{"id":39,"date":"2005-05-10T02:27:06","date_gmt":"2005-05-10T00:27:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.de\/nb\/?p=39"},"modified":"2005-05-31T04:30:01","modified_gmt":"2005-05-31T02:30:01","slug":"folksonomien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2005\/05\/10\/folksonomien\/","title":{"rendered":"Folksonomien"},"content":{"rendered":"<p>Der Mensch sucht nicht nach der Wahrheit, der Mensch sucht nach Antworten, sagt der franz\u00f6sische Schriftsteller Daniel Pennac. Das Internet ist eine riesige Antwortmaschine, und <em>tagging<\/em> ist der spielerischste und demokratischste Weg, die Masse an Informationen darin zu organisieren.<!--more--><\/p>\n<p>Die ersten Webverzeichnisse arbeiteten wie Bibliothekskataloge, n\u00e4mlich mit festen Klassifizierungen, um Inhalte und Daten zu strukturieren, und viele Portale funktionieren ja auch heute noch so.<\/p>\n<p><strong>What goes with the grilled fish?<\/strong><br \/>\nKategorien sind aber ein sehr starres Konzept: Entweder sind sie so umfassend, dass sie bei gro\u00dfen Informationsmengen nur wenig \u00dcbersichtlichkeit verschaffen, oder sie ver\u00e4steln sich in ein labyrinthisches Netz aus Sub- und Subsubkategorien.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;When I&#8217;m shopping for wine online, the standard methods of presentation mean little to me &#8211; what&#8217;s the difference between a California cabernet, a French merlot, an Australian shiraz?&#8220;, schreibt der Usability-Experte <a href=\"http:\/\/www.adaptivepath.com\/publications\/essays\/archives\/000361.php\" target=\"_blank\">Peter Merholz.<\/a> &#8222;If I were in a store, I could find a salesperson to navigate this sea of options, asking questions like, &#8222;What goes with grilled fish?&#8220; or &#8222;Can you recommend a fruity red wine?&#8220; However, online wine stores lose customers who don&#8217;t understand highly specialized wine categorizations.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Schubladendenken<\/strong><br \/>\nModerne Systeme zum Daten- und Inhaltsmanagement sind zwar meist in der Lage, Informationen flexibler zuzuordnen und etwa in mehrere Schubladen gleichzeitig einzusortieren, aber das Problem bleibt: Wenn ich etwas suche, muss ich meist erst einmal wissen, welche Schubladen daf\u00fcr existieren k\u00f6nnten. Dass die Schubladen meistens nicht von denen gebaut werden, die die Informationen nutzen, ist da nur ein Nebenaspekt. <\/p>\n<p>Das Internet bietet die M\u00f6glichkeit, den Nutzer st\u00e4rker einzubinden. Firmen wie Google und Amazon haben das zum Teil schon fruchtbar gemacht, indem sie Verweiskriterien, Nutzerrezensionen und Empfehlungslisten implementierten. Damit arbeiten die Nutzer selbst an der Systematisierung der Metadaten mit, um Inhalte auffindbar zu machen.<\/p>\n<p><strong>Social bookmarks<\/strong><br \/>\nDie Praxis des <em>Taggings<\/em> geht da noch einen Schritt weiter. Dazu mu\u00df man sich erst einmal anschauen, was da eigentlich gemacht wird. Pionier war m\u00f6glicherweise die Website <a href=\"http:\/\/del.icio.us\" target=\"_blank\">Del.icio.us<\/a>: Dort kann man Links speichern, verwalten und mit anderen Nutzern austauschen. Statt die Links in starre Kategorien einzusortieren, versieht man sie mit Schlagworten (&#8222;tags&#8220;). Die Zahl der Schlagw\u00f6rter, die man einem Link zuordnen kann, ist dabei unbegrenzt. Sowohl die pers\u00f6nlichen Links als auch jedes Schlagwort k\u00f6nnen \u00fcber feste URLs aufgesucht werden.