen leichter zu strukturieren sind, wenn man sie mit Bildern verkn\u00fcpft, ist dabei wohl so alt wie das Denken selbst. Die antike Rhetorik setzte das &#8211; ausgehend von der anonymen Schrift <em>Ad Herrenium<\/em> &#8211; in eine konkrete Handlungsanweisung um, n\u00e4mlich in der Empfehlung, Inhalte r\u00e4umlich anzuordnen, in den sprichw\u00f6rtlichen Gedankengeb\u00e4uden. Eine Rede ist im Grunde nicht anderes als eine Art intellektueller Schnitzeljagd: Ein strukturierter Spaziergang durch ein imagin\u00e4res Haus, bei dem man von Zimmer zu Zimmer die Symbole aufliest, die die jeweiligen Aspekte einer Rede darstellen.<\/p>\n<p>Die besondere Pointe der antiken Rhetorik war dabei die These, dass diese Bilder so grotesk wie m\u00f6glich sein m\u00fc\u00dften: Denn je st\u00e4rker ein Bild, desto mehr vermag es uns zu ersch\u00fcttern, und um so nachhaltiger pr\u00e4gt es sich dem Ged\u00e4chtnis ein. Die Ged\u00e4chnisleistung ist somit nicht nur ein intellektueller, sondern auch ein emotionaler Akt.<\/p>\n<p>Prominentester Vertreter dieses Konzepts war kein geringerer als Cicero, aber es gab auch Gegner, vor allem Quintilian: Der hielt die Idee f\u00fcr albern, weil man sich im Grunde gleich zwei Dinge merken m\u00fcsse, n\u00e4mlich Bild <strong>und<\/strong> Bedeutung, statt sich auf den Kerngehalt zu fokussieren. Die mittelalterliche Theologie legte in der Folge mehr Wert auf den Text selbst, auf das gebetsm\u00fchlenartige Repetieren und Ausw\u00e4ndiglernen, nicht zuletzt als Akt der Demut, des Sich-Unterordnens und Anverwandelns an den als Autorit\u00e4t beglaubigten Text.<\/p>\n<p>Ganz verloren ging die antike Tradition nat\u00fcrlich nicht, man findet sie hier und da bei Kirchenlehrern wie Albertus Magnus oder Cornelius Agrippa, und vor allem in der Predigtpraxis der Bettelorden: Da sind es vor allem die &#8222;starken Bilder&#8220;, die <em>imagines agentes<\/em>, die den moralischen Gehalt der Rede mit visueller \u00dcberzeugungskraft darstellen sollen.<\/p>\n<p>Die Renaissance brachte die Textkritik zur\u00fcck, und damit ein neues Interesse daran, wie Texte zu verstehen und analysieren sind. Konkret bedeutete das, die Wahrheit eines Textes nicht mehr darin zu suchen, was er buchst\u00e4blich aussagte, sondern ihn als Gleichnis f\u00fcr eine dahinterliegende Ordnung der Dinge zu nehmen: Die sieben Tage der Sch\u00f6pfungsgeschichte sind nicht w\u00f6rtlich zu lesen, sondern als Analogie f\u00fcr Prinzipien, die sich auch anderswo in den Mikro- und Makrokosmen aufsp\u00fcren lassen. Die Kunst des Ged\u00e4chtnisses hat damit nicht mehr nur die pragmatische Funktion, einem Redner beim Aufbau seiner Ansprache zu helfen, sondern sie liefert Grundrisse, aus denen sich auf die Architektur des gesamten Kosmos r\u00fcckschlie\u00dfen l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Anders k\u00f6nnte man auch nicht verstehen, warum die <em>ars memoria<\/em> gerade dann ihre gr\u00f6\u00dften Erfolge feierte, als der Buchdruck auftauchte und damit die technische Aufzeichnung, Vervielf\u00e4ltigung und Aufbewahrung von Wissen erleichterte. Aber damit vermehrte sich exponential auch die Masse der verf\u00fcgbaren Informationen: Und wichtiger als alles zu wissen &#8211; das kann man ja immer einfacher abspeichern -, war nun, zu wissen, wo man alles finden kann. Das ist der Ursprung der Enzyklop\u00e4dien und der systematisch angelegten Bibliotheken, in einem weiteren Sinne auch der Spezialisierung und Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Disziplinen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/32\/97924398_5e7964e102.jpg\" alt=\"Teatro della memoria\" \/><\/p>\n<p>Camillos Idee eines Ged\u00e4chtnistheaters steht da gewisserma\u00dfen am Scharnier: Zum einen gibt es noch die Vorstellung, dass Wissen etwas ist, was komplett und ganzheitlich erfahren werden kann. Zum anderen verweist die r\u00e4umliche Strukturierung bereits auf die Notwendigkeit, ein System bereitzustellen, dass das Auffinden von Informationen intuitiv und intellektuell nachvollziehbar macht.<\/p>\n<p>Camillo orientiert sich dabei an der r\u00e4umlichen Konzeption des Amphitheaters, polt allerdings die \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten um: Der Zuschauer steht auf der B\u00fchne, und er blickt dorthin, wo sonst die Zuschauer sitzen. Der somit zur B\u00fchne umfunktionierte Zuschauerraum ist nach einem komplexen System organisiert, das sich auf symbolische und zahlenmystische \u00dcberlegungen der zeitgen\u00f6ssischen Theologie, Hermetik und Kabbalistik bezieht  Wie in einer Bibliothek, einem Museum oder einem Kuriosit\u00e4tenkabinett sind in diesem Theaterraum eine Vielzahl von Gegenst\u00e4nden, Bildern und Texten untergebracht, und Camillos \u00dcberzeugung war es, dass das Ordnungsprinzip diese Gegenst\u00e4nde und ihren Zusammenhang untereinander so intuitiv erfa\u00dfbar macht, dass man &#8211; wie ein Zeitgenosse es formulierte &#8211; wie ein Cicero \u00fcber sie reden k\u00f6nnte, auch wenn man nicht \u00fcber das Wissen eines Cicero verf\u00fcge. Intuitiv erfa\u00dfbar ist diese Ordnung, weil sie auf der Ebene der Analogie die Ordnung des Kosmos widerspiegelt: Die Ged\u00e4chtnismaschine ist somit auch eine Art Wahrheitsmaschine.<\/p>\n<p>Der Platz reicht hier nicht, um die Komplexit\u00e4t des Systems darzustellen, aber man kann in etwa versuchen, die Funktionsweise so zu veranschaulichen: Das System einer modernen Bibliothek abstrahiert die Inhalte in Hierarchien und Kategorien, die in Zahlen oder Siglen ausgedr\u00fcckt werden k\u00f6nnen &#8211; &#8222;Abteilung E3, Buch Ca 1550&#8220;. Die Abstraktion ist dabei allenfalls selbstreferentiell: Die Zahlen- und Zeichenketten folgen nur einer internen Systematik. Camillos System arbeitet mit Zurodnungen wie &#8222;Proteus auf der Ebene Merkurs&#8220; oder &#8222;Elefanten auf der Ebene von Merkur&#8220;, wobei alle diese Zuordnungen nicht nur aufeinander verweisen, sondern eine allgemeine, \u00fcbergeordnete Systematik widerspiegeln. Camillos Anspruch dabei: Im Unterschied zu einem abstrakten Bibliothekssystem, das erst erkl\u00e4rt und dann gelernt werden mu\u00df, ist das Theater intuitiv erfa\u00dfbar. Simpel gesagt: Man schaut drauf und wei\u00df sofort, worum es geht und wie man sich darin bewegen mu\u00df.<\/p>\n<p>Die Schrift <em>L&#8217;idea del theatro<\/em> versucht, den Bauplan f\u00fcr dieses gigantische Unterfangen zu skizzieren, indem sie die symbolischen und mystischen Zusammenh\u00e4nge zwischen den einzelnen Etagen des Bauwerks erl\u00e4utert. Es ist dabei nicht unwichtig, dass das Buch erst posthum ver\u00f6ffentlich wurde, wie Camillo \u00fcberhaupt Zeit seines Lebens so gut wie nichts publiziert hat: Schon im ersten Kapitel weist er darauf hin, dass das Wissen um das wahre Wesen der Welt ein Privileg f\u00fcr die <em>chosen few<\/em> ist. Auf diesen elit\u00e4ren Charakter weist ja schon die Umpolung in der Anlage seines Theaters hin: Der Zuschauer &#8211; als Regisseur und Hauptdarsteller zugleich &#8211; blickt dorthin, wo sonst die Masse des Publikums sitzt. Damals wie heute war die Skepsis gro\u00df gegen\u00fcber den neuen technischen Errungenschaften, vor allem den Chancen und Risiken der Vervielf\u00e4ltigung und Multiplizierung von Informationen: Mit dem gleichen skeptischen Blick, mit dem heute einige Kritiker auf das Internet schauen, blickte man damals auf den Buchdruck.