{"id":391,"date":"2006-02-20T01:08:59","date_gmt":"2006-02-20T00:08:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.clausmoser.com\/?p=391"},"modified":"2006-03-23T15:09:00","modified_gmt":"2006-03-23T14:09:00","slug":"korper-in-cafes","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/clausmoser.de\/blog\/2006\/02\/20\/korper-in-cafes\/","title":{"rendered":"K\u00f6rper in Caf\u00e9s"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.flickr.com\/35\/101577893_39dd669e2a_m.jpg\" alt=\"Caf\u00e9 Osterspey\" \/><br \/>\nEs gibt nicht mehr viele Caf\u00e9s wie das <a href=\"http:\/\/www.cafe-osterspey.de\/\">Osterspey<\/a>, aber fr\u00fcher waren sie alle so: Vollgestopft mit urgem\u00fctlichen M\u00f6beln, zentralheizungsresistenten Pflanzen und bunten Bildern, letztere gerne von lokalen K\u00fcnstlern, die mit dem Herrn des Hauses befreundet waren. Alles weit ab von jedem Trendbewu\u00dftsein, sondern im Gegenteil gerade um zeitlose Wertbest\u00e4ndigkeit bem\u00fcht, eine \u00fcberzuckerte Mischung aus b\u00fcrgerlicher Wohlanst\u00e4ndigkeit und weanerischem Savoir-Vivre, so viel Wiener Atmosph\u00e4re wie man eben mit einem einfachen Gr\u00fcndungskredit der Hausbank finanzieren kann. Die wenigen Caf\u00e9s dieser Art, die \u00fcbriggeblieben sind, findet man am ehesten in den \u00e4u\u00dferen Bezirken, da, wo die Stadt allm\u00e4hlich in die Provinz \u00fcbergeht und nur noch der Verkehr etwas Metropolitanes hat. Das Osterspey liegt an der Luxemburger Stra\u00dfe, noch nicht ganz an der Stadtgrenze, aber schon an einer der Stellen, wo die Autofahrer noch mal extra auf Gas dr\u00fccken, wenn sie gr\u00fcne Welle haben, weil sie nach Hause wollen, oder rein in die City, jedenfalls nur nicht hier bleiben zwischen diesen H\u00e4usern, denen man das Flair der Mittelm\u00e4\u00dfigkeit fest in die Fassaden gemauert hat.<!--more--><\/p>\n<p>Das <em>Osterspey<\/em> ist so unauff\u00e4llig, als h\u00e4tte man beim Bau des Hauses eigens einen Wettbewerb f\u00fcr gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Unsichtbarkeit ausgeschrieben, und zu allem \u00dcberfluss hat man es noch mit einem Bauger\u00fcst, Abfallcontainern und einem Mietklo zugestellt. Das Schaufenster wehrt sich tapfer mit appetitlichen Zuckerb\u00e4ckereien, aber wer soll die schon wahrnehmen an einem grauen und regnerischen Freitagabend? Es gibt heute eh nichts mehr zu kaufen, und auch keinen Kaffee mehr, keinen Earl Grey und keinen Madeira, denn die alten Damen, die sonst nachmittags hier an den Tischen sitzen, sind zu Hause und gucken <em>Lokalzeit<\/em>. Die Tische sind auch fast alle verschwunden aus der Gaststube hinter dem Verkaufsraum, die meisten St\u00fchle stehen s\u00e4uberlich aufgereiht auf der linken Seite des Raumes und sind zum gro\u00dfen Teil bereits besetzt mit erwartungsfrohen Menschen, die freundlich und gespannt jeden beobachten, der auch noch den Raum betritt und einen der letzten freien St\u00fchle sucht. Christof und Jana sind auch schon da, und ein netter Mensch aus Griechenland, dessen Namen ich vergessen habe, der mir aber sp\u00e4ter erz\u00e4hlen wird, dass er sich sehr f\u00fcr deutsche Grammatik interessiert.<\/p>\n<p>Die K\u00f6lner Theatergruppe <a href=\"http:\/\/www.futur-drei.de\/\">Futur3<\/a> hat das Caf\u00e9 okkupiert, f\u00fcr heute abend (und noch ein paar weitere Abende), um darin eine neue Folge ihrer St\u00fccke-Serie <em>citybeats<\/em> anzusiedeln, genauer gesagt <em>vol.2 #3<\/em>, mit dem Titel <em>Raumung<\/em>. Die Serie will den &#8222;Rhythmus der Gro\u00dfstadt&#8220; erkunden, lese ich, und Christof erz\u00e4hlt mir, dass fr\u00fchere Auff\u00fchrungen auch schon an ungew\u00f6hnlichen Orten stattgefunden haben, einem Teppichgesch\u00e4ft zum Beispiel oder einer Holzhandlung.<\/p>\n<p>F\u00fcr dieses St\u00fcck h\u00e4tte man die Spielst\u00e4tte kaum besser w\u00e4hlen k\u00f6nnen, denn die drei Menschen, die hier gleich im Mittelpunkt stehen werden, sind ein bi\u00dfchen so wie dieses Caf\u00e9, n\u00e4mlich eher in den Au\u00dfenbezirken des Lebens zu Hause, ihre Biographien sind auch nur mit dem m\u00f6bliert, was man sich halt so leisten konnte, und deswegen fahren die meisten Autos ganz schnell an ihnen vorbei, wenn gr\u00fcne Welle ist. Darum gehen sie ins Caf\u00e9, weil man dort das Gef\u00fchl haben kann, dass man nicht resigniert hat, sondern einfach zufrieden ist mit dem, was es gibt, und manchmal sind da auch Leute, denen man das dann erz\u00e4hlen kann.