{"id":389,"date":"2006-02-17T14:40:12","date_gmt":"2006-02-17T13:40:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=389"},"modified":"2006-02-17T15:01:51","modified_gmt":"2006-02-17T14:01:51","slug":"geodaten-fur-alle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/17\/geodaten-fur-alle\/","title":{"rendered":"Geodaten f\u00fcr alle"},"content":{"rendered":"<p>Im Europ\u00e4ischen Parlament droht eine an sich gute Idee mal wieder in b\u00fcrokratischer Kleinkr\u00e4merei zu versacken: Zur Debatte steht eine Harmonisierung und Standardisierung der europ\u00e4ischen GIS-Infrastruktur, oder genauer: die Schaffung einer gemeinsamen Plattform f\u00fcr den Austausch von Geodaten. Das ist eine gute Sache, denn bisher beackern die Katasterbeh\u00f6rden der einzelnen Mitgliedsstaaten diese Felder weitgehend unabh\u00e4ngig voneinander, mit jeweils eigenen Modellen, Standards und Konzepten, und das macht den Datenaustausch untereinander oft schwierig.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/inspire.jrc.it\/\">INSPIRE<\/a> hei\u00dft die Initiative, die dieses Problem l\u00f6sen soll, oder zumindest ein paar Teilprobleme davon. Nur: Dem Entwurf, der dem Parlament seit Dienstag in zweiter Lesung vorliegt, ist nicht mehr viel Inspiriertes anzumerken. Wird das Konzept so abgesegnet, dann ist der \u00f6ffentliche Zugang zu Geodaten nicht erleichtert, sondern so kompliziert wie bisher, wenn nicht sogar schwieriger. Die Initiative <a href=\"http:\/\/www.publicgeodata.org\">PublicGeodata<\/a> will dieser Entwicklung nun mit einer eigenen Plattform gegensteuern und bittet au\u00dferdem zur Unterzeichnung einer <a href=\"http:\/\/petition.publicgeodata.org\">Petition<\/a>, die die Parlamentarier zum Umdenken bewegen soll.<!--more--><\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Hindernis auf dem Weg zu einer offenen Infrastruktur f\u00fcr Geodaten ist die Eifers\u00fcchtigkeit mit der die europ\u00e4ischen Kataster- und Geoinformationsbeh\u00f6rden ihre Daten bewachen, als g\u00e4lte es noch immer, irgendwelche ostindischen Handelscompagnien vor der Wirtschaftsspionage konkurrierender Nachbarl\u00e4nder zu sch\u00fctzen. Wer Geoinformationsdaten braucht, nur gegen teure Geb\u00fchren und unter mal mehr, mal weniger komplexen Lizenzierungsauflagen.<\/p>\n<p>Man kann das auch teilweise verstehen: Nat\u00fcrlich m\u00fcssen diese Beh\u00f6rden ihre Bilanzen vorlegen. Geodaten sind ein begehrtes Gut und sind ein wichtiger Posten in der Staatskasse. Andererseits wird die Sammlung der Daten und ihre Aufbereitung ja auch schon mit Steuergeldern finanziert. Die Frage w\u00e4re also berechtigt, warum man als Steuerzahler noch ein zweites Mal zur Kasse gebeten wird, wenn man Daten abfragt, die man eigentlich schon bezahlt hat.<\/p>\n<p>An dieser kuriosen Situation wird sich auch mit INSPIRE nicht viel \u00e4ndern. Schaut man sich die verschiedenen Entwurfsstadien an, durch die das Konzept gegangen ist, bis es jetzt dem Parlament vorgelegt wurde, dann f\u00e4llt auf, dass mit jeder Stufe mehr urheberrechtliche und marktwirtschaftliche \u00dcberlegungen in das Dokument eingeflossen sind. Das hei\u00dft, harmonisiert w\u00fcrde am Ende nur ein relativ begrenztes Feld von Datentypen, andererseits bleiben f\u00fcr die Beh\u00f6rden einige M\u00f6glichkeiten, den Zugriff auf diese Daten einzuschr\u00e4nken oder finanziell auszuwerten.