<\/p>\n<p>Camillo scheint auch nur einen einzigen Versuch unternommen zu haben, sein Projekt in die Praxis umzusetzen, n\u00e4mlich mit gro\u00dfz\u00fcgiger Unterst\u00fctzung des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs Franz&#8216; I., der ja auch Leonardos Lebensabend finanzierte. Es scheint dabei eine Art Geheimhalteabkommen gegeben zu haben, und ob Camillo damals tats\u00e4chlich etwas gebaut hat, ist nicht sicher. Immerhin wei\u00df man, dass einige prominente K\u00fcnstler mit Arbeiten betraut wurden, die im Theater untergebracht werden sollten, beispielsweise Tizian, von dem die hier abgebildete Allegorie der Zeit stammt. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/39\/97686035_2944bc5bb9_m_d.jpg\" alt=\"Tizian\" \/><\/p>\n<p>Als Camillos Schrift dann sechs Jahre nach seinem Tod auf den Markt kam, wurde sie rasch zum Bestseller. Aber das war zugleich auch das letzte Aufflackern der Kunst des Ged\u00e4chtnisses: Die Enzyklop\u00e4disten traten ihren Siegeszug an, und Camillo geriet ebenso schnell wieder in Vergessenheit. Es war die englische Historikerin Frances Yates, die ihn im 20. Jahrhundert wiederentdeckte und das Ged\u00e4chtnistheater zum Ausgangspunkt f\u00fcr ihr grandioses Buch <em>The Art of Memory<\/em> machte.<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich stie\u00df die Idee einer r\u00e4umlichen Darstellung von Wissen wieder auf gro\u00dfes Interesse: Das beste Beispiel daf\u00fcr ist Apples Idee, die Benutzeroberfl\u00e4che des Computers, den &#8222;Schreibtisch&#8220;, nach visuellen Aspekten zu gestalten, um die Navigation durch die gespeicherten Daten zu erleichtern. Man mu\u00df nur mal nach seinem Camillos Namen googeln und wird eine Vielzahl von Verweisen finden, von theoretischen \u00dcberlegungen bis hin zu Kunstprojekten, die die Idee des Ged\u00e4chtnistheaters mit den Funktionsweisen von Hypertext und World Wide Web in Verbindung bringen.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte, wenn man wollte, sogar die Linie bis hin zu den aktuellen Folksonomien ziehen, denn auch Camillo ordnete das Wissen nicht hierarchisch, sondern nach assoziativen Gesichtspunkten. Allerdings f\u00e4llt auch auf, dass er vor allem in den Diskussionen der Achtziger und Neunziger Jahre auftaucht: Da ging es noch darum, dem einzelnen Nutzer vor dem Computer (und sp\u00e4ter vor dem Internet) die Handhabung zu erleichtern. In die aktuelle Diskussion um das sogenannte Web 2.0, wo es eher um den sozialen Austausch und die Vernetzung der Daten geht, scheint Camillos elit\u00e4re Wissenskonzeption, mit dem vereinzelten Zuschauer, der im Theater das Wissen der Welt f\u00fcr sich durchmi\u00dft, nicht mehr so gut zu passen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Post aus Schweden: Mr H &#8211; vom fabelhaften Blog Giornale Nuovo &#8211; war so freundlich, mir ein Exemplar von Giulio Camillos Idea del theatro zuzuschicken. 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