<\/p>\n<p>Del.icio.us bietet aber mehr: <i>Social bookmarking<\/i> nennt der Dienst sein Angebot. Unter den Schlagw\u00f6rtern sehe ich nat\u00fcrlich auch die Links, die andere Nutzer mit dem gleichen Begriff abgelegt haben: Rund um die W\u00f6rter entsteht ein Universum aus Verweisen und Querbez\u00fcgen, eine Art Taxonomie, oder &#8211; auf neo-amerikanisch &#8211; eine &#8222;folksonomy&#8220;.<\/p>\n<p><strong>A flat namespace<\/strong><br \/>\nAndere Websites haben dieses System inzwischen adaptiert, am popul\u00e4rsten der Photosharing-Dienst <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\" target=\"_blank\">Flickr<\/a>, wo Nutzer ihre Bilder nicht nach vordefinierten Kategorien einsortieren, sondern selbst die Schlagw\u00f6rter suchen. Das Portal <a href=\"http:\/\/www.technorati.com\" target=\"_blank\">Technorati<\/a> macht es m\u00f6glich, Blogs \u00fcber bestimmte Schlagw\u00f6rter aufzusuchen.<\/p>\n<p>Anders als in einem Web-Katalog h\u00e4ngen die Schlagw\u00f6rter aber nur lose miteinander zusammen: &#8222;In a folksonomy the set of terms is a flat namespace&#8220;, schreibt <a href=\"http:\/\/www.adammathes.com\/academic\/computer-mediated-communication\/folksonomies.html\" target=\"_blank\">Adam Mathes<\/a>: &#8222;There are no clearly defined relations between the terms in the vocabulary&#8220;, wie beispielsweise bei Gattungsbegriffen.<\/p>\n<p><strong>Unkontrollierbares Vokabular<\/strong><br \/>\nDie Beliebigkeit dieses Zusammenhanges schafft ein &#8222;unkontrollierbares Vokabular&#8220;, wie Mathes das nennt. Das hat auch Nachteile: Es schafft Mehrdeutigkeiten und Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse, wie Mathes etwa am Beispiel der unterschiedlichen Links zeigt, die unter dem Tag &#8222;Filter&#8220; abgelegt sind. Andere Links, die inhaltlich zusammenpassen w\u00fcrden, finden sich in unterschiedlichen Tags wieder, etwa &#8222;Mac&#8220;, Macintosh&#8220; oder &#8222;Apple&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Desire lines<\/strong><br \/>\nAuf den ersten Blick scheint es damit fast unm\u00f6glich, eine Information gezielt zu finden. Andererseits: <em>Tags<\/em> verleiten zum &#8222;browsen&#8220;, zum herumst\u00f6bern und dabei zum spontanen und unerwarteten Auffinden. Merholz vergleicht die <em>tags<\/em> mit den sogenannten <em>desire lines<\/em>: Wilde Pfade, die im Laufe der Zeit in der Landschaft ausgetreten werden, bis sie irgendwann verbindlichen Verbindungswege sind.<\/p>\n<p>Weil die Folksonomien direkt an Feedback-Prozesse gekoppelt werden, sind die Eintrittsbarrieren f\u00fcr Mitwirkung, Diskussion und Kooperation. Der urspr\u00fcngliche Anreiz f\u00fcr die Wahl eines Schlagwortes  mag zwar individuell sein (ich bezeichne ein Foto mit einem W\u00f6rtern, die mir helfen, es sp\u00e4ter wiederzufinden), aber im Austausch mit anderen Nutzern bilden sich andere M\u00f6glichkeiten der Einordnung, Katalogisierung und Verschlagwortung.<\/p>\n<p><strong>So Meta It Hurts<\/strong><br \/>\nMathes hat ein h\u00fcbsches Beispiel daf\u00fcr, wie das Tagging kreative Prozesse und Diskussionen ansto\u00dfen kann: Auf Flickr gibt es die Rubrik <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/tags\/sometaithurts\" target=\"_blank\">Sometaithurts<\/a>. Anfangs waren in dieser Rubrik vor allem die Flickr-Entwickler dabei zu sehen, wie sie an Flickr arbeiteten. Inzwischen gibt es da alle m\u00f6glichen Bilder: Flickr-User fotografieren sich dabei, wie sie Fotos machen und ihren Computer oder Flickr nutzen. Von krisseligen Handy-Fotos bis zu Photoshop-Bearbeitungen ist alles dabei. Selbstreflexivit\u00e4t kann auch Charme haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mensch sucht nicht nach der Wahrheit, der Mensch sucht nach Antworten, sagt der franz\u00f6sische Schriftsteller Daniel Pennac. 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