<\/p>\n<p>Nun ist das mit dem Erz\u00e4hlen so eine Sache, man gibt da unter Umst\u00e4nden mehr von sich preis als man m\u00f6chte, und irgendwann bekommen die Dinge eine Eigendynamik, die man nicht mehr kontrollieren kann. Geschichten dieser Art sind auf der B\u00fchne schon oft erz\u00e4hlt worden, der Feuilletonist ruft grade &#8222;Tschechow!&#8220; aus einer Ecke des Caf\u00e9s und hat damit ja nicht unrecht. Tschechow pa\u00dft hier vor allem deshalb, weil er einer der ersten war, der gemerkt hat, welche Komik in dieser stillen Verzweiflung liegen kann, vor allem im Versuch, sie zu kaschieren.<\/p>\n<p>Das Sch\u00f6ne an dem St\u00fcck, das hier im Osterspey nun tats\u00e4chlich beginnt, ist, dass es diese Komik einfach mal zul\u00e4\u00dft, ohne das Ganze mit einem k\u00fcnstlichen Pathos zu beschweren, wie es dem bedauernswerten Tschechow gerne passiert. Wo die Untiefen eines St\u00fcckes liegen, das kann ich als Zuschauer ja auch alleine herausfinden, die mu\u00df der Regisseur nicht noch mit zus\u00e4tzlichen Hinweisschildern umgeben.<\/p>\n<p>An der Veranstaltung hier ist noch etwas weiteres sch\u00f6n, f\u00e4llt mir auf, w\u00e4hrend ich den Schauspielern zuschaue, die nun einer nach dem anderen auf die B\u00fchne kommen und ihre Anwesenheiten in den Raum hineindefinieren: N\u00e4mlich dass es mir so vorkommt, als sei das etwas Besonderes, dass ich heute hier zuschaue, oder anders gesagt: Dass meine Anwesenheit als Zuschauer ebenso einzigartig ist wie die Auff\u00fchrung selbst. Das ist auch so ein Punkt, den viele Regisseure ignorieren: Das Publikum spielt immer mit, und wenn man vergi\u00dft, das mitzuinszenieren, dann sitzt es beleidigt da und schmollt. Im besten Fall ist es h\u00f6chstens gelangweilt.<\/p>\n<p>Hier bin ich nicht gelangweilt. Hier sitze ich da und staune und am\u00fcsiere mich und ab und zu rutsche ich vor Begeisterung ganz aufgeregt hin und her, etwa als Klaus Maria Zehe mit Schwimmflossen an den F\u00fcssen hereinstakst und man das <em>Ministry of Silly Walks<\/em> nur deshalb nicht ganz laut trapsen h\u00f6rt, weil er in seiner Jacke ein Diktaphon hat, aus dem das Ger\u00e4usch eines landenden Flugzeugs loopt. Oder als Monika Barth die Bestellung eines Tees zu einem orgasmischen Erlebnis werden l\u00e4\u00dft. Oder als Stephan Kraft &#8211; der Kellner, der so gerne mephistophelisch w\u00e4re, und doch wie ein Bartleby scheitern wird &#8211; die Zubereitung einer Currywurst zu einem Massaker im Baumarkt werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen Tomasso Tessitori, den sein Ruhebed\u00fcrfnis zum Amokl\u00e4ufer werden l\u00e4\u00dft. Und nicht zu vergessen auch  die Alleinunterhalterin aus der H\u00f6lle, Mariana Sadovska, die immer dann, wenn das St\u00fcck doch mal ins Pathetische abzudriften droht, mit sirenengleicher Stimme (und ebensolcher Lautst\u00e4rke) die klassische Caf\u00e9haus-Chanson-Kultur exekutiert: Das ist laut und nicht elegant, aber so mu\u00df das auch sein an einem Ort, der mit Eleganz so viel zu tun hat wie ein Wasserzeichen mit der Mona Lisa.<\/p>\n<p>Es gibt viel zu sehen in diesem St\u00fcck, es gibt viel zu lachen und zu bestaunen, und am Ende wei\u00df man gar nicht, wessen Verdienst das vor allem sein k\u00f6nnte, der Autorin (Claudia Klischat), des Regisseurs (Andr\u00e9 Erlen) oder des Ensembles. Oder vielleicht sogar doch ein bi\u00dfchen das von einem selbst, weil man sich als Zuschauer darauf eingelassen hat, sich von diesem merkw\u00fcrdigen und schrulligen Ensemble von K\u00f6rpern in einem Caf\u00e9 etwas erz\u00e4hlen zu lassen.<\/p>\n<p>Disclaimer: Man mag ein St\u00fcck nat\u00fcrlich gerne gut finden, wenn man ein paar der Leute auf der B\u00fchne kennt. Mit Stephan Kraft habe ich vor \u00fcber zehn Jahren selbst mal auf der B\u00fchne gestanden, damals spielte er einen diabolischen Showmaster, der gar nicht so weit weg war von dem Ober hier (und das St\u00fcck, das wir damals spielten, nicht von der Auff\u00fchrung hier im Caf\u00e9). Weil wir uns seither nicht mehr gesehen hatten, war das ein besonders sch\u00f6nes D\u00e9j\u00e0 vu. Und Tomasso hab ich schon in einigen anderen St\u00fccken gerne und gut gesehen. Au\u00dferdem hat er mich hinterher mit einem Herrengedeck bestochen. Sowas wirkt immer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt nicht mehr viele Caf\u00e9s wie das Osterspey, aber fr\u00fcher waren sie alle so: Vollgestopft mit urgem\u00fctlichen M\u00f6beln, zentralheizungsresistenten Pflanzen und bunten Bildern, letztere gerne von lokalen K\u00fcnstlern, die mit dem Herrn des Hauses befreundet waren. 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