{"id":385,"date":"2006-02-06T20:40:57","date_gmt":"2006-02-06T19:40:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=385"},"modified":"2006-02-06T20:40:57","modified_gmt":"2006-02-06T19:40:57","slug":"the-boy-looked-at-johnny","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/06\/the-boy-looked-at-johnny\/","title":{"rendered":"The Boy Looked At Johnny"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" align=\"left\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/36\/96328353_9d12eed653_o.jpg\" alt=\"The Boy Looked At Johnny\" \/>Ich hatte am Wochenende ein Interview mit einem der neueren Pop-Autoren zu f\u00fchren &#8211; ich kann&#8217;s nicht ver\u00f6ffentlichen, <em>for internal use only<\/em>, aber es ist einer der seine popkulturellen Duftmarken gerne in punkigen Gefilden setzt. Das war nicht unser Gespr\u00e4chsthema, aber trotzdem Anla\u00df genug, mal wieder das Buch rauszukramen, das f\u00fcr mich mehr als andere Punk definiert hat, weniger als Musik, sondern als Haltung: <em>The Boy Looked At Johnny<\/em> von Tony Parsons und Julie Burchill.<!--more--><\/p>\n<p>Als ich das Buch so Ende der Achtziger in die H\u00e4nde bekam, war es schon gut zehn Jahre alt und sowas wie ein Semi-Klassiker, was immer ein merkw\u00fcrdiger Status ist f\u00fcr ein Buch, das eigentlich ein ikonoklastisches Anliegen hat. Es war ein Geschenk von Susanne, einer guten Freundin damals, die ich heute leider aus den Augen verloren habe, und auf der ersten Seite hat sie in ihrer selbstentworfenen Handschrift &#8211; so eine Mischung aus Runen, Graffiti und Gekrakel &#8211; eine kleine Widmung geschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>&#8230; big city lights &#8211;<br \/>\nit <strong>is<\/strong> what they say &#8230;<br \/>\nlots of love<br \/>\nSusanne<\/p><\/blockquote>\n<p>was heute eher sentimental und r\u00fchrend klingen mag, aber wenn man im Schwarzwald sitzt und die Smiths, Felt, The Fall und New Order die Eckpunkte des musikalischen Koordinatensystems ausmachen und London \u00fcberhaupt die Kapitale alles Coolen ist, dann findet man so eine Bemerkung nat\u00fcrlich extracool. Schon allein deshalb, weil sie in Englisch geschrieben ist. <\/p>\n<p>Extracool war auch Susannes damaliger Job, zumindest aus meiner Provinz-Perspektive: Sie war n\u00e4mlich Au Pair und Babysitterin f\u00fcr den Sohn von Tony Parsons und Julie Burchill. Vermutlich werden alle Au Pairs dieser Welt sich verbitten, dass man so einen Sklavenjob als <em>cool<\/em> bezeichnet, aber da auch meine damalige Freundin als Au Pair nach London ging und da f\u00fcr einen gro\u00dfen Kopf der Deutschen Bank arbeitete, der zudem aus dem franz\u00f6sischen Hochadel stammte und mit einer \u00f6sterreichischen Hochadligen verheiratet war und in einem schicken Reihenhaus in der schicksten Ecke von Fulham wohnte, hab ich dem Job immer eine ordentliche Portion Glamour beigemessen. Und die Vorstellung, dass Susanne jeden Tag einen ganz allt\u00e4glichen Kontakt mit Menschen pflegte, die f\u00fcr mich auf der Stufe von Helden, das fand ich schon sehr beneidenswert.<\/p>\n<p>(Zumal ab und zu auch Insider-Tratsch abfiel, mit dem man dann wiederum im Freundeskreis angeben konnte. Parsons war damals zum Beispiel Ghostwriter der Autobiographie von George Michael. Das war noch einige Zeit vor dem \u00f6ffentlichen Coming out von Michael, aber Parsons wu\u00dfte schon Bescheid, die beiden diskutierten wohl dar\u00fcber, ob es ins Buch solle oder nicht, und irgendwie kriegte auch Susanne das mit und erz\u00e4hlte es mir.)