<\/p>\n<p>Dass es auch anders geht, sieht man, wenn man in die USA schaut: Dort geh\u00f6rt die freie Verf\u00fcgbarkeit von Geodaten f\u00fcr jedermann fast schon zum nationalen Erbe. Das liegt nat\u00fcrlich auch am Selbstverst\u00e4ndnis der USA: Die Erschlie\u00dfung eines riesigen Raumes ist das zentrale Element des amerikanischen Selbstverst\u00e4ndnisses, der freie Austausch von geographischen Informationen ist konstitutiv gewesen f\u00fcr die amerikanische Geschichte, und dass der erste Pr\u00e4sident George Washington ein Landvermesser und Kartograph war, ist sicher kein Zufall gewesen. Das hat sich im wesentlichen bis heute gehalten (und die ganze Mashup-Kultur, die sich rund um Angebote wie Google Maps gebildet hat, ist nur ein sehr aktuelles und popul\u00e4res Beispiel daf\u00fcr): Zwar verzichtet der amerikanische Staat damit auf einen Teil m\u00f6glicher Einnahmen. Andererseits k\u00f6nnte sich das ganze auf l\u00e4ngere Sicht und das anders rechnen, wenn auf Basis dieser Daten Forschung, Entwicklung und Wirtschaftsleben angekurbelt werden.<\/p>\n<p>Das sagt auch die Informatikerin Jo Walsh in einem lesenswerten Artikel im <a href=\"http:\/\/www.directionsmag.com\/article.php?article_id=2107&#038;trv=1\">Directions Magazine<\/a>, wo sie mit dem Status quo von INSPIRE scharf ins Gericht geht, und zugleich einen anderen Blick auf das Feld der Geodaten vorschl\u00e4gt: Daten, mit denen wir unsere Welt beschreiben, sind ein \u00f6ffentliches Gut, darum sollte ein Basisangebot dieser Daten immer frei und f\u00fcr alle B\u00fcrger verf\u00fcgbar sein. Nur dann, wenn es um spezielle Daten oder besondere Formen der Aufbereitung geht, sei es gerechtfertigt, Geb\u00fchren daf\u00fcr zu erheben; damit k\u00f6nne man die Kosten der Erstellung aber allemal amortisieren.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich hat sich vor kurzem auch Schuyler Erle <a href=\"http:\/\/mappinghacks.com\/index.cgi\/2006\/02\/14#software-2006\">ge\u00e4u\u00dfert<\/a>, neben Walsh einer der Autoren des Buchs <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/redirect?link_code=as2&#038;path=ASIN\/0596007035&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;camp=1638&#038;creative=6742\">Mapping Hacks<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=0596007035\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/>: Geodaten sollte man betrachten wie das Stra\u00dfenverkehrsnetz, sagt er. Die Hauptverbindungswege m\u00fcssen auch allen bereitstehen, Maut wird nur f\u00fcr Stra\u00dfen verlangt, die besonderen Anforderungen gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das ist ein wichtiges Argument, gerade in einer Zeit, wo die Privatisierung vieler Bereiche der Grundversorgung vorangetrieben wird, ohne R\u00fccksicht darauf, ob der Markt die Versorgung von Grundbed\u00fcrfnissen \u00fcberhaupt dauerhaft sicherstellen kann und will.<\/p>\n<p>Walsh hat \u00fcbrigens auch die PublicGeodata-Plattform initiiert: Die Petition, die eine Revision des INSPIRE-Konzeptes fordert, kann dort eingesehen und unterzeichnet werden. PublicGeodata bietet au\u00dferdem ein Wiki, \u00fcber das Diskussion und Austausch angeregt werden soll. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn die Initiative von der europ\u00e4ischen GIS-Community angenommen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Europ\u00e4ischen Parlament droht eine an sich gute Idee mal wieder in b\u00fcrokratischer Kleinkr\u00e4merei zu versacken: Zur Debatte steht eine Harmonisierung und Standardisierung der europ\u00e4ischen GIS-Infrastruktur, oder genauer: die Schaffung einer gemeinsamen Plattform f\u00fcr den Austausch von Geodaten. 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