{"id":386,"date":"2006-02-07T16:40:25","date_gmt":"2006-02-07T15:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=386"},"modified":"2006-02-07T16:47:50","modified_gmt":"2006-02-07T15:47:50","slug":"seid-schlampig-und-mehret-euch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/07\/seid-schlampig-und-mehret-euch\/","title":{"rendered":"Seid schlampig und mehret euch"},"content":{"rendered":"<p>Tagging gilt als eines der Bauelemente des Web 2.0: Zur Idee des sozialen Netzes geh\u00f6rt die von der Folksonomie, und dabei vor allem die Annahme, dass Strukturen auch dann funktionieren k\u00f6nnen, wenn sie nicht objektiv und hierarchisch geordnet sind, sondern subjektiv und disparat. Nun gibt es an dieser Behauptung <a href=\"http:\/\/www.blogbar.de\/archiv\/2005\/12\/18\/taggen-als-asoziale-software-fur-webdepp-20\/\">mehr oder weniger heftige Kritik<\/a>, die ja auch <a href=\"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=356\">hier schon formuliert worden ist<\/a>. Da kommt nun ein Artikel im Online-Magazin <a href=\"http:\/\/www.dlib.org\/dlib\/january06\/guy\/01guy.html\">dlib<\/a> gerade recht, der die Pros und Contras recht kompakt referiert, ein paar L\u00f6sungsans\u00e4tze vorstellt und am Ende zu der Pointe kommt: Bitte nicht aufr\u00e4umen &#8211; gerade das Chaos ist der Sinn der Veranstaltung.<!--more--><\/p>\n<p>Die Kritik am Einsatz folksonomischer Prinzipien st\u00f6\u00dft sich, verk\u00fcrzt gesagt, daran, dass die Ergebnisse chaotisch und unstrukturiert sind. Wenn jeder die Zuschreibungen, unter denen etwas abgelegt wird, selbst aussuchen kann, dann hat man am Ende einen wirren Wust von W\u00f6rtern, graphisch verpackt in un\u00fcbersichtliche Tagclouds, ohne dass der praktischen Anwendung damit in irgendeiner Weise gedient ist.<\/p>\n<p>Die Kritik ist von den Bef\u00fcrwortern der Tagging-Praxis durchaus aufgenommen worden, und einige L\u00f6sungsans\u00e4tze kann man in der Praxis hier und da schon sehen. <a href=\"http:\/\/del.icio.us\">del.icio.us<\/a> zum Beispiel bietet die M\u00f6glichkeit, Tags unter Oberbegriffen zu b\u00fcndeln (was im Prinzip der Hierarchie wieder eine Hintert\u00fcr \u00f6ffnet). Mehrere Sites bieten Empfehlungslisten, beispielsweise mit den zehn popul\u00e4rsten Tags zu einem Thema oder mit Tags, die der Nutzer zu einem anderen Zeitpunkt eingesetzt hat. Andere schlagen vor, bestimmte Konventionen vorzugeben, &#8222;best practices&#8220; f\u00fcr&#8217;s Tagging sozusagen, etwa daf\u00fcr, wie mit Sonderzeichen, auseinandergeschriebenen Begriffen oder Phrasen vorzugehen sei.<\/p>\n<p>An all diesen L\u00f6sungskonzepten k\u00f6nnte man wiederum kritisieren, dass sie dann doch wieder unterlaufen, was eigentlich als gro\u00dfer Vorteil der Folksonomien ausgelobt wird, n\u00e4mlich die Freiheit von objektiven Vorgaben und der Ursprung ausschlie\u00dflich im subjektiven und\/oder sozialen Wissen des Taggers.<\/p>\n<p>Ein etwas kreativerer L\u00f6sungsansatz k\u00f6nnte sein, etwas mehr Klarheit \u00fcber die Entscheidungsprozesse zu gewinnen, die zur Auswahl von Tags f\u00fchren. Dar\u00fcber gibt es bisher kaum quantitative Daten. Ein paar erste und nicht sonderlich repr\u00e4sentative Studien zeigen schon mal, dass es so etwas wie ein <em>power law<\/em> gibt: Die meistgenutzten Tags sind am sichtbarsten und werden darum auch am h\u00e4ufigsten angewandt. Oder einfach gesagt: &#8222;Few tags used by many users, many tags used by few users&#8220;.<\/p>\n<p>Statistisch sieht es in der Regel so aus, dass sogenannte &#8222;single-use tags&#8220; erstaunlicherweise relativ selten auftreten: Sie machen etwa ein Zehntel, maximal ein F\u00fcnftel der eingesetzten Begriffe aus. Nun w\u00e4re es interessant, zu wissen, ob das mit der Gr\u00f6\u00dfe der betrachteten Gruppe korreliert, in der Tendenz scheint sich so etwas wie eine Konvergenz der Tags herauszubilden, je mehr Nutzer bei einem Dienst zusammenkommen.