<\/p>\n<p>Aber ich schweife ab &#8211; <em>The Boy Looked At Johnny<\/em>: Das Erste, was einem auff\u00e4llt, wenn man das Buch liest, ist, dass die Engl\u00e4nder damals, vor 25 Jahren, schon l\u00e4ngst die Chuzpe und den Verve draufhatten, der bei uns erst so im Gefolge von Slam Poetry und Pop-Literatur en vogue kam (was darum f\u00fcr mich auch immer ein bi\u00dfchen wie ein m\u00fcder Abklatsch wirkte). Gut, es gab damals auch schon Leute wie Kid P. bei <em>Sounds<\/em>, es gab dann irgendwann Peter Glaser und Maxim Biller, <em>Tempo<\/em> und den <em>Wiener<\/em>, aber so richtig durchgesetzt hat sich das dann ja erst wesentlich sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Burchill und Parsons waren immerhin beim <em>NME<\/em>, der <em>Pravda<\/em> der britischen Popkultur. Und das war schon etwas Besonderes, wenn von dort jemand loszog um Rock&#8217;n&#8217;Roll zu beerdigen und heilige K\u00fche zu schlachten, auch die, die Punk gerade zu z\u00fcchten begann. In <em>The Boy Looked At Johnny<\/em> gibt es kaum jemanden, der nicht ins Visier ger\u00e4t: Die <em>Sex Pistols<\/em>, <em>The Clash<\/em>, <em>The Stranglers<\/em>, die amerikanische Punk-Szene in toto, auf alle wurde angelegt und kurz entschlossen abgedr\u00fcckt. Das traf auch einige pers\u00f6nliche Helden, und was noch schlimmer war: Burchill und Parsons zielten verdammt gut.<\/p>\n<blockquote><p>The only saving grace of a Ramones gig was that if you popped out for a quick puke at the mezzanine celebration of a nation which invented the bomb to wipe out human life while leaving real estate intact, such was the austerity of the show that you stood a fair chance of missing it altogether!<\/p><\/blockquote>\n<p>So was zu lesen, war nat\u00fcrlich heftig, wenn man gerade erst nach Z\u00fcrich gepilgert war, um eine v\u00f6llig \u00fcberteuerte Import-Ausgabe von <em>Rocket To Russia<\/em> zu kaufen. Aber darauf kam&#8217;s eben an: Keine G\u00f6tter mehr, auch keine neuen.<\/p>\n<p>Die Aggressivit\u00e4t von Burchill und Parsons hatte auch viel damit zu tun, dass beide Arbeiterklasse-Kids waren, die sich ihre Position im Kunststudenten-Milieu der Londoner Szene erst erk\u00e4mpfen mu\u00dften. Parsons erz\u00e4hlt in seiner eben erschienenen Autobiographie, dass die beiden ihren Schreibtisch in der <em>NME<\/em>-Redaktion mit Stacheldraht und Glasscherben umgaben, und klingt so gut erfunden, dass es auch schon wieder wahr sein k\u00f6nnte. Ein Foto aus der Zeit zeigt die beiden Arm in Arm, in eine Ecke gekauert, aber mit einem Blick, der jedem N\u00e4herkommenden sagt: &#8222;Don&#8217;t you dare &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>So was kann ja nicht lange gut gehen. Das Alptraumpaar flog irgendwann auseinander, nicht ohne sich \u00f6ffentlich geh\u00f6rig zu beharken. Beide sind l\u00e4ngst im Mainstream angekommen, Burchill als prominente Kolumnistin, irgendwo zwischen Skandalnudel und Agente provocateuse, Parsons ist inzwischen so eine Art proletarischer Nick Hornby geworden und verdient ganz gut mit Romanen \u00fcber alleinerziehende V\u00e4ter in der Midlife Crisis.<\/p>\n<p>Man wird eben \u00e4lter, das Auge l\u00e4\u00dft nach und dann l\u00e4\u00dft man sich nicht mehr so gerne zum Ansitz tragen. Die Party, die die beiden crashen wollten, war ja ohnehin schon damals vorbei:<\/p>\n<blockquote><p>In 1978 every record company is waking up to find a somewhat superfluous punk combo on its doorstep. Supply and demand? But you can&#8217;t supply something that there&#8217;s no demand for.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und immer nur Nachrufe auf Untote schreiben, das macht ja auch keinen Spa\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hatte am Wochenende ein Interview mit einem der neueren Pop-Autoren zu f\u00fchren &#8211; ich kann&#8217;s nicht ver\u00f6ffentlichen, for internal use only, aber es ist einer der seine popkulturellen Duftmarken gerne in punkigen Gefilden setzt. 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