<\/p>\n<p>Um \u00fcber solche Verhaltensweisen Aufschlu\u00df zu bekommen, m\u00fc\u00dfte man nicht unbedingt eine Studie fahren: Marieke Guy und Emma Tonkin, die Autorinnen des <em>dlib<\/em>-Artikels, erw\u00e4hnen zwei Beispiele, einmal die Implementierung von Diskussionstools, mit denen \u00fcber die N\u00fctzlichkeit bestimmter Tags debattiert werden kann, zum anderen ein <em>user profiling<\/em>, um herauszufinden, wer wann was wie getaggt hat.<\/p>\n<p>Beides macht nat\u00fcrlich die Handhabung einer solchen Plattform wieder um einiges unpraktischer. (Abgesehen davon, dass die Analyse von Nutzerprofilen auch immer die Frage nach der Privatsph\u00e4re aufwirft.)<\/p>\n<p>Aber ist nicht \u00fcberhaupt die Frage, ob es solche <em>tagging best practices<\/em> \u00fcberhaupt geben muss, und ob es nicht vielmehr eine <em>contradictio in terminis<\/em> ist, im Zusammenhang mit dem Tagging irgendwelche Praktiken als &#8222;besser&#8220; oder &#8222;schlechter&#8220; einzustufen? Ist Konsens \u00fcberhaupt (a) erreichbar und (b) w\u00fcnschenswert? Die Autorinnen beantworten diese Frage mit einem herzlichen &#8222;Kommt drauf an&#8220;.<\/p>\n<blockquote><p>M\u00f6glicherweise liegt das wirkliche Problem mit Folksonomien nicht in ihren chaotischen Tags, sondern darin, dass sie zwei Herren zugleich dienen wollen: der pers\u00f6nlichen Sammlung, und der kollektiven Sammlung. Gibt es so etwas wie die beste dieser zwei Welten?<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein Problem der aktuellen Diskussion \u00fcber Tags sehen Guy und Tonkin darin, dass die Praxis immer nur von einem Anwendungszweck aus betrachtet wird, n\u00e4mlich dem Suchen und Finden. Da liegt die L\u00f6sung, vermuten beide, vielleicht nicht in einer Optimierung der Vergabepraktiken, sondern der Analysemethoden f\u00fcr das vorhandene Material, sprich: bessere Algorithmen f\u00fcr die Suche zu entwickeln.<\/p>\n<blockquote><p>Es ist m\u00f6glich, dass die Daten, die durch folksonomisches Tagging gesammelt werden, schon kompletter sind, als wir denken. Mehr aus diesen Daten herauszuholen, das ist vielleicht nur eine Frage, inwieweit man ein angemessenes Systems von Algorithmen dar\u00fcberlegt: Anders gesagt, was einige der <em>schlampigen<\/em> Tags angeht, k\u00f6nnte es schon gen\u00fcgen, wenn man die Daten einfach anders betrachtet. Einige <em>single-use tags<\/em> sind beispielsweise ausdr\u00fccklich als solche gedacht, zum Beispiel die Breiten- und L\u00e4ngenmarkierungen, die beim Geotagging genutzt werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Anders gesagt: Die Vergabe von Tags hat etwas von einem kreativen Proze\u00df. Da Einschr\u00e4nkungen vorzunehmen, und zwar nur unter dem Blickwinkel einer Ergebnisorientierung, die festlegt, was hinterher dabei herauskommen soll, das schr\u00e4nkt diese Kreativit\u00e4t ein, die ja gerade durch die Einf\u00fchrung einer folksonomischen Praxis freigesetzt werden soll.<\/p>\n<blockquote><p>Eine Folksonomie fusioniert, divergiert und entwickelt sich in \u00e4hnlicher Weise, wie eine Sprache das tut: Durch Gebrauch und Interaktion.<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Satz ist von <a href=\"http:\/\/www.contentious.com\/\">Amy Gahran<\/a>, wird aber von Guy und Tonkin zustimmend zitiert. Und was Gahran sagt, l\u00e4\u00dft sich ja im Grunde auf vieles anwenden, was zur Zeit unter dem Schlagwort Web 2.0 durch die Gegend rauscht: Nicht der \u00dcberschu\u00df an garen, halbgaren und rohen Ideen ist das Problem, sondern die vielen Kochb\u00fccher und Franchising-Ketten, die das Feld schon wieder f\u00fcr sich beanspruchen und genau wissen wollen, was daraus zu machen ist.<\/p>\n<p>Dagegen kann man nur sagen: Mehr Chaos wagen. Seid schlampig und mehret euch.<\/p>\n<p>Via <a href=\"http:\/\/log.netbib.de\/archives\/2006\/02\/06\/folksonomies-tidying-up-tags\/\">netbib<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagging gilt als eines der Bauelemente des Web 2.0: Zur Idee des sozialen Netzes geh\u00f6rt die von der Folksonomie, und dabei vor allem die Annahme, dass Strukturen auch dann funktionieren k\u00f6nnen, wenn sie nicht objektiv und hierarchisch geordnet sind, sondern subjektiv und disparat. 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